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Herbert Moriga zog das weiße Hemd aus der Zellophanverpackung. Sorgfältig entfernte er die Stecknadeln, mit denen Ärmel, und Manschetten an Brust- und Rückenteil befestigt waren.

Er schlüpfte hinein und knöpfte es zu. Neben der zerrissenen Verpackung dampfte die Gitane im Aschenbecher. Herby steckte sie zwischen die Lippen und verschwand im Bad. Vor dem Spiegel versuchte er einen Krawattenknoten hinzukriegen.

Bruce Striver, der bisher schweigend in einem Sessel vor dem Fenster gesessen hatte, erhob sich und lehnte sich gegen den Türrahmen der Badezimmertür. Er war schon fertig angezogen: Groß kariertes sandfarbenes Sportsakko, rostrotes Polohemd mit grellbunter Krawatte, schwarze Baseballkappe mit eingearbeitetem Schleier, und weiße Lederschuhe, wie sie in Arztpraxen oder medizinischen Bädern verwendet werden.

Es war kein Kunststück gewesen, die Einzelheiten aus Trisha herauszuholen. Sie schwärmte im Augenblick geradezu von der Arbeit ihres zweiten Liebhabers. Und was sie während des Überfalls nicht selbst beobachtet hatte, ergänzte sie durch die wenigen aber hilfreichen Fakten, die sie von diesem Special Agent erfahren hatte.

"Ich bin froh, dass du den Job im Tresorraum übernimmst", sagte Bruce. "Das hätt' ich nicht durchgestanden."

Herby knurrte etwas Unverständliches und reckte das Kinn in die Höhe, um den Knoten zu überprüfen. "So hat die Sache eben einen kleinen Schönheitsfehler. Die Bullen werden sich fragen, warum plötzlich der kleine Breitschultrige in Sonntagsanzug vor dem Tresen auftaucht und der Hagere im sportlichen Outfit den Wachhundjob übernimmt. Aber ein bisschen Verwirrung wird nicht schaden."

Schon während der Planung hatte er gemerkt, wie Bruce nervöser wurde. Als sie den Überfall in seinem Apartment übten, konnte sein ehemaliger Sarge nicht mal mehr das Zittern seiner Hände verbergen. Es gab keine Wahl. Sie mussten die Rollen tauschen. Oder die Sache abblasen. Aber Herbert Moriga war nicht der Mann, der ein Spiel hinwarf, bevor er es nicht gänzlich ausgereizt hatte.

Er griff nach der Parfümflasche und sprühte sich ein. Bruce wedelte die Duftwolke mit den Hände von sich. "Übertreibs nicht, Mensch!", schimpfte er hustend.

Gemeinsam bauten sie die Maschinenpistolen zusammen. Jeder verstaute seine Waffe in seinem Aktenkoffer. "Hier, vergiss das nicht", Bruce wollte Herby das Taschenbuch reichen.

"Quatsch", sagte der, "das musst du doch nehmen. Die Jobs bei einem Überfall kann man schon mal tauschen, Frauen notfalls auch - aber bestimmte Vorlieben, wie zum Beispiel für Bücher, das kann man nicht einfach tauschen!"

Bruce machte ein verdutztes Gesicht. "Stimmt", sagte er schließlich und steckte das Buch in die Außentasche seines Jacketts.

Herby verließ das Apartment eine Viertelstunde nach Bruce. Auf dem Weg zur Metrostation musste er den Hut auf seinem Kopf festhalten, weil ein kräftiger Herbstwind durch die Straßenschluchten Manhattans wehte.

An der sechsundzwanzigsten Straße bestieg er die U-Bahn. Er fuhr nur eine Station weit. Am Madison Square Garden stieg er aus und ging zu dem großen Parkplatz am General Post Office. Dort warteten Bruce und Ronny in einem silbergrauen Toyota-Kombi.

"Auf geht's!" Herby ließ sich auf die Rückbank fallen. "Teufel auch!" Er rümpfte die Nase. "Was für ein widerlicher Gestank!" Bruce drehte sich grinsend um und deutete hinter die Rücklehne des Fahrersitzes. Herby folgte seinem Finger mit den Augen: Im Fußraum neben sich eine große Plastiktüte – halb voll mit Pferdeäpfeln.

"Wo hast du den denn her?", knurrte er.

"Rennbahn." Ronny verzog keine Miene. Er fädelte sich in den Vormittagsverkehr ein und steuerte den West Side Highway an.

"Und den Wagen?", fragte Herby misstrauisch.

"Avis in Baltimore. Ein Kumpel hat ihn für mich angemietet. Mit falschen Papieren."

Herby nickte anerkennend. Der langhaarige Bursche war ihm kein bisschen sympathischer geworden. Aber er verstand seinen Job, das musste man ihm lassen. Auch die Organisation der Maschinenpistolen hatte er ohne Schwierigkeiten gemeistert.

Während sie den West Side Highway nach Süden herunterfuhren, betrachtete Herby das Profil des jungen Mannes. Er hatte sich die Haare unter einer grauhaarigen Perücke gestopft und eine Sonnenbrille aufgezogen. Mehr hatte Trisha nicht über den Fahrer der Bande erzählen können. Trotz ihrer professionellen Informationsquelle nicht.

Eiterpickel bedeckten den Hals und die untere Wangenpartie des Burschen. Auch zwischen den Bartstoppeln erhoben sich entzündete Stellen. Ekel schüttelte Herby. Und plötzlich wusste er, warum er diesen Ronny ablehnte - weil er der lebendige Beweis dafür war, dass Herbert Moriga sich auf die Stufe eines gewöhnlichen Kriminellen herabbegeben hatte.

Herby schob den Gedanken beiseite. Inzwischen war der Highway in die Eleventh Avenue übergegangen. Keiner der Männer sprach ein Wort. Trisha schob sich wieder in Herbys Gedanken. Sobald die Sache hier ausgestanden war, würde er sie vor die Entscheidung stellen. Es war unter seiner Würde, eine Frau mit einem anderen Mann zu teilen. Auch wenn es bis jetzt ganz praktisch gewesen war.

Die Avenue ging in die West Street über. Herby sah auf die Uhr: kurz vor zehn. In knapp zwanzig Minuten würden sie die Gegend um die New York Traffic Bank erreicht haben. Er lehnte sich zurück und ging den Auftritt noch mal Schritt für Schritt durch.

Plötzlich fiel ihm auf, dass Bruce sich ständig mit einem Tuch über die Stirn fuhr. Herby neigte sich nach links, bis er das Gesicht seines ehemaligen Sergeants im Rückspiegel sehen konnte. Der Schweiß stand ihm in dicken Perlen auf der Stirn.

Jetzt erst merkte Herby, dass sein neues Hemd unter den Achseln nass war. Er lüftete die Anzugjacke und schnüffelte. Trotz des intensiven Parfümdufts konnte er den säuerlichen Geruch seines Schweißes riechen. "Du hast ja Angst, Herby", dachte er verwundert.

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