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Wenn Herby später an diesen Freitag zurückdachte, schüttelte ihn jedes Mal ein kalter Schauder. Es war einer der schwärzesten Tage seines Lebens. Schlimmer als der, an dem er seine anderthalb Finger verloren hatte. Viel schlimmer.
Es begann damit, dass ihn Trisha frühmorgens aus den Federn holte. Gnadenlos ließ sie kurz nach sieben das Telefon läuten. Immer wieder, bis er nach fast zehn Minuten endlich das Kissen von seinem Kopf riss und fluchend den Hörer abnahm. "Guten Morgen, Herby, ich weiß, dass ich dich geweckt habe."
Ihre Stimme machte ihn hellwach. Sie klang anders als sonst. Ernster, konzentrierter. "Trisha?" Es musste schon etwas Wichtiges sein, wenn sie ihn vor der Arbeit anrief.
"Ich hab dir was zu sagen, Herby - ich gebe Milo nicht auf. Entweder du nimmst mich wie ich bin, oder du lässt es bleiben." Sie schwieg. Er hörte ihren Atem. Und spürte, dass ihr diese Sätze nicht leicht fielen. Ihn überraschten sie. Herby hätte schwören können, dass Trisha den Bullen sausen ließ. "Ich mag vielleicht manchmal ein bisschen naiv wirken, Herby. Aber ich lass mich in keinen Käfig sperren. Auch in keinen goldenen." Dann legte sie auf.
Herby warf den Hörer über den Nachttisch hinweg auf den Boden und hörte wie das Telefon mit heruntergerissen wurde. Er ließ sich seufzend in sein Bett zurückfallen. "Bullshit!" Er tastete nach der Zigarettenschachtel neben dem Bett auf dem Teppich und zündete sich eine an. Grübelnd lag er auf dem Rücken und stierte in die zur Decke steigenden Rauchkringel.
Trishas Entscheidung schmerzte ihn. Nicht nur, weil er sich in seiner Eitelkeit gekränkt fühlte. Nein - weil er in sie verliebt war. Und durch ihre Entscheidung war sie ihm noch liebenswerter geworden. "Ich Idiot! Hast sie für käuflich gehalten!"
Er verfluchte sich für die Arroganz, mit der er sie vor die Entscheidung gestellt hatte. "Wie ein kleines Kind, das man mit Schokolade zu locken versucht", murmelte er.
Und er verfluchte den FBI-Agenten, der ihr den Kopf verdreht hatte. Plötzlich verspürte er eine wilde Lust, sich mit dem Mann zu prügeln. "Das wird Trisha-Mädchen wenig beeindrucken", dachte er seufzend. "Aber vielleicht würde es mich erleichtern." Er setzte sich auf und drückte die Gitane aus.
Unschlüssig sah er sich in der Küche um. Nein - keine Lust, Kaffee zu machen. Er entschloss sich, auswärts frühstücken zu gehen. In seiner Bar in Upper Midtown.
Ohne zu duschen schlüpfte er in seine Kleider und nahm seinen Trenchcoat von der Garderobe. Im Hinausgehen fiel sein Blick auf die Holztruhe unter dem Garderobenspiegel. Heute Abend würde er sich mit Ronny und Bruce treffen. Die beiden wollten ihren Anteil.
Mit der Metro fuhr er hinüber in die Upper Midtown. Der Blick in die Zeitung versöhnte ihn vorübergehend - die Polizei fahndete intensiv nach der sogenannten >Schleierbande<.
Das Frühstück zog sich hin, und Herby tat etwas, wozu er sich selten hinreißen ließ - er trank Whisky vor dem Mittagessen. Und nicht nur einen. Der Frust hatte sich ihm bleiern aufs Gemüt gelegt. Missmutig schloss er am frühen Nachmittag die Haustür zu seinem Apartmenthaus auf.
Im Briefkasten fand er einen Stapel Post. Während der Aufzug ihn in das fünfte Obergeschoss transportierte, sah er die Briefe durch. Rechnungen vor allem. Urlaubsgrüße von einem alten Freund, und Werbung. Und ein Brief ohne Absender.
