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Alexander Craceck hatte alle Direktiven, die er brauchte, bekommen.

Boris Buczenkow war sehr ruhig. Nichts wies darauf hin, dass ihn die knapp bevorstehende Festnahme eines Agenten in Aufregung versetzte. Er war ein alter Hase in der Branche. So leicht brachte ihn nichts aus seiner Ruhe.

Die Auskünfte, die er über Craceck bekommen hatte, waren ihm brauchbar erschienen. Craceck nagte am Hungertuch, und er hätte nach allem gegriffen, was auch nur nach einem Strohhalm roch. Dass er hier und da getäuscht worden sein konnte, kam Buczenkow nicht in den Sinn.

Auch hatte Boris Buczenkow erfahren, dass es sich bei seinem Gegenspieler um einen äußerst wichtigen Mann handelte. Ein Umstand, der Buczenkow noch mehr aufleben ließ.

Es wäre natürlich sehr einfach gewesen, das Opfer in einer groß angelegten Aktion zu stellen, aber Buczenkow hatte in diesem Punkt seine eigenen Ansichten. Er hielt eine Großaktion nicht für sportlich. Er hatte es schon früher vorgezogen, immer nur fast auf sich allein gestellt zu sein.

Und trotzdem hatte er ein schlechtes Gefühl. Alles schien ihm viel zu glatt zu gehen.

Alexander Craceck musste jeden Moment kommen. Er hatte sich bereits telefonisch angekündigt. Bestimmt würde er mit Neuigkeiten aufwarten können.

Da läutete es.

Buczenkow stand auf und ließ seinen Besucher herein, ohne auf die Vorsichtsmaßnahmen zu achten, die er Craceck gegenüber bei dessen erstem Besuch hatte walten lassen.

Anschließend gingen beide in Buczenkows Arbeitszimmer, ohne noch ein einziges Wort miteinander gewechselt zu haben.

»Nun?«, fragte er, nachdem er sich gesetzt hatte. »Sind Sie mir nicht einige Erklärungen schuldig? Ich habe vergeblich versucht, Sie zu erreichen.«

»Seit meinem letzten Besuch hat sich auch ziemlich viel Neues ergeben«, erwiderte Craceck. »Sie und ich müssen von veränderten Voraussetzungen ausgehen.«

»Warum hat Surel sein Hotel verlassen?«

»Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass er Verdacht geschöpft hat. Ich sagte Ihnen das bereits: Dieser Mann ist mit allen Wassern gewaschen.«

Buczenkow warf ihm einen schrägen Blick zu.

»Er soll Verdacht geschöpft haben? Vielleicht haben Sie ihm einen Anlass dazu gegeben.«

»Um Himmels Willen, nein. Er ist im großen und ganzen misstrauisch geworden. Er hat es eben vorgezogen, sein Hotel zu verlassen. Sein Auftrag ist ja auch heikel genug. Ich könnte es ihm durchaus nachfühlen, wenn er inzwischen Muffensausen bekommen haben sollte.«

Buczenkow antwortete nicht, und Craceck überlegte fieberhaft, wie er fortfahren sollte.

»Ist eigentlich ganz normal«, meinte er schließlich. »Die Leute in seinem Job können sich nie ganz sicher fühlen.«

Buczenkow nickte.

»Warum waren Sie nicht zu Hause erreichbar, Craceck?«

»Ich fühlte mich auch nicht mehr sicher. Ist das so unverständlich?«

»Ja und nein. Habe ich Ihnen noch nicht gesagt, dass Sie unter meinem Schutz stehen?«

»Sie haben das angedeutet. Sicher. Aber die anderen ...«

»Es geht Ihnen dreckig, wenn Sie versuchen sollten, mich zu hintergehen.«

Craceck atmete schwer.

»Ich will Sie nicht hintergehen, Genosse Buczenkow. Aber wenn dieser Surel, dieser Amerikaner, schon misstrauisch geworden ist, dann heißt das auch, dass er besonders aufpasst. Warum haben Sie ihn eigentlich noch nicht festnehmen lassen?«

»Er ist nicht mehr in seinem Hotel. Wäre ich rechtzeitig gekommen, säße er schon längst an der Sady Svadopluka. Sie wissen nicht, wo er sich versteckt hält?«

Craceck verneinte.

Buczenkow glaubte ihm sichtlich nicht.

»Das überrascht mich einigermaßen, Craceck.«

»Weshalb?«

Craceck bekam ein flaues Gefühl im Magen. Buczenkow war drauf und dran, ihm ebenfalls zu misstrauen, und das war überhaupt nicht gut.

