DER ARM DES GESETZES

Der Baron di Santafusca konnte nun, da Friede in seinem Herzen Einzug gehalten hatte, endlich wieder ruhig schlafen. Für einen anderen schuldbeladenen Mann – für Don Antonio nämlich, falls das nicht längst klar ist – nahm das Unglück indes seinen Lauf.

Der arme Priester erwachte bei Sonnenaufgang gerade aus einem herrlichen Traum – der Erzbischof war nach Santafusca gekommen, die Mitra auf dem Kopf, dazu ein riesiges Gefolge von Prälaten, und die Kirche funkelte von silbernen Lämpchen, und er selbst las die Messe, auch mit einer Mitra auf dem Kopf –, als Martino energisch gegen die Haustür hämmerte.

»Wer ist da?«, rief Don Antonio aus, hob den Kopf und tastete nach seiner Nachtmütze, die ihn an der Stirn ein wenig drückte. »Noch muss ich die Messe ja nicht halten!«

»Es geht nicht um die Messe, Don Antonio! Kommen Sie rasch runter! Hier … da ist jemand von der Polizei mit … mit …«

Martino war kaum noch Herr seiner Stimme, das bemerkte Don Antonio sofort. Außerdem hätte er wetten können, dass dem armen Kerl die Knie zitterten.

»Jemand von der Po…li…zei? Was soll das heißen? Das muss ein Irrtum sein.«

Don Antonio schleuderte die Mitra – pardon, die Nachtmütze – aufs Bett und sprang auf.

»Was will dieser Herr von mir?«

»Das sagt er nicht. Kommen Sie also rasch herunter!«

»Das mache ich! Die Polizei! Was sollte ich mit der zu schaffen haben? Das muss ein Irrtum der Justiz sein. Wahrscheinlich geht es eigentlich um Lello, der neulich mit dem Messer auf Guasco losgegangen ist. Leider sitzt das bei den beiden ja immer locker, bei diesen … diesen … diesen …«

Mit diesen Worten, die er völlig geistesabwesend immer wieder vor sich hinmurmelte, stieg er die Treppe hinunter, noch ohne Kollar, mit zerknautschtem Gewand und Augen voller Schlaf.

In dem kleinen Raum, in dem er sommers seine Predigten auszuarbeiten und zwischen einem Absatz und dem nächsten ein kleines Nickerchen zu halten pflegte, erwartete ihn ein ernster Herr, der ganz in Schwarz gekleidet war, sogar einen schwarzen Oberlippenbart trug, und außerdem in Begleitung eines kräftigen Carabiniere war, womöglich ein Maresciallo, dessen Hutspitze gegen die Decke stieß.

Nun benötigte auch Don Antonio drei oder vier Verbeugungen, bis er seine Stimme wiederfand.

Der Herr in Schwarz verneigte sich ebenfalls, während der Carabiniere die Tür schloss.

»Wie kann ich den werten Herren helfen?«, brachte der bis ins Mark erschrockene Don Antonio heraus, nicht ohne seine Worte mit einer reichlichen Prise Beflissenheit zu würzen.

»Ich muss Ihnen verschiedene Fragen stellen und womöglich auch gewisse Unannehmlichkeiten bereiten. Sie sind Don Antonio Spino?«

»Ganz zu Ihren Diensten. Aber nehmen Sie doch bitte Platz!«

»Haben Sie vor ein paar Tagen einen Brief an einen gewissen Filippino Mantica geschrieben, seines Zeichens Hutmacher in Neapel?«

»Das habe ich.«

»Zusammen mit dem Brief sandten Sie Filippino Mantica eine …«

»… eine Schachtel … ganz genau, mein Herr.«

»Mit einem Hut darin.«

»So ist es, mein Herr, mit einem Hut darin …«

»Vortrefflich! Könnten Sie mir nun einige Angaben zu diesem Schreiben machen? Ist es Ihres?«

Der Herr in Schwarz hielt dem Priester ein entfaltetes Blatt Papier hin.

»Das ist meine Handschrift … Ja, das ist der Brief«, stammelte Don Antonio, der meinte, ihm würde mit jeder einzelnen Frage der Boden unter den Füßen weggezogen.

»Sie erwähnen darin, der Hut habe sich ›in diese Gefilde‹ verirrt. Für den königlichen Staatsanwalt ist es von immenser Wichtigkeit zu erfahren, an welchem Ort genau dieser Hut gefunden wurde, wer ihn gefunden hat und wann und durch welche Hände er gegangen ist. Legen Sie dies alles bitte so genau wie möglich dar, denn es handelt sich hier um … worum es sich hier handelt, werde ich Ihnen später auseinandersetzen.«

Jedes Wort trieb Don Antonio in tiefere Verzweiflung. Er fasste keinen klaren Gedanken mehr. In dem Brief hatte er sich ja bloß vage geäußert, einen Teil der Wahrheit sogar verschwiegen. Das hatte er nun davon!

