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>Nickie's< stand in roten, geschwungen Leuchtbuchstaben über der Tür. Die rote Corvette bog in die Hofeinfahrt neben der kleinen Nachtbar in der Mulberry Street ein. Betrand Halifax und Paul Vanessa zogen es auch heute vor, ohne Uniformen und spät abends in Rispollis Kneipe aufzutauchen. In Little Italy erregten Polizeiuniformen noch immer Aufsehen. Auch wenn die betreffenden Cops davon meistens nichts mitbekamen.
Durch die Hintertür, vorbei an den Toiletten, betraten die beiden die Bar. Wie meistens ging Vanessa voran. Nicht nur auf Streife spielte er die Rolle des Teamleaders.
Rauchschwaden schwebten in schummrigem Licht. Klänge eines Pianos und eines Saxophons verschränkten sich zu einem schläfrigen Rhythmus. An der Bar drängten sich Männer auf eng zusammengerückten Hockern. Sie alle hatten sich von der Theke abgewandt und stierten gebannt auf ein kleines Podest neben dem Klavier.
Dort bog eine blonde Frau ihren nur noch mit schwarzem Slip bekleideten Körper schlangengleich zum Rhythmus der Musik. Mit beiden Händen presste sie ihre großen Brüste zusammen, und präsentierte sie den gierigen Zuschauern.
Halifax blieb wie angewurzelt stehen. Sein Mund wurde trocken, und er verschlang den prallen Busen der Frau mit den Augen. Sie führte die Fingerspitzen an ihren großen, feucht glänzenden Mund und leckte sie mit ihrer Zunge ab. Langsam ließ sie ihre Hände nach unten tanzen. Über Hals, Brustwarzen und Bauch bis zum Rand ihres Höschens.
Halifax schluckte und hielt seinen Partner an dessen Lederjacke fest. "Mensch Paulie, schau dir diese Titten an", flüsterte er.
Vanessa grinste. "Du guckst wie ein Junge vor dem Bescherungstisch." Er versuchte ihn mit sich zu ziehen. Doch Halifax war nicht von der Stelle zu bewegen.
Vanessa verdrehte die Augen und ging allein zur Bar. Er stand nicht auf diesen Frauentyp. Außerdem war er mit einer Frau verheiratet, deren Körper sein Blut auch nach neunjähriger Ehe noch in Wallung brachte.
Während das Saxophon nur noch heiser krächzte, und das Piano ganz verstummt war, fuhr sich die Nackttänzerin mit beiden Händen in ihr Höschen. Die Männer an der Bar fingen an zu johlen. Einige klatschten anfeuerden Beifall.
Die Frau drehte sich mit dem Rücken zu ihrem Publikum. Das Saxophon spielte einen lang gezogenen Ton, der sich allmählich die Tonleiter hinaufschraubte und anschwoll. Sie bog ihren Körper nach hinten. So weit nach hinten, dass ihr langes Blondhaar den Boden berührte. Ihre Brüste wogten über ihren Schlüsselbeinen. Plötzlich setzte das Klavier wieder ein. Die Tänzerin riss ihren Oberkörper nach oben, ihre blonde Mähne peitschte durch die Rauchschwaden. Dann wirbelte sie herum und riss sich den Slip vom Leib.
Das Publikum grölte laut, und Halifax stand immer noch da wie eine der Statuen über dem Eingang der Grand Central Station. Die Frau drehte sich auf dem Podest und zeigte was sie hatte. Das überwiegend männliche Publikum applaudierte wild. Diejenigen, die am Podest saßen, streckten gierig die Hände aus. Die Tänzerin entzog sich den Griffen, deutete eine Verbeugung an und verschwand hinter einem blauen Vorhang.
"Hier, Randy", Vanessa war mit zwei Gläsern Bier zu seinem Partner zurückgekehrt. "Halt dich daran fest. Das wird dich ein bisschen abkühlen." Mit einer Kopfbewegung bedeutete er Halifax ihm zu folgen. "Rispolli sitzt ihm Hinterzimmer."
Durch eine Tür neben der Theke gelangten sie in einen schmalen Flur, von dem aus Türen in vier Räume führten. Vanessa öffnete gleich die erste Tür links.
Vier Männer saßen um einen runden Tisch und hielten Karten in ihren Händen. Unter der tief abgehängten Lampe waberten die Rauchschwaden noch dichter als in der Bar. Und unter den Rauchschwaden stapelten sich Münzen neben Dollarnoten und umgedrehten Karten. Es roch nach Schnaps und schwarzem Tabak.
