Mit einer gewissen Unruhe wartete der Baron auf seinen Retter und Erlöser.
Das Haus der Santafuscas, ein wuchtiger Bau im Stil des 17. Jahrhunderts, der seit langem Erika und Efeu und leider auch Brennnesseln Tür und Tor geöffnet hatte, verströmte selbst inmitten seines allumfassenden Verfalls noch einen Hauch der einstigen Pracht. Durch einen umfriedeten Garten, in dem Jahre der Nachlässigkeit Unkraut und Klee hatten sprießen lassen, führte eine lange Allee mit steinalten Platanen zu beiden Seiten bis an die Freitreppe des Hauses, deren Stufen sich in schwülstigem Rokoko hoch zu der emporengleichen Anlage vor der Eingangstür zogen.
Auch hier endete die Invasion des Grüns nicht. Efeu, Blauregen und wilder Wein erklommen, wild ineinander verknäult, die Fassaden bis fast hinauf zum Dach, lagen wie ein ausgerollter Teppich über den Mauern, schlängelten sich durch Spalten in den Läden, schmiegten sich um Fensterbeschläge und verbarrikadierten Türen.
Von den alten Statuen, einstmals getreue Abbilder Jupiters und Merkurs, zeugte heute nur mehr je ein formloser Stumpf, den Zweige und Winden verschlangen, auf dass der schwarze Stein in ihnen zur letzten Ruh gebettet sei, während auf der Empore Gräser zwischen den zerfressenen Steinplatten des Bodens hervorlugten, sehr zum Frohlocken aller Eidechsen rundum.
Im Innern sah es noch elender aus.
Der Hausrat von einst, all die Vasen, Wappen und Kandelaber, all die wertvollen Gemälde, hatte vor langer Zeit schon auswandern müssen, gar nicht so sehr, um die Schulden des Barons zu begleichen, als vielmehr immer wieder irgendein Leck in diesem alten Kahn zu stopfen, in den dennoch von allen Seiten Wasser strömte. Eine gute Weile war es nun schon, dass Grabesstille und Armut ein Anwesen umspannen, in dem noch vierzig Jahre zuvor der Tumult, Prunk und Stolz einer großen Familie des Königreichs geherrscht hatten.
Ganz zu schweigen von den Festen zu Beginn des Jahrhunderts oder den Triumphen in dem zuvor, als die Santafuscas hier auf dem Land nicht mehr und nicht weniger zu sagen hatten als die Bourbonen in der Stadt Neapel.
In jenen Zeiten wussten die alten Bauersleute von tollen, geradezu fürstlichen Jagden des Barons Nicola zu berichten, der nie ohne seine Pistole anzutreffen und ständig in Geschichten verwickelt war, in denen es um Entführungen und Wollust, Orgien und Gräueltaten ging.
Was war von all dieser Macht geblieben? Nichts, weniger als nichts, denn der Baron Coriolano galt heute kaum noch so viel wie der Stumpf von Jupiter oder Merkur. Sogar bei der Luft, die er atmete, stand er im Schuldenbuch, außerdem saß ihm als Gläubiger auch noch das Gefängnis im Nacken.
Ihm selbst schwirrten diese Dinge an jenem Morgen besagten Donnerstags fortwährend im Kopf herum, als er die kalte, nackte Empore der Freitreppe mit raschen Schritten wieder und wieder von einem Ende zum anderen ablief und auf seinen Priester wartete.
O ja, den Prunk von einst bezeugten heute nur noch ein paar Brokatränder an den Wänden, vielleicht ein vergoldetes Gesims oder hier eine bemalte Decke und dort ein prachtvolles Mosaik, letztlich aber trumpften überall Trauer, Ödnis und Verfall auf.
Bis auf zwei Zimmerchen im Erdgeschoss, in denen ein Bett und vier Stühle auf Santafusca warteten – eher ein letzter Unterschlupf für ihn als ein heimeliger Ort zum Entspannen –, herrschte im Haus gähnende Leere. Die Läden waren geschlossen, ebenso die Türen, Feuchte und Kälte verliehen den weitläufigen Räumen den Anflug von gewaltigen Kellern, in denen das Echo der Schritte hallte und geheimnisvolle Schatten umherhuschten.
