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Es war Nacht, und sie trafen sich in einem kleinen Café an der General Grant Street in der Nähe des Weißen Hauses. Clark Benson hatte so seine Marotten in der Auswahl seiner Treffs, obwohl er Mike Borran genauso gut in seinem Büro im Pentagon hätte empfangen können.
Doch ganz so unsinnig, wie es schien, war diese Praktik nun auch wieder nicht, denn die Eingänge des Pentagon wurden nicht nur von Soldaten bewacht ...
Und General Clark Benson hatte nun einmal nicht nur eine offizielle Position inne, sondern führte auch eine geheime Operationsabteilung des CIA. Trotzdem sah er in seinem Straßenanzug aus wie ein auf eine Telefonzelle geschminkter Feuermelder. Er würde nie verleugnen können, dass er den größten Teil seines Lebens als Militär verbracht hatte. Es war, als habe man John Wayne ins Kostüm von Charlys Tante gesteckt.
Mike Borran verbiss sich ein Grinsen. Trotz einiger skurril anmutender Anwandlungen seines Chefs genoss dieser Mann seinen vollen Respekt. Bei seiner Organisation klappte alles wie am Schnürchen. Er liebte es, gefährliche Situationen gar nicht erst aufkommen zu lassen, und das war auch einer der Gründe, warum er Borran in dieses triste Café bestellt hatte.
»Ordern Sie was«, sagte er auf seine unnachahmlich knappe Art. »Damit wir umso schneller zur Sache kommen können.«
Mike Borran zog sich einen Plastikstuhl zurecht und nahm erst einmal Platz. Er schaute sich im Lokal um. Sie waren die einzigen Gäste.
»Welches Getränk kann man sich hier zumuten, ohne Montezumas Rache ausgesetzt zu werden?«, fragte er.
»Kaffee«, war die karge Antwort.
Ein mürrisches Mädchen, das seine besten Jahre auch schon hinter sich hatte, kam an ihren Tisch und nahm die Bestellung auf. Der Kaffee, den es brachte, war wider Erwarten ausgezeichnet. Danach verzog sich die Bedienung wie auf ein geheimes Zeichen hin.
»Hier sind wir ungestört«, meinte Benson und brauchte Mike Borran keine weiteren Erklärungen zu liefern. Das Personal dieses Etablissements stand mit auf der Lohnliste des CIA.
»Worum geht’s?«, fragte Mike deshalb ohne Umschweife.
Wenn Benson jetzt trotzdem eine sphinxhafte Miene aufsetzte und sich sichernd nach allen Seiten umsah, dann gehörte das zu seinem Habitus.
»Costomsky hat eine amerikanische Freundin ...«, verkündete er schließlich im Verschwörerton und starrte Mike Borran erwartungsvoll an.
»Wie schön für ihn«, knurrte Borran. »Und was geht mich das an? Soll ich dem Herrn die Freundin ausspannen? Wäre mal etwas anderes.«
»Wäre auch nicht die schlechteste aller Ideen«, meinte Benson nachdenklich. »Aber Ihnen wird der Schnabel dennoch sauber bleiben. Ich habe da schon meine Pläne. Sie haben wohl noch nie etwas von Jirj Costomsky gehört, wie?«
»Wenn das eine Bildungslücke ist, werden Sie sie bestimmt bald füllen.«
Benson schaute Borran eine Sekunde lang irritiert an. Dann mahlte er mit seinem vierschrötigen Unterkiefer. Ein Zeichen dafür, dass er Borrans Ton missbilligte.
»Sicher werde ich das«, meinte er nach einer Weile und unterdrückte den Wunsch, eine schärfere Tonart einzuschlagen, denn niemand wusste besser als Clark Benson, welche Rarität er mit Mike Borran in seinem Stall hatte, und wertvolle Dinge wollen nun mal mit besonderer Sorgfalt behandelt werden.
»Jirj Costomsky ist seit einem halben Jahr Militärattaché an der sowjetischen Botschaft in Washington und für uns kein unbeschriebenes Blatt mehr. Wir vermuten, dass er ein Spion ist.«
Mike Borran grinste entwaffnend.
»Sind unsere Militärattachés in Moskau vielleicht etwas anderes?«
Benson wischte den Einwand mit einer Geste beiseite, mit der man auch lästige Fliegen verscheucht.
»Darum geht es doch nicht, Borran. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass uns durch diesen Costomsky Trouble ins Haus steht. Und zwar einer von der ganz gewaltigen Sorte. Um ehrlich zu sein: Mir gefällt diese Liaison mit einer Amerikanerin überhaupt nicht. Sie passt nicht zu Jirj Costomsky. Kein bisschen. Ich möchte nur zu gerne wissen, was im Schädel dieses sibirischen Bären vor sich geht. Diese Liaison hält er vor seinen Kollegen natürlich streng geheim.«
»Vielleicht hat sie eine Warze auf der Nase«, meinte Borran lapidar.
»Unsinn. Doch es dürfte selbst Ihnen bekannt sein, dass es sowjetischen Botschaftsangehörigen streng untersagt ist, sich bei der Befriedigung ihrer fleischlichen Gelüste Ausländerinnen zu bedienen.«
»Das haben Sie fein gesagt, Chef. Haut er eben über die Stränge. Ich habe mal irgendwo gehört, dass es gegen die Liebe kein Allheilmittel geben soll. Nicht einmal ein russisches. Können Sie mir auch nur einen einzigen Grund nennen, warum ausgerechnet ein sowjetischer Botschaftsattaché dagegen gefeit sein soll?«
»Weil Costomsky kälter ist als eine Hundeschnauze«, antwortete Benson. »Ich muss wissen, was hinter dieser Liebschaft steckt. Und da dachte ich natürlich zuallererst an Sie, Borran.«
»Nachtigall, Nachtigall«, meinte Mike. »Ick hör dir trapsen. Sie erwarten doch nicht im Ernst von mir, dass ich eine Art unsichtbaren Bettvorleger spiele und getreulich mitschreibe, was in Costomskys Lotterbett geschieht? Sie bräuchten doch nur eine Wanze zu installieren.«
Plötzlich wirkte Benson müde und abgespannt.
»Ein entsprechendes Gesuch wurde strikt abgelehnt. Eine Amerikanerin ist mit im Spiel. Und Aktivitäten im Inland waren dem CIA schon von jeher verboten.« Er hob die breiten Schultern und ließ sie wieder fallen. »Ich möchte Sie nicht zwingen, Mike, einen derartigen Auftrag zu übernehmen. Ich kann Sie nur bitten.«
Mike sah dem General an, wie verteufelt ernst es ihm mit seinem Anliegen war.
»Wann soll’s denn über die Bühne gehen?«
»Morgen Abend.«
»Ich komme mir schon wie eine Wanze vor. Haben Sie wirklich nichts Schäbigeres für mich, General?«
Doch sowohl Clark Benson, als auch Mike Borran, wurden von den kommenden Ereignissen überrollt ...