"Hi, Paulie", strahlte Nick Rispolli, als er die beiden Cops erkannte. Andrew Hurst sah nur kurz auf. "Kommt, setzt euch - bin gleich so weit."
Vanessa und Halifax lehnten sich mit ihren Biergläsern an die Wand und beobachteten die Pokerspieler. Sie kannten nur Rispolli und Hurst. Dass die anderen beiden ihr Geld nicht unbedingt in der Stadtverwaltung oder bei der Post verdienten, lag nahe. Aber Vanessa und Halifax hatten sich angewöhnt, nicht so genau hinzuschauen, wenn sie sich in diesen Kreisen bewegten. Und nicht zu viele Fragen zu stellen.
Die Runde ging an Rispolli. "Hey - ihr habt mir Glück gebracht!", rief er und versenkte seine Dollars in der Hosentasche. Er griff sich sein Jackett von der Stuhllehne und verließ das Zimmer. Vanessa und Halifax folgten ihm durch die gegenüberliegende Tür. Ein kleiner Schreibtisch und zwei altmodische Aktenschränke aus Blech standen an den Wänden des winzigen Raumes. Und ein paar Stühle.
Nick Rispolli nahm einen Stapel Aktenordner aus einem der Schränke. Ein Wandsafe wurde sichtbar. Er öffnete ihn und nahm einen prall gefüllten Briefumschlag heraus. "Fünf Prozent für euch", sagte er, "zählt nach."
Vanessa holte das Geldbündel heraus und zählte die Hundert-Dollar-Noten. "Dreitausendzweihundert", sagte er nach einigen Sekunden. "Vierundsechzigtausend Dollar habt ihr also gemacht." Rispolli nickte.
"Sucht euch'n ander'n Fahrer", maulte Halifax während er seine Fünfzehnhundert in der Innentasche verstaute, "der Russe versaut euch den nächsten Coup, verlass dich drauf!"
"Dann fahr eben nicht so schnell, Randy!", sagte Rispolli, der gegen den blonden Hünen geradezu zwergenhaft wirkte. "Der Schakal, in seiner Großzügigkeit, schiebt euch fünf Prozent rüber", wechselte er übergangslos das Thema. "Andy und ich kriegen vierzig. Den Rest verschlingt er."
Vanessa lachte. "Fast wie bei uns - wir machen die Arbeit und unser Deputy sitzt sich für das doppelte Gehalt den Arsch platt."
"Ich biete euch zehn Prozent." Wieder ging Rispolli nicht auf die Bemerkung des anderen ein.
"Wie - >zehn Prozent<?" Vanessas Augen wurden schmal. Halifax' Augen weiteten sich gierig.
"Ich dreh das nächste Ding auf eigene Faust und teil nur mit Andy. Und ihr kriegt zehn Prozent. Was ist daran so schwer zu kapieren?"
"Kein Problem", tönte Halifax, "klar machen wir mit." Vanessa legte ihm die Hand auf den Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Rispolli merkte es nicht, und sein faltiges Gesicht entspannte sich etwas. "Hab doch gewusst, dass ihr eine fruchtbare Geschäftsbeziehung nicht einfach so aufgebt ..."
"Moment", unterbrach Vanessa. "Ich muss mir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen."
Rispolli ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken. "Tu das, Paulie. Aber denk dran: Wir sind schon längst ein Gespann. Du kannst dich nicht so ohne Weiteres herausziehen. Und findest du nicht, dass unsere Zusammenarbeit unter einem guten Stern steht?"
Vanessa musterte ihn mit einem Gesicht, dass weder Misstrauen noch Wohlwollen zeigte. Wie gemeißelt wirkte er plötzlich. Halifax kannte seinen Partner. Bei dieser Miene war es das beste keine Fragen zu stellen und zu tun, was Paulie sagte. "Ich ruf' dich morgen an, Nickie."
"Und jetzt bekommt ihr euer Trinkgeld", wieder der abrupte Themenwechsel. Rispolli ging den beiden Cops voran in die Bar. "Bestellt euch noch was." Er wies auf die wenigen Frauen, die an der Theke saßen. "Sucht euch eine aus."
Vanessa reagierte nicht. Er lehnte sich lässig an den Tresen und bestellte einen Whisky.
"Ich will die Tänzerin", sagte Halifax ohne lange nachzudenken.
Rispolli breitete bedauernd die Arme aus. "Das geht leider nicht, Randy. Sie arbeitet nicht für mich. Sie gehört dem Schakal."
"Ich will sie." Der große Blonde knallte sein Bierglas auf den Tresen und durchquerte mit Riesenschritten die Bar. Auf dem Tanzpodest verschwand er hinter dem blauen Vorhang.
