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Ben hatte drei Zeitungen gekauft und jeden Bericht über die Morde zigmal gelesen. >Young-black-men-killer< nannten sie ihn. "Du stehst in allen Zeitungen, Benjamin Lesley", murmelte er, "genau wie dein Dad. Ganz New York spricht von dir. Hey, Mann - ganz Amerika!"

Er griff in die Gummibärentüte neben sich auf dem Beifahrersitz und grapschte sich eine Handvoll farbiges Zuckergummi. "Aber du musst jetzt aufhören. Zumindest eine Zeit lang. Bis Gras über die Sache gewachsen ist."

Er drehte den Zündschlüssel herum und fuhr los. "Du musst aufhören, Benjamin Lesley, wenigstens solange, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Kapiert?" Er lachte laut juchzend. "Okay, Young-black-men-killer, legen wir eine Pause ein, okay, okay."

Ziellos fuhr er durch die East Village. Aus dem Autoradio hämmerte ein neuer Rap. Ben schlug im Rhythmus der Musik gegen das Lenkrad. "Young-black-men-killer", rief er immer wieder und kicherte wie ein kleiner Junge. "Young-black-men-killer ..."

Irgendwann passierte er auf der Ave B den Tompkins Square. Ohne groß nachzudenken, bog er ein paar Minuten später nach rechts in die East 20th Street ein. Bald darauf rollte er durch auf der Ave C in Richtung Süden durch Stuyvesant Town.

Schon von Weitem erkannte er Mel Cumberland. Keiner, außer ihm, trug in dieser Gegend diese scheußlich gelben Muskelshirts. Aber was zum Teufel stellte er mit dem jungen Typen an? Ben trat auf die Bremse und beobachtete, wie Mel einen kleineren und schmaleren Burschen am Schlafittchen packte und herumschubste.

"Hey Mel, was soll das?", murmelte Ben. Langsam ließ er seinen Mustang auf die beiden Kämpfenden zurollen. Der junge Bursche - er hatte Rastalocken und kam Ben irgendwie bekannt vor - ging zu Boden. Der Ältere trat auf ihn ein. Ben sah sich um - niemand von den Leuten auf der Straße schien sich um die beiden zu kümmern.

Ben hielt an. Er war schon halb aus dem Wagen gestiegen, als er sich noch einmal umdrehte und sich die leere Gummibärentüte griff. Er warf sie unter seinen Ford und lief zu den beiden Männern auf den Bürgersteig. Der Junge am Boden hielt plötzlich ein Stilette in der Hand.

"Hey Mel - lass das!", rief Ben. "Das'n Freund von mir!"

Er drängte sich zwischen die beiden und stellte sich schützend vor den Jungen, der am Boden lag und ein grimmiges Gesicht machte.

"Dann sag deinem Freund, er soll keinen fremden Leuten nachspionieren. Ich bin da empfindlich!"

Ob es nun Bens Einschreiten oder das Messer in der Hand des Jungen war - jedenfalls zog Mel sich zurück. "Wenn er gefickt werden will, gib ihm meine Adresse!" Er verschwand hinter der Hausecke.

Ben half dem Jungen auf die Beine. Mitleidig lächelte er ihn an. "Schwache Nerven, der Kerl. Ich heiß Ben."

"Sidney", sagte der andere, "danke."

"Komm, ich fahr' dich aus dieser miesen Gegend." Er lief um den Kühler seines Wagens, stieg ein und hielt Sidney die Beifahrertür auf. Ohne lange zu überlegen, setzte dieser sich neben den Mann mit dem freundlichen Kindergesicht.

Ben sah, dass der Junge sich die linke Brustseite hielt. "Hat er dir wehgetan?", erkundigte er sich besorgt. Sid nickte.

"Mel ist ein ziemliches Schwein, treibt's mit allen Jungen und Mädchen, die er kriegen kann." Ben fuhr an. "Und deswegen findet sich regelmäßig jemand, der ihm aufs Maul haut. Er hat einfach Angst."

"Du kennst ihn?"

"Ein bisschen. Hast du ihm wirklich nachspioniert?" Gemächlich fuhr Ben die Ave C herunter. Der Junge auf dem Beifahrersitz nickte. "Warum?"

Der Junge namens Sidney zögerte. "Ich glaub', er hat meinem Freund was getan."

