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Sidney spürte sein Herz in der Kehle pochen. Er hatte tatsächlich eine Spur gefunden! Was für ein Glück, dass dieser gutmütige Tropf hier neben ihm am Steuer des alten Ford Mustangs ausgerechnet in dem Moment die Ave C heruntergefahren kam, als der Mistkerl ihn angegriffen hatte!
Er betrachtete den Mann mit der altmodischen Hornbrille und dem fetten Kindergesicht. Er trug ein graues, verwaschenes T-Shirt und kurz über den Knien abgeschnittene Jeans. Und immer wenn sich ihre Blicke trafen, lächelte er Sid zu, als wollte er sagen: >Mach dir keine Gedanken, wir kriegen das schon hin.<
Er gehörte nach Sids Einschätzung zu den Typen, von denen man so ziemlich alles kriegen kann, weil sie einfach nicht >nein< sagen können. Normalerweise ganz und gar nicht Sids Fall, aber in der Situation war er froh, den kleinen, fettleibigen Kerl getroffen zu haben. Heilfroh.
"Wir sind da", sagte der Dicke mit dem Kindergesicht, nachdem sie ein Stück durch die Lower East Side gefahren waren. Er parkte seinen Ford in einer von trostlosen Mietskasernen gesäumten Straße. Sid stieg aus.
Aus den offenen Fenstern der schwärzlichen Häuser drangen Musik und Stimmen: Plärrende Kinder, keifende Mütter und brüllende Männer. Der Mann, der sich ihm mit Ben vorgestellt hatte, führte ihn quer durch einige Hinterhöfe zu dem Hofausgang eines fünfstöckigen Hauses.
Unter normalen Umständen hätte Sid sich wahrscheinlich gefragt, warum der Mann nicht direkt vor dem Haus in seiner Straße geparkt hatte. Aber die fiebrige Erwartung, bald einen sicheren Hinweis auf Terrys Mörder in der Hand zu halten, vernebelte seine Sinne. "Er wird seine Gründe haben", dachte er. Und die hatte der Dicke.
Neben dem Hofausgang führte eine Außentreppe unter der Feuerleiter in den Keller hinunter. Der Mann ging voran. Bei jedem seiner Schritte konnte Sid das Fett unter seinem T-Shirt schwabbeln sehen.
Im Keller blieb das Kindergesicht vor einer grauen Metalltür stehen. "Hier und im Raum nebenan wohne ich", sagte er und grinste verlegen."
Sid trat ein, und der Mann schoss die Tür hinter ihnen. "Ich hab' die Hefte da unten in dem Schränkchen", sagte er, "setz dich ruhig hin."
Er kniete vor einem niedrigen blauen Schrank - wohl das Unterteil eines ehemaligen Küchenbüfetts - auf dem eine ziemlich neu wirkende Videoanlage stand.
Sid sah sich flüchtig um: Ein paar alte Kisten standen in dem kahlen Raum herum. Sie dienten als Tische und Regale. Eine große, fleckige Kühltruhe stand an einer Wand, und neben der Tür war ein Stereoanlage aufgebaut. Gegenüber der Videoanlage stand ein einsamer Sessel vor einer umgestülpten Weinkiste. Davor eine Art Bastteppich. Sidney setzte sich auf den Sessel. Auf der Kiste sah er eine aufgeschlagene Zeitung liegen.
Er wollte schon danach greifen, weil er an der Schlagzeile erkannte, dass der Bericht über den Serienmörder aufgeschlagen war. Und vielleicht hätte er dann noch Zeit gehabt zu lesen, dass der Gesuchte so ähnlich beschrieben wird, wie er den Mann beschreiben würde, der ihm gerade einen Stapel Magazine anschleppte.
Doch er zog seine Hand zurück, weil der hilfsbereite Mann sich schwerfällig rechts neben ihn auf den Boden kniete und ihm die Magazine auf den Schoß legte. "Schau mal durch, ob das die sind, die du von deinem Freund kennst."
Sid zog ein Heft nach dem anderen von dem Stapel herunter und legte sie neben sich auf den Betonboden. Er merkte nicht, wie der ständig grinsende Mann sich an der Unterkante des Sessels zu schaffen machte.
"Das hier!", rief Sid aufgeregt. "Genau das sind sie!"
"Ich mach mal Musik", sagte der Mann und stand auf.
Sid blätterte eines der Magazine durch. "Ich glaub' sogar, genau das Gleiche hatte Terry." Hinter ihm erklang ein Elektrik-Funk-Rock-Stück. >Play that funky music, till I dy ...<
"Wir müssen die Polizei anrufen ...", er drehte sich um - und sah in das seltsam starre Kindergesicht des dicken Mannes: Seine Augen waren weit aufgerissen und seine wulstige Unterlippe bebte.
Was für ein Stoffstreifen das war, den der Mann plötzlich in den Händen hielt, konnte Sid nicht mehr erkennen. Der fette Körper rammte ihn so unerwartet, dass er nicht einmal mehr zum Schreien kam. Und dann pressten ihn die über zweihundert Pfund des Mannes auf den Bastteppich.
Sid schlug um sich, strampelte und schaffte es, trotz seiner Panik in die Gesäßtasche zu greifen. Er spürte, wie ihm etwas Dünnes den Hals zuschnürte und sich in Bruchteilen von Sekunden zu einem gnadenlos enger und enger werdenden Eisenreif zu verwandeln schien. Mit der Linken griff er um ein Handgelenk des Mannes - es zitterte und fühlte sich an wie nasser, kalter Stahl. Über sich sah er das fette Gesicht, die bebende Unterlippe, die schmalen Augen und das verzerrte lustvolle Grinsen eines Wahnsinnigen.
Mit der Rechten zog er den kleinen Metallriegel des Stilettes zurück. Dann hörte er es klicken und riss die Klinge mit letzter Kraft durch die Alptraumfratze über ihn.
Sie wich zurück, Blut spritzte, Sids Arm fiel kraftlos zu Boden und wollte sich ums Verrecken nicht mehr bewegen. Der Ring um seinen Hals zog sich noch enger zusammen. Von irgendwoher schwoll ein Summen an und füllte Sids Beine, seinen Bauch, seine Brust und sein Hirn. Die Fratze über ihm zerfiel in tausend schwarze Flecken. Sid spürte seine Beine unkontrolliert zucken, spürte seinen Urin davonlaufen, und dann erlosch sein Gehirn in einem summenden, brechreizerregenden, schwarzen Nebel.