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Die Cunard White Stare Line betreibt auf der Hudson Seite Manhattans ein eigenes Pier, und zwar ist es das 51ste. Es liegt genau in der Höhe von Greenwich Village. Rund zweihundert Yard ragt es in den Fluss hinaus. Sämtliche Abfertigungsgebäude sind blütenweiß gestrichen und bemühen sich schon im Vorfeld um Urlaubslaune.
Beinahe täglich verlässt ein weißes Schiff den Kai. Die Zielgebiete reichen von den Bermudas über die Bahamas bis in die Karibik.
Zweimal pro Jahr wird eine Weltumrundung angeboten. Alle zwei Wochen steht sogar London auf dem Programm, von allen Häfen möglicherweise noch der exotischste.
Im Spring Station Terminal findet die Zollabwicklung statt, dem beinahe ausschließlich betuchten Klientel gemäß, von ausgesucht höflichen Beamten.
Die ruppigen waren offenbar allein auf den John F. Kennedy International Airport konzentriert.
Der Liegeplatz für die »Norway« kostete tausend Dollar die Stunde. Die Kabinen waren bis auf die billigeren Quartiere ausgebucht.
Über Nassau sollte die Reise nach Jamaika und zu den Virgin Islands gehen, eine der letzten Washingtoner Kolonien, auch wenn das niemand wahrhaben mag.
»Wie fühlst du dich, Darling?«, fragte Reiniger, etwas angestrengt zahnend.
Zwar würde Steve Caution voraussichtlich zuerst auf Jeanny Denver schießen, doch fröhlicher machte ihn das auch nicht.
»Beschissen«, antwortete sie mit einem strahlenden Lächeln. Reporter Flashlights blitzten unentwegt. Und ebenso lächelnd fuhr sie fort: »Du hast mich gestern Abend überfahren, du Hund.«
Bount lächelte ebenso freundlich zurück.
»Du warst auch nicht ohne. Mein Familienfriede ist seither gestört.«
»Du bist süß«, meinte sie sarkastisch. »Wo sitzt übrigens mein Mörder?«
»Dort drüben auf dem Dach des Abfertigungsgebäudes vom fünfzigsten Pier.«
»Warum das alles?«
»Ich dachte, ich hätte dir bereits alles erklärt. Soll Toby ihn etwa wegen unerlaubten Waffenbesitzes festnehmen? Wir haben doch nichts gegen Caution in der Hand. Besser, er nimmt dich von uns kontrolliert aufs Korn, als nächste Woche vielleicht in eigener Regie.«
»Soll ich dir jetzt auch noch dankbar sein?«
Die Fotografen schossen wieder Blitze. Hinter ihnen spielte eine Swingband »Auf Wiedersehen«.
Bunte Bänder flatterten im Abendwind. Sie machten aus jeder Abreise eine Staatsaktion, diese Leute von der Cunard Line. Die Kundschaft erwartete das wohl.
»Es reicht, wenn du mir die Prämie bezahlst«, sagte Bount Reiniger trocken. »Ich denke, in ein paar Minuten ist sie fällig.«
Sie standen bereits oben an der Reling vom A-Deck. Wie versprochen, behielt Bount seinen auf Redford getrimmten Kopf ständig in der Schusslinie. Ein bisschen musste er sein Geld schließlich auch verdienen.
Da geschah es.
Ein Feuerhauch sauste an Reinigers Rippen vorbei. Jeanny Denver jedoch bekam einen Schlag gegen die Brust. Bount Reiniger schaltete schnell und ließ sich sofort neben ihr niederfallen, warf sich über sie und dachte an nichts weniger als an Sex.
Egal, was den Vergeudungsstrategen von der NASA in den letzten Jahren alles so eingefallen war. Immerhin verdankte ihnen die Menschheit unter anderem die Erfindung der Teflonpfanne. Und auch jene eines Materials, das sich Kevlar nennt. Eine Weste daraus ist schon auf fünf Schritte kugelsicher. Wenn einer nicht gerade mit Panzern um sich schießt.
Steve Caution sah Jeanny fallen. Endlich! Eine wilde Freude durchtobte ihn. Graham auf dem Weg zum Stuhl, die Schwester tot. Die Weatherbee war gut. Er hatte sie getestet, das Zielfernrohr akkurat justiert. Er musste die Frau genau in Herzhöhe erwischt haben. Sie stand bestimmt nicht wieder auf.
Auf dem A-Deck der ,Norway‘ ging alles scheinbar seinen gewohnten Gang. Die Swingband intonierte ,Songs of Jamaica‘.
»Hände hoch!«
Cautions Puls schlug Alarm. Er wollte es nicht glauben. Alles war so fabelhaft gelaufen!
»Hände hoch!«, wiederholte Detective Lieutenant Ron Myers. »Finger weg von der Knarre! Keine falsche Bewegung! Bleiben Sie liegen!«
Doch der falsche Reverend gehorchte keinem der Befehle. Er wälzte sich vielmehr auf den Rücken. Das Präzisionsgewehr riss er mit, versuchte es noch in Anschlag zu bringen. Er hätte sich besser vorher auch eine Weste aus Kevlar besorgen sollen. Ron Myers schoss die entscheidende Idee früher.
Die Swingband Musiker hatten sich verlaufen.
Jeanny Denver war ziemlich blass.
Die nächsten drei Wochen musste sie mit einem blauen Fleck am rechten Busen leben.
Captain Toby Rogers dachte wohl anders drüber. Bount Reiniger hatte ihn seit Jahren nicht mehr so gelöst erlebt.
»Ente gut, alles gut«, meinte er sarkastisch.
»Caution hat mit seinem letzten Röcheln noch den Mord an Jeremias Denver gestanden. Mein allerbester Mitarbeiter steht dafür gerade.«
Ron Myers nickte ernsthaft.
»Das waren seine letzten Worte, Toby. Bount hatte wieder mal in allen Punkten recht. Allmählich wird er mir unheimlich.«
»Verrückt geworden, Myers?«
Der Lieutenant wand sich.
»Nicht verrückter als Sie, Boss ...«
Wider alle Erwartungen lächelte Captain Toby huldvoll. Das Lächeln hätte zu Nero bei der Abwicklung seiner Brandschatzung Roms ebensogut wie zu Caligula gepasst, als der gerade seine leibliche Tochter erwürgte, nur weil sie nicht mit ihm pennen wollte.
Die ,Norway‘ lief eben aus, tutete noch angeberisch zur Lower Bay hin.
Es war ein harter Tag gewesen. Die Mitternacht schlich sich wieder einmal an, und Bount Reiniger beschlich der Gedanke an jene drei Tage Frist. Irgendwie waren sie eingehalten worden, wenn auch nicht ganz im Sinne des Erfinders. Bount fühlte sich ausgelaugt.
Er sperrte sein Stadtapartment auf. Schon wieder brannte Licht. Diesmal dudelte allerdings seine Lieblingsmusik aus dem CD-Player.
Die Spur gestaltete sich auch nicht so aufwendig wie in der Nacht zuvor. Da lagen nur zwei Stöckelschuhe und ein Gürtel, der es niemals schaffte, ein Rock zu werden.
»June?«
»Ich bin wieder gesund, Bount!«
ENDE