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„Wir werden die Spuren verfolgen, die Sie uns mitgebracht haben, Jesse“, versprach Mister McKee, nachdem er sich endlich gesetzt hatte. Wir saßen im Büro unseres Chefs und tranken einen Becher Kaffee. Außer uns waren noch eine Reihe weiterer Agenten unseres Field Office anwesend, darunter Clive, Orry, Jay und Leslie. Mister McKee fuhr fort: „Allerdings glaube ich nicht, dass es uns besonders weiterhilft, wenn wir alle Speditionen heraussuchen, die in ihrer Fahrzeugflotte einen Atego 500 haben.“
„Es wäre immerhin ein Anfang“, meinte ich. „Und wenn man noch weitere Raster anlegt, könnte man die Zahl der Treffer einschränken. Zum Beispiel indem man erstmal nur Speditionsfirmen berücksichtigt, von denen bekannt ist, dass sie chemische Abfälle transportieren.“
Mister McKee hob die Augenbrauen. Er wirkte immer noch ziemlich skeptisch, nickte schließlich aber dennoch. „Unsere Innendienstler werden sich darum kümmern, Jesse. Und vielleicht finden sie ja sogar die Identität dieses Obdachlosen heraus... Aber wir werden darauf nicht unsere Prioritäten ausrichten können. Dazu hält uns ein anderer Bursche zu sehr in Atem.“
Mister McKee schaltete einen Beamer an, mit dessen Hilfe ein Bild an die Wand projiziert wurde.
Das Gesicht eines jungen Mannes war zu sehen. Er war Mitte zwanzig, hatte dunkles Haar und trug eine Uniform der Navy.
„Das ist – oder war – David Lyon Alexander, Lieutenant bei den Navy Seals. Das Foto ist allerdings schon fünfundzwanzig Jahre alt. Lieutenant Alexander verschwand unter mysteriösen Umständen. Er wird noch heute als fahnenflüchtig geführt, aber inzwischen gilt es als ziemlich sicher, dass er mit dem Killer namens Flash identisch ist. Die drei ersten Morde, die Flash zugeschrieben werden, wurden mit Waffen begangen, die Lieutenant Alexander aus einem Navy-Depot entwendete, bevor er untertauchte. Fast fünfzehn Jahre lang war er seitdem als Profi-Killer aktiv, bis er sich wahrscheinlich vor fünf Jahren mit einem geschätzten Vermögen von zehn Millionen Dollar zur Ruhe setzte. Jedenfalls ist seitdem keine Tat mehr bekannt geworden, die die Handschrift dieses Mannes getragen hätte. Außerdem sind einige frühere Auftraggeber im Laufe der Zeit verhaftet worden, wobei man sie natürlich auch nach Flash befragt hat. Es gibt eine Reihe von übereinstimmenden Hinweisen darauf, dass er tatsächlich seinen Job als Hit-man der Syndikate an den Nagel gehängt hat, um das Leben zu genießen oder was auch immer. Allerdings sind all diese angeblich Informationen über Flash mit äußerster Vorsicht zu genießen. Alexander hat eine Zusatzausbildung in psychologischer Kriegsführung gemacht. Spezialgebiet: Desinformation. Wenn jemand weiß, wie man Gerüchte streut, die einem nützen, dann ist es zweifellos dieser Mann.“
„Fragt sich nur, ob die Geschichte von seiner Reaktivierung, die Browning uns auf die Nase gebunden hat, nicht auch nur ein Gerücht ist“, meinte Milo.
