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Von Los Angeles brauchte man allenfalls drei Stunden bis nach Las Vegas. Wenn man sich nicht so arg an die Geschwindigkeitsbeschränkung hielt und einen Sonderausweis parat hatte, so wie Mike Borran. Borran kam noch vor der Abenddämmerung an. Sein Bentley glänzte im Schein der untergehenden Sonne. Ein ausgesprochen schmuckes Stück Blech.

An einem Obststand für vorbeiziehende Autonomaden hielt er an. Das war mit McIntire abgesprochen.

Kaum hundert Yards vorher befand sich eine Straßensperre, an der angeblich nach Bankräubern gefahndet wurde. Und weil es verpönt war, Anhalter mitzunehmen, wurden sie aus den angehaltenen Autos heraus komplimentiert.

Borrans Bentley stand mit der Motorhaube in Richtung Los Angeles. Er biss gerade herzhaft in einen Apfel, als er Corry Lambert herankommen sah.

Das Foto hatte nicht zu viel versprochen.

Eher zu wenig.

Sie gehörte zu dem Typ Frau, den David Hamilton so gerne fotografierte. Mädchenhaft. Unschuldig aussehend. Und jede Menge Dreck hinter den Ohren.

Corry Lambert schleppte sich mit einem Seesack ab und steuerte die Obstbude an, da nirgendwo sonst Autos parken konnten.

Mike Borran wandte sich ab. Es durfte nicht danach aussehen, als hätte er eben dieses Mädchen erwartet.

Den Rest des Apfels warf er weg und steuerte seinen Bentley an, als wolle er gerade wegfahren.

Mike Borran sah gut aus. Das stand einmal fest. Außerdem war er noch nicht in einem Alter, das mitreisende Mädchen hätte abstoßen können. Borran gab sich betont gelangweilt, als er in seinen Bentley stieg.

Die Rechnung ging auf.

Im Rückspiegel konnte er beobachten, wie Corry Lambert auf seinen Wagen zu rannte.

Er kurbelte das Fenster herunter und sah nach hinten.

»Könnten Sie mich mitnehmen?«, keuchte das Mädchen atemlos. Ihr Seesack musste ziemlich schwer sein.

»Ich fahre nach Los Angeles«, erklärte Mike Borran nicht übermäßig freundlich. »Umwege mache ich keine.«

»Trifft sich das blendend«, meinte Corry Lambert lautstark. »Genau dahin will ich.«

Ohne einen Protest abzuwarten, stopfte sie ihre Reiseutensilien in den Fond. Danach erst riss sie die Tür auf und ließ sich auf den bequemen Beifahrersitz fallen, räkelte sich und streckte die Arme über den Kopf.

Mike Borran ließ den Motor kommen. Wenn er für tausend Dollar nichts anderes tun sollte, als dieses extravagante Wesen nach Los Angeles zu transportieren, sollte ihm das recht sein. Er hatte bereits schwierigere Kontrakte hinter sich.

Aus dem Autoradio tönte Beat-Musik. Mike wollte einen anderen Sender suchen, doch Corry Lambert fiel ihm in die Hand.

»Ich mag das«, sagte sie und räkelte sich noch ein wenig mehr. Sie gab dabei Einzelheiten ihrer Anatomie preis, die Mike Borran das Blut in den Kopf schießen ließen. Corry Lambert war in diesen Dingen offensichtlich ebenso wenig konventionell wie Plenty.

Auch Borrans Freundin setzte ihre Reize unverfroren ein, wenn sie sich einen Vorteil davon versprach.

Plenty versprach sich zu allen Zeiten und in den unmöglichsten Situationen jeweils eine ganze Menge Vorteile.

Das machte den Umgang mit ihr so prickelnd.

Manchmal hätte Mike Borran sich gewünscht, mit einer weniger komplizierten Freundin liiert zu sein.

Doch dann nahm Corry Lambert seine Aufmerksamkeit wieder in Anspruch.

»Wann sind wir in Los Angeles?«, fragte sie, während der Borrans Bentley schon Meile um Meile fraß.

