DIE AUFERSTEHUNG DES PRIESTERS

Der Baron hatte sich nicht geirrt. Nach drei Tagen setzten ihm seine Gefühle nicht mehr zu, sein Leben verlief fast schon wieder in den gewohnten Bahnen, und er, ein starker, sich einzig von Tatsachen leiten lassender Mann, sah seinem Verbrechen allmählich ins Gesicht wie einer beliebigen Tat, nicht schlechter als viele andere.

Der Marchese di Spiano übersandte ihm den Hypothekenbrief, den Santafusca zusammen mit den Papieren des Priesters und anderen Dokumenten verbrannte. Sie würden ihn nie wieder um den Schlaf bringen. Und obwohl er dem Feuer auch sämtliche Wertpapiere, die den Namen des Priesters trugen, übergeben hatte, zeigte sich sein Schubfach am Ende noch prall gefüllt. Außer den Spielgewinnen aus dem Club besaß er Schuldbriefe in Höhe von rund neunzigtausend Lire, einzulösen bei der Bank von Neapel und auszuzahlen an den Überbringer. Obendrein bestand nicht die geringste Gefahr, dass der Priester ihm dabei in die Quere kam, denn er war und blieb tot, dem Anschein nach sogar gern.

Im Club begrüßte man den Baron aufs Neue in ausgesprochen wohlwollender Weise, und Marinella zeigte sich verliebt wie nie zuvor.

»Du musst mich nach Paris bringen, Santa«, erklärte das hübsche junge Ding und schlang ihre herrlichen Arme um ihn.

»Warum eigentlich nicht, Nelluccia? Das ist durchaus ein Vorhaben, das ich in Erwägung ziehen könnte.«

Eine Reise nach Paris, eine Luftveränderung, würde ihm in der Tat gut tun, schließlich laborierte er immer noch ein wenig an der Wiederherstellung der eigenen Kräfte. Marinella liebte er zwar nicht unbedingt, doch fand er Gefallen an dem Vergnügen, das sie ihm bereitete. Sie ihrerseits war zu einfältig, als dass sie ihn mit lästigen Fragen oder metaphysischen Disputen gelangweilt hätte. Es vergingen der Freitag, der Samstag und der Sonntag, es kam der Montag, und niemand weit und breit, der Anstalten machte, sich nach dem Priester zu erkundigen.

Gelegentlich, wenn er unter einem Anfall von Wehmut litt, nahm er ein philosophisches Bad, will heißen, er versuchte, sich die Prinzipien zu vergegenwärtigen, auf denen die Welt fußte wie ein Kessel auf einem Dreifuß und die da waren: Keine Sache ist von vornherein besser oder schlechter als eine andere, der Mensch gilt so viel wie eine Eidechse, alles lässt sich auf die Materie reduzieren und nichts von dem, was existiert, kann zerstört werden – weshalb er nichts anderes getan hatte, als eine Modifikation vorzunehmen, will heißen, an der Existenz dieses …

Er hatte es sich bereits zur Gewohnheit gemacht, Besagten nicht einmal in Gedanken explizit zu nennen, auch dies eine probate Möglichkeit, ihn vollständig auszulöschen.

Irgendwann schlug er die Abhandlung über die Dinge des glühenden Nihilisten, seines geschätzten Doktor Panterre auf, und fand seine Freude darin, in splendiden Maximen all die Tröstungen und Beweise formuliert zu lesen, die sein Geist nur in wirre Worte zu fassen vermocht hatte. In einem Kapitel des berühmten Werkes hieß es:

»Eine Kanonenkugel, die mit einer Geschwindigkeit von fünfhundert Metern in der Sekunde durch die Luft schwirrt, braucht, von der Erde aus auf den Weg zur Sonne gebracht, neuneinhalb Jahre, um ihr Ziel zu erreichen. Dabei ist die Sonne noch der Stern, der uns am nächsten ist. Bis zum zweitnächsten Himmelskörper bräuchte die Kugel mehr als neun Millionen Jahre. Und um zu dem Stern zu gelangen, der gerade noch erkennbar, aber am weitesten entfernt von uns ist, gar achtzehntausend Millionen Jahre! Man versuche nur einmal, diese erschreckenden Zahlen aufzuschreiben! Oder sie sich vorzustellen! Und jenseits dieses Sterns der sechzehnten Größenklasse entdeckt das Teleskop Nebelwelten, die vermutlich ebenfalls voller Sterne sind. Ach, mein zart besaiteter Philosoph, was gilt Dein Leben angesichts dieses Raumes?

Die gesamte Menschheit, betrachtet aus einer Höhe von einhundert Meilen, ist nicht mehr als ein bloß noch unter dem Mikroskop zu erkennender winziger Schimmelpilz, der an einer besonders feuchten Stelle einer Brotrinde gedeiht.

