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Mike Borran schabte sich den Bart aus dem Gesicht. Vergangene Nacht war es etwas später geworden, und seine Stimmung war entsprechend. Er bekämpfte seinen Kater anschließend mit einer »Parie Oyster«, einem höllisch scharfen Getränk, das einem entweder den Magen umdrehte oder ihn beruhigte.

Bei Mike Borran bewirkte der Drink letzteres. Als er sich ein paar Spiegeleier in die Pfanne schlug und starken Kaffee aufgoss, fühlte er sich bereits bedeutend wohler. Das Brummen in seinem Schädel war zu einem erträglichen Summen verkümmert.

In den Zehn-Uhr-Nachrichten kamen die üblichen Katastrophenmeldungen, gekrönt von der Mitteilung, dass auf einen anonymen Anruf hin am Strand von Long Beach eine weibliche Leiche aufgefunden worden sei. Den Namen der Toten hätte man noch nicht herausgefunden, doch es stünde fest, dass die Polizei einen Mord aufzuklären habe, denn bei der Autopsie habe sich herausgestellt, dass das Mädchen nicht im Meer, sondern in Süßwasser ertrunken sei.

Borran schaltete das Radio ab. Seit die CIA ihn geködert hatte, wurde er mit Abenteuern mehr als bedient.

Er dachte kurz an Plenty, seinen einzigen Hoffnungsschimmer und Freude der wenigen Nächte, die sie mit ihm verbrachte. Zur Zeit hielt sie sich in Chicago auf, um mit ihrem Vater irgendwelchen Unsinn auszuhecken, doch sie hatte angekündigt, dass sie noch im Laufe dieser Woche bei ihm vorbeischauen würde.

Das versöhnte ihn ein wenig mit dem Tag, der so überhaupt nichts versprechend begonnen hatte.

Nach dem Frühstück drehte Mike Borran ein paar Runden im Swimmingpool, und danach war sogar das Summen in seinem Kopf verschwunden. Die Sonne schien so wie immer über Los Angeles, und er ließ sie das Wasser auf der Haut trocknen.

Wieder einmal mehr dachte er an jene Zeit zurück, in der er noch als leitender Wissenschaftler in den »Kensington Labors« gearbeitet hatte. Eine anstrengende aber auch gleichzeitig ruhige Zeit war das gewesen. Bis es schließlich zu jener unheilschwangeren Nacht gekommen war, in der sämtliche Zellen seines Körpers mutierten; zu jener Nacht, die ihn mit einem Schlag zum Außenseiter stempelte und ihn für die CIA so interessant machte, dass sie ihn in Langley und im Pentagon nicht mehr in seinem Beruf als Kernphysiker arbeiten ließen, sondern ihn vor den Karren staatlicher Interessen spannten.

Doch allmählich gewöhnte er sich daran, empfand sogar Freude, wenn er einen Einsatz im Sinne der Regierung erledigt hatte, denn zum Müßiggänger fehlte ihm das Talent.

Dabei hätte er mit seinem ererbten Vermögen, das er mit Umsicht vermehrte, als Playboy leben können.

Doch zum Playboy hatte er noch weniger Geschick.

Er war einer jener Männer, die etwas zu tun haben mussten. Und bei Licht betrachtet bot ihm die Central Intelligence Agency nicht die schlechtesten Konditionen. Er war auf Kontraktbasis für sie tätig.

Und obendrein so gut wie unentbehrlich.

»Sie werden noch einmal die Geheimwaffe Nummer 1 in unserer Firma«, hatte Johnnie McIntire, ebenfalls ein CIA-Agent, einmal gesagt. Er schien recht behalten zu haben.

Mike Borran war drauf und dran, seinen neuen Job zu mögen.

Trotzdem unterdrückte er nur mit Mühe einen Fluch, als das Telefon schellte. Am Klingeln erkannte er jenen Apparat, der unter einer Geheimnummer lief. Das konnte nur bedeuten, dass er wieder einmal gebraucht wurde, oder dass Plenty sich einen Scherz erlaubte. Das Mädchen steckte voller unauslotbarer Überraschungen.

