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Als Borran zwei Stunden später erwachte, fand er sich hinter dem Steuer seines Bentley wieder, doch der Wagen stand nicht mehr vor dem Camp der Sekte. Irgend jemand hatte das Fahrzeug, während er noch bewusstlos war, ein paar Serpentinen hinunter ins Tal gekarrt und ihn selbst dann auf den Fahrersitz gezerrt.
Der Schlüssel steckte im Zündschloss, und Mike Borran sah seine Umgebung durch rote Schleier, die nicht stillhalten wollten.
Ihm war schwindelig.
Stöhnend griff er sich an den Hinterkopf. Seine Finger fuhren durch blutverkrustetes Haar und über eine Taubenei große Beule, die oben aufgeplatzt war.
Er zwickte ein paarmal die Augen auf und zu, um die roten Schleier zu verscheuchen. Sogar das Denken bereitete ihm körperliche Schmerzen. Doch allmählich erholte er sich im knappen Rahmen seiner Situation und seines Zustandes.
Auch der linke Arm ließ sich wieder bewegen, ohne dass er Angst zu haben brauchte, er würde ihm aus den Gelenken kugeln. Die Haut unterm zerschlissenen Hemd war grün und blau verfärbt. Gastfreundschaft musste für die »Sonnenkinder« ein noch nie gehörtes Fremdwort sein.
Borrans Blicke stellten sich auf die Jadefigur ein, die spöttisch grinsend oben über dem Armaturenbrett thronte.
So hatte er sich wenigstens einen Zähler in diesem ungleichen Kampf holen können, doch sofort begann sich auch sein analytisch arbeitender Geist zu melden.
Warum hatte man ihm die Figur zurückgegeben?
Weil man befürchtete, er würde die Polizei auf den Plan rufen?
Im ersten Augenblick dachte Borran tatsächlich an diese Möglichkeit, doch dann schalt er sich einen Narren.
Diese »Children of Sun« würden mit Sicherheit jede Menge Zeugen gegen ihn aktivieren, falls sie nicht überhaupt ableugneten, ihn jemals zu Gesicht bekommen zu haben.
Nein. Es war dann schon besser, es bleiben zu lassen, sich in eine stille Ecke zurückzuziehen und sich dort die Wunden zu lecken.
Mike Borran wartete noch ab, bis er sich soweit unter Kontrolle hatte, dass er sich und seine Fahrweise der übrigen Bevölkerung Kaliforniens zumuten durfte. Er erholte sich relativ schnell, drehte die Seitenfenster wieder hinauf und ließ die Klimaanlage des Bentley auf Hochtouren laufen.
Kühle Luft umfächelte sein Gesicht, trocknete den Schweiß an seinem Körper. Sanft schnurrend wie ein schläfriger Puma fuhr die Limousine zurück den Weg bergab, bis die Landschaft wieder grün und bunt von Blumen wurde. Borran fuhr auf dem kürzesten Wege zu seinem Haus, packte die Statuette und stolperte über die Terrasse ins Wohnzimmer, wo er den hämisch grinsenden Yong Yü Nan auf seinen Ehrenplatz auf den Kaminsims zurückstellte und wo er sämtliche Generalstöchter im allgemeinen und Corry Lambert im besonderen die Pest an den Hals wünschte.
Mike Borran tat das laut, und ein meckerndes Lachen ließ ihn zusammenfahren.
Nach der gleißenden Helligkeit draußen hatte er nicht bemerkt, dass es sich jemand in seinem Haus gemütlich gemacht hatte.
Johnnie McIntire saß in einem bequemen Sessel ausgestreckt, rauchte Zigaretten und hielt ein beschlagenes Whiskyglas auf seinem Bauch. »Auf Ihre Gesundheit«, sagte er. »Ihr Scotch ist ausgezeichnet. Aber Ihnen scheint es nicht sonderlich blendend zu gehen. Haben Sie ein Verhältnis mit einer Dampfwalze?«
Mike Borran sagte dem CIA-Agenten ein paar sehr unhöfliche Dinge ins Gesicht, aber der Agent behielt sein heiteres Lächeln bei.