Entfernte sich die Sonne aus einer Laune heraus nur einen einzigen Tag von uns, würde sich unser blühender Erdball binnen eines Wimpernschlags zu einem Eisklumpen verwandeln. Wer vermöchte in diesem dann noch Deine Truppen auszumachen, o Zar aller Russen? Welche Linse wäre vonnöten, um unter der Eisdecke deine Hefte zur Reinen Vernunft aufzuspüren, o Du anmaßender Philosoph aus Königsberg? Was sind, angesichts der Dimensionen des Zodiakus, die Schulden, die ich bei meinem Nachbarn habe?«

Als der Baron diese Passagen las, spürte er förmlich, wie sich sein Bewusstsein weitete und in Raum und Zeit ausbreitete. Eine tiefe Ruhe, ähnlich der stummen Schicksalsergebenheit im Orient, verdrängte nun den Überdruss und jenes Zwicken, das stets auftrat, wenn er seinen Geist in die engen Gassen des täglichen Lebens sperren musste. Triumphierend und traumtrunken weilte er sodann in jenem Raum, der Millionen und Abermillionen Mal so groß war wie die Erde, und beobachtete, wie sein alter, ausgemergelter Priester, wie dieses Knochengestell, langsam darin versank.

Der Baron wäre über dieser metaphysischen Vision wohl abermals eingeschlafen, wenn Maddalena nicht plötzlich mit zwei trockenen Schlägen ihrer Knöchel gegen die Tür gehämmert hätte. Er fuhr zusammen.

»Exzellenz! Heute Morgen ist schon wieder dieser Priester hier gewesen.«

»Was wollte er diesmal?«, fragte Santafusca mit schwacher Stimme.

»Mit Eurer Exzellenz sprechen.«

»Hat er seinen Namen genannt?«

»Nein, das nicht. Aber er kommt wieder.«

Allmählich fiel ihm dieser Schwarzrock, der um ihn herumschwirrte wie eine Schmeißfliege, gewaltig auf die Nerven, denn er kannte keine Priester, abgesehen von seinem. Was also war das für ein Bursche, der nun schon zweimal bei ihm vorgesprochen hatte, mit seinem Namen aber partout nicht herausrücken wollte?

Wie gesagt, er fürchtete keinesfalls Don Cirillos Schatten, denn er war nicht Macbeth. Aber was, wenn der Priester doch einen Freund besaß und diesen in seine Absichten eingeweiht hatte? Was, wenn dieser Freund hier auftauchte …

Während der Baron sich in diesen Gedanken verbiss, wanderte sein leerer Blick wie von selbst zu dem Tagesblatt seines Wandkalenders, das über dem Fenster prangte. Es zeigte eine übergroße Zahl in Schwarz:

4

Das Datum besagten Geschehens.

Da diese Vier einer Anklageschrift gleichkam, erhob sich der Baron sofort, um sie zu vernichten, doch mitten in der Bewegung vernahm er erneut Maddalenas Stimme.

»Exzellenz«, sagte sie, »da ist ein Schreiben für Sie!«

Selbst diese kleine Störung stellte für unseren Baron nun Anlass zu Angst und Sorge dar. Es würde wohl noch viel Wasser den Fluss hinunterfließen müssen, ehe er dem täglichen Leben abgeklärt gegenübertreten konnte.

Er ließ Kalender Kalender sein und eilte zu Maddalena, um den Brief in Empfang zu nehmen.

Dieser war mit der Post gekommen und in Santafusca abgestempelt worden.

Die Hand zitterte ihm derart, dass der Brief seinen Fingern entglitt und zu Boden fiel. Er schloss hektisch die Tür, hob den Brief auf, bezwang ein aus seinem Magen aufsteigendes Gefühl, das ihn zu ersticken drohte, sackte in einen Sessel, erbrach hitzig den Umschlag und entfaltete das Blatt Papier …

Selbstverständlich glaubte er nicht, der Priester schicke ihm noch einen Beleg, dass sie beide quitt wären, doch Unmengen anderer Gedanken strömten in dieser Sekunde in sein Hirn! Und alle liefen auf die Frage hinaus: Was, wenn er entdeckt worden ist?

Das Schreiben war unterzeichnet mit: Jervolino, Sekretär.

Der Gemeindesekretär von Santafusca also, der ihm in einem Stil unbedingter bürokratischer Hochachtung vom Tod seines treuen Dieners Salvatore in Kenntnis setzte, den mitten auf der Straße der Schlag getroffen hätte, und der des Weiteren ausführte, wie und welcherart der Unterzeichnete selbst das Tor zum Anwesen abgeschlossen und den einzigen Schlüssel an sich genommen habe, der nun im Ratssaal der Gemeinde weiterer Verfügungen harre, die Seine Exzellenz die Güte haben möge, ihm zu erteilen.

Über den Priester kein Wort.

Mehr noch: Der Ton dieses Schreibens hätte beruhigender nicht sein können.

»Wunderbar!«, rief der Baron aus wie ein Bariton, der sich einsingt, wobei er sogleich spürte, wie sich der Aufruhr in ihm legte. »Armer Salvatore!«, fügte er dann hinzu, senkte den Kopf und bedeckte mit einer Hand die Augen.

Seine Trauer war aufrichtig, denn sein Herz hütete noch die Erinnerungen an seine Jugend, als er zusammen mit Salvatore in den Hügeln auf die Jagd gegangen war.

