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Sandro Frascatello steckte gerade eine neue CD in den Disc-Player, als er ein ungewöhnliches Geräusch wahrzunehmen glaubte.

Es kam von der Tür und hörte sich an, als würde eine Katze am Holz kratzen.

Er stellte die Stereo-Anlage leiser und gürtete den auseinanderklaffenden Morgenrock enger. Durch die Gardinen blinzelte die Sonne. Zu Hause ließ er sich gern gehen, so gelackt er auch auf der Straße herumlief, oder wenn er seinen Geschäften nachging. Automatisch strich er sich mit den manikürten Fingern zuerst über das Oberlippenbärtchen, dann über das gewellte, mit dem Föhn frisierte, extrem modisch geschnittene Haar.

Er schaffte es nie, an einem Spiegel vorbeizugehen, ohne sich dabei wohlgefällig zu betrachten.

Und im Wohnzimmer – er nannte es bevorzugt seinen Salon – bestand eine ganze Wand nur aus Spiegeln.

Sandro Frascatello, in den Slums der Bowery geboren, hatte es zu was gebracht.

Die dreitausend Dollar Miete, die ihn dieses Apartment hoch über dem Hudson River jeden Monat kostete, zahlte er so gut wie aus der Westentasche.

Das Kratzen hörte auf.

Er vergaß es auch sofort wieder, denn ihm war bei seinem Anblick eingefallen, dass ihn Brokat nicht allzu gut kleidete.

Er würde sich nach einem Morgenmantel aus Shantung-Seide umsehen müssen. Vielleicht sogar schon morgen.

»Sieh dir bloß diese Pissnelke an. Dreht und wendet sich wie `ne Tunte. Und wenn ich’s nicht besser wüsste, dass er auch Weiber stemmt, würde ich ihn für einen vom anderen Ufer halten.«

Wie aus dem Nichts standen die beiden Kerle in der Wohnung und amüsierten sich mit abfälligen Bemerkungen über das eitle Gebaren.

Sandro Frascatellos Selbstgefälligkeit bröckelte ab wie der Verputz von den Häusern an den Stätten seiner Kindheit.

Vergessen waren so gravierende Probleme, aus welchem Stoff nun sein Morgenmantel beschaffen sein sollte, oder welchem Friseur er als nächstem gnädig erlauben sollte, sein volles dunkles Haupthaar in wohlgeformte weiche Wellen zu legen.

Solche Fragen erübrigten sich, wenn die Schläger des Kartells auftauchten.

An Bennos ausgestrecktem, fleischigen Zeigefinger pendelte noch der Dietrich an einem Messingkettchen.

Benno war rotblond, gab sich betont amerikanisch, trug sogar viel zu kurze Hosen zu seinen weißen Socken und war trotzdem in Brescia gebürtig. Dort hatte er bei Straßenraufereien die ersten Lorbeeren in seine Igelbürste gewunden und seither nicht viel dazugelernt.

Wenn er grinste, und er tat es fast immer, zeigte er ungeniert zwei Reihen schadhafter Zähne. Seine Nase war mehrfach gebrochen und stand wie ein fetter Blitz im Gesicht. Wegen einer gewissen Spruchweisheit war er sogar auch noch stolz auf ihre außerordentliche Länge.

Sein Partner hieß Luigi, wurde jedoch von seinen Freunden nur »Scrofa« genannt. Es störte ihn nicht weiter, dass man sich in anderen Kreisen deswegen beleidigt fühlen würde.

Scrofa war gern eine »Sau«, und er bekannte sich offen dazu. Schon seine Kleidung bewies es. Sie starrte vor Schmutz.

Der Teint war grau wie der Schimmel auf einer vergessenen Brotkruste und genauso großporig. In der Hand schwang er einen Sandsack.

Auch er lächelte wissend durch sein ungepflegtes Bartgestrüpp. Er roch nach Mülltonne und East River.

»Na, Schönling?«, setzte Benno die Begrüßungsansprache fort.

»In der Zentrale haben sie den ganzen Abend auf ’ne Erfolgsmeldung von dir gewartet. Und was müssen wir sehen, wenn wir bei dir kurz mal reinschauen? Stehst vor dem Spiegel, hörst klassischen Schmarrn im Radio und stinkst wie ein Parfümladen.  Willst du das Gedudel nicht endlich ausschalten, Scrofa? Das geht mir mächtig auf den Geist. Da kann ich ja nicht mal mehr richtig nachdenken.«

Luigi schritt sofort zur Tat, und er schaltete die nagelneue Anlage aus, indem er ein paarmal quer mit seinem Sandsack darüberfuhr.