»Fertig?«, fragte er am Schluss.
»Erst wenn ich Sie vor die Tür gesetzt habe«, knurrte Mike Borran. »Sie haben doch schon von vorneherein gewusst, wie sich die Dinge entwickeln würden.«
»Nur geahnt«, beschwichtigte ihn McIntire. »Nur geahnt, lieber Freund. Sie haben insofern recht, dass uns natürlich bekannt war, dass Corry Lambert nicht nur eine Nymphomanin sondern auch eine Kleptomanin ist. Außerdem war uns bekannt, wohin sie wollte.«
Borran stand starr. Es dauerte eine Weile, bis er diese Neuigkeiten verdaute.
»Und jetzt erwarten Sie wohl von mir, dass ich Ihnen dankbar die Füße küsse«, meinte er sarkastisch.
»Wir sind keine Unmenschen, Mister Borran. Sie brauchen Ihre Dankbarkeit nicht zu übertreiben. Ihre tausend Dollar habe ich übrigens mitgebracht. Bar und steuerfrei. Und jetzt hören Sie bitte damit auf, das grollende Kind zu spielen, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hat.«
Unwillkürlich grinste Mike Borran jetzt. Ihm fiel ein, dass er zu Corry Lambert etwas ganz ähnliches gesagt hatte, als sie ihn auf der Fahrt nach L.A. verlassen wollte.
McIntire konnte sein Grinsen nicht deuten und wurde prompt unruhig. Borran hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als ihm gesagt, was er im Augenblick so lustig fand.
»Sie haben doch nicht etwa einen bleibenden Schaden davongetragen?«, formulierte er seine Bedenken vorsichtig.
Borran grinste noch breiter.
»Eigentlich würde besonders Ihnen damit Recht geschehen. Schließlich haben Sie mir zu diesem Abenteuer verholfen. Aber ich denke, ich kann Sie in diesem Punkt beruhigen. Und nun packen Sie endlich mit allem aus, was ich wissen möchte. Sie sind doch nicht nur gekommen, um meine Whiskybestände zu reduzieren.«
McIntire stand überraschend schnell auf.
»Soll ich Ihnen auch einen Drink machen?«
»Nein. Danke. Kein Bedarf. Aber wenn Sie nichts dagegen haben, lege ich mich für ein paar Minuten in den Pool, und bei dieser Gelegenheit erzählen Sie mir alles. Okay?«
Borran wartete eine Antwort gar nicht erst ab, sondern stieg aus seinen Kleidern und behielt nur die Shorts an. Mit 25 Grad Celsius war das Wasser gerade noch so temperiert, um kühl auf seiner Haut zu wirken. McIntire folgte ihm hinaus in die Sonne und quetschte sich in einen Rohrsessel, der nicht für seine Statur gedacht war.
»Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, dass es nicht meine Idee war, Sie unvorbereitet in diese Sache zu hetzen«, begann er aufs Neue. »Aber die da oben wollten das so.«
Er meinte weder den lieben Gott und seine Engelsscharen noch die Heiligen, sondern die stets misstrauischen Drahtzieher im Pentagon und in Langley.
»Man ist sich dort natürlich bewusst, dass Sie nicht ganz freiwillig bei uns angefangen haben und vermutet im Gegensatz zu mir immer noch einen leisen Mangel an Loyalität. Mit anderen Worten: Es war vorprogrammiert, dass Sie eins aufs Dach bekommen.«
»Das wird ja immer heiterer!«, rief Mike aus dem Wasser. Hinter dem Kopf zog er rosa Blutschlieren nach. Die verklebte Kruste weichte auf.
Der bullige CIA-Mann hob bedauernd die Schultern und ließ sie wieder fallen.
»Man dachte dort oben, dass es Ihnen nichts schaden könnte, wenn Sie zwischendurch mal wieder die andere Seite in Aktion erleben. Die CIA ist kein eigennütziger Verein, wie es nach außen manchmal den Anschein hat. Ich soll Ihnen mitteilen, dass wir alle Soldaten in einem Krieg sind, der noch nie geendet hat, und der auch niemals enden wird. Unsere Gegner denken ähnlich darüber und legen oft genug die rauesten Bandagen an. Wir müssen uns auf diese Kampfweise einstellen.«
Mike Borran griente bitter.
