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Jirj Costomsky befand sich wieder in jenem Zimmer, in dem er schon einmal auf General Benson gewartet hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, weshalb man ihn nochmals geholt und ihn dieselben Dinge noch einmal gefragt hatte, wobei sich der Militärattaché über die Behandlung nicht beklagen durfte.

Die war ausgezeichnet gewesen.

Dass etwas schiefgelaufen sein könnte, kam ihm nicht in den Sinn. Zumindest nicht auf seiner Seite.

Bei den Amerikanern dagegen ...

Diesmal fiel das Lächeln Costomskys beinahe herzlich aus.

Theoretisch musste Borran bereits in einem tschechischen Gefängnis darauf warten, nach Moskau gebracht zu werden.

Costomsky wusste, dass man ihn jetzt deshalb vielleicht psychologisch ins Wanken bringen wollte, aber wie die meisten Russen erfreute er sich einer Konstitution, die nichts zu wünschen übrig ließ, und vor allem hatte er eine Spezialausbildung genossen. Man konnte ihm nichts beweisen.

Der Militärattaché hatte sich eben etwas Medley-Bourbon eingeschenkt, als ihn Benson höchstpersönlich in sein Büro bat.

»Ihrer Bitte um politisches Asyl müssen noch einige Formulare beigefügt werden«, sagte Benson. »Sie wollen wirklich bei uns bleiben?«

»Das müsste Ihnen inzwischen hinreichend bekannt sein. Sie haben mich deshalb einen Tag und eine Nacht hier festgehalten?«

»Ich bitte Sie. Es geschah doch nur in Ihrem eigenen Interesse. Sie haben keine Probleme mit Ihrer Dienststelle?«

»Bisher ist noch nichts aufgefallen. Offiziell habe ich zur Zeit Urlaub genommen. Man muss ihn nicht unbedingt in einer Datscha in der Nähe von Moskau verbringen. Ich bin sicher, dass meine Kollegen nicht einmal ahnen, dass ich Kontakt mit Ihnen aufgenommen habe. Ich war sehr vorsichtig.«

Benson bemühte sich um eine zweifelnde Grimasse.

»Sonderbar. Die sind doch sonst nicht so gutgläubig. Aber unterschreiben Sie das erst mal. Sie sind ja aus dem Schneider.«

Costomsky setzte seine schwungvolle Unterschrift unter die verschiedenen Schriftstücke und bedachte Benson dann mit einem merkwürdigen Blick. Der General machte den Eindruck, als würde er sich über irgend etwas freuen. Dabei sollte er gerade jetzt keinerlei Grund zur Freude haben.

Benson sammelte die Formulare ein und legte sie hinter sich in den Safe.

»Lassen wir das Katz-und-Maus-Spiel, Costomsky«, sagte er, nachdem er die Safetür verschlossen hatte. »Sie haben verloren.«

»Was soll das heißen? Was wollen Sie damit sagen?«

»Nun, Mister Jirj Costomsky, Militärattaché der sowjetischen Botschaft in Washington: Wir haben einen neuen Aufgabenbereich für Sie. Tüten kleben wird Ihnen doch hoffentlich nicht als zu niveaulos erscheinen?«

Costomsky wollte es immer noch nicht glauben. Sollte sein mit soviel Akribie eingefädelter Plan misslungen sein?

Niemals!

Das konnte es nicht geben.

»Sie haben schon besser geblufft, Benson.«

Der General strahlte jetzt richtig.

»Beim Schachspiel kann man nicht bluffen, wenn die Gegenspieler einander ebenbürtig sind, Costomsky. Gerade Sie sollten das wissen. Sie stellen regelmäßig die Weltmeister in dieser Disziplin. Wir konnten nicht nur Buczenkow schnappen, sondern bekamen ihn auch noch lebend. Er weiß inzwischen schon, dass Sie ihn haben fallen lassen. Er singt wie ein Schwarm Nachtigallen. Es ist eine wahre Pracht, ihm zuzuhören. Aber ich habe noch eine weitere Überraschung für Sie, Mister Costomsky.«

Benson drückte einen Knopf an seiner Gegensprechanlage und musterte den Russen amüsiert. Der Glatzköpfige war nun doch etwas blass geworden.

»Kommen Sie herein, altes Haus. Ihr Typ wird verlangt.«

Die Tür schwang auf, und Mike betrat das Zimmer.

Costomsky verlor zum ersten Mal die Fassung, doch er hatte sich sofort wieder in der Gewalt.

»Mr. Costomsky? Darf ich Ihnen Mr. Mike Borran vorstellen? Jenen Mann, der uns nicht nur Buczenkow, sondern auch gleich noch Alexander Craceck dazu geliefert hat. Soeben aus tschechischen Landen zurück im Stall, wie Sie sich einmal auszudrücken beliebten.«

Auch Mike lächelte freundlich.

»Guten Tag, Mister Costomsky. Es freut mich, Sie auch persönlich kennenzulernen. Obwohl wir uns eines Tages ganz sicher auch in einem Moskauer Gefängnis getroffen hätten, wäre es nach Ihnen gegangen. Sie hätten mich doch einmal besucht, nicht wahr? Für Spionage bekommt man bei Ihren Freunden doch mindestens lebenslänglich. Wenn nicht gar etwas Schlimmeres. Es passieren manchmal hässliche Unfälle in Ihren Gefängnissen.«

»Was wollen Sie von mir?«, fragte Costomsky erregt. »Sie haben nichts gegen mich in der Hand!«

»Ich konnte Ihnen leider nicht die Akten mitbringen, die ich bei Buczenkow gefunden habe. Doch die Mikrofilme davon werden zur Stunde entwickelt. Was Sie betrifft, so haben wir mehr als genug Beweismaterial, Agent X zwo-drei-zwo-eins. Buczenkow ist ein äußerst penibler Mensch und ein sehr getreuer Buchhalter. Es war wohl nicht mehr vorgesehen, dass ich auch noch Einsicht in seine Akten bekomme.«

Costomsky unterbrach ihn.

»Sie können mir gar nichts anhaben.« Jetzt ließ er auch die Maske fallen, die er so lange und scheinbar mühelos aufrechterhalten hatte. »Ich genieße die Immunität eines Botschafters, und ...«

»Aber nicht doch, Costomsky«, fuhr General Clark Benson dazwischen. »Sie haben soeben jene Papiere unterschrieben, in denen Sie um politisches Asyl gebeten haben. Nun, ich kann Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass Ihrem Gesuch rückwirkend bis zu Ihrem ersten Besuch bei mir stattgegeben wurde. Sie sind schon seit beinahe zwei Wochen amerikanischer Staatsbürger, Mr. Costomsky. Sie wollen doch jetzt keinen Skandal mehr heraufbeschwören? Im Kreml sieht man das gar nicht gerne. Aber wem sage ich das ...?«

ENDE

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