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Erst um die Mittagszeit brachte Ronald Brookman wieder einen klaren Gedanken zustande. Und sein erster Gedanke war so niederschmetternd, dass er sich die Decke über den Kopf zog und zu heulen anfing. Sharon hatte ihn ausspioniert ... Ihr Brief war ein Trick, um sich nach erfolgreicher Spionage ans Werk zu machen ...
Die Erkenntnis war so schmerzhaft, dass Brookman laut aufschrie unter seiner Decke. Sie hatte die verliebte Schmusekatze gespielt, um einen Weg in die Tresorräume auszukundschaften!
Ihm fiel ein, wie er sie durch die Räume der Bank geführt hatte, wie sie hinter ihm gestanden hatte, als er die Zahlenkombinationen eintippte. Und sein Schlüsselbund fiel ihm ein - die ganzen Tage in Florida hatte er es nach alter Gewohnheit mit sich herum geschleppt. Nachts steckte es in der Tasche seines Jackett. Und seine Jackett hing am Schlafzimmerschrank, während er schlief. Und sie hatte die ganze Zeit neben ihm gelegen ...
Wie die Lösung der einfachsten Mathematikaufgabe, wie ein stechend scharfes Schwarz-Weiß-Bild stand die Wahrheit vor ihm - klar, banal und grausam. So grausam, dass er glaubte, sie würde ihn ersticken.
All die wunderbaren Stunden mit Sharon fielen ihm ein - die Gespräche, die Vertrautheit, die Zärtlichkeiten, der Sex ... alles Lüge, alles kalkulierter Betrug, alles eiskalte Strategie.
Jeder Gedanke, der dem grausamen Bild einen neuen Mosaikstein hinzufügte, eine neue Variante der Verlogenheit aufdeckte, traf ihn wie ein Hammerschlag. Schreiend lag er unter seiner Decke und biss sich vor Scham und Enttäuschung in den Ballen seiner rechten Hand.
Und noch ein anderes Gefühl mischte sich in das rotierende Chaos, das ihm schier sein Hirn bersten ließ, ein Gefühl, dass Ronald Brookman so gut wie gar nicht kannte: Wut. Mit wachsender Wut wurde er ruhiger.
Irgendwann kroch er nass geschwitzt unter seiner Decke hervor und verlangte den Arzt zu sprechen. Er ließ sich auf keine Diskussion ein und forderte seine Entlassung so vehement, dass man ihm schließlich ein Formular zur Unterschrift vorlegte, das den Arzt von jeder Verantwortung entband.
Er rief Hong an, damit der ihn abholte. Danach duschte er und wartete im Foyer auf den Chinesen. Der betrachtete ihn besorgt, als er ihm die Tür in den Fond seines Lincolns aufhielt. Die Nachricht von dem Bankraub, hatte auch den Koch tief erschüttert. Und auch er hatte gründlich über alles nachgedacht.
Schweigend saß Brookman auf der Rückbank seiner Limousine und grübelte. Auf keinen Fall würde er der Polizei von Sharon erzählen. Niemals! Das würde seine Kränkung verdoppeln. Und er hatte schon mehr einstecken müssen, als er vertragen konnte.
Langsam reifte der Gedanken in ihm, sich zu erschießen.
In seinem Haus holte eine neue Flasche Cognac aus dem Keller und schenkte zwei Gläser voll ein. Er merkte nicht, dass sein Koch ihn keinen Augenblick aus den Augen ließ. Sie stießen an und tranken. Brookmans Gedanken kehrten zu der Pistole zurück, die er oben in seinem Nachttisch aufbewahrte.
"Mr. Brookman", sagte Hong plötzlich. Brookman horchte auf. Die Stimme seines Kochs klang so, als hätte er ihm etwas Wichtiges zu sagen. "Ich habe Mrs. Cellar gesehen."
Ein heißes Kribbeln stieg Brookman aus dem Bauch in den Brustkorb. "Wo?", keuchte er.
"Vor einem Hotel in Chelsea", der Chinese stellte das Glas ab. "Ich habe dort angerufen. Unter einem Vorwand. Sie wohnt dort. Zimmer 112."