Danach nannte Sandro Frascatello nur mehr einen nagelneuen Trümmerhaufen sein Eigen.

Trotzdem – er schwieg mit eisiger Miene.

Ein CD-Player ließ sich ersetzen, während Narben blieben.

»Ist doch jetzt viel gemütlicher, oder?«, meinte der rotblonde Benno, stapfte, die paar Schritte zur fahrbaren Hausbar hinüber, und hob prüfend eine Flasche an die Augen.

»Brrr«, machte er, »Creme de Menthe ist ungesund, die Farbe gefällt mir auch nicht.«

Er nahm die noch halbvolle Bottle und klatschte sie gegen die Wand mit elfenbeinfarbenen Papyrus-Tapeten, achtzig Dollar die Rolle.

»Da ist das schon besser.«

Er hob den geschliffenen Stöpsel von einer Karaffe aus Bleikristall und schnüffelte am Inhalt.

»Ah. Brandy. Einer von daheim.«

Er setzte die Karaffe an die Lippen, während sich Scrofa auf eine mit weißem Chintz bezogene Couch lümmelte und seine Nike-Treter auf einem Glastisch platzierte.

Die ehemaligen Sportschuhe sahen aus, als hätte Luigi kurz davor noch einen Kuhstall ausgemistet.

»Ob er nicht mehr mit uns spricht?«, fragte er und ließ den selbst verfertigten Totschläger monoton in die offene Handfläche klatschen.

Benno kicherte.

»Er ist immerhin was Feineres, Organisationsleiter für einen vollkommen neuen Geschäftszweig, für den er auch noch die Idee eingebracht haben soll?«

Endlich meldete sich Frascatello zu Wort. »Aber heute Nachmittag hab ich doch telefoniert mit ...«

»Shut up, du mit ’nem Intimspray gebadete Filzlaus!«

Scrofa stand plötzlich dicht vor dem Beau.

»Keine Namen! Nicht mal hier!«

Frascatello wich gegen die Spiegelwand zurück.

Für ihn war das wohl ganz gut so, denn in diesen Minuten hätte er sich bestimmt nicht gefallen. Er sah jetzt schon aus wie durchgekaut und ausgespuckt.

»Lass ihn in Ruhe, Luigi«, mahnte Benno. »Bemerkst du denn nicht, welch empfindliches Seelchen in dieser mit Bodybuilding gestylten Brust wohnt? Da kannst du nicht so rau und ungehobelt daherreden wie mit unsereins.«

Frascatellos Augen wurden schmal. Den beiden Schlägern fiel das kaum auf. Angetrunken waren sie dazu.

»Ich will keinen Ärger mit euch, Leute. Für mich gilt das, was ich vor ein paar Stunden telefonisch vereinbart habe.«

Benno keckerte erneut. »Schau mal, wie schön der reden tut! Der ist nicht nur ’ne Filzlaus, der quasselt auch so.«

Danach lachte er auf, als habe er einen guten Witz erfunden.

Und dann wieder zum Beau: »Aber genau deswegen sind wir doch da, Bubi. Die Lage checken, verstehst du? Du hast nichts als Ausreden gelabert. Doch die Bosse wollen kein Geseiere, die erwarten Taten. Und das möglichst schnell.«

»Time is money, honey«, lachte Scrofa, so schmutzig, wie er war.

Dort, wo er gesessen hatte, war die Couch besudelt. Er wählte sich einen neuen Platz und spielte wieder mit seinem Sandsack, der einer ausgewachsenen Fleischwurst ähnelte, nur viel schwerer war, und an einer Schlaufe ums Handgelenk getragen wurde.

Wieder hatte er zu klopfen begonnen. Viel Phantasie bewiesen beide Eindringlinge nicht.

Frascatello gähnte demonstrativ.