Er klopfte an eine der Garderobentüren. Erst hinter der zweiten fand er die Tänzerin. Sie saß in ein Badetuch gewickelt vor einem ovalen Spiegel und schminkte sich ab. Ihre blonden Haare steckten unter einer Duschhaube.
"Ich bin ein Freund von Rispolli ...", Halifax mühte sich redlich, seine Geilheit hinter einer krampfhaften Freundlichkeit zu verbergen. "... und ein Freund des Schakals."
Die Frau drehte sich um und runzelte unwillig die Stirn. Sie hatte eine hohe Stirn. "Komm zur Sache, Bursche - was willst du?" Ihre grünen Augen und ihr schmallippiger, großer Mund mit der trotzig vorgewölbten Unterlippe verrieten eine eigensinnige Frau.
Doch für solche Feinheiten hatte Halifax keine Antennen. "Ich will dich, Baby - was sonst?" Mit zwei Schritten war er bei ihr und schob seine riesige Pranke zwischen ihre Brüste.
Sie stieß die Hand von sich und sprang auf. "Verpiss dich, Bursche! Ist mit scheißegal, wer hier wessen Freund ist! Ich such mir die Leute ganz allein aus, denen ich den Arsch hinhalte, kapiert?!"
Er glotzte sie ungläubig an. Dann riss er sie an seinen breiten Brustkorb, presste sie an sich und versuchte seinen Mund auf ihre Lippen zu pressen. Im nächsten Moment brüllte er auf, ließ die Frau los und klappte zusammen. Sie hatte ihm ihr Knie zwischen die Beine gerammt.
"Hilfe!", schrie sie an der offenen Tür. "Hilfe!" Vanessa stand plötzlich im dunklen Gang. Sie drängte sich an ihm vorbei und suchte hinter ihm Schutz.
Halifax wankte aus der Garderobe. Er stöhnte. Mehr vor Wut, als vor Schmerz. "Verfluchtes Miststück! Ich werd' dich ..." Er erkannte seinen Partner und verstummte.
Der ging drohend auf ihn zu. Vanessas dunkle Augen sprühten vor Zorn. So nahe trat er an seinen Partner heran, dass dessen Atem ihm von oben heiß über die Stirn wehte. Er sah zu ihm hinauf. Solange bis Halifax den Blick senkte. "Du kannst so dämlich sein, Randy!", zischte er.
"Verzeihen Sie, Ma'am", Vanessa wandte sich zu der Frau um. "Es wird nicht wieder vorkommen. Ich entschuldige mich für meinen Freund und garantiere Ihnen, dass sich in Zukunft benehmen wird."
Sie funkelte Halifax böse an und verschwand wortlos in ihrer Garderobe.
"Die Frau arbeitet eng mit dem Schakal zusammen, du blöder Hund!", schimpfte Vanessa, als sie ein paar Minuten später wieder in Randys Corvette saßen. "Sharon Cellar heißt sie, 'ne ziemlich große Nummer. Kostet mehr als zweitausend die Nacht. Also vergiss sie." Er guckte Halifax giftig an. "Kapiert?" Der andere brummte irgendetwas Zustimmendes. "Und jetzt gibst du mir dein Handy." Vanessa griff in die Außentasche des Jacketts seines Partners und angelte das Mobiltelefon heraus.
"Rufst du den Schakal an?" Vanessa nickte und tippte eine Brooklyner Nummer ein.
Eine Männerstimme meldete sich. "Ihr Mitarbeiter Rispolli will sich selbstständig machen, Mr. Nocheese. Er hat uns zehn Prozent geboten." Schweigen am anderen Ende.
Dann: "Was halten Sie davon, Paulie?"
"Wir stehen auf Ihrer Gehaltsliste, Mr. Rispolli", sagte Vanessa ungerührt, "und wir stehen auf der Gehaltsliste der New York City Police. Ich denke, das reicht." Er bemerkte den enttäuschten Blick seines Partners neben sich am Steuer.
"Ich habe keine andere Antwort von Ihnen erwartet, Paul."
"Ich bin noch nicht fertig", Vanessa bedeutete Halifax mit einem Blick auf den Tacho, die Geschwindigkeit zu drosseln. Er gehorchte. "Irgendwann wird Rispolli uns erpressen. Und spätestens dann ist er auch ein Unsicherheitsfaktor für Sie."
"Ich verstehe, Paul. Erledigen Sie das für mich."
Gleich darauf rief Vanessa in Rispollis Kneipe an. "Okay, Nickie - ich hab mir's überlegt. Wir steigen bei dir ein. Für zehn Prozent. Sag rechtzeitig Bescheid, wann die Sache starten soll ..."