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Es war schon nach Mitternacht, als wir uns von Vic Milrones Anwesen entfernten, das nun unter der Bewachung von Kräften des FBI und der City Police stand.
Aber wir mussten wohl davon ausgehen, dass Beweise, die wir dort hätten finden können, vernichtet oder beseitigt worden waren.
Jay und Leslie nahmen den Computer in ihrem Chevy aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft mit, um ihn in der Federal Plaza abzugeben. Sollten sich unsere Spezialisten damit befassen. Wenn man Glück hatte, ließen sich selbst bei einer zerstörten oder formatierten Festplatte noch Reste der ursprünglichen Daten rekonstruieren.
Milo und ich fuhren noch zu Mike Milrones Residenz, um den Neffen mit der Nachricht zu konfrontieren, dass wir im Haus seines Onkels eine Tote gefunden hatten. Clive hatte uns diese Aufgabe aufgedrückt. „Auf mich reagiert der Kerl doch inzwischen allergisch, seit ich ihn auf dem Parkdeck des New Palace Hotels befragt habe. Ist doch möglich, dass er auf euch etwas kooperativer eingeht!“
Ich machte eine wegwerfende Geste.
„Der Kerl ist äußerst kontrolliert und eiskalt, soweit ich ihn bisher kennen gelernt habe“, gab ich zu bedenken. „Der wird uns nichts verraten, was er uns nicht wissen lassen will!“
„Das mag sein“, gestand Clive zu.
Milo klopfte mir auf die Schulter. „Wozu brauchen wir Schlaf, Jesse?“
Mike Milrone bewohnte ein Luxus-Penthouse, nur ein paar Straßenzüge entfernt Richtung Downtown Brooklyn in der Monroe Plaza.
Die Sicherheitsvorkehrungen waren selbst für New Yorker Verhältnisse extrem streng. Rund um die Uhr patrouillierten schwarz gekleidete Security Guards herum und sämtliche Korridore waren Videoüberwacht.
Vor der Tür zu Mikes Wohnung standen dann noch dessen persönliche Leibwächter.
Trotz der späten Stunde empfing uns Mike Milrone.
„Ihre Kollegen haben mich in der Tiefgarage des New Palace Hotels eindringlich und alles andere als höflich befragt. Wollen Sie dieselbe Tour jetzt hier in meinen eigenen vier Wänden fortsetzen?“, fragte er und wartete meine Antwort gar nicht erst ab. „Wenn Sie wollen, bekommen Sie trotzdem einen Drink, Trevellian.“
„Nein, danke, Mister Milrone“, erwiderte ich kühl. „Wir sind im Dienst.“
Er führte uns in sein Wohnzimmer. An den Wänden hingen ein paar Gemälde, die im Stil an Graffiti erinnerten.
„Was wollen Sie?“, fragte er.
„Wir haben die Villa Ihres Onkels durchsucht.“
„Und sind jetzt enttäuscht, dass Sie nicht haufenweise Beweismaterial für angebliche finstere Geschäfte gefunden haben?“
„Wir haben gar nichts gefunden. Wann haben Sie oder Ihre Leute dort aufgeräumt, Mister Milrone?“ Eine Hypothese schwirrte mir im Kopf herum - und außerdem war ich zu der Erkenntnis gelangt, dass ich diesen eiskalten Taktierer vielleicht einmal aus der Reserve locken musste, um von ihm Informationen zu bekommen.
„Hören Sie mal, jetzt gehen Sie zu weit!“, knurrte er ärgerlich. „Vielleicht sollte ich jetzt meinen Anwalt anrufen.“
Ich hatte wohl einen wunden Punkt erwischt. Und das ermunterte mich dazu weiter zu bohren.
Dass ich dabei eigentlich gar nichts in der Hand hatte, war mir schon klar.
Aber was konnten wir schon verlieren?
Damit, dass dieser Gangsterboss abgesehen von Clive Caravaggio jetzt auch noch einen zweiten FBI-Agenten unsympathisch fand, konnte ich leben.