»Es ist spät geworden, Leute. Ich werde den Boss bitten, dass er euch die mutwilligen Schäden, die ihr hier angerichtet habt, vom Lohn abzieht. Ich brauch wohl nicht eigens zu betonen, dass es nicht den geringsten Anlass gab, dass ihr hier wie die Vandalen haust. Denn wenn ich euch recht verstanden habe, seid ihr gekommen, nochmal zu betonen, dass ich mein Verfahren beschleunigt in Gang bringen soll, nicht wahr?«

Benno und Scrofa starrten sich verblüfft an. Doch nur für wenige Sekunden.

Dann grinste Benno schon wieder. Keiner von ihnen trug einen Revolver, ja, nicht einmal ein Messer. Bei ihrer Aufmachung, wären Waffen sofort aufgefallen. Trotz der kühlen Temperaturen draußen trugen sie nur leichte Baumwollhemden.

Frascatello nahm an, dass ihr Wagen genau vor dem Hauseingang parkte. Die Pförtnerloge war nachts nicht besetzt.

Das Schloss stellte für Profis kein unüberwindliches Hindernis dar, wie Benno mit dem Dietrich bewiesen hatte.

»Hast du das gehört, Scrofa?«, fragte er gespielt verwundert, doch der Kerl mit der Kleiderbürste auf dem Vierkantschädel spielte miserabel. »Das Bürschchen tut so, als sei’s ’n. Mann?  Woll’n wir ihm mal zeigen, was ein Mann alles kann, Partner? Hm, wollen wir?«

Benno grinste blöde und bleckte seinen Beißer-Friedhof.

Schon stand auch die wandelnde Müllkippe von Sofa auf.

Sie näherten sich Frascatello von zwei Seiten.

Der Beau lehnte nach wie vor mit dem Rücken an der Spiegelwand.

»Machen wir ihn ganz kaputt, oder nur halb?«, erkundigte sich der Bärtige.

Der Rotblonde pendelte abwägend mit dem Kopf. »Halb, würde ich sagen. Er hat ja noch zu arbeiten. Wir sollen ihn nur bitten, dass er sich etwas beeilt.«

»Wie du meinst.«

»Fängst du an. Oder ich?«

»Mach du das, Benno. Ich hab mir letztes Jahr mal die Fingernägel geputzt und bin jetzt noch ganz fertig. Man sollte mit der Arbeit nicht gleich übertreiben.«

Ins vorletzte Wort fiel sein Angriff. Er stieß mit seinem Totschläger wie mit einem Dolch nach oben.

Die Grube zwischen Kinn und Hals wäre sein Ziel gewesen, so aber zerbrach nur eine der Spiegelfliesen. Scherben spritzten aus der Wand.

Sie trafen Frascatello nicht mehr, denn der säbelte in diesem Moment bereits beide Beine Bennos weg, hatte ihn dabei am kurzen Schopf gepackt, und hämmerte ihm jetzt Stirn und Zickzacknase gegen eine zweite Fliese.

Ein Stoß mit dem Knie gegen den ausladenden Hintern des Rotblonden vervielfachte die Wucht.

»Die Gesetze der Physik lassen einen doch nie im Stich«, knurrte Frascatello. Es war ein Knurren, das tief aus der Kehle kam. Seine blasierte Miene behielt er bei, nicht mal die Mundwinkel zuckten. Zu den Scherben spritzte nun auch noch Blut wie aus einem Rasensprenger.

Scrofa schrie gequält auf. Eine Handkante, platziert auf die rechte Niere gesetzt, tat eben weh.

Eine Sekunde später schmerzte auch die linke, kurz darauf der Nacken. Eine weitere Fliese würde künftig nicht mehr die Schönheit Sandro Frascatello widerspiegeln.

Was ihm an Stereogenuss vor Kurzem so rüde unterbrochen worden war, besorgten nun die Partner Benno und Scrofa, wenn auch längst nicht so klassisch, wenn der nicht nur bodygebildete Norditaliener die Neutöner und die chinesischen Komponisten mal ausnahm.

»Bestellt dem gemeinsamen Boss, dessen Namen ich nicht nennen darf, einen herzlichen Gruß. Und sagt ihm bei dieser Gelegenheit auch gleich, dass es mich anwidert, mich mit unteren Chargen zu unterhalten. Ich hab eine gewinnträchtige Idee in die Firma eingebracht und erwarte dafür eine entsprechende Behandlung. Entweder ich erledige diesen Job auf meine Weise, oder gar nicht. Und jetzt würde ich die Gents bitten, meinen Salon zu verlassen.«

Zur Bekräftigung holte der schöne Sandro eine flache 7.65er Beretta aus der Tasche seines Morgenmantels aus Brokat.

