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Wir kamen tatsächlich etwas zu spät an der Federal Plaza an. Die Besprechung im Büro von Mister McKee, an der wir eigentlich von Anfang an hätten teilnehmen müssen, war längst im Gange. Aber wie es schien, hatten wir noch nicht viel verpasst. Unser Chef hielt die Ausgabe einer Morgenzeitung hoch, sodass der reißerische Aufmacher zu sehen war.

NEW YORK ZITTERT VOR KILLER-FLASH war da in bluttriefenden Riesenlettern zu lesen.

„Es möge bitte jeder von Ihnen in sich gehen, ob er vielleicht ein paar unvorsichtige Äußerungen gegenüber irgendwelchen Vertretern der Medien gemacht hat“, ermahnte uns Mister McKee, der das Auftauchen von Milo und mir lediglich mit einem knappen Nicken quittierte. „Genau das hier“, fuhr er fort und deutete auf die Schlagzeilen, „können wir im Moment am wenigsten gebrauchen. Und dieses Medientheater wird uns garantiert nicht helfen, diesen Flash endlich dorthin zu bekommen, wo er schon seit vielen Jahren hingehört. Nach Rikers Island nämlich!“

Mister McKee legte die Zeitung zur Seite, setzte sich und nahm erst einmal einen Schluck aus seinem Kaffeebecher.

Im folgende wurden wir vom SRD-Kollegen Roger Garcia sowie unseren eigenen Erkennungsdienstlern, Ballistikern und anderen Spezialisten über die bereits vorliegenden Laborergebnisse unterrichtet. So erfuhren wir, dass der Bewegungsablauf, mit dem der Killer den am Boden liegenden Vic Milrone getötet hatte, tatsächlich der bei den Navy Seals eingeübten Nahkampftechnik entsprach, bei der es darum ging, im Rahmen eines Kommandoeinsatzes Gegner lautlos zu töten und mit der Klinge des Kampfmessers sich nicht in dichten Geweben von Splitter-Westen und ähnlichem zu verhaken, was insbesondere bei Westen, die am Hals hoch emporragten leicht passieren konnte.

Die Analyse, ob es sich bei der auf dem Video sichtbaren dunklen Stelle am Hals des Killers tatsächlich um die Brandnarbe handelte, die David Lyon Alexander davongetragen hatte, war noch nicht abgeschlossen. Das Problem dabei war, dass diese Stelle nur für wenige Sekunden sichtbar gewesen war. Immerhin war festgestellt worden, dass die Position dieser Stelle exakt mit Flashs Narbe übereinstimmte.

Nach Ansicht von Roger Garcias war der Killer schon so gut wie überführt. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen gleicher Größe und Statur an der exakt gleichen Stelle eine Nabe mit höchstwahrscheinlich identischen Umrissen hatte, ging gegen null.

Mister McKee befürchtete nun, dass Flash sich so schnell es ging wieder zurückzog und wahrscheinlich schon im Ausland war, wo er in irgendeinem x-beliebigen Land, das mit USA kein Auslieferungsabkommen abgeschlossen hatte, geduldig darauf warten konnte, über irgendein russisches oder südamerikanisches Email-Postfach seinen nächsten Mordauftrag zugewiesen zu bekommen.

Noch etwas wurde festgestellt.

De Fußabdruck, den man nach der Ermordung von Mahmut Talani im Coffee Shop ‚Luigi’s Lounge’ gefunden hatte, stimmte mit einem Abdruck überein, der im Parkdeck des New Palace Hotels sichergestellt worden war.

Wie unser Erkennungsdienstler Sam Folder eingehend anhand von charakteristischen Unregelmäßigkeiten und Abriebspuren der Gummisohle und ihres Profils darlegte, handelte es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um denselben Schuh.

„Das bedeutet, dass Flash der ominöse dritte Mann ist, der an dem Anschlag auf den Strohmann Mahmut Talani beteiligt war!“

„Ist aus einer der früheren, Flash zugeschriebenen Morde denn bekannt, dass er jemals im Team gearbeitet hat?“, fragte ich etwas skeptisch.

„Zumindest können wir das schon deshalb nicht ausschließen, weil wir wahrscheinlich über einen Bruchteil der von ihm begangenen Morde überhaupt informiert sind“, erwiderte Mister McKee. „Wir wissen zwar nach wie vor nichts über den gegenwärtigen Aufenthaltsort des Killers – aber wir erhielten einen Hinweis auf den Auftraggeber. Von Anfang stand ja der Verdacht im Raum, dass Milrones Konkurrent Timothy Cronin dahinter steckt und seitdem lassen wir dessen Telefon überwachen. Cronin erhielt einen Anruf von Flash, in dem dieser die Erfüllung seines Auftrags meldet und die Zahlung der zweiten Rate seines Honorars anmahnt. Das reicht für einen Haftbefehl und eine Anklage wegen Verabredung zum Mord.“

Im Anschluss wurde uns der mitschnitt vorgeführt.

„Und was, wenn das nur ein inszenierter Anruf war?“, fragte ich.

„Wer sollte so etwas tun?“, fragte Mister McKee.

„Jemand, der den Verdacht auf Timothy Cronin lenken will und damit auch noch einen Konkurrenten im Müll-Business aus dem Feld schlägt: Mike Milrone!“

Es passte wirklich alles hervorragend zusammen.

Mister McKee gegenüber fasste ich meine Hypothese, nach der Mike Milrone hinter der Ermordung seines Onkels, stand noch einmal zusammen. „Wenn man die Frage nach dem Nutzen konsequent verfolgt, kommt man immer wieder auf den Namen Mike Milrone. Wenn Cronin verhaftet und womöglich sogar verurteilt wird, hat er sein Ziel erreicht und kommt auch noch ungeschoren davon!“

Mister McKee hörte sich meine Überlegungen geduldig an.

Hin und wieder nickte er zustimmend.

Aber schließlich kam er auf den Haken bei der Sache zu sprechen. Einen Haken, auf den mich auch schon Milo hingewiesen hatte.

„Es gibt keinen sachlichen Beweis dafür, dass Mike Milrone es war, der diesen Flash engagiert hat. Ja, schlimmer noch! Wir haben noch nicht einmal einen Nachweis dafür, dass die Milrones etwas mit dem Haus an der Lambert Road zu tun hatten! Tut mir leid, Jesse, es ist nun mal so.“

„Ja, Sir“, sagte ich wenig erfreut.

Anschließend berichtete ich noch von der Spur, auf die uns Martinson, der Mann mit dem Loch im Bart, gebracht hatte.

Mister McKee zuckte die Schultern. „Vielleicht ist das ein neuer Ansatzpunkt, um endlich an die Milrones heranzukommen, Jesse“, gestand er zu. „Aber wohl eher, um sie wegen illegaler Müllgeschäfte dranzukriegen, nicht wegen Anstiftung zum Mord.“

„Leider, Sir“, sagte ich.

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