„Jedenfalls weise ich Sie ausdrücklich darauf hin, dass Sie nichts zu sagen brauchen, womit Sie sich selbst belasten“, sagte ich im Tonfall eines Ermittlers, der jede Menge Beweismaterial in der Hinterhand hat. „Aber noch sind Sie kein Beschuldigter, sondern ein Zeuge – was sich jedoch im Handumdrehen ändern kann.“
„Was werfen Sie mir vor?“
„Ich denke nur darüber nach, wem der Tod Ihres Onkels eigentlich nützt.“
„Nur zu! Fantasieren Sie ruhig weiter!“
„Ich stelle fest, dass Sie den größten Vorteil daraus ziehen, dass in der Villa ihres Onkels nicht einmal mehr auf der Computerfestplatte etwas zu finden war. Und wenn sich herausstellen sollte, dass Sie etwas damit zu tun haben und die Aktion vielleicht schon zu einem Zeitpunkt begann, als Ihr Onkel noch lebte, stellt sich doch die Frage, ob Sie vielleicht wussten, dass er nicht in sein Haus zurückkehren würde!“
„Sind Sie wahnsinnig? Sie werden sich die Videoaufzeichnung in der Tiefgarage vom New Palace Hotel ja wohl angesehen haben.“
„Sicher“, nickte ich.
„Dann haben Sie vielleicht auch mitbekommen, dass ich dabei beinahe draufgegangen bin. Der Killer hätte mich auch getötet, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, auf der anderen Seite der Limousine ausgestiegen zu sein, sodass ich mich zurück in den Wagen retten konnte!“ Sein Kopf war dunkelrot geworden. Der Appetit auf einen Drink schien ihm jetzt endgültig vergangen zu sein. „Sie können nichts von dem beweisen, was Sie gesagt haben, Trevellian. So ist es doch, oder?“
„Leider ja. Aber das kann sich im Laufe der Ermittlungen noch ändern“, sagte ich.
Und Milo ergänzte: „Vielleicht kriegen wir Sie dann nicht wegen Ihrer illegalen Müllgeschäfte dran, sondern nur wegen Mordes, aber...“
„Wegen Mordes?“, echote er.
Ich versuche abzuschätzen, ob seine Irritation echt oder nur gut gespielt war. Eigentlich kann ich mich noch auf meine Menschenkenntnis ganz gut verlassen und ich habe in solchen Dingen meistens richtig gelegen. Aber diesmal war ich mir nicht sicher. Es stand fifty-fifty.
„Sagt Ihnen der Name Kimberley Stockton etwas?“, fragte ich.
„Natürlich. Onkel Vic hat in den letzten anderthalb Jahren mit ihr zusammengelebt. Genau genommen war die gute Kimberley der Grund für seine dritte Scheidung. Ich habe ihn immer vor ihr gewarnt, aber er wollte nicht auf mich hören.“ Er schwieg einen Moment und runzelte die Stirn. „Lassen Sie mich raten: Kimberley hat sich eine Überdosis von irgendetwas gegeben, das eigentlich gute Laune machen soll!“
„So sollte es aussehen“, schränkte ich ein. „Aber sie scheint sich den goldenen Schuss nicht freiwillig gesetzt zu haben.“
„Ach, waren Sie dabei?“
„Sie hatte blaue Flecken, die darauf hindeuteten, dass sie festgehalten wurde.“
Er seufzte hörbar. „Sie kannten Kimberley nicht. Sonst würden Sie nicht so einen Unsinn reden, Trevellian.“
„Dann erzählen Sie mir etwas über sie.“
„Wir alle haben uns gewundert, dass so etwas nicht schon viel früher passiert ist. Onkel Vic hat sich in sie verliebt, aber ich glaube, sie hat nie etwas anderes in ihm gesehen, als jemanden, der Geld wie Heu hatte und in der Lage war, ihren Drogenkonsum zu finanzieren. Das konnte nicht gut enden.“
„Ich glaube, dass sie Ihren Handlangern in die Quere kam, Mister Milrone. Den Männern, die damit begonnen haben, die Villa von jedem verdächtigen Staubkorn zu säubern, das man dort finden konnte, gleich nachdem Sie zusammen mit Ihrem Onkel das Grundstück verlassen hatten, um Makarow aufzusuchen! Vielleicht wusste sie auch einfach zuviel.“
„Ich glaube, Sie verlassen jetzt besser meine Wohnung“, sagte Mike Milrone. „Dieses Gespräch ist jedenfalls beendet – es sei denn, Sie haben genug Beweise, um einen Richter dazu zu bewegen, einen Haftbefehl auszustellen!“
Ich lächelte dünn.
„Für jemanden, der vollkommen unschuldig ist, reagieren Sie ziemlich gereizt auf ein paar logische Überlegungen, die sich doch einfach aufdrängen!“