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Ich forschte einige Stunden lag im Archiv des Telegraphs, um etwas mehr über Morris Bulmer herauszufinden. Aber viel mehr als ich ohnehin schon wusste, kam dabei nicht zu Tage. Offenbar war er zum Ende seiner wissenschaftlichen Karriere hin immer mehr ins Abseits geraten. Hatte er sich zunächst noch mit seriöser Erforschung der Parapsychologie beschäftigt, fand man ihn später in obskuren Zirkeln wieder, die sich mit Magie und Geisterbeschwörung beschäftigten. Er verfasste auch zahlreiche Schriften zu diesen Themen, die jedoch kein wissenschaftlicher Verlag mehr veröffentlichen wollte. Sie erschienen nur in Privatdrucken, die innerhalb okkultistischer Kreise zirkulierten.

Immerhin konnte niemand beweisen, dass er tatsächlich an der Grabschändung in Cambridge beteiligt gewesen war, so dass es nie zu einer Verurteilung kam. Auch das Disziplinarverfahren musste eingestellt werden. Natürlich war er in Cambridge unmöglich geworden und zog kurz nach seinem Eintritt in den Ruhestand nach London, wo er sich seine Villa kaufte. Die Herkunft des Geldes, mit dem er jenes teure Anwesen bezahlt hatte, warf einige Fragen auf, die ihn kurzfristig zwar nicht in die Schlagzeilen, aber immerhin auf die Seiten für Vermischtes brachten.

Offenbar hatte er finanziell gutgestellte Gönner, die an die Wichtigkeit seiner obskuren Forschungen glaubten und ihn daher unterstützten.

Ich kam spät aus dem Archiv und als ich das Großraumbüro der Redaktion betrat, war kaum noch jemand da.

Einer der wenigen, die noch bei der Arbeit waren, war Stanford. Mit ausgekrempelten Ärmeln stand er vor der Tür zu seinem Büro und ließ nachdenklich den Blick umherschweifen. Ich war ganz froh gewesen, ihm in den letzten Stunden nicht begegnet zu sein.

Aber jetzt war es unvermeidlich.

Sein Blick traf mich und ich erstarrte unwillkürlich.

"Ah, Jenny... Sie sind auch noch hier? Und dabei haben wir doch schon seit zwanzig Minuten Redaktionsschluss..." Ich zuckte die Achseln und kam etwas näher. "Wenn ich einen Job mit Stechuhr gewollt hätte, hätte ich mich nicht gerade im Journalismus umsehen dürfen!", meinte ich und versuchte, einigermaßen entspannt dabei zu wirken.

Er bedachte mich mit einem wohlwollenden Lächeln und nickte dabei.

"Tut mir leid, dass ich Sie am Telefon so heruntergeputzt habe... Aber dieser Barnes war wirklich sehr ärgerlich..."

"Er verkraftet es nicht, dass er in diesem Fall mehr oder minder noch immer völlig im Dunkeln tappt", erwiderte ich.

"Möglich", meinte Stanford. "Wenn Ihnen die Sache über den Kopf wachsen sollte, dann hätte ich Verständnis dafür, wenn Sie..."

"Davon kann keine Rede sein", erwiderte ich vielleicht eine Spur zu heftig.

Stanford hob beschwichtigend die Hände.

"Ich will nichts gesagt haben, Jenny! Auf Sie ist Verlass, das weiß ich... Ich hoffe, Sie machen jetzt Schluss! Schließlich will ich nicht, dass Sie eines Tages vor Erschöpfung umfallen, Jennifer!"

Ich musste unwillkürlich lächeln.

Solche Worte aus dem Munde eines Martin T. Stanford, der ansonsten von jedem seiner Mitarbeiter dieselbe eiserne Arbeitsdisziplin verlangte, die er selbst zeigte und für den es nichts Wichtigeres in seinem Leben zu geben schien, als jeden Tag ein buntes Blatt mit dem Namen London City Telegraph so gut wie möglich zu machen!

Vielleicht war das seine ganz spezielle Art der Versöhnung.

"Gute Nacht, Mr. Stanford", sagte ich.

"Gute Nacht, Jenny. Ach, ehe ich es vergesse..."

"Ja?"

"Da war noch ein Anruf für Sie. Ein Mister..."

"Green?"

Stanford nickte. "Ja, genau, ich habe mir auch aufgeschrieben, was er wollte, aber dummerweise ist der Zettel nicht mehr da..."

"Ich weiß schon Bescheid", sagte ich.

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