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Als Bount Reiniger fünf Minuten darauf die gute Stube betrat, hatte June ein kleines Wunder vollbracht: Miguele Benedotti fuhr ihm nicht gleich an die Gurgel.
Doch sein Blick sprach Bände. Er hätte es bestimmt gern getan.
Das blonde Minnesota-Girl drehte ein Glas Rotwein zwischen den Fingern. Sie hatte ihre diplomatische Mission erfüllt, ohne sich deshalb vorher groß mit Reiniger absprechen zu müssen.
Sie wusste worauf s ankam, und allmählich machte ihr Bounts Poker um Herz, Schmerz und Gewalt wohl auch einigen Spaß.
»Ich hab Mister Benedotti gesagt, wer und was du wirklich bist. Und ich konnte ihn auch davon überzeugen, dass Gino nicht der Täter sein kann.« Sie blinzelte heftig, ohne dass Benedotti senior das sehen konnte.
»Er war um die fragliche Zeit bei einer polizeilichen Vernehmung. Wir telefonierten gerade mit einem gewissen Lieutenant Ron Myers. Kennst du den Burschen zufällig?«
»Nie von ihm gehört. Weiß Mister Benedotti auch, warum ich ermittle?«
»Na, weil ich dich darum gebeten habe. Mercurio war ...«
»... so ein lieber, netter Mann«, ergänzte Bount Reiniger. Dieser Quatsch ging ihm von Mal zu Mal leichter über die Lippen. »Und du willst, dass der Mörder seiner gerechten Strafe nicht entgeht.«
»So ist es«, bestätigte June.
Bount setzte sich ungebeten.
»Aber das ist leider noch nicht alles, Mister Benedotti.«
Reiniger zog die Automatic und legte sie außerhalb der Reichweite des cholerischen Sizilianers auf den Tisch.
»Leider, leider bin ich im Zuge meiner Ermittlungen über ein paar lückenlos beweisbare Tatsachen gestolpert, die mir als gesetzestreuem Bürger sehr gegen den Strich gehen.«
Miguele zog den Kopf ein.
Er sah schon den Sparstrumpf schrumpfen, das hielt er vermutlich für das Allerschlimmste, was ihm widerfahren konnte.
Der Mann würde sich wundem.
»Was soll die Pistole auf meinem Tisch?«, fragte er eingeschüchtert.
»Mit ihr werde ich auf Sie schießen, falls Sie sich widersetzen.«
»Gegen was?«
»Ihr Tochter Gianna ist im vierten Monat schwanger«, eröffnete Bount das Feuer.
Das Schnappen des Sicherungshebels und das dekorative Durchladen ließen Miguele Benedotti auf seinen Stuhl zurücksinken.
»Nein«, röchelte er.
»Doch«, beschied ihm Bount Reiniger gelassen.
Und dann laut: »Gianna! Kommen Sie doch rein zu uns. Es muss doch unbequem sein, dort hinter der Tür. Ich garantiere dafür, dass Ihnen kein Haar gekrümmt wird.«
Ein leises Knarren, ein schmaler Spalt, ein glutrotes Gesicht zwischen blauschwarzen Haaren.
Das Mädchen hielt die Lider keusch gesenkt.
»Guten Tag, Mister Reiniger«, piepste sie. »Darf ich im Rücken meines Vaters stehen bleiben?«
»Wie Sie’s wünschen, aber es muss nicht sein.«
»Ich schäme mich so.«
»Das ist noch dümmer. Sie lieben Ihren Gino doch.«
»Ja.«
Erneut wollte Miguele Benedotti aufbrausen.
Reiniger zielte genau zwischen die Augen.
»Und Sie halten den Mund, Mister Omerta! Was glauben Sie, was in diesem Land auf Anstiftung zum Mord steht? Zehn Jahre? Fünfzehn? Ich kann’s Ihnen sagen: Fünfundzwanzig Jahre sind’s!«
Vorher war Miguele Benedotti lila-blassblau geworden. Jetzt wurde er schafskäseblass.
»Sie sollten froh sein, dass ein ehrlicher Autodieb eine Frau zu sich nimmt, deren Vater den Sohn zum Mord an einem Unschuldigen anstiftet. Silvio!«
Es ging zu wie in einem Theaterstück.
Silvio Benedotti kam von rechts. »Wo warst, du gestern Abend um halb zehn?«
»Muss ich jetzt die Wahrheit sagen?«
»Schweig, du Trottel!«, kreischte Miguele aus Sancara.
»Das wird ihm nicht viel helfen, denn ich war Zeuge, als er auf Gino Monzarone die Lupara abfeuerte. Das stimmt doch, Silvio?«
»Yes, Sir.«
Nun schrie zur Abwechslung mal Gianna. June March stellte sich zu ihr und drückte sie ans wogende Herz.
»Er lebt, Kindchen, keine Sorge Mister Reiniger hat ihn gerettet.«
Reiniger wieder: »Hast du das gehört, Silvio?«
»Ja.«
»Sag nicht immer nur ja und nein. Wer hat dich zu dieser Wahnsinnstat angestiftet?«
»Mein Vater.«
»Sohn! Mein einziger Sohn! Du redest ... uns noch auf den elektrischen Stuhl!«, ächzte Miguele.
»Das nicht, Mister Benedotti, das nicht«, beruhigte Bount. »Höchstens auf ’nen Kirchenstuhl. Wenn Sie Gianna erlauben, dass sie innerhalb einer Woche ihren Gino heiratet, vergesse ich alles, was ich eben gesagt habe.«
Der ehrenhafte Miguele Benedotti schluchzte wie ein Kind von fünfundfünfzig Jahren und trommelte kraftlos mit der Faust auf den Tisch.
»Warum, warum, warum«, skandierte er dazu.
»Weil’s die beste Lösung für alle ist, und ich immer noch den Mörder Ihres Sohnes fangen möchte. Darum! Silvio, geh doch mal zu meinem Wagen runter. Im Kofferraum wirst du alles finden, was wir für eine stilvolle Verlobungsfeier brauchen. Schaff das Zeug rauf. Die Monzarones müssten bald da sein.«
Bount warf ihm die Autoschlüssel zu.