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Das Taxi bog in die nächtliche Bagley Ave ein und stoppte vor einer Bar. "Hier?", fragte der Fahrer. Der dunkelhäutige Mann neben ihm nickte. "Dreißig Dollar", der ebenfalls farbige Fahrer zog seine Geldtasche aus dem Hosenbund.
Eine steile Falte erschien zwischen den Brauen seines Fahrgastes. "Dreißig Dollar?" Er drehte sich um und musterte seine beiden Begleiter im Fond des Cabbies. "Habt ihr das gehört, Jungs? Der Komiker hat gesagt >dreißig Dollar<!"
Die beiden schwarzen Gesichter auf dem Rücksitz verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen. "Wahrscheinlich hat er sich versprochen, Jerome", sagte der Größere der beiden, "frag' ihn doch noch einmal, aber bleib höflich."
"Also gut", Jerome wandte sich wieder dem Taxifahrer zu. "Mein Cousin ist ein vernünftiger Nigger, musst du wissen, Bruder, einer der vernünftigsten, die ich kenne." Ein breites Grinsen entblößte seine perlenweißen Zähne. "Er neigt dazu, die Dinge mit dem Kopf und mit dem Mund zu klären, die ich gerne mit den Fäusten regele. Stimmt's Clearence?"
"Klar, Jerome, stimmt genau!" Ein trockenes Lachen kam aus dem Fond des Fahrzeugs.
"Tja, Bruder, und manchmal höre ich auf ihn." Er legte dem Fahrer die Hand auf die Schulter. "Sag uns doch noch einmal laut und deutlich, wie viele Bucks du für die kleine Spritztour vom Flughafen hierher haben willst, ja?"
Der Taxifahrer rutschte nervös auf seinem Sitz hin und her und verdrehte die Augen. "Oh Mann, ihr Arschgeigen! Fragt jeden verdammten Taxifahrer hier in Detroit!" Er deutete durch die Windschutzscheibe auf einen gelben Wagen, der eben zwanzig Meter vor ihnen hielt. "Dreißig Dollar für die Fahrt vom Metropolitan Airport in die Downtown - das ist verdammter Standard in dieser verdammten Stadt!" Er schlug ärgerlich auf das Lenkrad. "Wenn ihr weiße Stinkärsche wärt, würde ich euch um die Uhrzeit sogar fünfunddreißig abknöpfen!" Er stieß ein paar unverständliche Flüche aus und blickte trotzig aus dem Seitenfenster.
"Und wenn du ein weißer Stinkarsch wärst, dann würd' ich dir jetzt deine verdammten ..."
Eine Hand mit einem Zwanziger und zwei Fünfdollarnoten wurde aus dem Fond des Wagens gestreckt. "Hier, Bruder." Der Taxifahrer drehte sich um. Seine Augen wanderten misstrauisch zwischen den Dollars und Jeromes grinsendem Gesicht hin und her. Dann nahm er die Geldscheine, und die Hand fuhr ihm freundschaftlich über sein Kraushaar. "Nichts für ungut, mein Cousin steht immer kurz vor dem Siedepunkt. Hat's nicht so gemeint."
"Der Typ ist Boxchamp in New York City!", meldete sich nun auch der Bursche neben Clearence mit meckernder Stimme zu Wort.
Die drei Männer stiegen aus, und der Taxifahrer fuhr mit quietschenden Reifen an. "Jetzt geht ihm aber die Muffe!", lachte Jerome.
Sie drehten sich zu der Bar hinter ihnen um. "Ist das die Kneipe?", fragte Clearence. Jerome nickte und ging auf den Eingang zu.
Die drei jungen Männer hatten sich am Nachmittag auf dem La Guardia Airport eingecheckt. Jerome Valery und sein jüngerer Bruder Geoffrey hatten ihre Autowerkstatt in Stuyvesant Town zugemacht, und Clearence sein Bike in den Keller gestellt. Er betrieb einen Expresskurierdienst in Manhattan und radelte den ganzen Tag mit einer Kiste voller Briefen und Päckchen durch die Straßenschluchten.