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21

»Ron konnte mir nicht weiterhelfen«, gestand Bount Reiniger am nächsten Morgen. »Der Name Sandro Frascatello tauchte weder in den Polizeiakten auf, noch in denen des FBI; soweit sie für unseren Freund erreichbar waren.  Du siehst übrigens zauberhaft aus, June.«

»Nerv′ ich dich eigentlich sehr, Bount?«

»Wie meinst du das?«

»Ich bin doch schuld, dass du jetzt laufend zwischen Manhattan und Hoboken pendelst und nicht mal ’nen Auftrag dafür hast.«

»Ein bisschen Luxus wird sich der Mensch doch wohl mal leisten dürfen.«

Da strahlte das Minnesota-Girl wie ein Sonnenaufgang in der Südsee und drückte dem Chef einen dicken Kuss mitten auf den Mund.

»Oh!«, meinte Bount. »Es läppert sich.«

»Was ist?«

»War nur so daher gesagt. – Wie wär’s, wenn du deinen mitteilsamen und offenbar überaus gut informierten Lokalredakteur noch mal anzapfen würdest?«

»Jetzt gleich?«

»Oder später. Ich hab’s nicht eilig. Es hat zu regnen aufgehört.«

June runzelte die Stirn. »Was soll das nun wieder bedeuten?«

»Dass die Sonne scheint und heute ein fröhlicher Tag ist.«

Das Stirnrunzeln blieb.

»Bist du krank, Chef?«

»Wie man’s nimmt. Der Frühling kommt mit Macht.«

»In dir erwachen doch nicht etwa Frühlingsgefühle ...«

June schloss die Knie enger und zerrte am Saum ihres Rocks. Danach bedeckte er wenigstens schön jene Stelle, an der das Doppelgewebe der Strumpfhose begann.

»Doch, doch«, beharrte Reiniger fröhlich, obwohl er sich sonst eher als Morgenmuffel gab. Vielleicht hatte er auch die Zeitungen noch nicht gelesen und auch keine Nachrichten gehört.

»Aber nicht jene, an die du in diesem Zusammenhang vielleicht denkst. Oder doch?«

Bount tat so, als lausche er ernsthaft in sich hinein!

»Die hast du doch dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr«, erwies sich seine kluge Sekretärin sachkundig. »Du willst doch nicht etwa einen freien Tag einlegen!«

»Erlaubt das denn der Geschäftsgang?«

Sie wurde ernst.

»Komm schon«, meinte sie schließlich irritiert. »So kenn′ ich dich gar nicht.«

Bount schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das muss mein neuer Job ausmachen.«

»Ich verstehe kein Wort.«

»Ist auch nicht nötig, Mädchen. Schlüpf in deinen Mantel. Diesmal fahren wir gemeinsam hinüber nach Hoboken. Möglich, dass ich deine Hilfe brauche. Du wirst deinen lieben, netten Miguele becircen müssen. Ich fürchte, auf mich ist er nicht gerade blendend zu sprechen.«

»Was sollen wir denn dort drüben?«

»An den vielen Scheidungen waren wir eigentlich mittelbar oder unmittelbar schon schuld?«, antwortete Bount mit einer Gegenfrage.

»Du hast noch nie einen Scheidungsfall übernommen!«, entrüstete sich June. »Iii! In der schmutzigen Wäsche fremder Leute ′rumstochern.«

»Tun wir das nicht andauernd?«

»Nun ja, wie man’s nimmt«, räumte June ein. »Das mit deinem neuen Job versteh ich absolut nicht.«

Bount stand auf und rückte sein Sakko zurecht. Hoffentlich brachte es Signore Miguele Benedotti nicht gleich wieder in Unordnung.

»Ich gehe zwischendurch mal unter die Heiratsvermittler, um Romeo und Julia zusammen zu bringen«, verkündete er heiter.

»Er wird sich quer legen wie ’ne Panzersperre«, fürchtete June March, während der Fahrt durch den Lincoln-Tunnel. »Wegen dieses Todesfalls.«

»Nenn das Kindchen ruhig beim Namen, Schätzchen. Das war ein eiskalter Mord.«

»Das macht es nur noch schlimmer.«

»Gianna würde sagen, er bringt sie um.«

June sah Bount mit einem forschenden Ausdruck in ihren großen Augen von der Seite an.

