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Die Spielhalle war spärlich besucht um diese Zeit: Ein paar Schüler, ein paar Arbeitslose und die beiden Rentner, die fast jeden Tag um diese Tageszeit zum Billardspielen hierherkamen.
Der Mann hinter der Theke lehnte mit dem Rücken gegen den Tresen und starrte auf den Fernsehapparat in einem der oberen Regalfächer.
Die Mittagsnachrichten eines lokalen Fernsehsenders flimmerten über die Mattscheibe. Ein Kommentator berichtete von einem Friedhof aus. Aufmerksam betrachtete der Mann die mehr als hundertköpfige Menschenansammlung vor Zypressen und Ziersträuchern. Er griff hinter sich, wo eine aufgerissene Packung Gummibären auf dem Tresen lag, und stopfte sich eine Handvoll der bunten Süßigkeiten in den Mund. Ein Sarg wurde versenkt. Er kaute schmatzend und tastete wieder nach der Tüte.
"He, Babyface", eine Stimme ließ den Mann zusammenzucken, "schieb mal noch ein paar Quarters rüber." Der Angesprochene drehte sich um und blickte in das Gesicht eines etwa achtzehnjährigen Burschen, dessen Orange gefärbtes Haar stachelartig von seinem bis über die Ohren kahl rasierten Schädel abstand. Während der Punk ihm die Fünfdollarnote reichte, wanderte sein Blick zu dem Bildschirm hinauf. "Ist doch 'ne Sauerei, Ben, oder?" Mit einer Kopfbewegung deutete er auf den Fernseher. "Der Typ war jünger als ich."
Den Blick auf dem Bildschirm versenkte Ben die Fünfdollarnote in der Kasse und angelte eine Handvoll Vierteldollarmünzen heraus. Der Reverend irgendeiner Kirche hatte sich vor dem offenen Grab aufgestellt und hielt eine Rede.
"Schon der vierte", sagte der Punk, "in der Zeitung schreiben sie, dass es ein und derselbe Kerl gewesen ist." Er ließ sich zwanzig Quarters vorzählen. "Hoffentlich erwischen sie ihn schnell. Ich würde mich freiwillig melden, um ihm die Eier abzureißen."
Der Mann hinter dem Tresen sagte nichts. Er sah dem Punk nach, der zu seinen Kumpels an die Wand mit den Videospielen zurückging und nahm sich seine Hornbrille von der schweißglänzenden, schwarzen Nase. Mit einem Taschentuch putzte er sorgfältig die Gläser.
Sein stämmiger, fettleibiger Körper war nicht größer als 165 Zentimeter. Es war kaum möglich, sein Alter annähernd korrekt zu schätzen. Sein schwarzes Kindergesicht wirkte wie das eines Sechzehnjährigen. Da er aber selbst im größten Verkehrschaos nicht mit der U-Bahn, sondern mit einem roten Ford Mustang, Baujahr 1981, zu der Spielhalle seines Onkels in der Lower East Side fuhr, musste er mindestens achtzehn sein.
Nur die beiden Veteranen am Billardtisch kannten sein wirkliches Alter. Sie waren in jüngeren Jahren begeisterte Fans seines Vaters gewesen, der nicht nur hier in South Manhattan, sondern im ganzen Staat New York ein bekannter Box-Champion gewesen war. Und sie wussten, dass Cane Lesley exakt an dem Tag die Landesmeisterschaft im Mittelgewicht gewonnen hatte, als er Vater wurde. Und das war vierundzwanzig Jahre her, zweieinhalb Jahre bevor >Blizzard< Random ihm den Titel wieder abgenommen und ihn für immer k.o. geschlagen hatte.
Ben Lesley setzte die Brille wieder auf und schaute auf den Bildschirm. Immer noch der Bericht über die Beerdigung. Er griff wieder in die Tüte mit den Gummibären. "Ohne dich gäb es diese Bilder nicht", der Gedanke kroch ihm wohltuend aus irgendeinem Winkel seines Hirns ins Gesicht und verzog es zu einem geradezu vergnügten Lächeln.
Er sah die vielen Menschen um das Grab stehen - vor allem die vielen Jungen und Mädchen aus der Highschool - und dachte: "Wenn's dich nicht gäbe, Benjamin Lesley, ständen die jetzt nicht da. Du hast mindestens zweihundert Leute in Bewegung gebracht."
Ein etwa siebzehnjähriger Junge trat aus der Menge - groß, dunkelhäutig, kräftig gebaut und mit Rastalocken. Er hielt einen Basketball vor dem Bauch.
Das Lächeln verschwand von Bens Gesicht, und er stellte den Fernseher lauter. >Sidney Lewis, der Kapitän der Basketballmannschaft der Armstrong-Highschool, wird jetzt im Namen der ganzen Mannschaft ein paar Abschiedsworte für seinen Freund und Mannschaftskameraden sprechen<, tönte die Stimme des Kommentators aus dem Apparat.
"Du wirst uns fehlen, Terry...", sagte der Junge. Tränen liefen ihm über das Gesicht. Bens Augen weiteten sich und seine wulstige Unterlippe bebte. "Du warst in Ordnung, Terry. Wir können nicht begreifen, warum ausgerechnet dir so etwas passieren muss ...", er stockte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Ben tastete nach der Fernbedienung unter der Theke. "Gott wird deinen Mörder strafen!", krächzte der Junge auf dem Bildschirm. Dann ging er in die Hocke und ließ den Ball in das Grab fallen.
Die Kamera fing eine von Weinkrämpfen geschüttelte Frau ein - Terrys Mutter. Ben schluckte trocken, hob die Fernbedienung und schaltete auf einen Musiksender um.
"Hey, Babyface!", protestierte es hinter ihm. Er fuhr herum und sah sich seiner versammelten Kundschaft gegenüber. Sie mussten in den letzten beiden Minuten an den Tresen gekommen sein, um den Bericht über die Beerdigung des Mordopfers zu verfolgen. "Warum zappst du das weg?!" Der mit den orangen Haaren schrie am lautesten. Seinen Augen waren feucht.
"Ich ... ich dachte, ihr hört vielleicht lieber Musik ..."
"Quatsch, Mann! Schalt' um!" Es blieb Ben nichts weiter übrig, als wieder den Nachrichtensender einzuschalten. Der Bericht war gerade zu Ende. Er atmete auf.
Seine Gäste zerstreuten sich wieder und kehrten zurück zu Billardtischen, Videogeräten und Spielautomaten. "Ich verfluche den Tag, an dem New York den elektrischen Stuhl eingemottet hat", brummte einer der beiden alten Männer.