»Wieder einmal das alte Problem: Was war zuerst da? Das Ei oder die Henne?«
McIntire winkte missmutig ab.
»Mit philosophischen Spitzfindigkeiten kommen Sie nicht weiter. Halten wir uns an die Tatsachen. Und eine Tatsache ist, dass diese Sekte dabei ist, ein paar Fässer Öl in ein schwelendes Feuer zu schütten.«
Mike Borran kraulte an den Beckenrand zurück.
»Das haben Sie schon gesagt, McIntire. Mein Kompliment. Aber was hat das alles mit mir zu tun? Und mit dem Brummschädel, den ich immer noch habe.«
»Können Sie sich das nicht denken?«
»Ich wehre mich noch dagegen. Wie viel wollen Sie bezahlen?«
»30 000 Dollar...«
Borran pfiff durch die Zähne.
»Oh du dickes Ei! Das sieht mir verdammt danach aus, als sollte ich die Dreingabe zum Öl im Feuer abgeben.«
Der rotschöpfige Ire räusperte sich verlegen.
»So schlimm wird’s schon nicht werden. Ich halte die Höhe der Summe eher für einen Gradmesser der Angst, die man zur Zeit in Washington und anderswo hat.«
»Vor den »Kindern der Sonne««?«
»Vor allem vor Ihrem Führer. Sam Crown. Wenn Sie aus dem Wasser kämen, könnte ich Ihnen noch ein paar Bilder zeigen. Sie liegen im Haus.«
Borran kletterte aus dem Wasser. Die Schulter schmerzte nicht mehr stark, doch der Bluterguss war sehenswert. Er schillerte in allen Regenbogenfarben. Jetzt gönnte er sich auch einen Drink. Im Kühlschrank fand er noch ein Hühnerbein und etwas Salat. Kauend setzte er sich McIntire gegenüber.
»Dann lassen Sie doch die Katze endlich aus dem Sack. Was ist mit diesem Sam Crown und seinen »Sonnenkindern« los, dass man sich wegen ihnen noch in den obersten Etagen in Langley in die Hosen macht?«
Der CIA-Agent wand sich.
»Das ist es ja eben«, meinte er sichtlich verlegen. »Man weiß gar nichts. Oder sagen wir besser: Man weiß kaum etwas.«
Er holte ein Bild aus einem Kuvert und legte es vor Borran auf den Tisch. Das Foto zeigte einen schmalnasigen Schwarzen mit einem langen, weißen Tartarenbart, wie man ihn manchmal auf den Abbildungen von chinesischen Mandarinen findet.
»Das ist Sam Crown«, rasselte Johnnie McIntire wie auswendiggelernt herunter. »Eine Persönlichkeit, wie sie alle zehn Jahre höchstens einmal vorkommt. Aufgewachsen in Lousiana
entdeckte er schon in jungen Jahren seinen Hang zum Mystischen. Er kratzte all seine Ersparnisse zusammen und verschwand für fast zwanzig Jahre nach Indien, wo sich seine Spur verliert. Vor einem Jahr tauchte er wieder auf und gründete seine Sekte von den »Sonnenkindern«. Der Inhalt seiner Lehre ist ebenso einfach wie unsinnig, aber sonderbarerweise kommt er damit an. Er predigt, dass nur wenige auserwählt seien, das Paradies noch auf Erden zu erleben, und ausgerechnet er habe die Gabe, jene Auserwählten zu erkennen. Schon das FBI hat versucht, Mitglieder in seine Gruppe zu schleusen, aber Sam Crown hat sie mit einer berückenden Gründlichkeit ausgemustert. Kann ich mir noch einen Drink einschenken?«
Inzwischen war Borran neugierig geworden und schlüpfte deshalb wieder in die Rolle eines Gastgebers. Auch sein Glas war leer. Er schenkte nach.
