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Sie verabschiedeten sich an der Tür. Die junge Frau wollte auf das Taxi warten. An der Windschutzscheibe des Leih-Chryslers hing ausnahmsweise kein Strafzettel. Eigentlich ein Grund, einen ganz privaten Nationalfeiertag zu veranstalten. Dagegen sprach lediglich, dass Bount nach wie vor keinen Schritt weitergekommen war. Musste er doch wieder die »Einbrechertheorie« hervorkramen, die immer dann zum Tragen kam, wenn einem Ermittler absolut nichts mehr einfiel.
Doch die Schlösser wiesen nicht die geringsten Beschädigungen auf. Es waren keine fremden Prints gefunden worden. Bount kannte den Bericht der Spurensicherungskommission.
Ob etwa dieser komische Heilige nicht ganz koscher war?
»Einen Blick hätte ich schon auf ihn werfen sollen«, murmelte Reiniger und entschloss sich gerade, noch einmal ins Haus zurückzukehren, als ein Yellow Cab vor dem Eingang hielt, Jeanny herauskam und im Taxi verschwand.
Auch Bount Reiniger ließ den Motor an. Am Abend würde er seinen eigenen Wagen wiederkriegen. Im 450 SEL fühlte er sich wohler. Außerdem hätte er jetzt gern mit June telefoniert. Möglicherweise hatte sie mittlerweile neue Informationen ausgegraben.
Das Taxi verschwand.
Bount rollte den Chrysler vom Bürgersteig. Zwangsläufig war dabei auch ein Blick in den Rückspiegel fällig. Nach einer Schrecksekunde schrillten seine Sinne Alarm.
Irgendwann und im Zusammenhang mit Malcolm Jaggedy hatte Graham Denver einen dunklen Dodge erwähnt. Nun gab’s in New York eine Unmenge Limousinen dieser Marke. Auch dunkle selbstverständlich oder dunkelbraune bis schwarze wie die hinter ihm gleich nach der Kreuzung mit der Fifth Avenue. Und sie war genauso verboten geparkt wie sein Chrysler. Nur vier oder fünf Wagen standen dazwischen. Und der Bursche auf dem Beifahrersitz war immens breitschultrig und blond!
Ob er auch an einer Hüft- oder Beinverletzung laborierte?
Bount Reiniger versicherte sich, dass die 38er Automatic in der Schulterholster steckte, natürlich tat sie’s nicht. Jetzt vermisste er den Mercedes noch mehr. Im Handschuhfach befand sich immer ein Ballermann in Reserve.
Er fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach, da half kein Deodorant. Die Finger glitschten um das Plastiksteuerrad, der Puls kam ihm leicht beschleunigt vor.
Reiniger steuerte langsam, rollte vor zur Madison Avenue und ließ seine Gedanken schweifen.
Was hatten Jaggedys »Gerichtsvollzieher« mit Jeanny Denver zu tun?
Bount Reiniger fuhr die Madison bis zum Cathedral Parkway hinauf, der Grenze zwischen dem normalen Wahnsinn New Yorks und dem von Harlem. Manchmal funktionierte dieses Manöver.
Die meisten Taxifahrer lehnten es ab, dieses Viertel tagsüber zu befahren. So gut wie keiner war nachts für diese Tour zu überreden, auch mit viel Geld nicht.
Die Stadtverwaltung hatte sich schon 1980 aus diesem Gebiet verabschiedet. In verschiedenen Bezirken wurde nicht einmal mehr die Post zugestellt.
Doch den Dodge wurde Reiniger auf diese Weise nicht los.
Dann fand er sich auf dem Riverside Drive wieder.
Jeanny Denver musste unter Umgehung Harlems eine ähnliche Strecke wenige Minuten vor ihm genommen haben, denn sie führte hinauf nach Uptown Manhattan. Da ging Bounts Herzschlag jedoch schon wieder ziemlich normal.
Die Kerle hinter ihm mussten Verrückte sein. Und vor solchen hatte Reiniger nicht mehr Angst als vor jedem anderen Leistungssportler auch.
Schon nach zehn Minuten tauchte der Südrand des Fort Tryon Park vor ihm auf. Er fühlte sich nicht mehr als der Gejagte, sondern als Jäger. Psychologisch betrachtet war das eine recht brauchbare Hilfestellung.
Natürlich hätte er die Brüder locker abhängen können. Sogar mit einem Leih-Chrysler sollte das möglich sein, wenn nur der richtige Mann am Steuer saß.
Doch jetzt war Reiniger trotzig. Er wollte es wissen.
Und da er in dieser Geschichte sowieso nicht weiterkam, hatte er sich Beschäftigungstherapie verschrieben, die ihm wenigstens einen Teil seines momentanen Frusts nehmen sollte.
