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Mike Borran wartete bis 22 Uhr, ehe er sich aus seinem Versteck wagte. Als er sich an eine Stelle schlich, von der aus er das Lager wieder beobachten konnte, sah er, dass die Gangster sich Barrikaden aus Baumstämmen gebaut hatten. Alle zehn Schritte brannten Feuer entlang der Umzäunung. Sie wurden von schwerbewaffneten Männern nach geschürt. Die » Sonnenkinder«

kauerten eingeschüchtert und wie Tiere in einer kalten Nacht zusammengedrängt in ihrem Gatter. Über dem See zog Nebel auf.

Einer der Gangster kam gerade aus der Funkbude. Die Hütte, in der er heute Mittag Plenty vermutet hatte, wurde nicht mehr extra bewacht. Wahrscheinlich hatte man sie zu den anderen getrieben. Weil es dort kein Licht gab, konnte Borran sie nicht ausmachen.

Bevor er sich an den Abstieg machte, zählte er nochmal die Bewacher zusammen.

Es waren immer noch sechzehn Mann, und sie behielten den Waldrand und auch die Oberfläche des Sees im Auge, der glatt wie ein Spiegel unter dem Mond lag.

Es konnte natürlich sein, dass er sich vorher verzählt hatte, aber dieses Risiko musste er eingehen.

Borran spürte, dass er mittlerweile wieder in der Lage war, sich unsichtbar zu machen, doch er zögerte die Umwandlung noch hinaus. Noch wusste er nicht, wie er mit der Zeit geizen musste, die dieser Zustand anhielt. Der misslungene Versuch in den Mittagsstunden und sein Entsetzen darüber steckte ihm noch in den Knochen.

Deshalb nützte er jede sich bietende Deckung aus, um sich langsam den Hang hinunter zu arbeiten. Aus dem Boden ragende Wurzeln gaben seinen Händen Halt.

Der Mond stand schon ein ganzes Stück höher am Himmel, als er die Talsohle und damit das Ufer des Sees erreicht hatte. Die Entfernung zum Lager betrug etwa eine halbe Meile.

Zum See hin brannten die Feuer besonders hoch. Die Wachen saßen hinter ihren primitiven Verschanzungen. Sie rechneten vermutlich mit einem Angriff, aber mit Sicherheit rechneten sie nicht damit, dass ein Einzelner es wagen würde, sich mit ihnen anzulegen. Und dann hatte sie sicherlich auch das Vorhandensein eines Militärgewehrs schockiert, mit dem man Geschosse mit Aufprallzündern auf die tödliche Reise schicken konnte. Sie mussten sich im Camp wie auf einem Präsentierteller vorkommen und das bewies, dass sie eigentlich Großstadt-Gangster waren, die sich in dieser Gegend keinen Deut heimischer fühlten als Mike Borran auch.

In diese und ähnliche Gedankengänge versponnen, schlich sich der Kontrakt-Mann näher. Er blieb im Schatten der Büsche und stieg dort ins Wasser, wo auch die Äste und Zweige in den See hinausragten. Die Entfernung zur Umzäunung schmolz schnell zusammen. Es wurde allerhöchste Zeit, dass er unsichtbar wurde. Als sich ein Posten einmal die Beine vertrat, konnte Borran das Weiße in dessen Augen sehen.

Mike machte sich so klein wie möglich, zog das Kinn an die Brust und zwickte die Augen zu. Er versuchte, Stille in sein Gehirn zu bekommen und sich auf das zu konzentrieren, was vor ihm lag.

Schon stellte er sich auch ein, dieser ziehende Schmerz, der sein Unsichtbarwerden ankündigte. Auch das Gefühl der Leichtigkeit überkam ihn, aber er war sich nicht ganz sicher, ob die Umwandlung auch wirklich vollzogen war.

Die Büsche ragten hier wieder bis ans Wasser heran. Blätter tauchten ihre Spitzen in den See.

Borran beugte sich über die schwarze Oberfläche. Er hätte sich darauf sehen müssen, doch der Spiegel blieb leer.

Mit seiner Hand teilte er das Wasser. Es war nicht allzu kalt, obwohl der See mindestens 1 000 Meter über dem Meer lag. Die Entfernung bis zur Küste schätzte er auf rund fünfzehn Kilometer.

Jetzt kam es darauf an!

Mike Borran glitt geräuschlos ins Wasser. Ein Blick hinüber zum nächst stehenden Posten sagte ihm, dass der nichts bemerkt hatte. Doch er würde sehr schnell munter werden, wenn er an der Wasseroberfläche blieb, denn er würde ein Loch darauf sehen, für das er keine Erklärung fand.

Und in den Kreisen der Gangster schoss man vermutlich zuerst und stellte sich dann erst die Fragen.

Borran holte noch einmal tief Luft, kniff sich die Nase zu und ließ sich sinken. Schon nach zwei Sekunden trafen seine Füße auf schlammigen Untergrund. Er stieß sich schräg ab, riss die Augen weit auf, konnte jedoch nichts sehen. Nichts als undurchdringliche Schwärze um ihn herum. Er musste sich ganz auf seinen Instinkt verlassen.

Er teilte die Schwärze vor sich mit kräftigen Armbewegungen, und er geriet auch nicht in Panik. Ein Tauchgerät brauchte er nicht. Die aufsteigenden Bläschen hätten ihn nur verraten.

