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Am nächsten Tag stand Mike Borran wieder pünktlich bei den Schaltern im Hauptbahnhof. Craceck verspätete sich um ein paar Minuten.

»Kommen Sie«, sagte Borran. »Wir machen eine kleine Tour mit dem Auto. Das ist sicherer.«

Sie stiegen in den bereitstehenden Škoda, den sich Borran von Mendel ausgeliehen hatte.

»Haben Sie Ihre Meinung wieder einmal geändert?«, fragte Mike, als er den Motor anließ. Er kam erst nach einigem Stottern und Spucken.

»Nein. Ich habe lange genug überlegt. Ich mache mit. Ich nehme das Risiko auf mich.«

»Ich sehe, dass man Sie überzeugen kann.«

Mike fädelte das kleine Auto in den Verkehr auf der Vinohradska Transversale ein, die nach Fiicany hinausführte.

»Wenn Sie meinen, dass Ihre Argumente, und vor allem die Lösung, die Sie ankündigten, überzeugend sind ...«

»Nach dem, was ich über Boris Buczenkow gehört habe, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, ihn zu überraschen.«

»Deshalb brauchen Sie mich ja schließlich. Was soll ich jetzt tun? Ich bin mit allem einverstanden.«

»Halten Sie erst einmal Ihre Gedanken zusammen, und seien Sie nicht aufgeregt. Sie haben genügend Zeit, sich alles genau durch den Kopf gehen zu lassen, was Sie ihm sagen werden.«

»Und was sollte das Ihrer Meinung nach sein?«

»Das werden wir jetzt zusammen herausfinden. Wo, denken Sie, bietet Boris Buczenkow die größten Angriffsflächen? Ambitionen? Eitelkeit? Neugierde?«

Craceck antwortete nicht sofort.

»Auf keinen Fall macht er sich etwas aus Geld«, meinte er dann. »Buczenkow bezieht seine kleinen Freuden aus einer anderen Ecke.«

»Aus welcher? Aus seinen Erfolgen?«

»Es kommt darauf an, welche Erfolge Sie jetzt meinen. Buczenkow macht sich nichts aus Ehren, Titeln oder Auszeichnungen. Seine Eitelkeit befriedigt er mit anderen Dingen.«

»Womit?«

»Aus seinen beruflichen Erfolgen, die von seinen Vorgesetzten nicht unbedingt honoriert werden müssen. Das ist ihm schon wieder egal. Doch wenn er einen Gegner vor sich hat, ihn besiegen und dann quasi seinen Fuß auf sein Opfer stellen kann, das verschafft ihm Befriedigung. Buczenkow ist Sadist.«

»Man könnte ihn auch einfangen.«

Craceck sah Borran zweifelnd an.

»Ich habe vergessen zu sagen, dass er auch ein Fuchs ist. Er ist unwahrscheinlich intelligent. Allerdings nicht auf die alltägliche Art und Weise. Und gerade das macht ihn so gefährlich. Er ist mit seinen Gedanken sehr schnell, hat eine ungeheure Kombinationsgabe und erfasst Situationen intuitiv richtig. Ich kann mich noch sehr gut an ihn erinnern. Ich denke nicht, dass ich ein ausgesprochener Dummkopf bin. Aber wenn ich Buczenkow gegenüberstehe, komme ich mir vor wie einer. Dann quält mich das Gefühl, er könne alles aus meinem Gesicht ablesen wie aus einem offenen Buch. Buczenkow ahnt die Dinge, bevor man sie ihm erklärt hat.«

»Er hat Sie fertiggemacht, nicht wahr?«

»Und wie er das gemacht hat ...«

»Wenn Sie ihn treffen, wie wird er sich verhalten?«

»Vielleicht überrascht Sie das. Aber er wird überaus freundlich sein.«

»No. Überrascht mich nicht. Bei Leuten seines Schlages ist das ganz normal. Diese Typen entwickeln manchmal eine gewisse Zuneigung zu ihren Unterlegenen. Es ist die Gnade, die sie einem entgegenbringen, der zu ihren Füßen liegt. Und das wird unsere Aufgabe erleichtern. Buczenkow will Sie nicht mehr, wenn er Sie schon einmal besiegt hat. Doch den Besiegten müssen Sie unter allen Umständen spielen. Das mag zwar peinlich für Sie sein, aber denken Sie an Ihre Rache, wenn Sie ihm den Speichel lecken. Das wird Ihnen helfen.«

Cracecks Gesicht war hart geworden, während Borran gesprochen hatte. Seine Wangenknochen traten hervor.

»Sie sagen ihm«, fuhr Mike fort, »Sie seien zu dem Schluss gekommen, dass Buczenkow die ganzen Jahre über im Recht gewesen sei, dass Sie ihn jetzt verstehen und Ihren damaligen Irrtum einsehen würden.«

Craceck starrte Borran an.

»Und wie soll ich das machen?«

»Sie werden ihm erklären, dass Sie Kontakt zu einer geheimen Organisation haben, die Ihr Land ausspionieren will.«

»Er wird Beweise von mir verlangen.«

»Sicher. Und Sie werden ihm welche geben. Sie werden ihm sagen, dass diese Organisation von einem Amerikaner geführt wird, und dass Sie einige seiner Agenten kennen. Sie werden sagen, dass Sie ein Treffen mit ihm haben.«

»Und Sie glauben, dass er mir das abkauft?«

Mike Borran feixte.