»Welches verdammte Spiel spielen Sie, Craceck?«, entgegnete Buczenkow anstelle einer Antwort.

»Keines. Ich schwöre. Ich nehme das auf meinen Eid.«

»Geschenkt, Craceck! Mich interessiert nur eines. Ich muss diesen Amerikaner hinter Schloss und Riegel bringen. Sie haben das kapiert?«

Craceck beeilte sich, zustimmend zu nicken.

»Deshalb bin ich doch hier«, sagte er etwas weinerlich. »Ich weiß bestimmt nicht, wo sich dieser Surel versteckt hält. Aber ich weiß, wo man ihn noch an diesem Abend finden kann. Ich hatte wieder Kontakt mit den Leuten. Einen letzten Kontakt, wie mir scheint.«

»Was heißt hier: Einen Letzten?«

»Weil Surel unser Land noch in dieser Nacht verlassen will. Am Telefon konnte ich Ihnen noch nichts Genaues sagen, da ich zu dieser Zeit den Ort des Treffens noch nicht kannte. Der Amerikaner will sich von einigen anderen Leuten verabschieden. Ein Hubschrauber holt ihn ab und bringt ihn dann nach Westdeutschland.«

»Himmel, sind Sie ein Idiot, Craceck! Damit rücken Sie jetzt erst heraus? Sie kennen diesen Ort? Muss man Ihnen denn jede Antwort einzeln aus der Nase ziehen?«

»Ja. Ich kenne den Platz.«

Buczenkow betrachtete Craceck, wie er ihn angesehen hatte, als der Mann noch an der Papageienschaukel gehangen hatte.

»Und Sie glauben, dass man diesem Subjekt trotzdem noch beikommen könnte?«

»Wenn überhaupt, dann nur in dieser Nacht.«

Buczenkow ließ Craceck nicht aus den Augen.

»Wie sollte ich Ihrer Meinung nach vorgehen?«

»Aber das weiß ich doch nicht! Ist das nicht allein Ihr Problem? Woher soll ich wissen, was zu machen ist? Ich weiß nur, dass Sie keine Zeit mehr verlieren sollten, Genosse Buczenkow.«

Der Tscheche lächelte tückisch.

»Zusammengefasst schlagen Sie vor, dass ich allein vorgehen soll?«

»Das wäre sehr riskant. Ich sagte es bereits. Dieser Ami ist mit allen Wassern gewaschen. Ein sehr gefährlicher Mann.«

»Und wie steht’s mit Ihnen, Craceck?«

Alexander Craceck wusste nicht mehr, wie er sich verhalten sollte. Er legte seine Stirn in Falten.

»Mit mir?«, fragte er gedehnt.

»Haben Sie für heute noch etwas Besonderes vor?«

»Ich wüsste nicht, wie ich Ihnen nützlich sein könnte.«

»Sie wollen mich erst nach dem Treff erwarten?«

»Hm. Das wäre eine Möglichkeit.«

Buczenkow erhob sich.

»Wann sollen Sie diesen Surel treffen?«

»Um zehn Uhr.«

»Weit von hier?«

»Nicht sehr weit von hier. Etwas außerhalb der Stadt. In der Nähe von Melnik.«

»Ich kenne die Gegend. Es ist ziemlich abgelegen dort. Der Amerikaner hätte sich auch einen schlechteren Platz zum Verschwinden aussuchen können.«

»Er ist sehr gewitzt, Genosse Buczenkow.«

»Scheint mir auch so. Aber ich bin ein Stück gewitzter als er. Sie kommen übrigens mit mir, Craceck. Ab sofort rudern Sie mit mir auf derselben Galeere. Hoffentlich fallen Sie nicht über Bord.«

Buczenkows Auto parkte vor seiner Wohnung. Al Mendel und Mel Furier warteten nicht weit davon entfernt in einem anderen Wagen. Sie sahen, wie die beiden Männer in das Auto stiegen. Die Straße war nicht sehr belebt.

»Er hat Craceck mitgenommen«, sagte Mel Furier. Die Scheinwerfer von Buczenkows Wagen stanzten Lichtfinger in der Dunkelheit.

»Willst du nicht auch den Motor anlassen?«, fragte Albert Mendel.