Mike Borran war ein vorzüglicher Schwimmer. Und auch wenn das weit Tauchen keine olympische Disziplin war, so zählte es doch zu Mike Borrans Stärken. Er konnte eine volle Minute lang unter Wasser bleiben. In seinem Swimmingpool hatte er das oft genug trainiert.

In Situationen wie dieser zahlte es sich aus, dass er sich fit hielt. Als er wieder hoch musste, hatte er ungesehen den Landungssteg erreicht.

Die » Sonnenkinder« wurden weniger gut bewacht als der Zaun und der Rand des Dschungels. Mike Borran unterdrückte einen Jubelschrei nur mit Mühe, als er nah am Ufer Plenty erkannte. Sie unterhielt sich halblaut mit einem jüngeren Mädchen.

Unter dem Landungssteg arbeitete er sich ans Ufer, erklomm es auf der der Stacheldrahtumzäunung abgewandten Seite.

Seine Füße hinterließen tropfnasse Spuren im Sand, doch das Knirschen seiner Schritte wurde vom ängstlichen Geraune der Gefangenen übertönt.

Bis zum nächsten Wachtposten war es nicht weit. Auch er kauerte hinter einer Palisadenwand, die der Landseite zugekehrt war. Vom See her wurde offensichtlich kein Angriff erwartet.

Außerdem wäre ein Boot beim hellen Mondlicht schon von weitem entdeckt worden.

Mike Borran warf keinen Schatten, als er hinter den Gangster trat. Das Messer hielt er in der Linken. Nur für alle Fälle. Mit der Rechten streckte er ihn nieder. Ein einziger Schlag mit der Handkante genügte.

Dann ließ Borran das Messer fallen und griff nach der MPi des Mestizen. Die Waffe verschwand, als er sie an sich drückte

Durch seinen frühen Erfolg ermutigt, bewegte Borran sich jetzt freier. Den nächsten Posten fegte er mit einem knallharten Hieb mit dem Stahlschaft der Maschinenpistole von den Beinen. Der Mann war jetzt gut für mindestens eine halbe Stunde Schlaf.

Vierzehn Mann blieben noch. Die meisten von ihnen trieben sich in der Nähe des Hauptzauns herum.

Jedoch nicht alle.

In Crowns Hütte bemerkte Mike Borran einen trüben Lichtschein, der von einer Petroleumlampe herrühren musste.

Ein Mann bediente das Sprechfunkgerät.

Slim Perth.

Er sprach gerade ins Mikrofon und bemerkte nichts davon, dass er nicht mehr allein in der Hütte war.

»Verdammt, Ramirez! Wie lange sollen wir denn noch warten? Schon für den Abend habt ihr versprochen, dass noch einer von den Bossen vorbeikommen wird.«

Ein Knacken im Lautsprecher. Es war auf Empfang geschaltet worden.

»Ihr müsst euch noch ein wenig allein durchschlagen. Ich kann’s auch nicht ändern. Aber mit dem Flugzeug kommt mit Sicherheit keiner von den Bossen zu euch hinunter. Wie konnte nur die Geschichte mit Gemma passieren! Und ihr habt diesen Heckenschützen bisher ja noch nicht aufgestöbert.

Sie haben Angst, dass sie vom Himmel geputzt werden. Aber dafür ist eine andere Kolonne zu euch unterwegs. Sie müsste im Morgengrauen auf euch stoßen.«

Wieder dieses Knacken.

Mike Borran vergegenwärtigte sich in Gedanken seine lückenhaften Kenntnisse über die Topographie dieses Landstrichs.

Von der Grenze nach Nicaragua waren sie nicht weit entfernt. Und gleich dahinter breitete sich hundert Kilometer lang der Nicaragua-See aus. Vermutlich war Francesco Gemma von dort gestartet. Samoza, Diktator und Staatsoberhaupt dieser von inneren Unruhen zerrissenen angeblichen Republik wurde zwar noch von den USA unterstützt, doch er war käuflicher als eine indische Tempelhure. Als Operationsbasis für Mafiosi war sein Land immer gut. Presseberichte aus der jüngsten Vergangenheit bestätigten das.

»Mist, verfluchter«, kommentierte Slim Perth diese Nachricht. »Diese Geschichte beginnt uns über den Kopf zu wachsen. Wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben. CIA?«

»Das lässt sich von hier aus nicht beurteilen. Fest steht lediglich, dass das Schnellboot der US-Navy sich bisher nicht vom Fleck gerührt hat. Nur die Wachen, die den Strand im Auge behalten sollten, sind spurlos verschwunden.«

»Verschwunden?«

»Ja. Spurlos. Ich kann’s auch nicht ändern, Compadre. Nur ihren Jeep fand man. Verlassen. Die Männer scheinen wie scheue Tiere in den Dschungel geflüchtet zu sein. Jedenfalls müsst ihr bis morgen früh durchhalten. Dann bekommt ihr soviel Verstärkung, dass ihr eine Armee aufhalten könnt. Ende. Mehr habe ich nicht für euch.«

»Ende«, sagte auch Slim Perth mit verzogenem Gesicht und schaltete den Sender ab.

Er wollte aufstehen, aber er kam nicht dazu.

Mike Borrans Hände schlossen sich um seine Kehle und drückten zu.

Bewusstlos sank Perth auf den Boden.

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