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Zwei Stunden später befanden Milo und ich uns in unserem gemeinsamen Dienstzimmer, das wir uns im Bundesgebäude an der Federal Plaza teilten.
Wir starrten beide auf den Computerschirm. Eine Abfrage über NYSIS wegen Pete Makarow ergab einen Treffer.
Makarow war ehemaliger KGB-Agent, hatte zum Personal der sowjetischen UNO-Botschaft gehört und war von der US-Regierung schließlich wegen seiner Spionagetätigkeit ausgewiesen worden.
Nach dem Ende der Sowjetunion hatte Makarow seine exzellenten Kontakte dazu benutzt, innerhalb kürzester Zeit mit dubiosen Geschäften ein immenses Vermögen anzuhäufen. Unter anderem gab es Hinweise darauf, dass er Giftmüll aus Italien importiert und einfach in der Steppe an der kasachischen Grenze hatte vergraben lassen. Zeitweilig war Makarow mit internationalem Haftbefehl deswegen gesucht worden.
Die Untersuchung der russischen Polizei war jedoch ergebnislos verlaufen. Es war nicht einmal zur Anklage gekommen. Es war anzunehmen, dass Makarow die Angelegenheit mit Geld geregelt hatte.
„Bingo!“, sagte ich. „Dieser Kerl passt genau ins Bild!“
„Worüber sich Vic Milrone und Makarow unterhalten haben, können wir jetzt wohl auch erraten“, meinte Milo.
Ich nickte.
„Offenbar plant Milrone einen oder mehrere große Giftmülltransporte nach Russland.“
„Da macht sogar die Bemerkung einen Sinn, die Linda McDougall über irgendein Schiff mitbekommen hat, Jesse!“
„Du sagst es.“
„Ich würde sagen, wir alarmieren umgehend die Hafenpolizei.“
„Und mit welchem Ergebnis, Milo?“ Ich schüttelte den Kopf. „Erstens könnte da jemand geschmiert sein, zweitens wissen wir noch nicht einmal, ob New York wirklich der Ausgangshafen dieser Ladung ist und wie weit die Vorbereitungen des Unternehmens bereits vorangekommen sind.“
„Und was schlägst du vor, wenn ich mal fragen darf?“
Ich ließ meine Finger über ein paar Tasten gleiten und sorgte dafür, dass das Bild von Makarow ausgedruckt wurde. Vielleicht kamen wir in die Verlegenheit es einem Zeugen zeigen zu müssen.
„Wir müssen diesen Makarow so schnell wie möglich ausfindig machen und beschatten. Vielleicht ist er der Schlüssel, um Vic Milrone doch noch zur Rechenschaft zu ziehen.“
„Ich dachte, es geht erst einmal darum, zu verhindern, dass er umgebracht wird...“, grinste Milo.
„Ja, aber nur um ihn anschließend vor Gericht stellen zu können“, erwiderte ich. „Vergiss nicht, dass dieser Mann letztlich die Verantwortung dafür trägt, dass zwei Jungen um ein Haar gestorben wären – von nicht auszuschließenden Spätschäden mal ganz abgesehen.“
In diesem Moment betrat unser Innendienst-Kollege Max Carter aus der Fahndungsabteilung unser Dienstzimmer.
„Ich habe euch eine Liste aller Speditionen auf den Rechner geschickt, die mindestens einen Atego in ihrer Flotte haben. Das sind für den Großraum New York insgesamt 132 Unternehmen. Für New York State sind es...“
„Schon gut, Max“, unterbrach ich ihn. „War es nicht möglich, die Trefferzahl etwas einzugrenzen?“
„Etwa zwei Drittel dieser Firmen hat nach meinen bisherigen Recherchen auch den Transport von giftigen Chemikalien im Serviceangebot. Wenn wir die alle unter die Lupe nehmen, sind wir vielleicht in einem Jahr fertig, Jesse! Und außerdem wissen wir nicht, ob der Lastwagen, dessen Typ der Junge identifizieren konnte, nicht aus dem Fuhrpark einer weiter entfernt gelegenen Spedition stammt.“
Ich zuckte die Achseln. „Irgendwo muss man ja anfangen zu suchen“, meine ich.
„Jesse, diese Aktion bringt nichts. Wir bräuchten irgendeinen weiteren Hinweis, der die Suche eingrenzt.“
Zu allem Überfluss schlug sich auch noch Milo auf Max' Seite. „Er hat Recht, Jesse. Konzentrieren wir uns auf diesen Makarow. Über den kommen wir auch an Vic Milrone heran, und das ist schließlich unser Ziel.“
Max runzelte die Stirn.
„Von wem redet ihr bitteschön?“
Ich deutete auf das gerade ausgedruckte Gesicht und fasste in knappen Worten zusammen, was an Erkenntnissen über Makarow über NYSIS abrufbar war. „Es müsste doch herauszufinden sein, wo der Kerl zurzeit residiert! Schließlich benutzt er Kreditkarten!“
Max nickte. „Das ist kein Problem“, versprach er.
Damit rauschte er davon.
Ich nippte an meinem halbvollen Kaffeebecher, dessen Inhalt inzwischen kalt geworden war. Dann machte ich mich noch einmal an die Computerrecherche.
„Was machst du da jetzt?“, wollte Milo wissen, während meine Fingerkuppen über die leichtgängige Tastatur glitten.
„Ich suche nach dem Obdachlosen mit dem Loch im Bart, wie der Junge das ausgedrückt hat“, erklärte ich. „Vielleicht ist er ja irgendwann einmal erkennungsdienstlich erfasst worden.“
Milo seufzte.
„Du kannst es einfach nicht lassen, was?“
„Was meinst du jetzt genau?“
„Nun, dich mit unwichtigen Dingen zu befassen, Jesse. Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Was sollte uns der Mann mit dem Loch im Bart denn schon an neuen Fakten liefern können?“
„Wenn ich das wüsste, würde ich ihn nicht mehr suchen“, gab ich zurück.
Es dauerte fast anderthalb Stunden, bis ich ihn schließlich fand.
Seine letzte Verhaftung hatte im letzten Winter stattgefunden. Die Umstände sahen für mich so aus, dass er seinen Gefängnisaufenthalt von ein paar Wochen absichtlich provoziert hatte, um während des letzten Blizzards nicht der der mörderischen Kälte ausgesetzt zu sein, die seinerzeit durch New York City gefegt hatte.
Das letzte Foto war damit erst wenige Monate alt.
Sein Name war Clint Martinson. Er war früher Steuer- und Anlageberater gewesen. Irgendwann vor fünf Jahren musste dann der Absturz gekommen sein.
„Okay, du weißt jetzt wer er ist“, sagte Milo. „Aber deswegen haben wir noch nicht auch nur den leisesten Hauch einer Ahnung, wo er sich gerade aufhalten könnte.