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Bounts Anzug kokelte noch, als er im Einsatzwagen des Police Headquarter Manhattan North saß und den ,Unfall‘ zu Protokoll gab. Toby Rogers hörte vermutlich den eigenen Funk ab, denn er war schon zehn Minuten später zur Stelle.
Die Feuerwehr löschte noch. Stormy Wardens Leichnam konnte nur mit einem Schneidgerät geborgen werden.
Rauchend kam auch der Captain an, das fleischige Gesicht feuerrot verfärbt, der unvermeidliche Stumpen glühte.
Die Cops hatten das Areal mit Plastikbändern gegen Neugierige abgesperrt. Rogers durchschritt sie wie den Papierstreifen am Ziel eines Marathonlaufs.
Auch keuchte er erschreckend. Immerhin, rund fünf Yard war er gerannt.
Die Kollegen aus dem Norden wichen zur Seite. Captain Tobys Ruf hatte sich weit über den eigenen Bezirk hinaus ausgedehnt. Bekannt war auch, dass er sich den Teufel um irgendwelche Verwaltungsgrenzen scherte.
Der Fordbus ächzte in der Federung, als Rogers einstieg. Sofort kurbelte einer der Cops sämtliche Fenster herab.
»Was soll denn das, verdammt noch mal?«, knurrte er freundlich und ließ sich auf der Bank Bount Reiniger gegenüber nieder.
»Dein Hut sitzt schief«, mahnte Bount Reiniger.
»Hä?«
»Dein Hut ...«
»Ach was!« Er rückte ihn mit einer stürmischen Geste zurecht. »Ich bekam den Anruf eines Kollegen, dass du schon wieder Zoff gemacht hast.« Er seufzte gekonnt. »Da wollte ich eben mal nach dem Rechten sehen.«
»Du hast auch noch ein paar andere Namen aufgeschnappt«, parierte Bount. »Den von Stormy Warden und Jeff Rust.«
Bount Reiniger langte über den schmalen Tisch und klopfte Rogers auf die Schulter, ganz sanft dieses Mal.
»Ich kann dich beruhigen, Toby. Du hast Malcolm Jaggedy im Kasten. Rust wird singen wie eine Nachtigall und seinen Boss so sehr belasten, dass nicht mal Brumer ihm mehr helfen kann. Dazu noch die Aussage von Graham Denver ...«
Rogers winkte ab.
»Hab ich schon. Jetzt muss ich sie wohl glauben, eh?«
»Ich würde dazu raten«, meinte Reiniger zurückhaltend.
»Aber in der Sache Denver senior bist du noch nicht weitergekommen.«
»Der Butler war’s nicht, und ’nen Gärtner haben sie nicht.«
Rogers freute sich offenbar, denn er fletschte zufrieden die nikotinisierten Zähne.
»Du trittst also auf der Stelle?«
»Ich verfolge ein paar vielversprechende Spuren.«
Das Fletschen war ein Grinsen gewesen. Jetzt zeigte Captain Toby zu seinen übrigen zweiunddreißig Beißern auch noch einen Weisheitszahn.
Ihn zum Freund zu haben, war schon schwer erträglich, ihn jedoch als Feind zu wissen, weit jenseits aller Katastrophen. Deshalb lenkte Reiniger ein.
»Eigentlich steh ich auf dem Schlauch«, bekannte er aus dem nämlichen Grund. »Wir müssen irgendwo irgendetwas übersehen haben.«
Rogers schien mehr zu wissen. Er zog eine sphynxhafte Grimasse. Bei ihm sah sie freilich aus wie bei ’nem Fleischerhund, der plötzlich geheimnisvoll tun will. Schließlich konnte er sein Wissen nicht länger bei sich behalten.
»Heute früh bekam ich den Autopsiebericht«, platzte er heraus. »Jeremias Denver hatte an jenem Abend Barbiturate geschluckt.«
Bount hob eine Augenbraue an.
»Ein Schlafmittel? Was soll ungewöhnlich daran sein. In New York ist der Veronalverbrauch vermutlich höher als der von Süßstoff.«
»Es war kein handelsübliches Präparat. Nichts, was du im Drugstore an der Ecke kaufen kannst.«
»Sondern?«
Toby holte einen zerknüllten Zettel aus der Anzugtasche und starrte kurzsichtig drauf.
