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Am Morgen nach Terrys Beerdigung wachte Sidney schon um sechs Uhr auf. Eine Stunde früher als sonst. Der Fernseher lief. Die Frühnachrichten von CBS zeigten Bilder von einem Waldbrand in Australien.
Sidney war spät in der Nacht vor der laufenden Glotze eingeschlafen. Er hatte wirres, widerliches Zeug geträumt: Terry in der Schule neben ihm, Terry in seinem Blut, Terry in seinem Sarg und ein riesiger, zombiemäßiger Typ, der ihn selbst mit einem Hackebeil verfolgt hat.
Der Junge suchte die Fernbedienung und fand sie schließlich neben seinen Turnschuhen auf dem Teppich vor dem Bett. Er schaltete die Glotze aus und schob sich von der Matratze.
Sein Kopf schmerzte, und ein dumpfer Druck in seiner Brust schien alle Gefühle und Gedanken zu verschlucken. Und spuckte schwarze Steine aus, die sein Gedärm und sein Zwerchfell zusammenpressten: Bleischwere Trauer.
Auch das Licht seiner Schreibtischlampe brannte noch. Minutenlang stand Sidney vor dem Chaos aus Schulbüchern, Heften, CDs, Computerspielen, Kaugummipackungen und Sportzeitschriften. Wie eine wilde Müllhalde häufte sich der Kram auf seinem Schreibtisch. Vorn, auf einer frei geschobenen Fläche, lag ein Blatt Papier und daneben ein Stift.
Davor hatte Sidney gestern Abend gebrütet, zwei Stunden lang. Und kein einziges Wort zu Papier gebracht.
In der Schule wollten sie, dass er einen Nachruf auf Terry schreibt. Für die Schülerzeitschrift. Jeder wusste, dass er Terrys bester Freund ist, und jeder wusste, dass er regelmäßig Gedichte und Kurzgeschichten für die Zeitschrift verfasste. Also war klar gewesen, wer den Nachruf verfassen sollte.
Zwei Stunden hatte er auf dieses leere Blatt gestarrt gestern Abend. Die schwarzen Steine in seinem Inneren hatten sich zu einem Berg aufgetürmt und jeden Gedanken in einen neuen schwarzen Stein verwandelt. Irgendwann war er ins Bett gegangen und hatte sich mit zweieinhalb Nachtfilmen betäubt.
Sidney zog ein schmales Taschenbuch aus dem Durcheinander auf seinem Schreibtisch und starrte das Cover an. >Gedichte, die einer schrieb, bevor er aus dem 8. Stock aus dem Fenster sprang<. Ann hatte ihm den Band von Bukowski vor zwei Wochen zu seinem achtzehnten Geburtstag geschenkt. Er schlug ihn wahllos auf und las. >Finish - Der Leichenwagen kommt durchs Zimmer, mit den Geköpften, den Verschollenen, den ...<
Unten auf der Straße hörte er Motorengeräusch. Das tiefe Brummen des Diesels seines Vaters. Er ging zum Fenster und schob den Vorhang beiseite. Ein uniformierter Mann schloss einen alten, dunkelgrünen 190er Daimler ab. Sidneys Vater kam vom Nachtdienst.
Im unteren Stockwerk knarrte die Haustür des kleinen Reihenhauses der Familie Lewis, das in einer der wenigen besseren Straßen von Stuyvesant Town stand.
Sidney schlüpfte in Jeans, Turnschuhe und T-Shirt und schlich auf leisen Sohlen nach unten - er wollte seine Brüder und seine Mutter nicht wecken.
Vor dem Bleiglas der Haustür zeichneten sich im Halbdunkel des Flurs die Umrisse eines mächtigen Körpers ab. "Hi, Dad", Sidney schlurfte an den Küchentisch und ließ sich auf einen Stuhl fallen.
"Morgen, Junge", Pete Lewis warf seinem Ältesten vom Hausflur aus einen prüfenden Blick zu. Er hängte den Gurt mit seiner Dienstwaffe und seine Schirmmütze mit dem Abzeichen der New York City Police an einen der Garderobenhaken neben der Wohnungstür. Er war Sergeant und hatte eine relativ friedliche Nacht auf seinem Revier in der East Fith Street verbracht.
Während er die Küche betrat, zog er sein blaues Uniformhemd aus und warf es auf die Eckbank neben der Tür. "Du hast schlecht geschlafen, Sid."
Sidney antwortete nichts und sah zu seinem Vater auf, der ihn aufmerksam betrachtete. Das makellose Weiß seines Feinrippmuskelshirts kontrastierte den Glanz seiner schwarzen Haut.
Kaum jemand in seiner Klasse kam so gut mit seinem Alten aus wie er. Abgesehen von den Sticheleien über Sidneys verfilzte Rastalocken und sorgfältig aufgeschnittenen Jeans, gab es eigentlich nur einen einzigen wirklichen Streitpunkt zwischen Vater und Sohn: Während der achtzehnjährige Junge es sich in den Kopf gesetzt hatte, Schriftsteller zu werden, träumte Sergeant Lewis davon, dass sein Sohn einmal in seine Fußstapfen treten und Cop werden würde.