»Da wolltest du so schlau sein«, raunte sein Gewissen. »Wolltest deine Sünde verheimlichen. Doch nun ist sie ganz von selbst ans Tageslicht gelangt. Wer sich weigert, seinem Gott zu beichten, muss am Ende eben dem Herrn von der Polizei und dem Signor Carabiniere beichten.«

Diese Überlegungen schwirrten in einem regelrechten Schwarm alle gleichzeitig durch seinen Kopf.

»Ich werde offen mit Ihnen sein, guter Herr, und Ihnen ganz genau berichten, wie dieser Hut in meine Hände gelangt ist und warum ich ihn Herrn Filippino geschickt habe.«

»Dann mache ich Sie noch darauf aufmerksam, dass ich Ihre Aussage schriftlich festhalte und Sie möglicherweise zur Gerichtsverhandlung vorgeladen werden, um diese zu bestätigen.«

»Eine Gerichtsverhandlung? Heiliger Himmel! Aber … aber … soll denn ein Prozess eröffnet werden? In was bin ich da bloß hineingeraten? Ich habe keine Schuld auf mich geladen, abgesehen von der lässlichen Sünde des Geizes und vielleicht auch noch der Trägheit. Möglicherweise habe ich ein einziges Mal gelogen, als ich den Eindruck erweckt habe, ich hätte den Hut von meinem eigenen Geld gekauft, in meinem Brief bin ich vermutlich auch nicht ganz mit der Sprache herausgerückt, sondern habe mich hinter einer allgemeinen Floskel versteckt, aber all das, guter Herr, kann doch nicht zu einem Strafverfahren führen …«

»Beruhigen Sie sich, Don Antonio, und legen Sie ohne jede Scheu dar, was Sie über die Angelegenheit wissen. Der Carabiniere hier hat nicht die geringste Absicht, Sie zu verhaften.«

Der Herr in Schwarz rang sich ein Lächeln ab, worauf der tief in seiner Seele erschütterte Priester sich beruhigte, ein Herz fasste und eine sehr, sehr lange Geschichte zu erzählen begann, minutiös, skrupulös und präzis. Er nannte Tag, Stunde und Minute, da Martino zu ihm gekommen war, damit er Salvatore zu Hilfe eile, schilderte die Verwechslung des Hutes, zu der es in der Kammer des Toten gekommen war, und den Verlust des eigenen. Er beichtete all seine Zweifel und seine Vorbehalte, erwähnte die Dispute mit Martino und den Brief, den er an den Vikar geschrieben hatte, ja er legte sogar die Antwort vor, die er auf selbigen erhalten hatte. Schließlich beschrieb er, wie er den Namen des Hutmachers entdeckt hatte, und präsentierte die Quittung vom Bahnhofsvorsteher über die »Aufgabe einer Schachtel mit Hut«, die obendrein die Frachtkosten auswies, kurz und gut, es sprudelte nur so aus ihm heraus, er kehrte sein Inneres nach außen, wie man es mit einem Sack tut, sobald das Mehl sich dem Ende zuneigt. Mit einer derartigen Leidenschaft und Bußfertigkeit hatte er nicht einmal am Abend vor seiner ersten Messe gebeichtet.

Der Herr in Schwarz hielt all das, nachdem er aus den Tiefen seiner Tasche ein beinernes Tintenfass und eine Feder herausgefischt hatte, in einem Notizbuch fest, während der Carabiniere mit vor der Brust verschränkten Armen zuhörte und den ganzen Raum mit seinen Schultern ausfüllte.

Schließlich ließ sich der Herr das Schreiben des Vikars aushändigen, desgleichen die Quittung zur »Schachtel mit Hut« und nahm beides als Beweisstücke A und B zu den Akten.

»Dem, was Sie mir dargelegt haben, Hochwürden«, sagte der Herr dann, »entnehme ich, dass Sie mit bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben. Leider kann ich jedoch nicht ausschließen, dass ich Ihnen noch weitere Unannehmlichkeiten bereiten muss. Womöglich haben wir es hier nämlich mit einem Verbrechen zu tun.«

»Ein Verbrechen!«, stieß Don Antonio mit angstverzerrter Miene aus.

Martino, der hinter der Tür mit dem Ohr am Schlüsselloch lauschte, musste mit beiden Händen Halt an seinen Knien suchen.