Kurz vor dem »Kloster« bog er in die Abfahrt zum Besucherparkplatz ein. Busse standen dort, nur wenige Limousinen. Kaum eine konnte mit einem heimischen Kennzeichen aufwarten.
Der Dodge blieb hinter ihm.
Bount fragte sich nur, welch Geistes Kind seine Verfolger sein mussten.
Graham hatte ihm in dieser Hinsicht keine erschöpfenden Auskünfte geben können. Er hatte auch gar nicht danach gefragt.
Wo liefen schon Schläger mit Einsteins IQ herum. Ein Lichtblick. So blieb wenigstens alles relativ.
Bount lenkte seinen Wagen ans Ende des Parkplatzes. Er zog es vor, halbwegs allein mit Stormy Warden und Jeff Rust zu sein. Er wollte die Touristen nicht gefährden. Die Besucherzahlen gingen ohnehin stetig zurück.
Tryon Park.
Er war sehr hübsch angelegt, zweifellos nur die rotweiß gestreiften Schranken störten, die das Areal um »The Gloisters« für die Fußgänger und Jogger abgrenzten.
Und Bount hatte das Ende des Parkplatzes schon erreicht.
Der Dodge blieb hinter ihm, als würde er an einem Abschleppseil hängen. Bount Reiniger konnte das nur recht sein. Um öffentliches Eigentum nicht komplett zu ramponieren, nahm er den Rasen querfeldein. Er ließ die Räder nicht radieren und beobachtete nur, was die Brüder hinter ihm jetzt unternahmen.
Sie folgten wie Magneten.
Reiniger steuerte eine Baumgruppe an, eine hochragende Insel im üppigen Grün.
Gleich danach kam die nächste. Wie Pilze schossen sie hier aus dem Boden vor dem Hügel, auf dem das »Kloster« seine fünf Türme gegen den milchig gelben Smoghimmel reckte. Einen aus Spanien, einen aus England, zwei aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und den letzten schließlich aus Sizilien, damit die Mafiosi der Stadt sich nicht benachteiligt fühlten.
Bount Reiniger drosch jäh das Gaspedal durch, als der Chrysler noch in der sanften Linkskurve lag, dass die Rasenstücke davon wirbelten. Der Leihwagen wühlte sich um die Baumgruppe herum.
Kaum hatten sich’s die Verfolger versehen, saß Bount Reiniger schon hinter ihnen, bumste mit seiner vorderen Stoßstange ihre rückwärtige an; der Wagen war schließlich Vollkasko übernommen.
Der Fahrer im Dodge prallte zuerst mit dem Genick gegen die viel zu tief gestellte Nackenstütze.
Mit seiner nächsten gymnastischen Übung brummte er so vehement gegen die Windschutzscheibe, dass sie einen Sprung davontrug, nebst einigen roten Schlieren.
Die Gangster waren eben auch nicht mehr das, was sie früher mal waren.
Bount Reiniger bedauerte es nicht unbedingt.
Bremsen, Abstand, auf ein Neues.
Der Dodge war schon aus der Spur geschert und strebte nun der nächsten Baumgruppe zu.
Schöne, massive Steineichen waren das; mindestens dreihundert Jahre alt und damit zum Stoppen noch besser geeignet als ein bulliger Quarterback beim Football. Zwei Stämme hielten den Wagen auf, die Motorhaube verkeilte sich dazwischen. Kühlwasserdampf zischte aus der zerbeulten Karosserie.
Reinigers Chrysler rotierte im Powerslide. Die Gärtner des Tryon Park würden mindestens eine Woche lang zu tun haben, Bount blieben nur ein paar Sekunden.
Von gestern Abend war er’s noch gewohnt: Tür aufreißen, rauskippen aus der Kutsche und abrollen über die Schulter.
Selten hatte er die Automatic mehr vermisst, denn nun lag er auf der kühlen Wiese, schutzlos nicht nur den Naturgewalten preisgegeben. Mit ihnen hätte er es lieber aufgenommen.
Dummerweise ließ sich noch wenigstens eine Tür der braunen Limousine öffnen. Es war die rechte.
Ein blonder Schrat schaute reichlich belämmert drein.
Die PPK wirkte trotzdem ausgesprochen drohend. Ein hypernervöser Zeigefinger krümmte sich.
Bount zog den Kopf ein. Heiß schrammten die Neunmillimeter Bullets über seinen Rücken.
»Stormy! Ich hab ihn!«
Aus Reinigers Anzug waren die Fetzen geflogen, als wäre der Stoff in eine Häckselmaschine geraten. Dort hatten sich wohl nur ein paar Falten gebauscht. Bount Reiniger jedenfalls fühlte noch keinen irreparablen Schmerz.