»Eine charismatische Persönlichkeit, dieser Crown«, fuhr McIntire fort. »Er zieht die jungen Leute an wie das Licht die Motten. Das wäre an und für sich noch nicht so schlimm. Aber was den Leuten im Pentagon Sorgen macht, ist die Auswahl, die Crown dabei trifft. Ausnahmslos verpäppelte und verzogene Gören von Männern, die in unserem Staat und in der Wirtschaft etwas zu sagen haben. Ausnahmslos sind sie volljährig und können deshalb nicht daran gehindert werden, zu diesem Super-Guru zu stolpern und von ihm das Heil zu erflehen, was auch immer diese verzärtelten und teilweise dekadenten Hohlköpfe sich darunter vorstellen mögen. Sie singen und tanzen den ganzen Tag. Rauschgift hat man bei verschiedenen Razzien nie bei ihnen gefunden. Dem FBI und auch der CIA sind damit die Hände gebunden. Ganz abgesehen davon, dass wir gegen eigene Staatsbürger gar nicht ermitteln dürfen. Seit Watergate schaut uns der Kongress auf die Finger.«
Je länger McIntire sprach, umso ernster wurde Mike Borran.
»Und jetzt hat die CIA wieder einmal etwas ganz am Rande der Legalität vor«, meinte er sinnierend. »Meiner besonderen Gabe wegen soll ich mich dort ein wenig umsehen und herausfinden, was der liebe Guru-Crown mit all seinen Goldvögelchen vorhat? Und damit ich auch die richtige Wut auf diese Leute im Bauch habe, ließ man mich vorher ein wenig von ihnen vertrimmen.«
McIntire schaute verlegen aus dem Fenster und versuchte ein Lied zu pfeifen. Der Ire war total unmusikalisch, oder vielleicht hörte sich irische Musikalität für Amerikaner angelsächsischer Herkunft auch nur unmusikalisch an.
»Hören Sie mit diesem Katzengetön auf«, bat Borran.
»Das ist ein altes Kampflied«, behauptete der Rotschopf. »Aus meiner Heimat.«
»Das habe ich befürchtet. Darf ich meine vorherigen Fragen als beantwortet betrachten?«
»Ja. Aber es gibt noch ein paar Ungereimtheiten mehr.«
»Ich wollte Sie schon darauf ansprechen, ob Sam Crown und seine »Sonnenkinder« nur von Luft und Liebe leben. Als ich Corry Lamberts Sachen durchsuchte, hatte sie nicht einen einzigen lausigen Cent bei sich.«
McIntire zog ein mürrisches Gesicht. Offenbar hatte Mike Borran mit dieser Bemerkung einen Finger auf eine offene Wunde gelegt.
»Wir haben festgestellt, dass er jeden Monat einen Scheck aus Costa Rica erhält, und dort hütet man das Bankgeheimnis ebenso stur wie in der Schweiz. Hier in den Staaten unterhält Sam Crown kein einziges Konto.«
»Das Camp wird doch überwacht?«
»Natürlich. Tag und Nacht und vor allem unauffällig. Kollegen vom FBI besorgen das. Sie hätten auch eingegriffen, wenn man ihnen heute Mittag böser hätte mitspielen wollen.«
»Dann sind vielleicht auch die beiden Typen bekannt, die das Tor bewachen.«
»Sattsam«, erwiderte McIntire geknickt. »Heute hatten wohl Slim Perth und Rudy Colon ihre Schicht. Aber es laufen noch mehr Männer von ähnlichem Kaliber herum. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie schon mal wegen Gewalttaten eingesessen haben, dass ihre Westen so dreckig sind, dass sich keine Schmeißfliege mehr darauf setzen würde und dass sie ihre Gehälter aus Costa Rica beziehen.«
»Und solche Leute dürfen Waffen tragen?«
McIntire erhob sich mühsam.
»Dank unserer grandiosen kalifornischen Waffengesetze«, sagte er matt. »Auf Privatgrundstücken dürfen sie um sich ballern wie sie lustig sind. Und das Grundstück ist ordentlich gekauft.«
»Mit einem Scheck aus Costa Rica?«
»Natürlich. Was hatten Sie denn gedacht!«