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Cancogni hielt es nicht mehr aus. Der Erste Offizier des italienischen Luxusliners hielt sich für mitverantwortlich an dem, was geschehen war, denn hätte er nicht sämtliche Offiziere zu einem Umtrunk eingeladen, als Lanerossi Ruderwache hatte, wäre die „Ancona“ niemals aus dem Ruder gelaufen und vom Kurs abgekommen. Er fühlte sich schuldig, war mittlerweile darauf fixiert und plagte sich mit Selbstvorwürfen.
So handelte er an diesem Spätnachmittag gegen die Order seines Kapitäns, nichts gegen die Besatzer zu unternehmen. Schon auf der Insel Tinian hatte er es versuchen wollen - jetzt tat er es. In einem Moment, den er für besonders günstig hielt, sprang er auf Liu Pefu zu, die ihm am nächsten stand und keinen sonderlich wachen Eindruck erweckte. Er packte mit beiden Händen zu und versuchte, ihr die Maschinenpistole zu entreißen.
Liu bückte sich, vollführte eine halbe Körperdrehung und beförderte den Mann mit einer traumhaft schnellen, sicheren Bewegung über ihren Rücken hinweg. Cancogni landete auf dem Boden. Liu sprang ein Stück zurück, legte auf ihn an, Bai Hsi zielte ebenfalls mit der MPi auf den „Primo Ufficiale“.
„Mein Gott, Cancogni“, rief Kapitän Giancarlo Mancini.
Cancogni krümmte sich und schlug sich in panischer Verzweiflung die Hände vors Gesicht. Er war am Ende, seelisch und physisch.
„Nicht schießen“, sagte Dsou. Er hatte beide Hände gehoben und war vor Liu und den dicken Bai Hsi hingetreten. „Wir sparen es uns für später auf, mit diesem Narren abzurechnen.“ Zu Cancogni gewandt meinte er: „Hättest du dir nicht denken können, dass ich auch Liu in den Techniken des Tai Chi Ch’uan unterrichtet habe?“ Er bückte sich und schlug blitzschnell zu. Cancogni sank bewusstlos zusammen.
Dsou sah zu Bai Hsi auf. „Die beiden, die draußen auf der Brücke Wache haben, sollen diesen Idioten runter zum Deck 1 schleppen und dort neben Tanaka und diesem Grafen Spontini in einen geeigneten Raum sperren. Gleichzeitig lösen die beiden die zwei Wachen ab, die ich wieder nach unten geschickt habe. Sie sollen sich für vier Stunden aufs Ohr hauen. Hier oben passen wir drei, Liu, du und ich, inzwischen auch allein auf.“
„In Ordnung“, erwiderte Bai Hsi.
Dsou richtete sich auf und trat zu Liu. „Großartig hast du das gemacht, Lotosblume. Ich bin stolz auf dich.“
„Wirklich?“
„Zweifelst du etwa daran?“
„Nein“, antwortete sie ihm. „Ich habe nie daran gezweifelt.“ Gern hätte sie jetzt ihr Messer gezückt und ihn getötet, wie sie den chinesischen Geheimdienstler Yin Dsöhsü auf der Orchideeninsel umgebracht hatte - aber es war zu riskant, Bai Hsi war in der Nähe und passte auf. Bai Hsi mochte vieles von dem, was in Lius Innerem vorging, ahnen.
Dsou küsste sie auf die Stirn, und sie dachte: Bald ist es aus, bald ist alles vorbei. Du wirst es nicht schaffen, den Drachen an seinem Haupt zu treffen, Dsou Taofen, wie es dir auch nicht gelingen wird, mich unter deinem Stiefelabsatz zu zertreten.
Sie malte sich schon aus, wie er in der Nacht versuchen würde, die Italienerin in eine der vielen Kabinen zu schleppen, wie er es mit ihr treiben würde. Liu blickte zu Mariangela Marelli, die auf einer Bank neben dem Steuerruder eingeschlafen war. Oh ja, sie würde sich mit Dsou einlassen, um dadurch zu versuchen, ihn zu überlisten. Liu hätte es beschwören mögen.
Dsou verfolgte mit angewiderter Miene, wie die zwei „Soldaten“, die Bai Hsi inzwischen verständigt hatte, den besinnungslosen Ersten Offizier davontrugen. Als sie aus dem Brückenhaus verschwunden waren, drehte er sich zu Kapitän Mancini um.
„Ich überlege mir, ob ich jetzt nicht einfach das Feuer auf die Passagiere eröffnen lassen soll, die sich im ,Liguria-Club‘ auf dem Lido-Deck befinden“, sagte er. „Denn wir hatten eine Abmachung getroffen, Kapitän, aber Sie haben sich nicht daran gehalten.“
„Ich habe Cancogni zu dem, was er getan hat, nicht angestiftet“, versuchte Mancini sich zu verteidigen.
„Wirklich nicht?“
„Ich bürge mit meinem Leben dafür.“
„Dann töte ich dich als Ersten, falls sich noch jemand erdreistet, Liu oder einen meiner Männer anzugreifen“, sagte Dsou. „Und anschließend mache ich bei den Passagieren weiter. Jetzt, wo ich meinem Ziel so nahe bin, lasse ich mir doch von euch keinen Strich mehr durch meine Rechnung machen.“