Ein Kribbeln schoss Ben vom Bauch aus durch den ganzen Körper. Bis in die Fußzehen und vor allem bis in seine Hirnwindungen. Schlagartig war ihm klar geworden, wen er da neben sich hatte: Den Typen aus dem Fernsehen, der den Baseball ins Grab geworfen hatte! Er versuchte das Zittern seiner Unterlippe unter Kontrolle zu bringen.

Sein Hirn arbeitete auf Hochtouren. Sorgfältig wägte er alle möglichen Fragen ab, die er stellen konnte, um mehr zu erfahren. "Bist du sicher?"

Der andere zuckte mit den Schultern. "Fast. Hast du die zusammengerollten Magazine in seiner Hand gesehen?"

Ben nickte. Er musste an sich halten, um nicht laut zu kichern. Dieser junge Bursche neben ihm - diese Rotznase, dieser Klugscheißer - suchte den Mörder seines Freundes! Konnte das wahr sein? Suchte den berühmten >Young-black-men-killer<! Und saß nun neben ihm und wusste es nicht!

"Aber du weißt es, Benjamin Lesley, weil du ein verdammt schlauer Fuchs bist und weil du Glück hast", jubelte es in ihm. "Was ist mit den Magazinen?"

"Wenn ich wüsste, dass es Pornos waren, wüsste ich auch, dass dieses gelbe Hemd das Schwein ist, das ich suche."

"Das tolle Schwein, das deinen armen, notgeilen Freund fertiggemacht hat", kicherte es in Bens Kopf. "Frag jeden hier auf diesem Abschnitt der Ave C", sagte er mit seiner weichen hohen Stimme, "und jeder wird dir verraten, was Mel in der Hand hielt."

Der Junge fuhr ruckartig herum. "Also Pornos?", fragte er heiser.

"Er vertreibt das Zeug massenweise. Auch Filme. Der Kerl aus der Videothek an der Ecke zur Sechzehnten arbeitet mit ihm zusammen."

"Du bist ganz sicher?"

"Der süße, kleine Sidney beißt an", die kichernde Stimme in Bens Schädel wollte sich gar nicht mehr einkriegen. "Er beißt an, Benjamin, merkst du das?" Nicht die leiseste Spur dieser Gedanken spiegelte sich auf dem glatten Kindergesicht mit der Hornbrille.

"Ich bin ganz sicher." Die Gedanken ratterten glasklar durch Bens Hirnwindungen: Die Bullen hatten die Pornos bei dem geilen Terry gefunden. Mel hatte ihm einige verkauft. Und eines hatte er, Ben, ihm geschenkt. Die Bullen suchten den Mann, von dem der geile Terry die Hefte hatte. Und das Bürschchen hier neben ihm glaubte, wenn er den Pornohändler hat, hat er auch den Mörder.

"Aber ich kann dir ja ein paar von den Heften zeigen, dann bist du ganz sicher, dass es die gleichen sind wie bei deinem Freund." Fast hätte er >Terry< gesagt. "Nicht verplappern, Benjamin, du schlauer Hund." Mitfühlend sah er den Jungen auf dem Beifahrersitz an. "Zu Hause habe ich sogar die Adresse von Mel."

"Würd' es dir was ausmachen, schnell mit mir zu dir ...?" Bittend sah der Junge ihn an.

"Macht es dir was aus, Bennilein?" Ben schaute auf die Uhr. Es war kurz vor zwei. "Hab gleich ein Date. Lieber wäre es mir heute Abend." Die Kicherstimme in ihm war verstummt. Sie hechelte nur noch. Und jede Faser seines Körpers vibrierte vor Anspannung. "Ach Shit!" er schlug aufs Lenkrad. "Heute Abend hab' ich ja Abendcollege!"

Unter den vielen Bildern, die ihm durchs Hirn schossen, blieb eines für Sekundenbruchteile flackernd stehen: Ein Löwe, der sich ans Wasserloch anschlich. Zentimeter für Zentimeter schob er sich auf die Zebraherde zu. Langsam, langsam - leise, leise. Jede Muskelfaser bis zum Zerreißen gespannt. Und keiner sah den Vulkan, der unter seinem Fell kochte. "Leckeres Zebra", griente die Kicherstimme. "Leckeres Zebra mit Rastalocken."

"Vielleicht geht's um Mord", flüsterte der Junge. Seine Augen hingen unablässig an Bens Gesicht.

"Um ...?" Bens Augen weiteten sich erschrocken. "Um Gottes Willen!" er schwieg. "Scheiß drauf!", rief er plötzlich und schlug wieder aufs Lenkrad. "Fahren wir schnell bei mir vorbei!" Er drückte aufs Gas.

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