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Mit glänzenden Augen und offenem Mund starrte Terry Anderson auf den Bildschirm. "Geil", grunzte er heiser. Ein Hardcoreporno flimmerte über die Mattscheibe. "He, Typ!" Mit der flachen Hand schlug er dem Mann rechts neben sich auf den Brustkorb. "Man traut dir solche Sauereien gar nicht zu!" Er lachte wiehernd und griff in die Gummibärentüte auf dem Schoß seines Nachbarn. "Wo hast du den geilen Schweinestreifen her?"
Der andere zuckte mit den Schultern. "Beziehungen. Kein Problem für mich", sagte er. Gleichzeitig tastete seine rechte Hand nach der Unterkante seines zerschlissenen Sessels. Während er mit einem fast scheuen Lächeln nach dem schwarzen Hals des jungen Terry schielte, zog er Stück für Stück eine Krawatte aus dem Federkern des an der Unterseite aufgeschlitzten Sitzes.
"Oh, Mann, oh, Mann!" Terry schnalzte vor Entzücken mit der Zunge und schnappte sich die Fernsteuerung von der Weinkiste, die ihnen als Tisch diente. "Die Szene muss ich mir noch einmal 'reinziehen!"
Er spulte die Videokassette zurück. "Wenn man dich zum ersten Mal sieht, möchte man schwören, dass du einer von den Typen bist, die Briefmarken sammeln und sonntags im Central Park ihr Modellboot über den Lake tuckern lassen!" Er grinste breit und boxte seinen Nachbarn freundschaftlich gegen die Schulter.
Der verzog sein schwarzes Kindergesicht zu einem verlegenen Grinsen. "Ich mach mal'n bisschen Musik." Er stopfte die Krawatte in seine rechte Hosentasche und stand auf. Die Musikanlage stand auf zwei Obstkisten neben der grauen Metalltür des kahlen Kellerraumes. Er bückte sich und schob eine silberne Scheibe in das CD-Fach. Sekunden später lärmte Elektrik Funk Music aus den Boxen. "Was zu trinken?", rief er laut, um die Musik zu übertönen.
"Klar, Mann."
"Whiskey?"
"Bloß nicht", Terry ließ seinen Auge keinen Augenblick von dem Sexfilm. "Wenn mein Alter das riecht, schiebt er 'nen Aufstand."
Der Mann mit dem Kindergesicht bückte sich zu der Flaschenbatterie neben der Musikanlage und angelte eine große Flasche Cola heraus. Langsam ging er zurück zu Terry.
>Play that funky music till I die ...<, griente es aus den Boxen.
"Hey, wenn ich das Sidney erzähle", rief Terry, ohne sich umzusehen. "Der wird solange nerven, bis ich ihn mal mitnehme in dein cooles Kellerloch." Er nahm die Flasche, die der andere ihm über die Schulter schob. "Ich darf ihn doch mal mitbringen, oder?"
"Bring ihn ruhig mit", die Stimme des Mannes hinter ihm war eine Spur heiserer geworden. Aber das merkte Terry nicht. Und weil seine gierigen Augen jede Bewegung der nackten Leiber auf dem Fernsehschirm aufsogen, hatte er keine Zeit, sich nach seinem Gastgeber umzusehen. Sonst wäre ihm aufgefallen, dass dessen Unterlippe bebte und seine Augen sich unnatürlich geweitet hatten.
"Weißt du - Sidney ist mein bester Freund ..."
Der Mann mit dem Kindergesicht griff in seine rechte Hosentasche und zog die Krawatte heraus. Sie war aus dunkelblauem Wildleder. Aber Farbe und Stoff waren kaum noch zu erkennen, und sie sah so abgewetzt und speckig aus, als hätte er sie in dem Abfallkübel eines der indischen Restaurants an der südlichen East Sixth Street gefunden. Er wickelte ihre beiden Enden je einmal um seine Handgelenke und hob sie langsam und mit zitternden Händen über den Rastalockenkopf des jungen Burschen.
"Du musst nämlich wissen: Sidney ist ein ganz scharfer Hund - er hat schon mal versucht in die Peep-Show unten an der zehnten Straße gegenüber vom Tompkins Square Park ..."
Ein würgendes Stöhnen schnitt den Satz jäh ab. Blitzschnell hatte der Mann hinter ihm die gestraffte Krawatte um seinen Hals geschlungen und zog mit aller Kraft zu. Und er konnte in solchen Augenblicken, auf die er tagelang zufieberte, eine fast dämonische Kraft entwickeln.
Terry ließ die Colaflasche fallen, versuchte nach dem schmalen Stoffstreifen an seinem Hals zu greifen und wand sich strampelnd in seinem Sessel.
Der Mann mit dem Kindergesicht warf sich über die Sessellehne auf ihn, die Brille rutschte ihm von seiner Stupsnase, fiel auf die ausgefaserte Bastmatte vor den beiden alten Sesseln, und er umklammerte Terrys wild zuckenden Körper mit seinen kurzen Beinen.
So heftig zog er an den beiden Enden der Krawatte, dass seine Arme bebten. Schweiß trat auf seine Stirn, und er keuchte und ächzte, als müsste er eine Waschmaschine in den sechsten Stock schleppen.
Terrys Gegenwehr erlahmte, und schließlich erschlaffte sein Körper. Gemeinsam rutschten sie vom Sessel auf die Bastmatte. Die Fernsteuerung polterte auf den Boden. Terrys Mörder blieb schwer atmend auf seinem Opfer liegen, minutenlang.
Irgendwann richtete er sich auf und tastete nach seiner Hornbrille. Die Fernbedienung lag vor Terrys Sessel. Er bückte sich nach ihr und schaltete Fernsehgerät und Videorekorder aus. Aus dem kleinen, blau gestrichenen Schränkchen, auf dem die Videoanlage stand, holte er ein gutes Dutzend langer, weißer Kerzen. Er verteilte sie im Kellerraum und zündete sie nacheinander an.
Am CD-Player drückte er den Wiederholungsknopf und stellte die Musik leiser. >Play that funky music till I die ...<
Vor seinem Sessel ging er in die Hocke, griff unter die Sitzfläche und zog ein abgegriffenes Pfandfindermesser aus dem Federkern des Sessels. Er legte es auf die Weinkiste neben eine der Kerzen.
Nicht weit von der Musikanlage entfernt, in einer der Ecken des fensterlosen Kellerraumes, stand eine riesige, ausrangierte Kühltruhe aus den siebziger Jahren. Der Mann öffnete sie und holte eine fleckige Kunststoffplane heraus. Er schob die beiden Sessel beiseite und breitete sie aus.
Dann rollte er Terrys Leiche auf die Plane und begann sie zu entkleiden.