»Du bezweckst doch noch mehr damit«

»Kann schon sein.«

»Dann sag’s mir doch, bitte.«

»Das geht nicht. Ein paar Geheimnisse braucht der Mensch.«

Die Ausfahrt aus dem Tunnel öffnete sich in einen strahlenden Morgen. Die triste Kulisse von Jersey City war kaum wiederzuerkennen, der Hudson River schimmerte wirklich und wahrhaftig beinahe blau.

Im Kofferraum lagen ein paar Flaschen Champagner in einer voluminösen Kühltasche verstaut.

Aus Musil’s Bar & Grill stammten die Snacks wie Kaviarbrötchen, Lachsschnitten und ähnlicher lukullischer Firlefanz. Das alles sollte der Verlobungsfeier ein würdiges Gepräge verleihen.

Als wär’s ein gutes Omen, fand Reiniger genau vor Carlo Monzarones Gemüsetempel einen Parkplatz. Er stieg aus.

Mama Maria bediente gerade ein paar Kundinnen. Gino stapelte Kiwis auf einer Verkaufsgondel. Der Senior ließ sich nicht blicken.

Bount fragte nach ihm. Die Drei-Zentner-Lady schaute ihn anklagend ah.

»Mein Mann ist krank«, sagte sie. »Und Sie sind schuld daran.«

»Macht nichts, wenn er ’nen Kater hat«, meinte Reiniger frohgemut. »Er betreibt ja keinen Fischladen. Aber ich muss ihn trotzdem sprechen.«

»In welcher Angelegenheit?«

»In einer reinen Männersache«, schnurrte Bount Reiniger. Das Stichwort half. Sofort war Signora Monzarone eingeschüchtert genug, dem frühen Besucher den Weg durch den hinteren Lagerraum zu weisen.

Eine Wendeltreppe führte steil nach oben.

Dröhnende Schnarchlaute wiesen dem Detektiv den Weg ins eheliche Schlafgemach.

»Guten Morgen!«, grüßte Bount Reiniger höchst ausgelassen und laut genug, ein ganzes Heer winterverpennender Murmeltiere aus ihren Löchern zu scheuchen.

Der Sound wirkte.

Carlo Monzarone führ aus den Federn, als habe man ihm ein Fakir-Kopfkissen unter seinen schütteren Haarkranz geschoben. Der Eisbeutel klatschte auf den Bettvorleger. Blutunterlaufene Augen glänzten feurig.

»Mister Reiniger? Sind Sie verrückt?«

»Manchmal. Doch, jetzt stehen Sie auf, Signore. Heute ist ein großer Tag in Ihrem Leben. Sie dürfen erstens an einem Wochentag Ihr Geschäft schließen, und zweitens feiert Ihr Sohn heute Verlobung mit Signorina Gianna Benedotti.«

»Ich träume doch, stimmt′s?«

»Wenn Sie nicht sofort aufstehen, bring ich Ihnen einen Grappa.«

Es war wieder mal ein Tag, an dem Bount Reiniger für jede Situation die richtigen Worte fand.

Trotzdem sollte es noch eine Stunde dauern, bis die Monzarones frühestens bei den Benedottis aufkreuzen würden, obwohl Bount die Frau des Hauses davon hatte überzeugen können, dass sie auf keinen Fall auch noch zum Coiffeur rennen durfte.

Bount gedachte, die Atempause zu nützen und entwickelte dabei eine geradezu hektische Betriebsamkeit.

June dagegen wurde immer stiller. Reichlich verhuscht saß sie neben ihm, und doch so weit weg wie nur möglich.

Ihr Angebot, ihm eine Zwangsjacke zu besorgen, hatte Bount höflich, aber bestimmt, abgelehnt.

Sie war ja auch nicht dabei gewesen, als Reiniger die lieben, netten Leute aus Tenecoletta davon überzeugte, dass sie nach seiner Musik tanzen mussten.

»Aussteigen, Lady«, bat Bount galant. »Wir sind da. Gehen wir diesmal gemeinsam in die zweite Runde. Falls dein Freund Miguele versuchen sollte, mich anzugreifen, darfst du ihn ausknocken.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob das eine wirklich gute Idee ist«, wandte June March ein.