»Stormy?«
Der Mann hinter dem Steuer schwieg sich aus. Vermutlich war er gegen Steineichen nicht geimpft. Zusammengesunken betrachtete er die Landschaft aus dem Nirgendwo seiner Träumereien von der großen Karriere.
Jeff Rust wollte es noch nicht glauben.
»Stormy?«, wiederholte er. Jetzt klang er schon reichlich schrill.
Es war ihm hörbar ungemütlich, und Bount war dem Burschen dankbar, dass er nicht weiter ballerte.
Bount Reiniger spielte toter Mann, was blieb ihm schon anderes übrig. Hauptsache, Stormy rührte sich auch die nächsten Sekunden nicht. Bount hing an seinem Leben. Und er hatte außerdem erkannt, mit den Geistesgaben seiner Gegner war’s nicht weit her.
Zumindest nicht mit denen des blonden Jeff Rust. Mochte er an seinen Muskelpaketen noch so schwer schleppen, an der Gehirnmasse musste er sich keinen Bruch heben.
Jeff Rust verschwand nun mit dem Oberkörper ins Innere des Dodge. Ein unverzeihlicher Fehler, den Reiniger äußerst gern verzieh.
Jetzt sprang er auf, legte die wenigen Yards bis zum Dodge in einem mit Lizzys Superkaffee gedopten Sprint zurück und säbelte dem Blonden die Beine weg, dass es nur so eine Pracht war.
»Chrrrz!«
Ob Captain Rogers und der ehemalige Dodge Beifahrer etwa gemeinsame Vorfahren hatten?
Reiniger hatte die Oberhand gewonnen.
Jeff Rust kaute indes schwer am Ganghebel. Er war mit dem Mund genau draufgefallen. So, wie er sich anhörte, entsprach dieses Instrument nicht ganz seinem Geschmack.
Bount Reiniger befreite den Blonden aus der misslichen Lage, indem er ihn hinten am Hosenbund ergriff und ins Freie zerrte. Ein paar Zähne blieben auf dem Velours liegen.
Rusts Kinn rumpelte über die Einstiegskante. Der Mann konnte einem beinah leid tun.
Trotzdem hielt Bount Reiniger sein Mitgefühl in Grenzen. Beim Aufprall war die Decke auf dem Rücksitz verrutscht: SkorpionMPi. Eine Uzi.
Damit ging einer nicht zum Sonntagsgottesdienst. Das war im höchsten Maße ungehörig.
Bount ertappte sich beim Keuchen. War’s ein Wunder?
Vor ihm lag der Blonde auf dem Rücken. Er hatte die PPK nicht losgelassen. Bount sah das erst jetzt.
»Stirb, du Hund!«, schnorchelte Jeff Rust durch die Zahnlücken.
Reiniger wusste wohl, dass er damit gemeint war, mochte dem Wunsch des Blonden freilich nicht entsprechen. Deshalb kickte er ihm zuerst gegen die Pfote, und der Zufall wollte es, dass er die Walther PPK danach elegant auffangen konnte.
»Als ob ihr beide nicht schon genug Unheil gestiftet hättet«, rügte er vorwurfsvoll.
Die Rüge dünkte ihm berechtigt, denn der dunkle Dodge hatte den schönen Rasen noch viel rigoroser gepflügt als der Leih-Chrysler.
Stormy Warden verharrte bewusstlos hinter dem Steuer. Richtig festgekrallt hatte er sich daran.
War er etwa tot, der Mann?
Im selben Augenblick nahm Bount ein Zischen wahr, das nicht zum Fauchen des zerplatzten Kühlers gehörte.
Es war viel heller. Überhitzte Benzinleitungen pfiffen manchmal so. Und auf den Rücksitzen die beiden Maschinenpistolen! Der Teufel mochte wissen, was die beiden noch so alles an Tötungsgerät mit sich herumschleppten.
Plötzlich hatte es Bount Reiniger sehr eilig.
Explosionsgefahr!
Bount packte Rust am Kragen, zerrte ihn weg vom Dodge zurück auf die Wiese, zum Chrysler.
Das Zischen wurde lauter.
Blaue Flammen leckten aus der zerbeulten Motorhaube wie Elmsfeuer, züngelten unaufhaltsam weiter ins Wageninnere.
Kurzschlüsse grellten. Stormy Wardens Hemd fing Feuer, kurz darauf auch das Jackett.
Reiniger überlegte nicht, er handelte.
Gestern Nacht hatte sein SEL als Deckung gedient, warum heute nicht ein Leihwagen.
Er erreichte den Platz dahinter eben noch mit Jeff Rust.
Dann brannte ein Feuerwerk ab, wie es der Tryon Park noch nie gesehen hatte.
Der Himmel stand plötzlich in Flammen. Die alten Eichen auch.