»Nimm dir Zeit und nicht das Leben«, knurrte Furier. »Siehst du’s nicht? Buczenkows Wagen hat einen Bruder bekommen. Buczenkow ist entweder ein Feigling oder ein tückisches Aas. Sein Pech, dass wir auch nicht ganz ohne sind. Ein ausgesprochenes Pech, möchte ich fast sagen.«

»Fang nicht an zu philosophieren, sondern pass auf! Lass dich nicht ab hängen.«

»Das hat noch keiner geschafft«, brummte Furier ungnädig. »Und ich will es auch heute nicht zu einer Premiere kommen lassen. Die gehören alle mir.«

Mel Furier folgte den beiden anderen Autos ohne Hast, und ohne die Scheinwerfer eingeschaltet zu haben.

Das tat er erst nach rund einem knappen halben Kilometer.

Als sie die Stadt und auch ihre Vorstädte schon hinter sich hatten, meinte Al Mendel: »Es scheint, als wären wir jetzt an der Reihe, Partner. Ich bin die Strecke heute schon mal abgefahren. Sechs Kurven kommen jetzt hintereinander. Eine gefährlicher als die andere. Setz deinen Bleifuß aufs Pedal. Wir müssen den Vorsprung wieder wettmachen.«

Furier ließ sich das nicht zweimal sagen. Er quälte den Motor auf die höchste Drehzahl. Sie hatten die unübersichtliche Strecke gerade überwunden, als die Rücklichter jenes Wagens, in dem Buczenkows Schatten saßen, gerade hinter der nächsten Biegung verschwanden.

Mel Furier raste mit durchgedrücktem Gaspedal weiter.

»Sachte, Junge«, sagte Al Mendel. »Denk an meine Frau und an meine Kinder.«

»Sonst noch was?«

Mel Furier verzog sein Gesicht und gab noch mehr Gas. Er nahm die Kurven, als ob er die Rallye Monte Carlo gewinnen wollte. Immer häufiger tauchten die Rücklichter des anderen Wagens auf. Sogar jene von Buczenkows Limousine bekamen sie zu Gesicht.

Al Mendel konnte sich trotzdem nicht ganz daran gewöhnen.

An jene Wettfahrten mit dem Tod ...

Der Abstand zum vorderen Wagen verringerte sich mehr und mehr.

»Stemm dich fest!«, empfahl Mel Furier gepresst. »In der nächsten Kurve schnappe ich mir die beiden.«

Mendel spreizte seine Beine vom Bodenblech des Wagens ab.

Furier steuerte das Auto haarscharf an einem Abgrund entlang. Das Gelände war wieder hügeliger geworden.

Die Pneus kreischten auf. Der Abstand zum Abgrund wurde kleiner und kleiner.

Tödlich klein.

Als die beiden Wagen auf gleicher Höhe waren, konnte Mendel im Schein der Armaturenbeleuchtung die verdutzten Gesichter der beiden Agenten sehen. Man merkte ihnen an, dass in diesem Teil der Welt keine Rallyes gefahren wurden. Sie konnten dieses waghalsige Überholmanöver nicht fassen.

Furier raste eine Handbreit am Abgrund vorbei. Schlamm spritzte auf. Es hatte am Nachmittag ein Gewitter gegeben. Noch jetzt zuckten ab und zu Blitze vom Himmel.

Es sprach für Mel Furier, dass er es mit einem in Prag gestohlenen Wartburg geschafft hatte, einen Moskowitsch zu überholen. Doch das Fahrgestell des Kleinen war für derartige Sachen nicht konstruiert. Der Wartburg geriet ins Schleudern, kaum dass ihn Furier mit Gewalt auf die Straße zurück gerissen hatte.

Furchtbar schnell kam die felsige Wand auf sie zu.

Furier trat voll in die Bremsen und steuerte wild dagegen. Mendel hielt seinen Hut fest.

Einige Sekunden lang stand es auf des Messers Schneide, ob Mel Furier den Wagen wieder in seine Gewalt bekommen würde. Dann schwänzelte der Wartburg noch ein paarmal hin und her, der Metallrahmen ächzte empört, doch schließlich fügte sich der Wagen wieder in die Faust des Agenten. Furiers Hände hatten zu schwitzen begonnen. Er wischte sie an seinen Hosen ab.

»Mistkarre, verfluchte«, knurrte er.

Länger konnte er sich nicht über östliche Konstruktionskunst auslassen, denn die Zeit brannte ihnen auf den Nägeln. Die Männer im Moskowitsch würden jetzt vermutlich gewarnt sein.

»Stopp nach der dritten Kurve!«, brüllte Mendel durch den Lärm des hochdrehenden Motors.

Furier nickte und klammerte sich verbissen am Lenkrad fest. Er scherte wieder auf die rechte Seite.

