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"Du dreckige, fette, kleine Kröte!" Tom Lesley knüllte den Brief der Polizeibehörde zusammen und knallte die halb leere Whiskeyflasche auf den Fernsehapparat. Er drehte auf volle Lautstärke. >Echt super, Mr. Cooper< lief gerade, und das Gelächter aus dem Off dröhnte jetzt durch die kahle Küche. Mit vorgeschobenem Unterkiefer und zu Schlitzen verengten Augen wankte der ehemalige Schwergewichtsboxer auf seinen Neffen zu. Bens Finger bohrten sich in die Armlehnen des Sessels.
Wie immer in dieser Situation schrie alles in ihm >Wegrennen!<, und wie immer wurde er stattdessen stocksteif wie ein Brett. Seitdem er denken konnte, lief das so, seit über zwanzig Jahren, und Ben wusste genau, was weiter geschehen würde.
"Lies das!", brüllte Tom Lesley.
"Ich ... ich hab sie ... gefragt, wie alt sie sind", stammelte Ben fast flüsternd. "Sie, sie ... sie haben behauptet ..."
"Lies das!!", brüllte der alte Lesley und schleuderte den Papierknäuel in das Gesicht seines Neffen.
Mit zitternden Fingern entfaltete Ben das Papier. "Sehr ... sehr geehrter Mr. Lesley", begann er stotternd, "bei ... bei einer ... bei einer Rou... Routine... kon... trolle..."
Mit dem Handrücken schlug Lesley in Bens Kindergesicht. ">Lesen< nennst du das?!" Ben hob beide Arme vor das Gesicht. Der Faustschlag des zwei Zentner schweren und dreiundzwanzig Jahre Älteren traf ihn in die Magengrube. Er sackte nach vorne. Die große Pranke des Betrunkenen packte sein Kraushaar. "Dafür habe ich dich zehn Jahre auf die Schule geschickt, du schmierige Ratte, du!" Er schüttelte Bens Kopf hin und her. Die Brille des Jungen rutschte ihm von der Nase.
"Ich will dir sagen, was hier steht!" Lesley riss ihm den Brief aus der Hand. ">Bei einer Routinekontrolle sind trotz wiederholter Verwarnungen wieder Minderjährige in einer Ihrer Spielhallen angetroffen worden. Sie werden aufgefordert, sich innerhalb von vierzehn Tagen beim zuständigen Polizeirevier in der East Fith Street zu melden<..."
Er bog Bens Kopf tief in den Nacken zurück. So weit beugte er sich über ihn, dass seine Nase fast die seines Neffen berührte. "Was glaubst du, was ich mit dir mache, wenn ich meine Konzession verliere ...", zischte er, und sein Whiskeyatem wehte in Bens bebende Nasenflügel.
Diese Augenblicke verabscheute er am meisten. Manchmal träumte er von ihnen - von dem warmen Ekelhauch, von den kalten, blutunterlaufenen Augen, von dem Speichel seines Onkels, der aus seinen wulstigen Lippen über sein Gesicht spritzte. Aber sie waren nur das Vorspiel zur eigentlichen Hölle.
Bens Magen krampfte sich zusammen. Nur einmal hatte er gewagt, bei solch einer Gelegenheit zu kotzen. Das war mehr als zwölf Jahre her. Danach hatte sein Onkel ihn so übel zugerichtet, dass ihn erst Hunger und Durst nach drei Tagen wieder aus dem Bett getrieben hatten. Seitdem schluckte er den sauer aufsteigenden Mageninhalt hinunter.
"Komm, du Ratte ...", gefährlich leise sprach Tom Lesley jetzt. Er zog seinen Neffen an den Haaren aus dem Sessel und schleppte ihn durch die schmuddelige Küche durch einen grauen Vorhang ins Bad. Vor dem Spiegel blieb er mit ihm stehen.
Seine Rechte in Bens Haar ballte sich zur Faust. Ben riss die Augen auf, sein Körper bog sich nach hinten. "Sieh in den Spiegel, du schwule Kröte!" Lesley zog ihn am Haarschopf nach oben, bis der klein gewachsene Ben sein Gesicht und seinen Oberkörper im Spiegel sehen konnte. Dazu musste der junge Mann mit dem Kindergesicht sich strecken und auf die Zehenspitzen stellen.
