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Sie waren bereits den dritten Tag auf See. Die Küstenlinie Mexikos lag hinter ihnen und sie passierten schon jene von El Salvador und Nicaragua.

Die Dämmerung brach eben herein, als Mike Borran in die winzige Funkzentrale des Schnellbootes geholt wurde.

»Ein Mister Parker aus Chicago will Sie sprechen, Sir«, sagte der Funker ziemlich verwundert. Vermutlich war das der erste Funkspruch einer Privatperson, den er weiterzugeben hatte. Auf einen Wink Borrans hin verließ er die enge, mit geballter Elektronik bestückte Kabine. Mike fand sich mit den Funkgeräten trotzdem zurecht. Als gelerntem Kernphysiker waren ihm die Armaturen einigermaßen vertraut. Ein Zyklotron zu steuern war weitaus schwieriger.

»Hier Borran«, sagte er ins Mikro. »Sie können unbefangen sprechen, Mister Parker. Aber Sie wissen wohl, dass wir abgehört werden.«

»Wie geht’s meiner Tochter?«

»Unverändert. Wir wissen mit Sicherheit, dass sie noch an Bord der >Jazhinto< sein muss. Das Schiff blieb die letzten Tage über keine Sekunde lang unbeobachtet.«

»An Deck habt ihr sie nicht gesehen?«

»Ich fürchte, sie wird als >geheime Verschlusssache< geführt, Sam. Doch nun zu Ihnen. Sind Sie fündig geworden?«

»Ja und nein. Fest scheint primär lediglich zu stehen, dass die nordamerikanischen Familien mit der ganzen Chose nichts zu tun haben.«

Mit »Familien« meinte Sam Parker natürlich die großen Mafia-Clans, die das Gebiet der Vereinigten Staaten schon in den Zwanziger Jahren unter sich aufgeteilt und ihre eigenen Grenzen gezogen hatten.

»Wer dann?«, fragte Borran.

Ein Räuspern klang aus dem Lautsprecher.

»Sicher weiß ich es nicht. Doch vermutlich steckt die Gonzales-Gruppe dahinter. Hinter diesem Namen versteckt sich, was in der Unterwelt Mexikos Rang und Ämter hat. Die Gonzales-Gruppe hat in den letzten Jahren sehr expandiert. Sie dehnte ihren Einfluss auf ganz Mittelamerika aus.«

»Und womit beschäftigt sich diese Gruppe vorwiegend?«

»Mit Rauschgifthandel, Spielhöhlen, Prostitution und den anderen klassischen Arbeitsfeldern auch. Doch in Mexiko und in den südlicheren Staaten ist man beweglicher. Man kann fast jeden Mann kaufen, wenn nur sein Preis stimmt.«

»Auch den Präsidenten von Costa Rica?«

Pause.

»Glaube ich nicht. Aber die Korruption blüht natürlich auch dort. Es muss ja nicht gleich die Spitze der Regierung sein, die man eingekauft hat. Fest steht jedenfalls, dass sich Costa Rica und Washington zur Zeit nicht gerade um den Hals fallen. Wegen der IOS Geschichte. Sie erinnern sich doch?«

»Hmm. Ich erinnere mich natürlich. Mehr haben Sie nicht erfahren?«

»Das war doch schon etwas. Die nordamerikanischen Familien warten ab, was sich da unten tut. Kann schon sein, dass sie sich später ins Spiel mogeln.«

»In welches Spiel?«, fragte Borran.

Diesmal dauerte die Pause noch etwas länger. Mike befürchtete schon der Funkkontakt sei unterbrochen. Da meldete sich Sam Parker wieder.

»Und so was schimpft sich nun Central Intelligence Agency«, maunzte er. »Die Bosse in Langley müssen doch auf ihren Ohren sitzen. Ihr wisst tatsächlich nicht, was die Mexes vorhaben?«

»Nichts außer Vermutungen, oder man hat auch mir nicht alles gesagt."

»Dann werde ich Ihnen etwas ins Stammbuch schreiben, mein Junge. Dieser prächtige Sam Crown hat über fünfzig Goldfische an der Leine. Samt und sonders allerbeste Adressen. Die >Jazhinto< befindet sich natürlich nicht auf einer Vergnügungsfahrt. Die ganze Reise und auch die Sektengründung waren nichts als die Vorbereitungen zu einer gigantischen Entführung...

Mike Borran schluckte. Seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich.

Aber Parker war noch nicht fertig.

»Da bietet sich den Drahtziehern jetzt natürlich jede Gelegenheit zu jeder Erpressung. Sie können darin bestehen, dass monströse Lösegeldforderungen gestellt werden. Vielleicht ist man auch hinter Industriegeheimnissen her. Aber egal, wie man die Sache auch betrachtet: Respekt vor diesen Kollegen. Sie haben ihren Coup sehr geschickt eingefädelt.«

»Und welchen Rat könnten sie mir geben?«, fragte Mike Borran zaghaft.

»Dass Sie Plenty wieder herauspauken. Was denn sonst?«

»Finden Sie nicht, dass Sie es sich jetzt ziemlich einfach machen?«

»Wenn ich auf eurem Schnellboot säße, wüsste ich, was ich zu tun hätte. Beraten Sie sich mit Ihrem rotschöpfigen CIA-Kollegen. Der wird Ihnen schon klarmachen, warum ihr keine Mariners einsetzen könnt. Da müssen schon zwei, höchstens drei Leute in den sauren Apfel beißen. Und zum Schluss noch alles Glück, Mike. Bringen Sie Plenty heil zurück.«

Ein Knacken im Lautsprecher. Sam Parker hatte unterbrochen.

Borrans Beine waren schwer wie Blei, als er sich von der schmalen Sitzbank erhob. Draußen vor der Stahltür empfing ihn McIntire. Sein verlegenes Grinsen zeigte Mark, dass er jedes Wort der Unterhaltung mitbekommen haben musste.

»Parker hat recht«, meinte er und bleckte die Zähne. »Wenn wir Marine Infanteristen einsetzen wollten, gäbe das dasselbe Desaster wie bei der missglückten Invasion in der Schweinebucht. Ich glaube diesem Sam Parker übrigens jedes Wort. So dumm, wie er annimmt, sind sie in Langley gar nicht. Unsere Vermutungen laufen mit den seinen ziemlich konform. Nur konnte auch er uns keinen einzigen Beweis liefern. Das ist ja der verdammte Mist. Bis jetzt lief alles vollkommen legal. Kein einziges dieser verrückten »Sonnenkinder« wurde gezwungen, mit auf diesen Trip zu gehen. Eine Entführung wird erst daraus, wenn Crown sie zwingt, bei ihm zu bleiben.«

»Und Plenty?«, hakte Mike Borran nach.

McIntire zuckte mit den Schultern.

»Dass sie bei ihnen ist, lässt sich auch nicht mit letzter Sicherheit beweisen. Falls sie eine Gefahr werden sollte, lässt man sie mit Sicherheit über die Klinge springen. Sie kennen doch die Bräuche, Borran.«

Und ob Mike sie kannte!

Hass und ohnmächtiger Zorn wüteten in seinen Eingeweiden.

»Sind wir schon auf der Höhe von Costa Rica?«

»Gehen wir auf die Brücke. Ich bin kein Seemann.«

Mike folgte dem Agenten eine schmale Leiter hinauf.

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