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Die Wände waren kahl.
Das Stakkato, das die hohen Absätze der Reitstiefel auf den Steinfliesen hervorriefen, wurde lauter, als der Gang sich verbreiterte und in eine düstere Halle mündete. Von der Decke hingen in unregelmäßigen Abständen nackte Glühbirnen herab und tauchten die Szenerie in trübes Licht.
Sie beleuchteten das Elend eines Gefangenensaals. Ein Elend, das Boris Buczenkow nicht als solches empfand. Ihm erschien es nur logisch, dass all diese dahinvegetierenden Kreaturen nun für ihre Fehler bezahlten.
Er selbst war nie für eine Öffnung nach dem Westen gewesen, und er hatte es begrüßt, dass der Prager Frühling unter dem Kanonendonner sowjetischer Panzer endete.
Ein dürrer Mann in grauer Uniform nahm Haltung an.
»Keine besonderen Vorkommnisse, Genosse Kommissar«, schnarrte er.
Buczenkow sah am Mann der geheimen Staatspolizei vorbei.
»Rühren! Stehen Sie bequem!«
Der dürre Mann entspannte sich. Ein befreites Lächeln stahl sich in seine Mundwinkel. Buczenkow hatte sich ihm gegenüber freundlich gezeigt. Keine Selbstverständlichkeit bei diesem Mann, vor dem sogar die Wärter zitterten.
»Wie steht's mit Craceck?«, fragte Buczenkow. »Hat er endlich geredet?«
Unwillkürlich stellte sich der Angesprochene wieder gerade hin. Die Finger an die Uniformnaht. Sein vorheriges Lächeln verschwand wie ausgelöscht.
»Nein, Genosse Kommissar. Er ist sehr verstockt.«
»Ist Morcik da?«
»In der Kammer, Genosse Kommissar. Soll ich ihn holen?«
Boris Buczenkow schaute sein Gegenüber zum ersten Mal gerade an. Mit Blicken wie aus Eis.
»Hätte ich sonst nach ihm gefragt?«, erwiderte der Mann in den Schaftstiefeln scharf. Die kurze Reitgerte peitschte das schwarz glänzende Leder. Buczenkow wippte auf den hohen Absätzen hin und her. »Holen Sie ihn. Aber schleunigst, wenn ich bitten dürfte. Ich möchte mir Craceck nochmals vorknöpfen.«
Der Dürre wieselte davon und kam kurz darauf mit einem anderen zurück, der offensichtlich noch nie unter einer Lebensmittelrationalisierung zu leiden gehabt hatte. Morcik strotzte vor Gesundheit, und der Unterschied zu den ausgemergelten Gefangenen, die auf Holzpritschen hockten, wurde noch augenfälliger.
Morcik salutierte militärisch.
»Ich habe Craceck gerade in der Kammer«, sagte er. »Im Vernehmungszimmer«, verbesserte er sich schnell. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Genosse Kommissar?«
Wenig später standen sie in einem spartanisch eingerichteten Raum. Irgendwo summte leise ein Transformator.
Boris Buczenkow erkannte Craceck kaum wieder. Der Gefangene war fast zum Skelett abgemagert. Die Rippen stachen aus der nackten Brust. Seine Hände waren gefesselt. Der Mann konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten.
»Na, Craceck?«, erkundigte sich Buczenkow teilnahmslos. »Wie geht es uns denn heute? Wollen Sie immer noch die Goldmedaille im Schweigen gewinnen?«
Craceck schwieg.
»Sie wollen also immer noch nicht antworten, eh? Es scheint Ihnen sehr gut zu gefallen bei uns.«
Der Mann röchelte, knickte in den Knien ein und brach zusammen. Morcik zog ihn wieder hoch.
»Nun sagen Sie schon was, Craceck! Solange Sie überhaupt noch reden können. Ich werde Ihren Stolz und Ihren Widerstand brechen. Verlassen Sie sich darauf.«
Morcik sah Buczenkow an. Er hatte trotz der Kühle in den Gewölben die Hemdsärmel hochgekrempelt. Morcik durfte sich diese unvorschriftsmäßige Bekleidung erlauben. Es gab keinen, der ihn um seinen Job beneidet hätte, denn es war nicht jedermanns Sache, bei den Verhören Dritten Grades Buczenkows Folterknecht spielen zu müssen. Einen Rest menschlicher Würde hatte man sich sogar noch hier inmitten des Grauens bewahrt. Den Gefangenen wurde diese Würde freilich nicht zugestanden.
»Sind Sie bereit, Morcik?«, fragte Buczenkow und nahm dieses nervtötende Klopfen mit der Reitgerte wieder auf.
»Jawohl, Genosse Kommissar.«
Craceck bäumte sich in Morciks Griff auf.
»Nein ...«
Seine Stimme war nur mehr ein kaum vernehmbares Krächzen.
