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Wir hatten den Wahnsinnigen in Handschellen in einen gepanzerten Kleinbus mit vergitterten Fenstern gesetzt und fuhren den Kollegen hinterher zur Federal Plaza. Stumm wie die Fische.
Der morgendliche Verkehr setzte langsam ein. Wie durch einen Nebel nahm ich die Scheinwerfer, die Ampeln und die vorbeihuschenden Häuserfronten wahr. Vor meinen Augen verschwamm die Straße, und ich musste sie ständig zusammenkneifen, um wieder einigermaßen klar zu sehen. Jeder einzelne meiner Knochen fühlten sich an, als würde ein Backstein an ihm befestigt sein.
Kurz vor der Zentrale erreichte uns ein Anruf unseres Chefs. Milo presste den Hörer an sein Ohr. Er brummte ein paar Mal und legte auf.
"Ein Taxifahrer hat sich gemeldet. Er hat drei junge Schwarze vor einem Hochhaus in der Chambers Street ausgeladen. Einer von ihnen hatte Ähnlichkeit mit dem Bild, das er in den Morgennachrichten gesehen hatte."
Er knallte das Rotlicht aufs Dach. An der nächsten Kreuzung wendete ich und gab Gas.
Vor dem Hochhaus in der Chamberstreet stand ein blau uniformierter Mann und winkte. Ich bremste scharf. Wir sprangen aus dem Wagen. "Ich hab' Schüsse auf dem Dach gehört!" Wir spurteten ins Foyer des Bürogebäudes und fuhren mit dem Aufzug in den fünfundzwanzigsten Stock. Über die Treppe gelangten wir zu der Tür, die aufs Dach hinaus führte. Sie stand offen.
Geduckt verließen wir das Treppenhaus. In der Deckung eines Kamins lauschten wir in den Morgen. Von unten, aus der Straßenschlucht, drang der Verkehrslärm zu uns herauf. Aber da war noch ein Geräusch. Eine Stimme. Eine weibliche Stimme. Sie kam von der anderen Seite des Treppenhausaufbaus.
Ich gab meinem Partner ein Zeichen und schlich zurück zum Dachausgang. Milo folgte mir. An der Außenwand des Treppenhausabschlusses schoben wir uns der Stimme entgegen.
"Zu dritt seid ihr über mich hergefallen! Glaub mir, Valery - fast jede Nacht habe ich seitdem davon geträumt!" Ich kannte die Stimme. Es war Dianas Stimme.
"Und ich habe von dem Tag geträumt, an dem ich es euch heimzahlen würde. Als Jerome sich die Hose auszog damals, bevor er mich nahm, ist ihm ein Zettel aus der Tasche gefallen. Eine Rechnung aus eurer Stammkneipe in Stuyvesant Town."
Mein Knie wurden weich, und der Morgenhimmel über mir begann sich zu drehen - wie ein Eiszapfen bohrte sich die Wahrheit in mein Hirn. Und das krampfte sich zusammen, weil es die Wahrheit nicht wissen wollte.
"Ich habe mir eine Wohnung in eurem Viertel genommen und euch monatelang beobachtet, bis ich alles über euch wusste." Schneidend scharf wurde Dianas Stimme. Meine Nackenhaare richteten sich auf. "Und bis meine Chance kam."
Das war mehr als mein müder Schädel verkraften konnte: Diana hatte die Serienmorde ausgenutzt, um eine alte Rechnung zu begleichen. Die drei Valeries hatten sie offensichtlich während der Rassenunruhen in L.A. vor zwei Jahren überfallen und vergewaltigt.
"Tu du's Milo, ich pack's nicht", flüsterte ich. Er schüttelte den Kopf und bedeutete mir mit einer Handbewegung, dass er auf mich zählte. Dann verließen wir die Deckung.
"Waffe fallen lassen, Diana!", brüllte Milo.
Sie zuckte zusammen und fuhr herum. Clearence Valery kauerte nackt vor ihr im Dachkies. Er zitterte wie Espenlaub. Diana schwang die Waffe zwischen ihm und uns hin und her. "Macht, dass ihr verschwindet!", kreischte sie. "Ich knall ihn ab!"
Ein Schuss donnerte los. Milo hatte abgedrückt. Diana ließ ihre Waffe fallen. Er hatte sie an der Schusshand getroffen. Sie schrie auf, griff mit der Linken in ihren Stiefel und zog ein Messer heraus. Valery warf sich schreiend zur Seite. Sie erwischte ihn am Hals.
Endlich löste ich mich aus meiner Erstarrung. Mit zwei Schritten war ich bei ihr. "Diana, nicht!" Ich riss sie um. Sie rammte mir den Absatz ihres Stiefel ins Gesicht und sprang auf. Sie rannte auf die Dachkante zu. Milo hinterher.
"Halt sie auf, Milo!", schrie ich und kniff die Augen zu. Als ich sie wieder öffnete kniete Milo am Dachrand. Mit gesenktem Kopf und reglos, wie eine Statue kniete er da.
Ich verbarg mein Gesicht in den Händen. Nach ein paar Minuten stand ich auf. Vorbei an dem wimmernden Valery, der sich mit einer Hand eine blutende Wunde am Hals hielt und mit der anderen versuchte, seine Klamotten überzustreifen, wankte ich zu Milo. Er kniete immer noch vor der kniehohen Blechreling am Dachrand. Ich beugte mich über das Blech. Unten auf der Straße erkannte ich Menschen, klein wie Insekten. Sie wimmelten um einen bewegungslos am Boden ruhenden schwarzen Punkt.
Ich wandte mich ab und starrte in den Himmel. Im Osten löste sich der rote Sonnenball vom Atlantik. Irgendwann regte sich Milo wieder. Ächzend stand er auf und legte den Arm um meine Schulter. Ich vermied es, ihm mein Gesicht zu zeigen.
"Komm, Jesse", sagte er. Er zog mich mit sich. "Es war eine verdammt harte Nacht. Fast zu hart. Nun ist sie vorbei, und wir müssen weitermachen. Kapiert?"
Wir halfen dem bibbernden Valery in seine Kleider und nahmen ihn zwischen uns. Gemeinsam fuhren wir hinab in den Big Apple ...
ENDE