Pete Lewis strich seinem Sohn zärtlich über die schwarze Filzmähne. "Los, mach deinem Dad einen starken Kaffee, ich hab' heute keine Zeit zum Schlafen." Er setzte sich an den Tisch und griff nach der Zeitung. Sidney betrachtete das Muskelspiel unter der schwarzen Haut seiner Oberarme. Sein Vater war ein durchtrainierter Hüne. Allein seine bloße Erscheinung verschaffte ihm in der Regel mindestens so viel Respekt bei seiner Kundschaft wie seine Uniform.
Sidney hatte was gegen Uniformen. Der muskulöse, kraftvolle Körper seines Vaters dagegen erfüllte ihn immer wieder mit Bewunderung. Vor etwa einem Jahr hatte er sich in den Kopf gesetzt, dass es kein Schaden sein könnte, wenn ein zukünftiger Schriftsteller den athletischen Körperbau eines Superbullen vom Schlage seines Vaters hatte. Seitdem ging er mit Terry wöchentlich in ein Fitness-Studio zum Krafttraining. Aber Terry würde nicht mehr mitgehen ...
Das schwarze Gestein in seiner Brust drückte höllisch nach oben. Sid schluckte die Tränen hinunter und stand auf, um die Kaffeemaschine anzuwerfen. Terry würde nicht mehr mitgehen ... Ein neues Gefühl bohrte sich durch die dunkle Trauer, ein Gefühl, das ihn plötzlich hellwach machte: Wut.
Später löffelte er ein paar Cornflakes aus einer roten Schüssel. Er beobachtete seinen Vater, der ihm über den Zeitungsrand hin und wieder verstohlene Blicke zuwarf. Sid war froh, dass er ihn nicht auf seine Gemütsverfassung ansprach. Er wäre sofort in Tränen ausgebrochen.
Er selbst sprach schließlich das Thema an, das seit Ende letzter Woche wie ein Gespenst in jedem Winkel dieses Hauses herumzukriechen schien und allen Bewohnern mit seiner Gegenwart die Kehle zuschnürte.
"Ist Terry vergewaltigt worden?"
Sergeant Lewis ließ die Zeitung sinken. "Nein. Keiner der vier ist vergewaltigt worden. Aber sonst haben die Fälle einige Parallelen. Und auch die Opfer ähneln sich. Lauter gut gebaute, hübsche, schwarze Jungs." Er beugte sich über den Tisch und sah seinen Sohn an. >Wenn du reden willst, rede - ich höre<, hieß das.
Aber Sid wollte nicht reden. Jedenfalls nicht viel. "Ihr werdet dieses Schwein schnappen, versprochen?" Mit schmalen Augen und fast zischend sagte er das.
"Das FBI hat den Fall übernommen. Ich bin sicher, dass sie ihn schnappen werden, Junge."
Kurz darauf drang das nervende Gedudel eines Weckers aus einem der oberen Zimmer. Sid schob die halb volle Schüssel mit den Cornflakes beiseite und stand auf. Was er jetzt am wenigsten brauchen konnte, war das lärmende Geschnatter seiner drei Brüder und den mitleidigen Blick seiner Mutter. Er schnappte sich den Rucksack mit den Schulsachen, der zwischen Eckbank und Küchenschrank lag.
"Du gehst schon?" Sein Vater sah ihn fragend an. "Ist doch erst viertel nach sieben."
"Brauch noch bisschen frische Luft - mach's gut, Dad."
Eine Stunde später, in der Schule, kam der Direktor in den Klassenraum und hielt eine kurze Ansprache. Er könnte verstehen, dass die ganze Klasse wie gelähmt ist vor Entsetzen, und alles wäre sehr traurig, aber das Leben ginge weiter, man würde Terrys Andenken am besten ehren, indem man sich wieder an die Arbeit machte, und man sollte dafür beten, dass der brutale Mörder bald gestellt werden könnte.
Sidney hörte nur mit halbem Ohr zu. Er dachte an Terry, und er dachte an seinen Vater. Die Wut auf den Kerl, der Terry getötet hatte, rumorte in ihm. Stück für Stück hatte sie begonnen, das schwarze Gestein in seiner Brust und in seinem Bauch zu verwandeln: In heiße Glut. Vielleicht war es doch sinnvoller Verbrecher zu jagen, statt Bücher zu schreiben.
>...die Opfer ähneln sich. Lauter gut gebaute, hübsche, schwarze Jungs<, hatte sein Dad gesagt.
"Gut gebaut und leidlich hübsch bin ich auch", dachte Sid, "und schwarz sowieso."
Der Gedanke löste sich nur ganz langsam aus dem glühenden Hass in seinem Bauch, aber er löste sich. Und stieg in seinen Kopf und nistete sich in seinen Hirnwindungen ein.
"Sollen sie beten, dass das FBI dieses Schwein greift", dachte Sidney, "ich schätze, ich kann was Nützlicheres dazu beitragen ..."