Alle zwei, drei Monate unternahmen die drei solche spontanen Trips. Immer dann, wenn irgendein alter Freund Jeromes aus irgendeiner Metropole anrief und >battletime< meldete. >Battletime< - so nannte Jerome das, wenn es in einer Stadt zu Reibereien zwischen schwarz und weiß kam. Von Bandenkriegen bis zu ausgewachsenen Rassenunruhen - >battletime<. Und ihre Art des Tourismus nannte er >battletrip<.
Jerome war mit sechsundzwanzig der älteste der drei. Clearence und Geoffrey waren zwei Jahre jünger. Durch seine vier Jahre bei der Army hatte Jerome eine Menge Kontakte zu vielen schwarzen Brüdern in allen möglichen Großstädten des Landes.
Der Mann, der gestern in seiner Autowerkstatt angerufen hatte, stand groß und schlaksig an der Theke. Er erkannte Jerome sofort. Mickey ließ er sich nennen, und war der Kopf einer Jugendgang. Sie beherrschte einen beachtlichen Teil von Paradise Valley, dem schwarzen Viertel der Autostadt.
"GM hat dreihundert Jungs entlassen, alles Schwarze", mehr hatte Mickey gestern am Telefon nicht erklären müssen. Jerome wusste sofort, dass so etwas in einem Pulverfass wie Detroit der berüchtigte Funke werden konnte. Und Jerome fand nichts aufregender, als explodierende Pulverfässer. Vorausgesetzt natürlich, er befand sich im Zentrum der Explosion.
"Gimme five, Bruder!" Mit ausgestrecktem Arm kam Mickey ihnen entgegen. Handflächen, Knöchel und Fäuste knallten gegeneinander, und Jerome stellte seinen Bruder und seinen Cousin vor. "Wir machen Stunk heute Nacht", raunte der große Bursche, und bestellte vier Bier.
Darüber, dass General Motors auch hundert weiße Arbeiter entlassen hatte, hatte Mickey gestern am Telefon kein Wort verloren. Es hätte Jerome auch nicht interessiert, genauso wenig wie Geoffrey und Clearence das interessiert hätte.
Auch die Tatsache, dass dreihundert von vierhundert entlassenen Arbeitern so ziemlich genau dem Prozentsatz der farbigen Bevölkerung Detroits entsprachen, hätte sie nicht von ihrem >battletrip< abgehalten. Davon abgesehen, dass allenfalls Clearence ab und zu solche eher komplizierten Überlegungen anstellte.
Die drei Jungens aus New York City interessierten sich ausschließlich für das Chaos, in das solche und ähnliche Anlässe von Zeit zu Zeit führten. Prügeleien mit weißen Gangs, bei denen man jemandem ein Messer zwischen die Rippen schieben konnte, ohne groß aufzufallen. Und wenn eine Straßenschlacht dabei heraussprang - umso besser. Die eine oder andere Plünderung hatten die drei schon angezettelt. Und mit ein bisschen Glück konnte man in dem Durcheinander dann auch eine Frau in die dunkle Ecke irgendeines Hinterhofes zerren.
Mickey kam gleich zur praktischen Seite der bevorstehenden Aktion. "Ein paar Blocks weiter gibt's einen abgefuckten Schuppen, den >City Club<. Ein paar von den weißen Vorarbeitern verkehren dort mit ihren Bräuten. Und die weiße Gang, die uns letzte Woche eine Straße in Paradise Valley abgenommen hat."
Viel mehr wurde nicht geredet. Nach und nach trafen weitere Mitglieder der Gang ein. Nach dem dritten Bier, gegen Mitternacht, folgten sie Mickey aus der Bar. In einer Seitenstraße öffnete er den Kofferraum eines alten Kombis. Jeder, der nicht ausgerüstet war, angelte sich sein Werkzeug aus einem Pappkarton: Schlagringe, Messer, Totschläger, Spraydosen mit Reizgas. Die drei New Yorker griffen nicht zu. Sie waren bestens ausgerüstet.