Doch die Stimme am Telefon gehörte zu einem Mann. Sie klang ein wenig gelangweilt so wie immer, aber sie gehörte unüberhörbar zu Johnnie McIntire, einem Iren, dessen Haar wie eine Brandfackel leuchtete. Er hielt sich nicht mit langen Vorreden auf.

»Borran? Gut, dass ich Sie antreffe. Ich dachte, Sie würden vielleicht noch schlafen.«

»So!«, erwiderte Mike Borran eisig. »Immer noch das alte Spiel? Ich werde beschattet.«

»Sie sind nun mal der Augapfel der CIA. Meine Vorgesetzten würden Sie am liebsten in Watte packen und nur aus dem Kästchen holen, wenn Sie gerade gebraucht werden. Bleiben Sie friedlich, Mike. Wenn Ihnen etwas zustößt, geht das ohnehin auf meine Kappe.«

»Die meine bliebe in diesem Fall wohl auch nicht ganz unverschont«, antwortete Borran trocken. »Aber Sie rufen doch bestimmt nicht an, um sich nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen. Was liegt an?«

»Diesmal nur ein klitzekleiner Auftrag. Er wird Ihnen Spaß machen.«

Borrans Sinne schlugen Alarm. »Klitzekleine« Aufträge hatte man ihm noch nie zugeschanzt.

»Ich bin kein Spaßvogel«, sagte er deshalb. »Legen Sie zuerst auf, oder soll ich das machen?«

»Nun bleiben Sie doch auf dem Perser«, sagte Johnnie McIntire schnell, und wie es schien, auch ein wenig unwillig. »Sie haben eben nicht nur die eine Fähigkeit, sondern noch ein paar andere. So sind Sie beispielsweise charmant, was man von mir nicht unbedingt behaupten kann.«

McIntire hatte noch übertrieben. Er war so charmant wie eine hungrige Kobra.

»Sie kommen zu mir?«, fragte er.

»Wer könnte Ihnen schon widerstehen«, meinte Mike Borran und legte auf. Fünf Minuten später saß er in seinem Bentley.

In Long Beach, einem Stadtteil von L.A., waren in den Vormittagsstunden immer Parkplätze zu finden. Die Badegäste kamen erst nach Büroschluss. Die CIA unterhielt dort eine perfekt getarnte Dependance im Zweigbüro einer bekannten Reederei, die ihr Hauptbüro in Burbank unterhielt.

Borran meldete sich beim Portier, und die übliche Zeremonie nahm ihren Lauf. Ein blondiertes Mädchen mit gefährlich wippenden Hüften holte ihn vom Fahrstuhl ab, begleitete ihn durch einige Büros, in denen nicht minder hübsche Geschlechtsgenossinen die Tastaturen von Fernschreibern und Schreibmaschinen bedienten, und lieferte ihn vor einer abweisend schwarzen Tür ab.

»Sie kennen sich ja aus«, sagte sie nur und klimperte einladend mit ihren falschen Wimpern.

Mike Borran nahm die unausgesprochene Einladung nicht an. Dummerweise fühlte er sich im Dienst, und noch dümmererweise war Plenty offensichtlich hellsichtig veranlagt, wenn es um andere Frauen ging. Borrans entschuldigendes Lächeln fiel etwas kläglich aus, und er wusste es.

Er klopfte einen bestimmten Rhythmus gegen die Tür und hörte dumpf ein »Come in«.

Johnnie McIntire veränderte sich nicht. Er sah immer gleich aus. Rotschöpfig, breit und trotzdem von der Statur her wohlproportioniert. Die Falten in seinem scharfkantigen, etwas brutal wirkenden Gesicht bemühten sich, einen freundlichen Eindruck zu simulieren. Der Schreibtisch, hinter dem er thronte, passte zu ihm wie ein weißer Salon-Smoking zu Tarzan.

McIntire streckte die Hand über den Tisch. Vorsichtig legte Mike die seine in die Pranke, doch der gebürtige Ire ließ es bei einem vagen Druck, der trotzdem noch Schweiß auf Borrans Stirn trieb. Einladend wies McIntire auf den gepolsterten Besuchersessel.

»Alles in Ordnung?«, fragte der CIA-Agent.

