![]() | ![]() |
"Der Mann, den Sie suchen, hat schwarze Hautfarbe - es finden sich zwar keine Hautpartikel unter den Nägeln der Opfer, aber Sexualmorde finden fast ausschließlich innerhalb der Rassengrenzen statt."
Mit kühler, sachlicher Stimme trug Diana Westmount ihre präzisen Schlussfolgerungen vor. Auch nicht die kleinste Unsicherheit war ihr anzumerken. Dabei sprach sie vor über dreißig Männern und Frauen, die unser Chef in einem der Konferenzräume an der Federal Plaza zusammengerufen hatte. >Youbmek< hatten wir die Sonderkommission spontan genannt, die den Serienkiller fangen sollte. Zugegeben: Nicht besonders fantasievoll, aber eben die Abkürzung von >Young-black-men-Killer<.
Es war früh am Donnerstagmorgen, mein dritter Arbeitstag nach dem Urlaub.
"Der Mann, den Sie suchen, geht einer geregelten Arbeit nach", fuhr Diana fort. "Alle vier Opfer starben entweder in den frühen Nachmittagsstunden, oder am späten Abend. Eine gewisse Regelmäßigkeit, wenn Sie so wollen. Vor allem aber kann der Täter sich einen Wagen leisten. Ohne ein Fahrzeug sind die relativ weit von einander entfernten Fundorte der Leichen nicht erklärbar. Dass sich kein Blut an den Fundorten findet und sie somit als Tatorte ausscheiden, wissen Sie, wie ich annehme. Ich schlage vor, von einem PS-starken, nicht allzu teurem Auto auszugehen. Vielleicht ein BMW älteren Baujahrs, oder vielleicht sogar eine verrostete Corvette."
"Das müssen Sie mir erklären, Ma'am", meldete Jay Kronburg sich zu Wort. Die Skepsis in seiner Stimme war unüberhörbar. "Wie können Sie aus den vorliegenden Ermittlungsergebnissen auf den Wagentyp schließen?" Zustimmendes Geraune ging durch die Reihen.
"Gleich", speiste die Psychiaterin Jay ab. Sie dachte nicht daran, sich in die Parade fahren zu lassen. "Der Mann, den Sie suchen, ist relativ jung. Einmal fanden sich im Gebiss aller vier Opfer Spuren von verschiedenfarbigen Süßigkeiten, die in Konsistenz und Zuckergehalt stark an dieses süße Gummizeug erinnern, das vor allem von jungen Leuten bevorzugt wird. Der Mörder wird eine Tüte davon bei sich tragen."
Kein Widerspruch regte sich. Selbst Jay machte sich Notizen, obwohl ihm die Skepsis immer noch im Gesicht geschrieben stand. "Außerdem haben die Opfer den Täter gekannt. Wahrscheinlich nicht lange, aber lange genug, um sich Süßigkeiten anbieten zu lassen und von ihm in eine Situation gelockt zu werden, in der er sie von hinten überfallen konnte."
Die Schlussfolgerungen waren einleuchtend. Wären die Jungens von vorn überfallen worden, hätten unsere Leute von der Pathologie Hautfetzen unter ihren Nägeln finden müssen. Da keiner von den Opfern schwul, drogensüchtig oder dumm gewesen war, konnte auch ich mir schwer vorstellen, dass sie sich den Kontakt mit einem älteren Mann gefallen lassen hätten. Das erste Oper allerdings fiel aus dem Rahmen: Es starb durch Stichverletzungen in die Brust.
"Gehen Sie davon aus, dass der Mann, den Sie suchen, zwanzig oder jünger ist. Allerhöchstens ist er Mitte zwanzig", sagte Diana so sicher, als hätte sie seinen Ausweis gelesen.
"Der Mann, den Sie suchen, lebt wahrscheinlich in der East Village. Drei der Opfer stammen von dort. Und er ist homosexuell." Wieder ging ein Raunen durch die Kollegen. Diana hob ihre Stimme. "Diese Information wird uns nicht viel nützen, da er vermutlich nicht zu den bekennenden Schwulen gehört."
Sie ließ das Licht löschen, tippte einen Befehl in die Tastatur des Präsentations-Computers, und auf dem Beamer erschienen für alle sichtbar die Fotos der Opfer. "Betrachten Sie bitte die Schnittwunden auf Rücken und Gesäß der Opfer. Ihre Ausmaße nehmen von Mord zu Mord zu. In einem Anfall von unglaublicher Wut verunstaltet der Täter die Körperteile, die für ihn - sagen wir - sexuell attraktiv sind. Ich gehe davon aus, dass wir beim nächsten Opfer Verletzungen an den Genitalien finden werden ..."
"Sie rechnen also mit weiteren Morden", unterbrach unser Chef die Lady. Er klang ziemlich bedrückt.
"Der Mann, den Sie suchen, wird weiter töten", Diana wies mit Leuchtstift auf eines der Fotos. "Dieser Sechzehnjährige war sein erstes Opfer. Ein auffällig kleiner, schmächtiger Junge - ein Opfer von dem der Täter annehmen konnte, dass er es bewältigen kann. Die Tat selbst war noch relativ unorganisiert. Das Opfer befand sich auf dem Nachhauseweg von einem Freund, muss unterwegs spontan angesprochen worden sein und wurde später an Brust und Hals mit einem Messer verletzt. Es wurde also, anders als die anderen drei, von vorn angegriffen. Es hat versucht, sich zu wehren: Unter seinen Nägeln fanden sich zwar keine Hautpartikeln - seine Arme schienen zu kurz zu sein, um das Gesicht des Täters zu erreichen - dafür aber Fasern einer Jeans, und zwar nicht seiner eigenen. Das wie gesagt sehr kleine Opfer muss sich also an den Hosen des Täters festgeklammert haben."