Die Straße war glitschig, und das erleichterte ihm sein Vorhaben. Bei diesen Wartburgs wusste man nie, wann sie sich auf den Kopf stellten.

Nach der dritten Kurve stieg er voll aufs Bremspedal und riss gleichzeitig das Steuer nach links. Der Wagen brach wie gewünscht aus, und Furier gab wieder Gas. Dann nochmals auf die Bremse, und der Wagen stand quer zur Fahrbahn.

Er war kaum zur Ruhe gekommen, als Mendel auch schon heraussprang. Furier folgte ihm eine halbe Sekunde später.

Sie rannten in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Schon kam der dunkelblaue Moskowitsch heran, den sie eben noch überholt hatten. Der Fahrer versuchte verzweifelt, dem Hindernis auszuweichen, doch auf der Straße kam er nicht daran vorbei.

Der schwere Wagen schlitterte, schwänzelte wie eine betrunkene Hummel und krachte dann gegen die steile Böschung.

Die Motorhaube sprang auf. Dichter Qualm stieg aus dem Kühler.

Furier und Mendel näherten sich vorsichtig und mit gezückten Pistolen. Aber im Schein ihrer Taschenlampen sahen sie, dass sie Borrans Bitte, die Leute zu schonen, nicht mehr würden Folge leisten können. Die beiden Ostagenten hatten die Karambolage mit der Felswand nicht überlebt. Tot starrten ihre Augen ins Leere.

Mendel zuckte nur mit den Schultern. »Betriebsunfall«, sagte er. »Fass mal mit an, Mel.«

Sie zerrten die beiden Leichen aus dem Wagen und legten sie auf die regennasse Straße. Furier zwängte sich hinter das Steuer des Moskowitsch und drehte den Schlüssel im Zündschloss.

Vergebens. Der Motor gab keinen Laut mehr von sich.

Und die Zeit verrann.

Wertvolle Zeit.

Borran stand zwei Gegnern gegenüber und wusste es nicht.

Fluchend stieg Furier wieder aus. Mendel hatte erkannt, dass er mithelfen musste. Zusammen schoben sie den Moskowitsch von der Böschung weg. Furier kurbelte mit einer Hand am Steuer.

Endlich hatten sie es geschafft, dass die Motorhaube auf den Abgrund an der anderen Seite zeigte. Noch ein letztes Mal schoben sie an.

Sie schauten zu, wie der Moskowitsch nach vorne kippte. Blechteile lösten sich, ein gewaltiger Knall nach etwa zehn Metern. Tiefer ging es hier nicht hinunter.

Furier kletterte hinterher und drehte den Deckel des Tankverschlusses auf. Er nahm eine Zündholzschachtel und drehte drei Streichhölzer so herum, dass sie auf die restlichen Schwefelköpfe in der Schachtel stießen, und zündete sie an ihrem freien Ende an.

Eine Stichflamme flackerte zischend auf, als alle Schwefelköpfe zu brennen begannen.

Schnell warf Furier den Feuerball in den Tank, rannte dann um sein Leben und warf sich ins nasse Gras.

Und schon schoss eine Fontäne aus Schlamm, Steinen und Metallteilen hoch. Die Büsche der Umgebung flackerten im Schein des Feuers.

»Wo bleibst du?«

Mendel hatte sich über den oberen Rand der Böschung gebeugt. In seiner Stimme schwang Sorge mit.

Furier krabbelte wieder hinauf.

»Mich bringt so leicht nichts um«, keuchte er. »Komm jetzt mit, und lass uns das Feuer füttern. Ich denke, wir sind den beiden Kameraden eine erstklassige Feuerbestattung schuldig. Wir können sie nicht hier oben liegenlassen.«

Mendel verstand. Er griff nach der ihm am nächsten liegenden Leiche und wuchtete sich den schweren Körper auf die Schulter.

Man sah Mendel die enorme Kraft, die in ihm steckte, nicht an. Aber er brachte es fertig, den Toten zum brennenden Wrack hinunterzuschleudern. Funken stoben auf, als der Körper in den Flammen landete.

Furier war ebenfalls soweit. Er machte es Mendel nach.

Die Polizei musste annehmen, dass der Wagen von der Straße abgekommen war und seine beiden Insassen beim Sturz in den Abgrund herausgefallen waren. Zumindest eine Zeitlang würden sie das annehmen.

»Okay?«, fragte Furier. Er atmete immer noch schwer.

»Okay.«

Furier schlug sich den Dreck vom Mantel.

»Dann machen wir uns wieder auf die Socken, Partner.«

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