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Zum dritten Mal las Ben Wort für Wort den Bericht über die Pressekonferenz. Er hatte sich die Abendausgabe der >Daily News< besorgt. Immer wieder schüttelte er den Kopf. >zwanzig bis fünfundzwanzig ... dunkle Hautfarbe ... geringe Körpergröße ...< - woher um alles in der Welt wussten die Bullen das? >Übergewicht ... farbige Süßigkeiten ...<
Noch auf dem Weg von der Spielhalle nach Hause hatte er die Plastikplane in eine Schutthalde gestopft. Und die Vorräte an Gummibären nahmen gerade ihren Weg durch die Kanalisation zur Kläranlage.
Er warf die Zeitung auf die Holzkiste vor den Sesseln und ging auf die Knie. Sorgfältig suchte er Bastteppich und Kellerboden nach Blutflecken ab. Er fand keine. Doch als er den Sessel genauer untersuchte, auf dem er normalerweise seine Gäste Platz nehmen ließ, entdeckte er zahlreiche Blutspritzer. Sie stammten von dem Mann, den er in den Kopf geschossen hatte.
Kurzentschlossen packte er den Sessel und trug ihn nach oben. Er stellte ihn im Treppenhaus des großen Miethauses ab und spähte durch die Haustür auf die abendliche Straße. Überall saßen und sprangen Leute herum, die sich die Zeit mit einem Ball, ein paar Dosen Bier oder einem Plausch vertrieben. Trotzdem trug er den Sessel auf der Schulter zu seinem Wagen. Warum sollte nicht jemand nach Feierabend auf die Idee kommen einen alten Sessel zu entsorgen?
Über dem sperrigen Möbelstück ließ sich der Kofferraum des Mustangs nicht schließen. Ben befestigte ihn mit einem Gummiband an der Stoßstange und fuhr los.
"Du bist in der Zeitung", dachte er unterwegs. "Wie Dad. Der war auch in der Zeitung. Die ganze Stadt interessiert sich für dich ..." Sein Kindergesicht verzog sich zu einem vergnügten Grinsen. ">In Angst und Schrecken< ..., die ganze Stadt ..."
Er schaltete das Autoradio ein. Ein alter Song der Spencer David Group ertönte. Ben stellte lauter und sang mit. >Keep on running< ...
Er dachte nicht daran, sich von den Bullen die Stimmung verderben zu lassen. Natürlich musste er aufpassen, klar. Aber vielleicht blufften sie ja nur. Und selbst wenn sie auf ihn aufmerksam wurden - sie würden ihm doch nichts beweisen können, oder?
Er versuchte diesen beunruhigenden Gedanken beiseite zu schieben. Aber es gelang ihm nicht recht. Der Grauhaarige aus dem Fernsehen fiel ihm ein: >Aber seien Sie sicher, dass wir den Mann fassen werden. Sehr bald schon ...< Angst ließ sein Hochgefühl dahinschwinden. "Scheißbullen!", murmelte er.
"Ich muss auf jeden Fall am Montag in diese verdammte Schule", dachte er. "Ich muss rauskriegen, was sie wirklich wissen."
Der Gedanke, dass das gefährlich werden könnte, wenn er sich bei dem Hearing blicken ließ, kroch ihm ins Hirn. "Trotzdem, ich muss da hin ..."
Über eine Stunde lang fuhr er durch East Village und die Lower East Side, bis er an einer Bruchbude von Haus vorbeikam, in deren Nähe er keinen Menschen sah. Er stoppte, lud den Sessel aus und raste davon ...
Später, zu Hause stand er im Türrahmen zur Küche. Sein Onkel hing schräg in seinem Fernsehsessel und schnarchte. Die Hände hielt er gefaltet über einer fast leeren Whiskeyflasche. In der Glotze lief ein Horrorstreifen. Es war kurz vor Mitternacht.
Angewidert und mit der typischen Mischung aus lähmender Angst und brennendem Hass betrachtete er den schlafenden Mann. Unter der trockenen, schwarzen Haut seines Halses traten die Venen hervor. Dick und verschlungen wie ein Knäuel junger Nattern.
"Vielleicht ist es besser, ich verschwinde aus der Stadt", ging es Ben durch den Kopf. "Ja - einfach abhauen ... und vorher ..." Vorsichtig näherte er sich seinem Onkel. "Ich habe vier junge Kerle fertiggemacht - warum sollte ich nicht diesen alten Sack, diesen widerlichen Teufel, diesen ..."
Tom Lesley schlug so unerwartet die Augen auf, dass Ben erschrocken zurückwich. "Was glotzt du so blöd, Fettschwuchtel?", krächzte er. Er setzte die Whiskeyflasche an die Lippen und leerte sie. "Scher dich zur Hölle!"
Um zu überleben, hatte Ben feine Antennen entwickelt, mit denen er nicht nur die Stimmungen von Menschen erfasste, sondern auch die Zukunft. Jedenfalls die allernächsten Sekunden. Deswegen gelang es ihm, sich rechtzeitig zu ducken, bevor die leere Flasche ihn im Gesicht treffen konnte. Sie sauste knapp über ihn hinweg und donnerte an den Rahmen der Tür.
Ben rannte aus der Wohnung, die Treppe hinunter und in seinen Kellerraum. Die Metalltür schloss er hinter sich ab. Keuchend durchsuchte er den Raum - aber er fand keinen einzigen der süßen, bunten Gesellen.
Aus dem Schränkchen unter der Videoanlage nahm er einen kleinen Schuhkarton und öffnete ihn. Mit bebender Unterlippe und starren, weit aufgerissenen Augen wühlte er in dem Inhalt des Kartons - schwarzes, dickes Kraushaar, an dem teilweise noch die weißen Krümel der Haarwurzeln hingen. Er öffnete seine Hose ...