Kaum in seiner Wohnung, riss Herby den Brief auf. Während er las, breitete sich ein Eisschauer über seinen Hirnhäuten aus. Bis in den Brustkorb hinunter rieselte die Kälte. Herby ließ sich stöhnend auf seine Couch sinken und las ein zweites Mal:
"Leben und leben lassen, Mr. Moriga. Ich denke, das ist ein Prinzip, auf das wir uns einigen können. Wenn Sie das genauso sehen, wird es Ihnen sicher nicht schwer fallen zweihunderttausend Dollar an einen Menschen zu zahlen, der sich für das >Leben-lassen< entschieden hat. Im Hinblick auf ihre Person meine ich. Mit der Finanzierung werden sie sicher weniger Sorgen haben, als Sie es hätten, wenn das FBI plötzlich vor Ihrer Tür steht. Und achthundertneunzigtausend Dollar scheinen mir doch ein solides Fundament zu sein, oder? Mit der Übergabe stelle ich mir das folgendermaßen vor ...<
"Ich werde wahnsinnig", stöhnte Herby, "ich werde wahnsinnig ..." Erpressung, das war das Letzte, womit er gerechnet hatte. Der Schock hatte ihn wieder hellwach gemacht. Keine Spur mehr von dem faden Whiskyschleier in seinem Kopf. "Wer will mich hier in die Pfanne hauen? Trisha? Bruce? Oder Miller?" Sollte der ihn doch erkannt haben? Er nahm den Brief hoch und las weiter:
>... Sie gehen morgen um vier Uhr nachmittags in das Intrepid Sea, Air & Space Museum auf dem Flugzeugträger auf dem Hudson. Dort wird zurzeit ein alter Bomber ausgestellt, eine Boing B 17 G, Baujahr 1941. Die Geschützkuppel ist zugänglich. Und genau dort legen sie das Geld unter den Gefechtsstandsessel und verschwinden wieder. Um alles weitere kümmere ich mich dann, keine Sorge ...
"Du Mistkerl", zischte Herby, "du verdammter Mistkerl!" Wie ein Tiger im Käfig lief er in seinem Apartment zwischen Fensterfront und Flur hin und her. Immer wenn er das Fenster erreichte und in den verhangenen Herbsthimmel blickte, stieß er einen Fluch aus. Keine Spur mehr von dem jungenhaften, sympathischen Grinsen auf seinem kantigen Gesicht.
Irgendwann schnappte er sich die Whiskyflasche aus seiner Bar und warf sich aufs Bett. Den Kopf gegen die Wand gelehnt, eine Gitane zwischen den Lippen, trank er aus der Flasche und brütete vor sich hin.
Der Whisky dämpfte seine Zuversicht noch weiter, und Herby wurde immer missmutiger. Er schmiedete abwechselnd Mordpläne gegen Trisha, Miller und den FBI-Agenten. Und manchmal sogar gegen Bruce.
So schlichen die Stunden bis zum Abend dahin, kein annähernd realistischer Plan formte sich in seinen Hirnwindungen. Das Telefon riss ihn schließlich aus seiner dumpfen Melancholie. Aber nur für wenige Sekunden. Bruce war am Apparat. Und der heisere und hohle Klang seiner Stimme war schon ein Vorbote der nächsten Hiobsbotschaft. Und noch nicht mal der letzten dieses rabenschwarzen Tages.
"Ronny ist tot."
Herbys Kinnlade fiel herunter. Seine Augen wurden schmal. In seinem Kopf schien sich etwas zusammenzukrampfen.
"Herby? Bist du noch dran?"
"Wie tot ...?" Herby wusste selbst wie blöd seine Frage klingen musste.
"Verflucht!", grinste Bruce heiser. ">Wie tot< ... Er ist tot, verdammt! Tot! Tot! Tot! Irgendjemand hat ihm die Gurgel durchgeschnitten!"
Keine Frage: Bruce' Nerven lagen blank. Es hörte sich ganz so an, als hätte er Angst. "Hast du 'ne Idee?" Herby spürte, wie seine Stimme brach.