„Die Frage wäre allerdings, wem so eine Nachricht nützen würde“, wandte Clive Caravaggio ein. „Flash bestimmt nicht. Einer wie der kann alles Mögliche vertragen, nur keine gesteigerte Aufmerksamkeit.“
„Dieser fahnenflüchtige Lieutenant Alexander besitzt übrigens ein besonderes Kennzeichen“, erklärte Mister McKee noch und zeigte uns eine weitere Aufnahme, die die Nackenpartie jenes Mannes zeigte, der mit größter Wahrscheinlichkeit unter dem Namen Flash zu trauriger Berühmtheit gelangt war. „Sie sehen hier eine rotbraune, sichelförmige Stelle von etwa zehn Zentimeter Läge, die nicht sichtbar ist, solange Alexander den Hemdkragen geschlossen trägt. Diese Stelle resultiert aus einer als Teenager erlittenen Verbrennung – und selbst unter der Voraussetzung, dass Flash genug Geld verdient hat, um sich die besten plastische Chirurgen leisten zu können, so müsste davon noch etwas vorhanden sein! Außerdem ist er natürlich über die bei seiner Navy-Bewerbung genommenen und nach wie vor über AIDS abrufbaren Fingerabdrücke identifizierbar“, gab Mister McKee Auskunft. Über das Automated Identification System, kurz AIDS genannt, hatte das FBI Zugriff auf Millionen Fingerabdrücke. Beileibe nicht alle Prints stammten dabei von erkennungsdienstlich behandelten Kriminellen. Auch von Bewerbern für die Polizei, Army, Navy, Air Force oder sonst wo im Staatsdienst wurde routinemäßig Fingerabdrücke genommen, die anschließend diesem Datenarchiv hinzugefügt wurden. „Leider hat Lieutenant Alexander in seiner Zeit als Flash niemals Spuren hinterlassen, die wir über AIDS abgleichen könnten, sodass bei der Identifizierung von Lieutenant Alexander mit dem Hit-man Flash immer noch ein Rest von Unsicherheit besteht – so viele Indizien auch dafür sprechen mögen.“
Mister McKees Finger glitten über die Tasten des Laptops, das sich neben dem Beamer befand, mit dessen Hilfe Alexanders Bild an die Wand geworfen worden war.
Das Gesicht des jungen Lieutenants aus den Reihen der Navy Seals veränderte sich.
Es alterte.
Bis wir schließlich in das Antlitz eines etwa fünfundvierzigjährigen Mannes blickten, dessen Haar an den Schläfen bereits deutlich ergraut war.
„So sieht David Lyon Alexander wahrscheinlich heute aus“, erklärte unser Chef. „Wir können nur hoffen, dass er seinen Auftrag, Vic Milrone zu ermorden, nicht in die Tat umsetzen kann – denn sonst haben wir Krieg in Brooklyn!“ Unser Chef wandte sich an Clive Caravaggio. „Was haben Ihre Ermittlungen in Richtung von Timothy Cronin ergeben? Er gilt schließlich als Milrones härtester Konkurrent...“
„Bislang gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass Cronin der Auftraggeber für Flash ist“, berichtete Clive. „Ich habe sämtliche Informationsquellen in seinem Umkreis aktiviert. Allerdings muss ich zugeben, dass es uns bis heute nicht gelungen ist, jemanden in Cronins Organisation einzuschleusen, der wirklich Zugang zum inneren Kreis hätte.“
„Ich habe gleich noch ein Telefonat mit der Staatsanwaltschaft vor mir“, berichtete Mister McKee. „Dem will ich zwar nicht vorgreifen, aber so wie es aussieht, bekommen wir die Erlaubnis, Cronins Telefon- und Internetverbindungen abzuhören. Was Milrone angeht, war das auf Grund des anfänglichen Terrorismus-Verdachts etwas leichter...“
Eines der Telefone auf Mister McKees Schreibtisch klingelte.
Mister McKee nahm ab. Er sagte nur ein paar Mal knapp „Ja!“ und ich konnte seinem veränderten Gesichtsausdruck ansehen, dass es nicht der erhoffte Bescheid über die Genehmigung von Abhörmaßnamen war.
Das Gespräch war schnell zu Ende.
„Auf Vic Milrone ist ein Attentat verübt worden. Er ist leicht verletzt und befindet sich derzeit in stationärer Behandlung im St. Joseph’s Hospital, Brooklyn. Clive, ich möchte, dass Sie und Orry sich zum Tatort in der St. Jay Street in Downtown Brooklyn begeben. Die Kollegen der Scientific Research Division sind schon unterwegs.“ Mister McKee wandte sich an Milo und mich. „Sie beide sollten Vic Milrone so schnell wie möglich im St. Joseph’s Hospital aufsuchen. Der Kerl sollte jetzt eigentlich begriffen haben, dass er jetzt mit uns zusammenarbeiten muss.“