»Chloralhydrat«, buchstabierte er. »Das nahm man noch im vergangenen Jahrhundert, wird jedoch heute von keinem Arzt mehr verschrieben, weil es auf die Dauer Herzschäden verursacht.«
»Und Denver Senior erlitt im vergangenen Winter einen leichten Infarkt«, ergänzte Reiniger nachdenklich.
»So ist es. Und was schließt du daraus?«
»Dass er es unwissentlich eingenommen hat. Und dass es ihm nicht von seinem Sohn verabreicht worden sein kann, denn der verließ das Haus nachweislich schon am späten Nachmittag und kehrte dann auch nicht mehr zurück. Den weiteren Verlauf des Abends könntest du wahrscheinlich ziemlich lückenlos rekonstruieren, denke ich.«
Das war nicht die Antwort, die Rogers hören wollte. Er kaute auf der fleischigen Unterlippe.
»Ich hörte soeben heraus«, sagte er, »dass du dich inzwischen ebenfalls in dieser Bude umgesehen hast. Dann kennst du die übrigen Hausbewohner ja inzwischen auch persönlich. Sind die wirklich so sauber, wie’s den Anschein hat?«
Captain Tony Rogers hielt viel von Reinigers Menschenkenntnis, doch eher hätte er sich die Zunge abgebissen, als das zuzugeben.
»Die Alte ist verrückt«, meinte Bount.
»Du hast sie gesprochen?«
Bount Reiniger verneinte.
»Vielleicht war das ein Fehler. Doch sie hatte gerade einen Priester bei sich. Da wollte ich nicht stören.«
»Um sich die letzte Ölung geben zu lassen?«
»Nein, um zu beichten.«
«Was?«, stutzte Rogers.
»Sie bekämpft täglich ihre Sünden.«
Toby schaute Reiniger ungläubig an.
»Täglich? Die alte Schachtel? Was müssen das nur für Pfaffen sein, die bei so einem Affentheater mitspielen. Als ob Sie Geld dafür kriegen würden, ts, ts, ts.«
Damit hatte der gute Captain Toby Bount Reiniger endlich das Stichwort gegeben.
Den Leih-Chrysler hatte es ebenfalls erwischt. Er musste abgeschleppt werden.
Bount Reiniger nahm ein Taxi hinunter zum Südteil des Central Park und damit zu seinem Büro, In einem anderen öffentlichen Verkehrsmittel konnte er sich nicht sehen lassen. Mit seinem angesengten Sakko. Der Stoff war am Rücken von zwei Kugeln aufgerissen; war ja besser als die Haut.
June erwartete ihn bereits. Misstrauisch beäugte sie ihn.
»Du bist heute früh ziemlich plötzlich verschwunden«, meinte sie pikiert.
Bount drehte sich um.
»Tut mir leid, Schätzchen, doch ich wurde dringend als Kugelfang gebraucht.«
Sie zuckte zusammen, ihre vollen Lippen formten ein wunderschönes O.
Nichts gegen Jeanny Denver, aber Reiniger nahm sich ernsthaft vor, June bald mal wieder groß auszuführen.
»Was ist geschehen?«
»Eine ganze Menge.«
June hörte mit offenem Mund zu. Es fiel nicht auf, dass Bount Reiniger jenes Da capo-Geplänkel erotischer Art verschwieg. Dankbar nahm er Junes Scotch an und erfreute sich auch sonst ihrer Fürsorge.
Sie sperrte das Büro ab - es ist ohnehin Mittagspause - und wollte ihm gerade ins Apartment hinüberfolgen, als Bount sich in letzter Sekunde daran erinnerte, dass es in seinem Schlafzimmer womöglich etwas fremd roch: Happy Sin gegen Dior’s Promesse. June hatte eine feine Nase.
Deshalb lenkte Reiniger ihr Mitgefühl schnell in andere Bahnen.
»Ich glaube, ich kann auch allein duschen«, sagte er unter der Tür. »Für dich hab ich was viel Wichtigeres.«
June nickte ergeben.
»Es geht um Reverend Steve Caution. Angeblich ist das ein katholischer Priester. Ruf doch bitte das bischöfliche Ordinariat an, und versuche etwas über ihn herauszufinden! Eine Personenbeschreibung wäre ebenfalls recht dienlich.«
»Warum ich?«
Bount stupste ihr spielerisch mit dem Zeigefinger aufs Spürnäschen.
»Weil du dafür bezahlt wirst, Mädchen.«