"Und jetzt sag deinen Spruch", flüsterte Tom Lesley ganz nah an Bens Ohr. Bens Lippen bebten, er würgte und keuchte. "Los!", brüllte Lesley und griff mit seiner Linken zwischen Bens Beine.
"Ich bin ein Stück Scheiße", wimmert Ben mit verwaschener Stimme, "ein schwuler Fettkloß ..."
"Weiter ...!"
"Mein Vater würde sich im Grab umdrehen, wenn er mich sehen könnte, meine Mutter würde mich eigenhändig erschießen ..."
Tom Lesley stieß ihn durch den Vorhang zurück in die Küche. Er zog seinen Gurt aus der fleckigen, braunen Cordhose. Breitbeinig und mit großen Schritten ging er aus dem Bad. Die halbe Flasche Whiskey des Vormittags schien plötzlich wie weggeblasen aus seinem Hirn.
Ben lag bäuchlings auf dem alten Teppich und starrte zu seinem Onkel hoch. Mit einer Kopfbewegung deutete der auf den Sessel. Ben kroch zum Sessel und zog die Hosen herunter. Was jetzt geschah, war nicht mehr schlimm. Jedenfalls nicht mehr, seitdem sein Onkel keinen mehr hoch bekam und nur noch prügelte.
"Wie viel?"
"Zehn", flüstere Ben und vergrub das Gesicht in den Händen.
Zehn Hiebe mit dem Gurt gingen auf das nackte, striemige Gesäß nieder. Tom Lesley ächzte jedes Mal, wenn er erneut ausholte. Ben zählte in Gedanken mit. Er empfand kaum noch Schmerzen. Irgendwie hatte er das im Laufe der Jahre gelernt.
Später fummelte Tom Lesley den Gurt zurück in die Schlaufen seiner Hose. "Cane wär' mir dankbar", grunzte er, ">mach einen Mann aus dem schwulen Fettsack< würde er sagen." Er griff sich die Whiskeyflasche, stellte das Gelächter in der Glotze leiser und ließ sich in die Couch vor den Fernseher fallen.
Ben zog sich die Hosen hoch und schlich aus der Wohnung. Das Zittern seiner Knie war kaum unter Kontrolle zu bringen. Er stieg in seinen roten Ford Mustang und schaltete das Autoradio ein. Aus dem Handschuhfach kramte er eine Tüte Gummibären. Hastig riss er sie auf und stopfte sich gleich zwei Dutzend auf einmal in den Mund.
Kauend und schmatzend brütete er vor sich hin. Wie immer nach solchen Strafaktionen, fühlte er sich ausgebrannt und leer. Und wie immer nahm er sich vor, seinen Onkel umzubringen, oder wenigstens das Haus anzuzünden. Und wie immer danach wusste er, dass er nicht einmal den Mut aufbringen würde wegzulaufen.
Als Kind hatte er einmal die Hauskatze des Mannes aufgeschlitzt. Damals hatte seine Mutter noch gelebt, und er wurde gleich zweimal durchgeprügelt. Vor sechs Jahren hatte er den alten Schäferhund des Onkels erdrosselt. Der wusste bis heute nicht, auf wessen Konto der Tod seines einzigen Freundes gegangen war. Seitdem träumte Ben davon, seinen Onkel zu töten ...
Ein unsichtbares Band kettete ihn an seinen Ersatzvater. Ein Band aus Angst und Hass und Gewohnheit. In Bens Bewusstsein war es vor allem die materielle Abhängigkeit von seinem Onkel, die ihn daran hinderte wegzulaufen: Die zwei Zimmer im Keller, der Job, das Auto, das auf den Namen >Tom Lesley< angemeldet war.
Über eine Stunde lang saß Ben in seinem Auto. Zwei Tüten Gummibären stopfte er während dieser Zeit in sich hinein. Er sah auf die Uhr. Noch drei Stunden Zeit, bevor er seinen Kollegen in der Spielhalle ablösen musste. Zeit genug für einen kleinen Ausflug nach Stuyvesant Town.
Er ließ den Wagen an und schob eine Kassette in den Rekorder. >Play that funky music till I die...<. Er stellte auf volle Lautstärke und fuhr nach Norden auf die East Houston Street und bog dann in die Ave C Richtung Stuyvesant Town ein.