Wie oft bei solchen Tatrekonstruktionen, drängte sich mir eine lebhafte Vorstellung der Mordszene auf. Und das alte Entsetzen über die Brutalität, zu der Menschen fähig sind. In langen Dienstjahren habe ich es nicht verlernt, und obwohl es mich schon manche Stunde Schlaf gekostet hatte, war ich entschlossen, es auch in Zukunft nicht zu verlernen. Vollkommen abgebrühte Cops hatten schon in meiner Anfangszeit nie zu meinen Vorbildern gehört.
"Bei den anderen drei Morden unterliefen dem Täter solche Komplikationen nicht mehr. Er hat dazugelernt. Von Mord zu Mord wird er weniger Fehler machen."
Milo, der neben mir saß, schaute mich mit hochgezogenen Brauen an. Die kalte, wissenschaftliche Art der Frau schien ihn zu nerven. Sie wirkte tatsächlich nicht so, als würde das Schicksal dieser Menschen sie in eine Gefühlskrise stürzen. Trotzdem bewunderte ich ihren Scharfsinn.
"Keines der Opfer ist vergewaltigt worden. Dennoch gehe ich von Sexualverbrechen aus. Auf zweien fanden sich Spuren von Sperma. Ganz offensichtlich hat der Täter über den nackten Leichen masturbiert. Vermutlich hat er ihnen Haare herausgerissen, die er aufhebt und hin und wieder auspackt, um seine perversen Erlebnisse wiederzubeleben. Der Mann, den sie suchen, hat also sexuelle Schwierigkeiten. Kaum vorstellbar, dass er einen festen Partner hat."
Diana schaltete den PC aus und das Licht an. "Ich fasse zusammen - der Mann den Sie suchen, fühlt sich klein, hässlich und missraten. Vielleicht hat er sogar einen körperlichen Mangel. Bis auf sein erstes Opfer handelt es sich bei den Toten um gut gebaute, attraktive und gebildete junge Männer. Gehen Sie davon aus, dass das Aussehen des Mörders in etwa dem Gegenteil entspricht: Vielleicht ist er verwachsen, vielleicht sehr klein, vielleicht schielt er, ist fett, oder stottert. Und auf einmal, wenn er auf seinen nackten, leblosen Opfern kniet, spürt er so etwas wie Macht und Größe. Die maßlose Wut, die wir aus dem Zustand der Leichen ableiten können, spricht dafür, dass er selbst Misshandlungen - vielleicht sogar sexueller Art - ausgesetzt war. Seine Familienverhältnisse und das Milieu, aus dem er stammt, werden also alles andere als geordnet sein."
"Sie haben mir immer noch nicht erklärt, wie sie auf den PS-starken Autotyp kommen", meldete Jay sich ungeduldig zu Wort.
"Nun, Mr. Kronburg - ein Mensch, der sich schwach und mangelhaft fühlt, der womöglich noch sexuell gestört ist, wird danach streben, seinen Mangel zu kompensieren. Sie haben sicher eine der zahlreichen Untersuchungen über den Zusammenhang von männlichem Potenzwunsch und männlicher Vorliebe für PS-starke Wagen gelesen, oder?" Zum ersten Mal lächelte sie, und es war ein ziemlich süffisantes Lächeln.
Gekicher ging durch die Reihen. Milo wagte es tatsächlich, mich spöttisch grinsend anzusehen. Und wenn mich nicht alles täuschte, trafen mich noch andere vielsagende Blicke. "Du wirst doch hoffentlich nicht daran gedacht haben, die Lady heute Abend mit deinem roten Geschoss abzuholen", flüsterte Milo, und er schien jedes Wort dieses Satzes zu genießen.
"Bis vor wenigen Augenblicken dachte ich daran, die U-Bahn zu benutzen", erwiderte ich ungerührt, "aber eben habe ich beschlossen, meinen Sportwagen mal wieder aus der Garage zu holen. Als Ausdruck meines männlichen Lebensgefühls sozusagen. Du kannst ja mit dem Fahrrad kommen."
Milo zeigte sich wenig beeindruckt. "Und was glaubst du, von wem sie sich nach Hause bringen lässt?"
"Warten wir's ab." Ich war ziemlich sicher, dass Diana Westmount zu der Sorte Frau gehörte, die gern auf eigenen Beinen nach Hause ging. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend tadeln.
"Und leiten Sie aus Ihrem Täterprofil auch irgendwelche Strategien ab?", fragte Jonathan McKee in das allgemeine Gemurmel hinein.
"Nun, Sir", Diana stützte nachdenklich ihr Kinn in die Hand. "Wir sollten genau überlegen, wie wir vorgehen. Ich schlage vor, den Umstand auszunutzen, dass der Täter Macht und eine perverse Art von Bestätigung sucht. Und ich schlage vor, in diesem Zusammenhang eng mit Presse und Fernsehen zusammenzuarbeiten."