image
image
image

5

image

image

Bount Reiniger traf Dr. Jus Brumer in einer kleinen Bar am Union Square. Sie hätten beide nicht behauptet, dass sie einander besonders grün wären. Doch manchmal brauchte Reiniger eben auch die Hilfe eines ausgefuchsten Winkeladvokaten.

Brumer war trotz seines grauen Mausgesichts der ausgefuchsteste Wolf in der New Yorker Rechtsbeugungsbranche.

Der Anwalt strich durch das schüttere Haar und ließ sein rosa Zünglein über die fleischlose Unterlippe huschen. Er witterte eine satte Provision.

»In der Tat, eine schwierige Angelegenheit«, murmelte er. Beim Näseln zeigte er zwei leicht vorspringende Schneidezähne. Er war kein Mann des Wortes und der grandiosen Plädoyers, doch wenn’s darum ging, bestehende Gesetze zu durchlöchern wie ein Nadelkissen, dann kannte Reiniger keinen besseren Mann.

»Aber nicht unmöglich durchzuziehen«, fügte der famose Dr. Jus Brumer hinzu. »Darf ich noch mal rekapitulieren?«

Bount nickte.

Der Anwalt trank schon zur späten Vormittagsstunde Champagner, selbstverständlich auf Reinigers Kosten. Zudem standen ein paar Kaviarbrötchen vor ihm.

»Das Alibi von Miss Denver ist also bombensicher?«

»Bumssicher, würde ich sagen«, bestätigte Bount Reiniger. »Sie lag um die fragliche Zeit mit zwei Männern gleichzeitig im Bett Sie lebt schon seit Jahren nicht mehr zu Hause.«

Dr. Jus Brumer schnüffelte interessiert.

»Eine Nymphomanin oder nur ein besonders geselliges Wesen?«

»So nymphoman kann eine Frau gar nicht sein, dass Sie Chancen bei ihr hätten.«

Der Anwalt kicherte. Kränkungen prallten von ihm ab, wenn sie sich nicht zu Geld machen ließen. Und hier verhandelten sie ohne Zeugen.

»Könnten wir unsere persönlichen Animositäten nicht für eine Weile hinten anstellen?«, schlug er vor. »Ich hab Sie auch noch nie gemocht, Reiniger.«

»Danke für das Kompliment«, konterte Bount. »Doch Sie haben recht. Gehen wir endlich zur Tagesordnung über. Sie sehen also eine Chance, Graham Denver aus der Untersuchungshaft zu kriegen?«

»Die gibt’s immer. Alte Männer machen sich oft unbeliebt. Alte reiche Männer noch viel mehr. Nach dem, was Sie mir schilderten, wurde die Vernehmung des Personals sträflich vernachlässigt.«

Bount musste an den armen Toby denken. In diesem Punkt hatte er tatsächlich ein bisschen geschlampt und sich nur auf Sohn Graham konzentriert, der sofort nach dem gellenden Todesschrei des Greises sowohl von der Köchin als auch vom Butler oben auf der Balustrade beobachtet worden war, wie er in die Tiefe starrte. Eine Krankenpflegerin bezeichnete ihn zudem als einen chronischen Schürzenjäger, vor dessen Nachstellungen sie nie sicher gewesen sei. Der Sohn des Hauses habe sie sogar mehrfach um kleinere Beträge angepumpt.

Letzteres glaubte ihr Reiniger gern, die Angriffe auf ihre Tugend weniger. Da war wohl mehr der Wunsch die Mutter des Gedankens gewesen. Die Lady im weißen Kittel hatte erst nach mehrmaligen Appellen an ihre Wahrheitsliebe züchtig errötend die Zahl ihrer Jahre eingestanden.

Sie war fünfzig und als Betreuerin der Rollstuhlfahrerin Philipa Madrigan angestellt, einer Schwester der verstorbenen Frau des alten Jeremias. Dank eines Legates knabberte jene im Haus ihr Gnadenbrot, ging im Übrigen ihrem religiösen Tick nach und beichtete täglich imaginäre Sünden.

Der Doktor der Rechte gab sich ab sofort noch optimistischer. Beim Trinken tropfte etwas Pommery auf den Seidenschlips.

»Wie konnte man diesen armen jungen Mann nur festnehmen«, jammerte er genüsslich und schaute dabei schon auf die Uhr.

»Der Sachlage nach haben wir es hier mit mindestens drei weiteren Tatverdächtigen zu tun, wenn ich Missis Philipa wohl oder übel ausklammern muss. Doch für alle anderen werde ich die möglichen Mordmotive aus dem Ärmel schütteln, dass es nur so prasselt. Holen Sie Mister Denver junior in zwei Stunden in meinem Büro ab.«

»Ich werde mitkommen.«

image

image

image