Wo das Laub vor den Fenstern für beinah undurchdringliche Dunkelheit sorgte, da hatten sich Fledermäuse ihr dreckiges Nest gebaut, weshalb der Baron sich tunlichst hütete, diesen Stellen zu nahe zu kommen, wollte er die Blutsaugerbrut doch nicht aufscheuchen.
Er besuchte das Anwesen nur noch gelegentlich, ein Gespenst auch er, das in schwarzdüsterer Stimmung auftauchte, an Tagen, da er Groll gegen das Schicksal hegte. Niemals blieb er länger als ein oder zwei Nächte, stets fuhr er wieder ab, wenn er ein weiteres Relikt einstiger Herrlichkeit entdeckt hatte, das er noch veräußern konnte. Danach ging er, wie er gekommen war, klammheimlich, nachdem er zuvor noch mit Salvatore ein karges Mahl aus den Gaben von Wald und Flur geteilt hatte.
Salvatore, um die siebzig und bereits von einem Schlaganfall heimgesucht, halb blind, halb blöd, verbrachte seine alten Tage gänzlich in dieser Ödnis, in Gesellschaft eines schwarzen Hundes und einiger Ziegen, die im Garten weideten. Er lebte von dem, was das Anwesen hergab, geradeso wie eine alte Maus, verkaufte das Gras, das die Ziegen übrig gelassen hatten, baute auf ein paar Beeten Salat an und sammelte unter den Bäumen Feigen und Mandeln. Für das Weitere, für ein Mahl zu Mittag und zu Abend, sorgten die Ziegen und ein paar Hühner.
In seiner Hinfälligkeit erkannte er den Baron einzig am herrischen Tonfall seiner Stimme und an dem schwarzen Bart. Daraufhin aber erwachte in ihm, der seine Tage sonst im Sonnenschein verdämmerte, sogleich die alte Kraft, sodass Gehorsam und Ehrfurcht ihn seine Arme und Beine bewegen ließen, als wäre er ein längst untüchtig gewordener Webstuhl, der sich sein Gestell aus schwungvolleren Zeiten bewahrt hatte.
Unser Baron traf, wie bereits gesagt, am Mittwoch auf dem Anwesen ein und beabsichtigte, die Nacht dort zu verbringen.
Von Schlaf konnte freilich keine Rede sein, denn es galt, zu viele Dinge zu bedenken, als dass er hätte die Augen schließen und einnicken können. Doch wachte er auch nicht. Allein in diesem großen, verlassenen Haus, am Vorabend eines derart bedeutsamen Ereignisses, einerseits durch Ängste und Schulden jeder Ruhe beraubt, andererseits durch teuflische Einflüsterungen aufgestachelt, bereit, zu einem entsetzlichen Schlag auszuholen, aber nach wie vor im Zweifel, alles ausreichend bedacht zu haben, dazu die tiefe Stille, die zähen Stunden, das harte, aus dürren Latten gezimmerte Bett, kam er nicht eine Sekunde zur Ruhe, und zuweilen verlor sich sein Geist gar in Traumgespinsten, die rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten.
Der Priester war reich und feige. Würde er gequält und gefoltert, käme er vielleicht auf die Idee, sein Leben mit seinem Herzblut zu erkaufen, sprich: mit seinem Geld. Wie aber brachte man ihn dazu? Und wie dann weiter? Was, wenn der Priester Anzeige erstattete? Nein, es blieb nichts anderes übrig, der Mann musste getötet werden.
Aber wie? Wohin ihn locken? Der alte Knicker war misstrauisch. Wenn er den Notar nicht wie vereinbart vorfand, dürfte er das Geld gar nicht erst auf den Tisch legen. Womöglich hatte er es ohnehin nicht dabei. Oder lediglich Wertbriefe auf seinen Namen. Auch unter diesem Gesichtspunkt galt es, mit der gebotenen Umsicht, ja mit Einfallsreichtum zu Werke zu gehen, ihn mit aller Herzlichkeit zu empfangen und in eine Plauderei zu verwickeln, ihm das Haus zu zeigen, den großen Saal oben, die Küchen, Ställe und Keller … An diesem Gedanken blieb der Baron hängen, hakte sich, um es einmal so auszudrücken, daran fest: Keller.