"Die Leute, über die er das Werkzeug besorgt hat, haben mir einen Tipp gegeben. Aber nicht am Telefon."
"Ich hol' dich ab." Herby legte auf. Mit gerunzelter Stirn und aus schmalen Augen stierte er in den vollen Aschenbecher auf seinem Nachttisch. Verwirrt fuhr er sich über den stachligen Schädel. Der Erpresserbrief, Trisha, Miller, und der unsympathische Ronny sollte tot sein ... Seine Gedanken fuhren Karussell.
Er schüttelte sich. Ab ins Bad, eine kalte Dusche, fünfzehn Minuten später stapfte er durch den Abend. Kein freies Taxi zu sehen - er eilte zur nächsten Metrostation und fuhr Richtung Süden.
Er brauchte über eine Stunde, bis er oben in der nördlichen Bronx das Wohngebiet erreichte in dem sein ehemaliger Sarge wohnte. Gleich als er in seine Straße einbog, sah er die Bescherung: Ambulanzwagen, Streifenwagen, zivile Fahrzeuge, Menschenansammlung vor einem der Häuser.
Es war auf diese Entfernung nicht auszumachen, dass es sich um den Mietblock handelte, in dem Bruce seine Wohnung hatte. Trotzdem schien sich ein schwerer Vorhang über Herbys Brustkorb auszubreiten. Mit weichen Knien setzte er seinen Weg fort. Nicht ohne sich eine Gitane in den Mund zu stecken.
Natürlich war es das Haus von Bruce. Sie hatten den Vorplatz noch nicht mit gelbem Band abgesperrt und Herbert gelangte ungehindert bis ins Treppenhaus.
Was auch immer hier vorgefallen war - es war erst vor Kurzem geschehen. Die Cops hasteten noch ziemlich kopflos herum, eine organisierende Einsatzleitung schien noch nicht zu existieren, niemand fragte ihn, was er hier zu suchen hätte.
Herby stapfte zielstrebig die Treppe hinauf. Als würde er in diesem Haus wohnen. Cops kamen ihm entgegen, Polizisten in Zivil überholten ihn, es wurde geschrien und geflucht.
Die Tür zur Wohnung des Sarge stand weit auf. Herby verlangsamte seinen Schritt. Uniformierte Rücken versperrten die Sicht in die Wohnung. Die Cops schienen sich um etwas zu scharen, was im Flur der Wohnung auf dem Boden lag. Etwas, das für die angespannte Stimmung verantwortlich war, die im Treppenhaus vibrierte.
Einer der Cops drehte sich um, machte einen großen Schritt aus der Wohnung und drängte sich an Herby vorbei die Treppe hinunter. Für einen kurzen Moment war der Blick auf Bruce freigegeben - mit seltsam verdrehtem Kopf und weit von sich gestreckten Gliedern lehnte er gegen die Wand seines Flurs. Ein breiter Schlitz klaffte in seinem Hals, und vom Kragen seines ausgebleichten Jeanshemdes bis hinunter an seinen Hosenbund zeichnete sich ein große, hellroter Fleck ab.
Ein Cop drehte sich nach Herby um. "Bitte weitergehen", sagte er in geschäftsmäßigem Tonfall und wies auf die Treppe.
Herbys Beine wären sowieso weitergegangen. Sie gingen, ohne dass er sie noch steuern konnte. Den Blick starr vor sich auf die ausgetretenen Stufen gerichtet, kletterte er das Treppenhaus hinauf, bis nichts mehr ging.
An der Speichertür ließ er seine Stirn gegen das kühle Türblatt fallen und schloss die Augen. Gleichzeitig fummelte er die Zigarettenschachtel aus der Tasche seines Trenchcoats.
Er drehte sich um und rutschte an der Tür entlang auf den Boden. Dort blieb er hocken und rauchte. Trisha verloren, einen Erpresser im Nacken und jetzt schien es auch noch jemand auf sein Leben abgesehen zu haben.
Herby hatte plötzlich das Gefühl, dass der geniale Banküberfall ihn unter Umständen mehr kosten könnte, als nur anderthalb Finger ...