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Milrone stieg aus.
Er trat auf den Eingang von Luigis Lounge zu. Heute geschlossen stand dort. Aber die Tür war nicht abgeschlossen. Mike Milrone betrat den Coffee Shop.
Niemand befand sich im Schankraum.
„Kommen Sie hier her!“, sagte Dalglish. Mike Milrone war sich sicher, dass es seine Stimme war. Sie vibrierte leicht. Jetzt fiel Milrone auf, dass er dieses Vibrieren bereits während des Telefongesprächs bemerkt hatte. Er umrundete den Tresen und ging durch den offenen Eingang zum Küchentrakt.
Dort fand er Dalglish.
Er war an einen Stuhl gefesselt. Sein Gesicht war aufgequollen. Offenbar war er mit Schlägen traktiert worden. Hinter ihm stand ein Mann mit einer Sturmhaube, die nur die Augen freiließ. Er hielt eine Waffe mit Schalldämpfer in der Rechten.
„Sie sind also gekommen, um zu bezahlen“, stellte der Maskierte fest, der Dalglish offenbar zu dem Telefonat gezwungen hatte. „Legen Sie den Geldkoffer auf den Boden und heben Sie die Hände.“
Mike Milrone gehorchte. Seine Hände zitterten dabei. Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht mit dieser Variante.
„Wer sind Sie?“, fragte er.
Der Maskierte öffnete den ersten Knopf seines Hemdes und zog den Kragen ein wenig zur Seite.
„Nennen Sie mich Flash“, sagte er. „Ihr Onkel hat mich auch so genannt, als ich für ihn eine lästige Freundin entsorgt habe. Aber das war vor Ihrer Zeit, Mike.
„Mein Gott“, flüsterte Milrone.
„Wie man so hört hat sich Vics Vorliebe für drogensüchtige, hilfebedürftige junge Frauen gehalten.“
Flash deutete auf die Narbe.
„Man braucht sich nur die Steckbriefe auf der offiziellen Website des FBI ansehen, um solche Einzelheiten zu erfahren. Alte Fotos von mir tauchen jetzt wieder in den Medien auf. Es ist zum Verrücktwerden.“
Die Bandnarbe war deutlich zu erkennen.
Der Maskierte richtete für einen Moment die Waffe auf Dalglishs Kopf und drückte ab. Die Kugel ließ das Gesicht nach vorn sacken.
„Den Kerl brauche ich nicht mehr. Aber ich muss zugeben, dass er für die Rolle des Erpressers Talent hatte. Offenbar hat er viel geübt.“
„Was wollen Sie?“
„Haben Sie Ihr Handy dabei?“
„Ja.“
„Dann nehmen Sie es heraus.“
„Und dann?“
„Dann rufen Sie den Kerl her, den Dalglish eigentlich erledigen sollte. Ich bin gespannt, diesen Kollegen kennen zu lernen – auch wenn er nicht Flash ist.“
„Hören Sie, man kann doch über alles reden!“
„Ich hatte mich vor Jahren zur Ruhe gesetzt. Selbst in den USA konnte ich mich ungezwungen und ohne jede Angst bewegen und wahrscheinlich hätte das FBI oder wer auch sonst immer in den nächsten dreißig Jahren keine allzu großen Anstrengungen unternommen, um mich zu finden. Herzlichen Dank, kann ich da nur sagen.“
„Wie gesagt, über Geld können wir reden“, wiederholte sich Mike Milrone.
„Ich habe Geld genug“, sagte der Maskierte. „Und jetzt rufen Sie bitte den Kerl an, der an meiner Stelle als Flash aufgetreten ist. Sein Name ist Ray Dunston, nicht wahr?“
„Wie haben Sie das herausgekriegt?“
Der Hit-man stieß den schlaff und leblos in seinen Fesseln hängenden Dalglish mit dem Schalldämpfer seiner Pistole an. „Er hatte Ihren Killer tatsächlich wieder erkannt als dieser Halb-Iraner hier getötet wurde. Dunston war der so genannte dritte Mann, für den sich das FBI so brennend interessierte. Nachdem ich Dalglish überzeugen konnte, mit mir zu reden, war er sehr auskunftsfreudig.“
„Sie haben ihn gefoltert.“
„Ein hässliches Wort.“
„Wie geht es jetzt weiter?“
„Ich will, dass der Hit-man ausgeschaltet wird, den Sie engagiert haben. Solange er als mein Doppelgänger durch New York zieht, habe ich keine Chance auf Ruhe und Frieden. Aber wenn das FBI seine Leiche findet, wird man erkennen, dass alles nur eine Farce war, die Sie inszeniert hatten und der echte Flash keineswegs reaktiviert wurde, so wie Sie alle Welt glauben machen wollen!“
„Warum sollte ich Dunston herrufen?“, fragte Mike Milrone. „Sie werde uns doch anschließend ohnehin beide erschießen – aber ich warne Sie! Ich habe alle Ausgänge mit meinen Leuten besetzt!“
„Mit denen werde ich fertig!“, versicherte Flash. Er schüttelte den Kopf und trat etwas näher. „Wenn Sie tun, was ich sage, lasse ich Sie am Leben. Sie können versuchen, zu fliehen oder abwarten, bis das FBI Sie verhaftet. Meinetwegen können Sie auch berichten, was sich in diesem Raum abgespielt hat. Nur wird Ihnen das niemand glauben. Aber immerhin lasse ich Sie leben und das sollte für Sie Grund genug zur Kooperation sein.“
Er richtete die Schalldämpferwaffe auf Mike Milrones Kopf.
„Ich habe wohl keine andere Wahl“, gestand der Nachfolger des Paten von Brooklyn ein.
„So ist es, und vergessen Sie nicht, Ihre Leute von den Türen abzuziehen.“
„Das mit den Leuten an den Türen war ein Bluff. Um Dalglish auszuschalten reicht ein Mann wie Dunston völlig aus.“
„Dann wartet er draußen darauf, in Aktion treten zu können?“
„Ja. Sie können ihn haben.“ Mike Milrone deutete auf den getöteten Dalglish. „Seine Aufgabe haben Sie ja schon erledigt und eigentlich hat doch jeder von uns dann, was er wollte. Lassen Sie mich zu ihm hinausgehen. Dann wird er hier auftauchen, um Dalglish zu töten. Sie können ihn einfach erwarten.“
„Auf den Trick falle ich nicht herein, Milrone. Sie rufen ihn telefonisch her. Und falls sie irgendein falsches Wort sagen, kann ich Ihnen versprechen, dass ich Sie auf sehr schmerzhafte Weise töten werde.“ Mit diesen Worten stieß Flash den Stuhl mit dem gefesselten Dalglish zu Boden.
Kalter Schweiß stand jetzt auf der Stirn des Mannes, der sich als Nachfolger des Paten von Brooklyn sah und schon am Ziel seiner Träume geglaubt hatte. Jetzt war ein Alptraum daraus geworden.
„Okay“, flüsterte er.
Zitternd tippte Mike Milrone Dunstons Nummer in die Tastatur seines Handys.
Sekunden später hatte er eine Verbindung.
„Kommen Sie rein, Dunston“, sagte er.
„Ich dachte...“
„Der Plan hat sich geändert.“
„Wie Sie meinen, Mister Milrone.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
„Sehr gut!“, lobte Flash.