Ja wenn er Don Cirillo überzeugen könnte, das Dutzend Stufen bis zur ersten Holztür hinunterzusteigen, dann wäre da unten kein Gott, kein Christus oder Beelzebub, der dem Schwarzrock, einmal eingeschlossen, noch helfen könnte. Dann bräuchte er nur noch den Riegel vorzulegen und: Addio, Priester! Da unten erstreckten sich wahre Labyrinthe, die Überreste einer alten mittelalterlichen Burg, auf denen das heutige Herrenhaus errichtet worden war, da setzte niemand einen Fuß hinein, den Schneid besaß kein Mensch.
Dort, in diesem Reich, herrschten buchstäblich nichts und niemand, dort existierten selbst geschaffene Fakten nicht länger. Wenn es ihm gelang, den alten Gottesknecht hinunterzulocken … Vorher müsste er sich freilich vergewissern, dass er das Geld mitgebracht hatte, oder ihm irgendeine Vollmacht, einen Wechsel oder etwas in der Art aus den gierigen Klauen reißen …
Daraufhin seufzte unser Baron schwer und wälzte sich erneut im Bett herum.
Irgendwann überkamen ihn Albträume. Dunkle Orte, Höhlen, Grotten, Koben, Pferdeställe, Tropfsteinhöhlen, Gossen, Kelterhäuser, Bretterschuppen, Brunnen, Hausflure, Dachböden, stockfinstere Keller, tiefschwarze feuchte Stiegen, zahllose Spinnweben, gewaltige und solide Netze, die sich um ihn schlangen, ihn einhüllten, jeden seiner Schritte verhinderten, jede Armbewegung unterbanden … Was für ein grotesker Kampf zwischen ihm und dieser fetten schwarzen Spinne, bei der es sich natürlich um niemand anderen handelte als um seinen Priester …
»Ah!«, schrie Santafusca da und fuhr im Bett auf.
Es tagte bereits. Im Garten und in den Bäumen des kleinen Wäldchens zwitscherten die Vögel.
Eine süße Erinnerung an seine Kindheit schien nah vor seinem Gesicht sanft mit den Flügeln zu fächeln, sein hitziges Denken für einen flüchtigen Augenblick zu kühlen und ihn wieder zu einem kleinen Jungen werden zu lassen. Wie herrlich damals doch jeder Morgen gewesen war, wenn er aus dem Bett stieg, hinaus in die frische Luft rannte, tief durchatmete und sich im Tau, der von den aufgeblühten Rosen tropfte, wie neugeboren fühlte. Wenn er mit der Eule auf Jagd ging oder beim kraftvollen Klang des Avemarias das Knie beugte! Es war noch immer dieselbe alte Glocke, die beim ersten Licht des Tages schlug. Es war noch immer Don Antonio am Altar, der Priester, der ihn einst getauft hatte …
Doch damals hatte das Leben nur kleine Sorgen für ihn bereitgehalten. Damals hatte es keine Carabinieri gegeben, die vor seiner Tür lauerten, und er hatte nicht einmal geahnt, womit sich ein königlicher Staatsanwalt beschäftigte. Heute sah das alles anders aus. Wenn der Priester das Geld nicht mitbrachte, würde in zwei Tagen ein Santafusca vor diesem Staatsanwalt erscheinen müssen. Das stand außer Frage, und diese Schande träfe ihn schlimmer als der Tod.
Warum sich da nicht gleich selbst umbringen? Warum sich nicht auf diese Weise den grausamen Kalamitäten entziehen?
Mit Sicherheit war es besser, sich zu töten, als sich von irgendwelchen erbärmlichen Carabinieri in Ketten legen zu lassen. Allein bei dem Gedanken kochte das Blut der alten Santafuscas in den Adern unseres Barons hoch, es schrie förmlich auf, schoss ihm mit einem Schwall in den Kopf, bis die fahlen Wände rundum sich rot einfärbten und sämtliches Grün im Garten rot aufloderte.