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Er hatte die Sache verpatzt, das wurmte ihn.

Klemmte sieh hinter das Steuer, zündete eine Zigarette an. Wenn es Benedotti einfallen sollte, ihn zu verfolgen, würde er ihm die 38er Automatic zeigen.

Mittlerweile war es dunkel geworden.

Reiniger inhalierte gerade den dritten Zug, als Absätze über den Asphalt klapperten.

Der trippelnde Schrittfolge nach näherte sich eine Frau. Dann sah er sie auch.

Sie war ganz in Schwarz gekleidet. Zur Witwe fehlte nur der Schleier. Um den Kopf hatte sie ein Tuch geschlungen. Sie raffte es am Hals zusammen.

Dann klopfte es ans Fenster der Beifahrerseite.

Es stand einen Spalt offen. Der elektrische Fensterheber funktionierte auch nicht mehr.

»Bitte! Schnell! Lassen Sie mich einsteigen!« Die Stimme klang noch sehr jung. »Wenn mich Papa mit Ihnen sieht, schlägt er mich tot!«

Dieser letzte Satz machte sie in Bounts Augen sofort sympathisch.

Selbstverständlich hatte June ihm auch von der unglücklichen Gianna erzählt, die von ihrem Dad nicht viel besser als eine Gefangene bei hervorragender Kost und bequemem Logis gehalten wurde.

Reiniger drückte aufs Knöpfchen. Die Zentralverriegelung tat es noch. Schon huschte sie zu ihm herein. »Bitte, fahren Sie los!«

»Wie Sie wünschen.«

Als das Haus mit der Werkstatt hinter ihnen kleiner wurde, sah er, wie sie sich entspannte.

Ein Laut wie von einem kranken Zeisig drang aus ihrer Kehle.

Sie nahm das Tuch ab.

Ihr langes, pechschwarzes Haar war zu einem mächtigen Pferdeschwanz gebunden.

»Ich hab alles mitgehört und teilweise auch gesehen«, hauchte sie, nachdem Reiniger um die erste Ecke gebogen war und die Fahrt verlangsamte. »Ich nahm die zweite Treppe, die zur Werkstatt. Silvio wird mich nicht verraten.«

»Sie zittern ja, Kindchen. Kann ich Sie zu ’ner Tasse Kaffee einladen?«

»Himmel, nein. Hier kennt mich doch jeder.«

Im Scheinwerferlicht tauchte ein leerer Parkplatz zwischen zwei baufälligen Häusern auf. Bount steuerte den SEL hinein. Kies knirschte unter den Pneus. Er hielt an, löschte die Lampen und schaltete die Innenbeleuchtung an, damit sich das Mädchen nicht sonst was dachte.

»Sind Sie wirklich Detektiv?«, fragte sie kläglich.

»Gewiss«, bestätigte Reiniger schlicht.

»Aber keiner, der Aufträgen nachlaufen muss.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Detektive ohne Klienten fahren nicht so dicke Autos.«

Oho, die Kleine konnte denken.

»Und Sie sind wirklich mit Miss March bekannt?«

»Viel näher, als ich zugegeben hatte.«

»Ich mag Miss March. Sie ist ... so, so ... anders.«

Davon hätte ihr Bount allerdings auch ein Liedchen trällern können.

»Anders als Ihre Landsleute, meinen Sie wohl.«

Danach schwieg sie eine Weile. Bount Reiniger merkte ihr an, dass sie nach Worten suchte. Er glaubte, ihr aus der Verlegenheit helfen zu können.

»Ich denke auch nicht, dass Gino Monzarone es getan hat«, sagte er.

Gianna Benedotti fuhr ruckartig zu ihm herum.

Ein sehr hübsches Mädchen mit schwarzen Mandelaugen, olivfarbenem Teint und einem vollen Mund von natürlicher Röte.

Sie war bestimmt noch keine achtzehn.

»Sie wissen ...?«, keuchte sie atemlos.

An ihrem schlanken Hals pochte der Puls plötzlich schneller.