»Es wird zappenduster sein«, antwortete Mike Borran. »Stockfinster. Ich hoffe nur für Sie, dass Sie eine Adresse in L.A. haben. Mädchen mit Ihrem Aussehen werden von dieser Stadt mit Vorliebe verschlungen.«

»Vorerst nehme ich das einmal als ein Kompliment«, meinte sie und beantwortete Borrans Frage nicht, sondern drehte die Rückenlehne etwas tiefer. Draußen gab es ohnehin nichts zu sehen, von der endlosen Reihe der Werbeanschlagtafeln einmal abgesehen. Die sechsspurige Straße zog sich dazwischen, wie mit gigantischem Lineal gezogen.

Gegen acht Uhr verspürte Borran Hunger, und er fragte das Mädchen, ob er es einladen dürfe. Corry Lambert hatte nichts dagegen. Sie verzehrte mit größtem Genuss ein Steak und musterte Borran zwischen den Bissen mit unverhüllter Neugier. Bis ihm diese Blicke zu bunt wurden und er fragte:

»Was starren Sie mich eigentlich so an?«

»Entschuldigen Sie bitte. Aber das ist mir noch nie passiert.«

»Was ist Ihnen noch nie passiert?«

»Wir sind schon mehr als hundert Meilen miteinander unterwegs, und Sie haben noch kein einziges Mal versucht, mir an die Wäsche zu gehen.«

Für die Tochter eines hohen Pentagon Offiziers hatte die Kleine einen reichlich direkten Wortschatz.

Mike Borran räusperte sich.

»Vielleicht sind Sie nicht mein Typ«, meinte er ruhig. »Vielleicht haben Sie auch eine ansteckende Krankheit. Wer sollte das schon wissen?«

Das Mädchen saß da, als hätte er ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Sie wurde rot bis unter die Haarwurzeln und wusste nicht mehr, was sie antworten sollte.

Plötzlich stieß sie den Teller von sich und wollte davonlaufen. Borran erwischte sie noch an den Handgelenken. An den anderen Tischen drehte man sich bereits nach ihnen um.

»Nun werden Sie nicht gleich bockig«, sagte er mit gesenkter Stimme. »Reißen Sie sich zusammen und setzen Sie sich wieder. Sie sind doch keine kleine Göre mehr, die gerne mit dem Fuß aufstampft, wenn ihr mal was gegen den Strich läuft.«

»Sie ... Sie haben mich beleidigt«, stieß sie hervor und versuchte, sich ihm zu entwinden.

»Dann sind wir jetzt nur quitt«, meinte Mike Borran betont lässig. »Immerhin haben Sie mich als einen Mann bezeichnet, der nichts anderes im Sinn hat, als einem zweifellos hübschen Mädchen wie Ihnen an die Wäsche zu gehen, wie Sie sich auszudrücken beliebten. Aber ich gehöre nicht zur schnellen Truppe, und Sie sollten auch eine bessere Meinung von sich haben.«

Das hatte gesessen. Widerwillig noch, ließ Corry Lambert sich auf ihren vorherigen Platz zurücksinken. Die Leute an den anderen Tischen wandten sich wieder ihren Tellern zu oder nahmen ihre unterbrochenen Gespräche auf.

»Na, also«, meinte Borran begütigend. »Und nun essen Sie schon zu Ende. Kalte Steaks schmecken scheußlich. Vergessen wir diesen unleidlichen Zwischenfall? Okay?«

Sie gab sein Lächeln scheu zurück und nickte.

»Okay. Scheint, ich habe mich wieder einmal sehr dumm benommen.«

Mike Borran vermied es, ihr laut recht zu geben, winkte die Kellnerin herbei und beglich die Rechnung. Bald darauf saßen sie wieder im Bentley. Diesmal ließ Corry Lambert es zu, dass er im Radio einen Sender mit klassischer Musik suchte. Leonid Kogan spielte ein Violinkonzert von Bruch. Kurz vor Los Angeles wusste er auch, dass Corry Lambert in der Riesenstadt nicht eine einzige Menschenseele kannte.

»Ich habe ein Gästezimmer«, sagte er. »Sie können in meinem Haus übernachten.«

Corry Lambert hatte nichts dagegen einzuwenden.

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