Die etwa drei Dutzend Männer, alle zwischen achtzehn und dreißig Jahre alt, gingen in Dreier- und Vierergruppen die Bagley Ave hinunter, und verschwanden in Abständen von fünf Minuten in dem schmalen Treppengang, der in den Tanzclub hinabführte.
Unten hämmerte wilde Musik aus den Boxen, und die Stroboskop-Beleuchtung schleuderte ihre Blitze über die Masse der zuckenden Körper auf der Tanzfläche. Drei-, vierhundert Leute befanden sich in dem stickigen Kellerloch, schätze Jerome. Über die Hälfte Schwarze.
Geoffrey zog die bewährte Nummer ab. "Hey, Süße, gönn mir einen Tanz oder ich sterb", er musste schreien, um sich dem weißen Mädchen trotz der Musik verständlich zu machen, und er lachte sie dabei so unschuldig an wie er konnte. Und wenn jemand in Stuyvesant Town unschuldig lachen konnte, dann Geoffrey.
"Verschwinde, siehst doch, dass sie mit mir tanzt", der Partner des Mädchens, ein blonder Hüne, setzte eine grimmige Miene auf.
"Hast du was gegen Nigger?", brüllte Geoffrey.
Wie immer ließ Jerome seinem jüngeren Bruder ein bisschen Zeit, um den anderen zu provozieren. Dann kam sein Auftritt. Er drängte sich zwischen Geoffrey und den Hünen und versetzte dem Mann einen Stoß gegen den Brustkorb. "Du pöbelst meinen Bruder nicht noch einmal an, Saftarsch!"
Fünf Minuten später tobte die übelste Schlägerei. Glas und Holz splitterte, Menschen schrien nach der Polizei, und Männer gingen verletzt zu Boden. Die weißen Gäste waren völlig überrumpelt und hatten nicht die Spur einer Chance.
Viele drängten sich auf die Straße, wo die Prügelei weiterging. Die Polizei griff ein. Aber inzwischen hatte sich eine aufgepeitschte Gruppe von knapp zweihundert Schwarzen gebildet, die marodierend durch Downtown zog. Schaufenster gingen zu Bruch, es fielen Schüsse und ein paar Autos wurden umgekippt und abgefackelt.
Erst gegen Morgen gelang es der Polizei die Gruppe aufzureiben. Die Bilanz der gewalttätigen Nacht: Drei Tote, achtunddreißig zum Teil schwer Verletzte, zwei Vergewaltigungen, und ein halbes Dutzend geplünderte Läden.
Um diese Zeit saßen Jerome, Clearence und Geoffrey längst in einem gestohlenen Mitsubishi Kombi und fuhren auf der Interstate 80 am Eriesee entlang Richtung Cleveland. Von dort aus würden es noch fast siebenhundert Meilen bis nach New York sein.
"Mickey meint, wir sollen nächste Woche noch mal kommen. Bis dahin hat er seine Jungs wieder auf Vordermann gebracht", sagte Clearence. Er steuerte den Wagen.
"Okay - nächste Woche noch ein >battletrip< nach Detroit", Jerome stierte finster in die Morgendämmerung hinaus, "aber dann werde ich mehr als nur einen umlegen." Jemand hatte eine Flasche in seinem Gesicht zertrümmert. Die Nase war geschwollen. Die Schnittwunden hatte Clearence mit ein paar Pflastern zugeklebt.
"Abgemacht", Geoffrey lümmelte allein auf der hinteren Sitzbank. Aus einem gestohlenen, tragbaren CD-Player tönte Rapmusik. "Nächste Woche geht's noch mal nach Detroit!" Er sprach mit seiner typischen, hohen Meckerstimme. "Ich bin schon ganz heiß drauf. Vielleicht wird's doch noch mal so geil wie damals in L.A."
Geoffrey würde nie mehr nach Detroit fahren. Die wenigen Tage, die er noch zu leben hatte, würde er überhaupt nur ein einziges Mal noch aus seinem Viertel herauskommen. Und das, um zu sterben. Er stellte die Musik noch lauter und sang lautstark mit.