Bount nickte. »Es war nicht allzu schwer, sich das zusammenzureimen. June, ich meine Miss March, versteht es, auch aus beiläufigen Bemerkungen Schlüsse zu ziehen. Der Name Gino Monzarone ist während ihrer Anwesenheit häufiger gefallen. Und wie sie mir ebenfalls sagte, fanden ab und an auch recht anregende Gespräche über die Omerta statt.«

Gianna starrte Bount an wie einen Geist.

»Mein Gott!«, entfuhr es ihr dann. »Das wissen Sie auch? Mein Bruder und Papa haben nämlich heute Mittag ...«

Auf einmal biss sie sich auf die Lippen und schwieg.

»Es scheint Ihr Hobby zu sein, an Türen zu lauschen«, tadelte Bount gutmütig. »Nun rücken Sie schon raus damit. Hat das Femegericht also schon getagt?«

Das war mehr eine Feststellung denn eine Frage.

Jetzt trat ein winziger Blutstropfen aus ihrer Unterlippe und schimmerte wie roter Tau.

»Sie sind wirklich kein normaler Detektiv, Mister Reiniger. Ich bin ja so froh, dass ich mich traute, Ihnen nachzulaufen. – Was wollten Sie eigentlich von meinem Vater?«

»Versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen. Ihm auf den Kopf zuzusagen, dass Gino es aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht gewesen sein kann, und wenn noch soviel gegen ihn spräche. Hat er ein Alibi für die Tatzeit?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Er bekam einen Anruf. Jemand wollte ihn treffen auf einem Parkplatz, so wie diesem, und ihm ein günstiges Angebot machen.«

»Hm. Doch dieser Jemand kam nicht.  Ein Kollege von Gino? Auch ein Dieb.«

»Madonna! Sie wissen ja alles!«

»Schön wär’s«, seufzte Bount Reiniger. »Doch wenn wir schon mal beim Auspacken sind, dann am Besten doch gleich alles.«

Wieder legte Gianna Benedotti eine Schweigeminute ein.

Sie knautschte mit ihren verkrampften Fingern ein unsichtbares Taschentuch zusammen.

»Ich bin schwanger von Gino«, platzte sie schließlich heraus.

»Oh«, machte Bount. »Weiß er schon von seinem Glück?«

»Er ist der einzige. Doch wenn mein Vater es erfährt, dann ...«

»... bringt er euch beide um«, unterbrach Reiniger. »Ich weiß.  Ich frage mich nur, weshalb er nicht gleich Killer geworden ist. Wäre doch ein einträglicher Job gewesen. Lohnender jedenfalls als sein Job als Tagelöhner.«

»Sie kennen eben meinen Vater nicht.«

»Ich denke doch. Ihr seid alle liebe, nette Leute, wie mir Miss March glaubhaft versicherte. Nur eben ein bisschen sehr traditionsverbunden.  Bei dieser Gelegenheit darf ich Ihnen übrigens ein Kompliment machen: Vor der Ehe mit einem Mann ins Bett zu gehen, ist schon sehr amerikanisch. Irgendwann werden Sie vielleicht auch mal aus voller Brust Glory, Glory Halleluja singen oder den Yankee Doodle.«

»Nehmen Sie mich nicht für voll?«

»Im Gegenteil. Ich will Ihnen lediglich die Angst nehmen und Ihnen bedeuten, dass nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.«

Gianna atmete erleichtert durch.

»Sie werden weiterhin am ... Ball bleiben, wie es heißt.«

»Ich bin ein leidlich guter Dribbler.«

Ihre Züge wurden weicher. Doch dann verfinsterte sich ihre Miene wieder.

»Und Sie sind auch teuer?«

Bount lachte. »Ich verlange nichts bei Freundschaftsspielen.«

Da streckte Gianna Benedotti impulsiv die Rechte zu Bount hinüber. Sie war grazil und anmutig.

»Sind wir Freunde, Mister Reiniger?«

»Das möchte ich doch meinen, Miss. Sie werden sehen, es kommt schon alles wieder ins Lot.«

»Ok, ich danke Ihnen!«

Der Hand folgten nun die Lippen.

Ihr Kuss war kindlich, zart und viel zu schnell vorbei. Kurz darauf schlüpfte sie aus dem Wagen.

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