»Natürlich. Schließlich ist es die Wahrheit. Sie werden Buczenkow noch einige bildhübsche Details liefern. Dass dieser Amerikaner zur Zeit in den Drei Kronen abgestiegen ist und einen Pass auf den Namen Igor Surel besitzt ...«

Craceck öffnete den Mund und brachte ihn nicht mehr zu. Borran ließ den Mann auch gar nicht erst zu Wort kommen.

Sie werden Buczenkow also alles sagen, was Sie über mich wissen. Mit kleinen Einschränkungen natürlich. So brauchen Sie nicht zu erwähnen, dass Sie selbst ihm das Fell über die Ohren ziehen möchten. Doch Sie werden auch so sehr glaubhaft wirken. Davon bin ich überzeugt.«

»Aber haben Sie dann noch die Zeit und die Gelegenheit, einen Schlag gegen Buczenkow zu führen? Wie wollen Sie sich gegen ihn wehren? Bedenken Sie, dass er hier im Heimvorteil ist.«

»Ich bleibe in meinem Hotel. Das ist alles, was ich mache.«

»Und dann?«

»Ich lasse den guten Boris schmoren. Das wird der delikateste Teil des Unternehmens. Man muss ihm die Luft abschneiden, er muss sehen, wie dringlich die Situation schon geworden ist, dass er sofort zuschlagen muss, wenn er noch etwas retten will. Sie werden ihm als Retter in der Not erscheinen, Craceck, und das wiederum wird seine Aufmerksamkeit einschläfern. Sie sagen ihm auch, dass ich im Begriff sei, das Land heimlich zu verlassen.«

Der Tscheche schien hochgradig erregt. Er runzelte die Stirn.

Der Wagen ließ die Vororte der Stadt hinter sich. Borran hielt in der Nähe einer einzeln stehenden Eiche an und wandte sich an Craceck.

»Sie haben jetzt das Schema im Großen. Jetzt werden wir noch die Details abklopfen und Ihre Rolle genau festlegen. Sie müssen auf jeden Fall echt wirken. Buczenkow darf die Wahrheit dieses eine Mal nicht einmal nur ahnen.«

Craceck wurde rot.

»Keine Sorge. Ich werde lügen.«

»Sie werden diesmal auf wesentlich günstigere Bedingungen stoßen. Buczenkow wird Ihnen nicht mit dieser Schärfe begegnen, die er eigentlich aufbringen müsste. Er wird sie für jene aufheben, die er aufs Kreuz legen will.«

»Und wo verstecken Sie sich? Sie können doch nicht die ganze Zeit über in Ihrem Hotel abwarten.«

»Seien Sie unbesorgt. Ich werde mir schon ein nettes Plätzchen im Hinterhalt suchen.«

»Und wo soll dich Buczenkow hinbringen?«

»Haben Sie Vorschläge? Ich brauche Ihnen sicher nicht lang und breit zu erklären, welche Voraussetzungen ein derartiger Ort erfüllen muss. Am besten wäre ein alleinstehendes Haus, ein Platz mitten in einer Ebene. Keinesfalls in einer waldigen Gegend oder an einer belebten Stelle.«

Craceck nickte.

»Ich möchte noch eine Frage stellen.«

»Schießen Sie los.«

»Es handelt sich um die Exekution von Buczenkow. Sie kennen meine Bedingung. Nur deshalb habe ich Ihnen eine Zusammenarbeit angeboten.«

»Ich bleibe bei dem, was ich versprochen habe.«

Craceck schaute auf seine Hände hinunter, die sich wie Klauen öffneten und schlossen.

»Ich möchte ihn mit diesen Händen töten ...«

Borran ließ sich seine Verwunderung nicht anmerken. Wie konnte ein anscheinend so friedlicher und intellektueller Mensch einen derartigen Hass entwickeln, dass er zum eiskalten Mord bereit wurde? Er musste während seiner Gefangenschaft unsagbare Qualen durchlitten haben.

»Ich nehme Ihnen diese Genugtuung nicht«, hörte Mike Borran sich sagen. Sein Gaumen war trocken geworden. »Ich glaube, wir haben das Wesentliche besprochen. Wo soll ich Sie absetzen?«

»Irgendwo in der Stadt. Es ist mir egal.«

»Dann soll mir das auch recht sein. Wir treffen uns in zwei Tagen wieder. Selbe Uhrzeit und selber Ort wie bisher. Und noch ein Letztes, Craceck: Ich bin ein sehr böser Mensch. Obendrein misstrauisch und nachtragend. Wenn das Unternehmen durch Ihren Fehler vermasselt werden sollte, möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken. Verstehen Sie mich?«

Schweigend fuhren sie zurück in die Stadt.

»Bereiten Sie sich gut auf das Treffen mit Buczenkow vor«, ermahnte ihn Mike Borran nochmals, als er ihn in der Nähe des Wenzelsplatzes aussteigen ließ. »Sie müssen unserem Mann von der ersten Sekunde an einimpfen, wie wichtig es ist, dass er mich schnappt.«

»Zählen Sie auf mich.«

Borran dachte noch einige Sekunden über den Doppelsinn dieses Versprechens nach. Er gefiel ihm nicht ...

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