Borran knetete sich die Rechte. An McIntires Händedruck würde er sich nie gewöhnen können.

»Von Kleinigkeiten abgesehen, ja«, antwortete er.

»Einen Drink?«, fragte der Agent, doch Borran lehnte dankend ab. Er hatte die Nacht zuvor genügend Drinks gehabt.

McIntire grinste wissend.

»Dann können wir auch gleich zur Sache kommen.«

»Können wir. Was springt für mich dabei heraus?«

Mike hatte es sich angewöhnt, immer sofort nach dem Honorar zu fragen. Aus dessen Höhe ließ sich am besten abschätzen, was ihn eventuell erwartete, falls er Ja zum jeweiligen Auftrag sagte.

»Tausend Dollar und ein vielleicht amouröses Abenteuer«, sagte McIntire. »Plus Spesen natürlich.«

Mike Borran war einigermaßen überrascht. Tausend Dollar bedeuteten für ihn ein besseres Taschengeld.

Überrascht musste er auch ausgesehen haben, denn McIntire redete sofort weiter.

»Ist wirklich nur eine Kleinigkeit, Mike«, versicherte er. »Umschreiben wir’s mal so: Sie sollen uns eine kleine Gefälligkeit erweisen.«

»Dann legen Sie doch endlich die Karten auf den Tisch!«

»Ich bin doch schon dabei! Wenn Sie mich von Anfang an hätten ausreden lassen, wüssten Sie schon alles.«

Mike Borran schwieg und wartete.

»Einer von ganz oben hat Sorgen«, verkündete Johnnie McIntire. »Seine Tochter ist ausgerissen und auf dem Weg zur Westcoast. Sie sollen nicht mehr und nicht weniger tun, als sie abzufangen und auszuhorchen, was sie vorhat.«

»Was geht das die CIA an?«, fragte Borran. »Seit wann spielt ihr Kindermädchen?«

»Corry Lambert ist kein Kind mehr. Sie ist volljährig. Sie könnte tun und lassen, was sie will.«

»Sie könnte?«

Johnnie McIntire zierte sich eine Weile, bevor er weitersprach. Seine Miene wurde verschlossen.

»Unter normalen Umständen könnte sie das. Sicher. Aber Corry Lambert ist die Tochter von General A. Lambert, einem der höchsten Geheimnisträger, die in Washington die Tage totschlagen.«

»Aha.«

»Aha«, äffte der CIA-Agent nach. »Uns wird ein Feuer unterm Hintern angezündet, wenn sie in die falschen Hände gerät.«

»Dann soll ich also Babysitter spielen?«

McIntire reichte ihm ein Foto über den Schreibtisch. Ein Farbportrait. »Baby nennen Sie so etwas?«

Joe Borran zog die Stirn kraus und schaute das Foto an.

Ein bildhübsches, brünettes Mädchen mit einem Schmollmund und großen, unschuldig dreinblickenden Mandelaugen. Das Gesicht ließ ihre Figur erahnen. Sie konnte kaum weniger prächtig sein.

Borran legte das Foto auf den Schreibtisch zurück.

»Tausend Dollar?«, fragte er.

»Plus Spesen«, ergänzte Johnnie McIntire seufzend. »Ich wollte, ich könnte mir mein Geld auch einmal so leicht verdienen.«

»Wo finde ich diese Corry Lambert? Außerdem mag ich nicht glauben, dass dieser Auftrag so einfach ist. Ihr Misstrauen beginnt abzufärben, McIntire. Einen leichten Job habt Ihr mir noch nie gegeben.«

»Dann muss dieser hier wohl die berühmte Ausnahme von der Regel sein«, maunzte der Ire. »Das kommt durchaus vor. Ab und zu bekommen unsere besten Mitarbeiter auch mal Rosinen. Und ist sie nicht eine Rosine?«

Johnnie McIntire hatte jetzt das Foto in der Hand und betrachtete es ausgiebig. Dabei war ihm anzusehen, dass er genügend Phantasie hatte, sich den Rest von Corry Lambert vorzustellen.

Seine Zunge huschte kurz über seine Oberlippe.

Mike Borran gab sich geschlagen.

»Okay. Was soll ich tun?«, fragte er.

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