»Bitte ... Nicht ...«
Der massige Morcik schleppte das Gerippe in eine Ecke des Raums, in dem zwei Tische nebeneinandergestellt waren. Ein dickes Eisenrohr verband sie miteinander. Aus einem schwarzen Kasten in der Ecke baumelten Kupferdrähte mit Klemmen an den Enden herab.
»Schließen Sie ihn an«, befahl Buczenkow. Sein Gesicht wurde maskenhaft starr.
»Muss das sein?«
Niemand hatte den Mann eintreten hören. Auffallend an ihm waren die leicht mongolischen Gesichtszüge und der kahle Schädel.
Buczenkow fuhr auf dem Absatz herum.
»Ach, Sie sind’s, Genosse Costomsky. Was führt Sie hierher?«
»Ich wollte nur mal nach dem Rechten sehen. Als Stadtkommandant der russischen Streitkräfte muss man seine Augen überall haben.«
»Bei mir ist alles in Ordnung«, presste der tschechische Kommissar hervor. Seine Lippen waren zu einem schmalen Strich geworden. Buczenkow konnte nicht verheimlichen, dass ihm diese Störung ganz und gar nicht passte.
»Sie sind also immer noch auf der Suche nach Volksfeinden?«
Buczenkow wies mit dem Daumen auf Craceck.
»Der hier kennt jede Menge Namen. Aber er will nicht damit herausrücken.«
Costomsky schüttelte den Schädel.
»Ihre Methoden gefallen mir nicht, Genosse Buczenkow. Sie gefallen mir überhaupt nicht.«
»Man kommt diesem Gesindel nicht anders bei. Es versteht nur die Sprache der Gewalt. Es hat auch keine andere Art der Konversation verdient.«
Jirj Costomsky verneinte nochmals stumm. Auf seiner Glatze spiegelten sich die Lämpchen des Transformators.
»Ich bleibe dabei«, sagte er. »Die Papageienschaukel wird abgebaut. Und zwar auf der Stelle. Es geht nicht an, dass Sie hier südamerikanische Methoden einführen. Sowohl Ihr Land, als auch das meine, hat die Genfer Menschenrechtskonvention mit unterzeichnet. Dann halten Sie sich auch daran, verdammt noch mal! Oder wollen Sie, dass ich Sie sofort Ihres Postens enthebe?«
Buczenkow biss sich so hart auf die Lippen, dass er den Tropfen Blut spürte, der ihm aus dem Fleisch trat. In ihm kochte die Wut.
»Genosse Kommandant! Ich ...«
»Schweigen Sie!«, unterbrach ihn der Russe gefährlich leise. »Ich persönlich halte auch nicht sehr viel von überflüssiger Humanitätsduselei. Doch es gibt Bestimmungen, an die wir uns zu halten haben. Nicht auszudenken, wenn im Ausland jemals bekannt würde, was Sie da eigenmächtig inszenieren. Gerade in diesen Tagen müssen wir äußerst vorsichtig sein. Die Meinung der Weltöffentlichkeit steht gegen uns. Und sollte irgend jemand von derartigen Verhörmethoden Wind bekommen, dann rollt nicht nur Ihr Kopf, Buczenkow, sondern auch der meine. Ich habe zwar meine Kindheit in Sibirien verbracht, aber ich möchte nicht behaupten, dass ich Heimweh hätte. Im Übrigen kann ich Sadisten nicht ausstehen, Buczenkow. Ihnen scheint diese Arbeit auch noch Spaß zu machen. Aber das Gefängnis am Sady Svadopluka-Park ist nicht Ihre persönliche Folterkammer, Buczenkow! Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«
Der Tscheche knirschte mit den Zähnen. Er musste den Blick senken, damit seine Augen ihn nicht verrieten. Sie waren voller Hass. Er mochte es nicht, wenn man in seine Angelegenheiten pfuschte, und aus den Gefangenen das meist Mögliche herauszubekommen, war nun einmal seine Angelegenheit. Niemand hatte das Recht, ihm da reinzureden.
Doch Costomsky hatte die Macht, und das wusste auch Boris Buczenkow.
Costomsky ging auf Craceck zu und betrachtete den Mann leidenschaftslos, während Craceck ihn mit dem Ausdruck hündischer Ergebenheit musterte. Er war der Papageienschaukel entronnen. Nur das zählte für den Augenblick.
Dann wandte sich der Russe wieder Buczenkow zu.
»Der Gefangene wird sofort in die Krankenstation gebracht«, sagte er. »Ich werde in zwei Tagen nach ihm sehen. Und wehe Ihnen, Kommissar, wenn es ihm bis dahin nicht entscheidend besser geht. Päppeln Sie ihn wieder hoch. Ihr Schicksal hängt jetzt an seinem. Haben wir uns verstanden?«
Boris Buczenkow salutierte und knallte die Hacken zusammen.
»Sehr wohl, Genosse Kommandant.«