»Ach, was. Du bist nur neidisch, weil Gianna jetzt ’nen Bräutigam  kriegt und du nicht.«

»Ekel!«

»Sagen darfst du’s, aber nicht denken.«

So wie Bount vorher den Weg durch den Laden, gewählt hatte, nahm er jetzt den durch die Werkstatt. Inzwischen kannte er sich in dieser Art von Häusern schon ganz gut aus.

Der verhinderte Bluträcher Silvio schweißte an Junes Sportflitzer herum, als sie eintraten.

Zuerst bemerkte er sie nicht. Zudem hatte er eine Maske auf, die ihn vor dem grellen Licht und den Funken schützen sollte.

Reiniger drehte ihm den Hahn ab. Die zischende Flamme erlosch.

»Hey? Was ist? Sind Sie ...«

Die Frage kannte Bount nun schon zur Genüge. Silvio beendete sie nicht.

Er klappte das Schutzglas zurück, legte den Brenner zur Seite, und zog die Asbesthandschuhe aus.

»Hallo, Miss March. Sie sehen, Ihr Wagen ist leider noch nicht fertig.«

»Deshalb sind wir auch nicht hier, Junge«, fiel Reiniger ein. »Hast du schon mit Daddy über unser gestriges Erlebnis gesprochen?«

»Ich werd′ mich hüten. Und wenn er mir nochmals mit seiner gottverdammten Omerta kommen sollte, ruf ich das nächste Irrenhaus an.«

June warf Bount einen triumphierenden Blick zu.

Er wusste nicht, warum und schaute unschuldig zur Seite.

»Hilf lieber uns«, meinte Reiniger. »Miss March und mir steht eine schwierige Geburt bevor.«

Silvio sah Bount Reiniger seltsam an.

»Du kannst die Tassen ruhig zählen, Junge«, erlaubte Reiniger jovial. »Ich hab sie noch alle im Schrank. Trotzdem wirst du über den Zwischenfall Farbe bekennen müssen, doch ansonsten hältst du dich genau an die gestrige Regel. Sie gilt weiter. Du gibst nur zu, was ich behaupte. Dann läuft unser Unternehmen wie geschmiert. Und nun mach das Tor zu. Ich möchte nicht gestört werden.«

Silvio Benedotti gehorchte vertrauensvoll.

Wenn Bount es gefordert hätte, wäre er vermutlich sogar in den Hudson gesprungen, um dort ein Säurebad zu nehmen.

»Dad wird nicht begeistert sein, wenn er Sie wieder sieht«, feixte er. »Gianna hat mir alles erzählt. Auch wie Sie ihn fertiggemacht haben.«

»Hast du dein Frühstück heute im Stehen eingenommen?«

»Geben Sie’s mir nur. Ich hab’s verdient.«

Reiniger wünschte nur, Papa Benedotti möge ebenso wenig nachtragend sein wie der Sohn.

Doch weil das eben nur ein Wunsch war, schickte er June an die Front. Sie konnte es besser mit den lieben, netten Leuten aus Sancara, während Bount sich eher als Tenecoletta-Spezialist empfand.

Sie gelangten in dieselbe Diele, von der aus auch die Haustreppe abzweigte.

Es duftete nach starkem Espresso. In der Küche klapperte Geschirr.

»Du findest den Weg ins Wohnzimmer allein, June?«, fragte Bount.

»Kommst du denn nicht mit?«

»Ich muss mich erst bei Mama entschuldigen. Sie scheint mir der härtere Brocken von den beiden zu sein.«

»Was willst du ihr sagen?«

»Dass ich das Detektivgeschäft aufgegeben habe, weil ich in der Lotterie gewann, doch es läge mir sehr am Herzen, wenn sie für den Schock, den ich ihr bereitete, einen Scheck über hundert Dollar annähme.«

»Himmel, bist du ein Aas, Bount.«

»Ich hab’s nur mit einem Doppel-s gehört. Und du, Silvio, wartest im Flur, oder meinetwegen auch auf dem Klo, bis ich dich rufe.«

»Geritzt, Sir!«

Silvio Benedotti nahm Haltung an. Er hatte gedient.

Zackig flog die Rechte an die Schweißermaske.

»Rühren«, sagte Bount.

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