Und nun war der arme Alte unter freiem Himmel gestorben … als wäre es eine Schande, die Augen in jenem verdammten Haus zu schließen.

Klang das nicht beinahe nach Dichtkunst? Oder nach einer Rhetorik, die noch tief in irgendwelchen Windungen seines Hirns lauerte. Dennoch hielten diese Worte und Betrachtungen ihn in ihrem Bann. Am Ende tröstete er sich damit, dass sich die Dinge für ihn im Grunde nicht besser hätten entwickeln können. Salvatore tot, das Anwesen verrammelt und verriegelt, ohne dass dies irgendeinen Verdacht erregte – gründlicher hätte der Priester gar nicht beerdigt sein können.

Nun bräuchte er diesen Jervolino nur noch schriftlich darum zu bitten, er möge ihm den Schlüssel zusenden – und Amen! Danach läge Santafusca in vollendeter Verlassenheit und wäre gegen alle neugierigen Blicke gefeit.

Frische Kraft strömte in ihn. Alles lief tadellos wie ein Uhrwerk, alles bewies, wie klar der Zufall in dieser Welt über jede Planung triumphierte.

Nun sollte er den schönen Tag einfach unbeschwert mit Marinella genießen, der er versprochen hatte, sie zum Essen auszuführen, weshalb er sich zu Granella begab, um sich von dem mehrfach ausgezeichneten Coiffeur und Parfümeur in passable Form bringen zu lassen und ganz nebenbei in den Genuss seiner Hochachtung zu gelangen, die in direktem Zusammenhang mit der Zahl der Düfte stand, welche der Baron Marinella schenkte.

Davon abgesehen trieb Santafusca der Wunsch an, sich einiges von Granella zuzwitschern zu lassen, denn dieser, ein wahrhaft würdiger Nachfahr Figaros, war die lebende Zeitung Neapels. Bei ihm würde der Baron sich also ein gutes Bild von der öffentlichen Meinung machen können.

»Was gibt es für Neuigkeiten, Granella?«, fragte er, nachdem er in einen Sessel gedrückt und wie ein altehrwürdiger Gottesmann in schlohweiße Tücher gehüllt worden war.

»Jede Menge und nur hervorragende. Die Regierung ist gestürzt worden. Bismarck hat den russischen Botschafter empfangen, und wie es scheint, kommt es zum Krieg mit der Türkei. Mein Hausbesitzer hat das Zeitliche gesegnet und Filippino Mantica eine halbe Million beim Lotto gewonnen.«

»Und wer ist er, dieser Filippino?«, erkundigte sich der Baron aufgeräumt, nachdem er die Meldungen mit klopfendem Herzen vernommen hatte: Doch siehe da, auch hier war sein Priester vollendet tot.

»Filippino? Das ist heute der glücklichste Mann der Welt. Noch am Samstagmorgen war er allerdings der bejammernswerteste Hutmacher der ganzen Stadt.«

»Weil er jetzt aber im Lotto gewonnen hat, ist …«

»Mehr noch! Er hat gewonnen, und die königliche Lotterie ist bankrott! Also, wenn ich eine halbe Million gewonnen hätte, dann würde ich heute mit Sicherheit nicht mehr den Barbier machen, das schwöre ich bei San Gennaro.«

»Wag halt ein Spiel!«

»Wenn ich drei Zahlen aufschreibe, frisst der Teufel sie mir weg.«

Der Baron brach in schallendes Gelächter aus. Und zum ersten Mal seit langer Zeit tat er es wieder unbeschwert und ungekünstelt. Kein Wort von seinem Priester! Ob er verschwunden war oder eine Fliege – für Neapel kam es aufs Gleiche heraus.

»Aber Sie haben das Beste noch nicht gehört, Exzellenz, also das, was man über diesen Hutmacher erzählt.«

»Und was erzählt man?«

»Dass … und das ist beileibe nicht an den Haaren herbeigezogen … dass dieser Hutmacher eine bildschöne junge Frau hat und ebendie hätte auch die drei Zahlen erhalten, und zwar ausgerechnet von …«

»Nun?«

»Raten Sie mal!«

»Na, von wem wohl? Von einem Liebhaber!«

»Von einem Priester.«

»Oh …«

»Eben! Das ist ein Kabbalist und Zeichendeuter, der unten in Mercato lebt und etwas von dieser Algebra versteht und hübschen Frauen die Zahlen für einen Terno schenkt.«

»Hat man Töne!«

»Sie können die Geschichte im Piccolo von gestern nachlesen. Ganz Neapel spricht von nichts anderem. Wo ist die Ausgabe denn …? Ah, hier! Lesen Sie nur, Exzellenz, es wird Sie amüsieren … Wünschen Sie ein Schönheitsmittel oder Brillantine?«

Der Baron nahm das zusammengefaltete Blatt an sich und klappte es auf. Gleich auf der ersten Seite sprang ihm eine Überschrift entgegen, die nur aus zwei Wörtern in Großbuchstaben bestand:

DON CIRILLO