»Sie selbst haben vorhin von einem Teufelshut gesprochen, und das ist mehr als zutreffend. Er gehört einem alten Priester, der vor rund drei Wochen spurlos aus Neapel verschwunden ist. Weil mithin Grund zur Annahme besteht, dass er ermordet worden ist, muss ich Sie bitten, uns jede nur erdenkliche Hilfe zu leisten, auf dass die Justiz mit ihren Nachforschungen Licht in diese dunkle Angelegenheit bringen kann.«

Don Antonio breitete lediglich die Hände ein wenig aus, blieb ansonsten aber reglos und mit offenem Mund auf dem Stuhl sitzen, starr und erfroren. Nur zu klar sah er das entsetzliche Bild eines Hutes vor sich, der einem gemeuchelten Priester auf dem Kopf saß und den er sich in seiner vermaledeiten Eitelkeit ebenfalls auf den Kopf gestülpt hatte, mit dem er, schlimmer noch, sogar vor den Altar getreten war …

Von einer Mitra hatte er geträumt! Martino hatte ihm einen Kardinalshut in Aussicht gestellt! Und in der Tat, er hatte einen Hut bekommen, der rot war – rot von Christenblut!

»Sie haben gesagt, Don Antonio, dass Sie anstelle des inkriminierten Huts Ihren eigenen hinterlassen hätten …«

Don Antonio bestätigte dies nur mit einem Nicken. Seine Zunge war ihm nach wie vor am Gaumen angefroren.

»… und dass dann ein junger Mann gekommen wäre, der diesen Hut zusammen mit anderen Dingen nach Falda gebracht hätte?«

Auch dies bestätigte Don Antonio mit einem Nicken.

Daraufhin nahm der Herr in Schwarz den Carabiniere beiseite und redete lange mit gesenkter Stimme auf ihn ein. Offenbar erörterten sie die Frage, ob sie unverzüglich zwei Mann nach Falda schicken sollten, um den Wirt des »Vesuv« festzunehmen, der nach Dafürhalten des tonangebenden Herrn in dieser dunklen Angelegenheit unbedingt als erster Verdächtiger zu betrachten war. Der erfahrene Mann frohlockte bereits und glaubte fest, kurz vor des Rätsels Lösung zu stehen. Es geschah ja nur selten – wenn überhaupt –, dass jemand einen Hut suchte und zwei fand.

Als Nächstes schickten sie nach dem Gemeindesekretär Jervolino und vernahmen den Glöckner Martino. Jervolino bestätigte in der Tat, den Schlüssel für das Anwesen aufbewahrt zu haben, teilte aber auch mit, dass dieser inzwischen von ihm an den rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben worden war, also an den Baron di Santafusca.

Nur ganz kurz spielte der Herr in Schwarz mit dem Gedanken, weitere Anordnungen aus Neapel abzuwarten, bevor er das Tor zum Anwesen aufbrach, kam dann aber zu dem Schluss, dass im Dorf längst alle in Aufruhr waren, Ganoven immer irgendwo geheime Verbündete besaßen und jede vertane Stunde dazu führen konnte, die Spur des Priesters wieder zu verlieren.

Deshalb ließ er ungesäumt einen Schlosser kommen.

Gegebenenfalls, so versicherte er, würde er den Richtern und dem Baron di Santafusca persönlich Rede und Antwort stehen.

Das alte, verrostete Schloss wurde mit einiger Mühe aufgebrochen, während sämtliche Dorfbewohner, von Martino in Aufruhr versetzt, durch die Straßen zum Ort des Geschehens strömten, fest entschlossen, Don Antonio zu verteidigen, ihren ehrwürdigen Gerechten aus dem Alten Testament.

Alles sprach von dem Hut. Ein kleiner Schafhirte platzte damit heraus, eines Tages einen Priester gesehen zu haben, der die von Oliven gesäumte Straße hinauf zum Anwesen gestapft sei, doch niemand gab etwas auf die Worte des Jungen.

In Begleitung von Don Antonio und Martino drangen der Herr von der Polizei sowie ein paar herbeigerufene Wachmänner in Salvatores Kammer vor und sahen sich aufmerksam um.

»Der neue Hut hat also auf der Kommode gelegen, sagen Sie?«

»So ist es, werter Herr.«

»Und der alte Hut hat auf dem Stuhl gelegen?«

»Ganz richtig, auf dem Stuhl.«

Der Herr in Schwarz hielt noch einmal die Aussagen zu Kommode und Stuhl in seinem Notizbuch fest, dann meinte er, seine Pflicht erfüllt zu haben, stellte an der Tür einen Mann als Wache ab und erteilte ihm den Befehl, die Kinder und die Frauen aus dem Dorf strikt von der Stube fernzuhalten. Er selbst würde nun mit dem Elfuhrzug nach Neapel fahren.

An diesem Tag las Don Antonio keine Messe.

Um dreißig Jahre gealtert, schleppte er sich nach Hause und ließ sich in seinen Lehnstuhl fallen, um dort in einem fort zu seufzen und zu stöhnen.

»O Herr«, flehte er, »hab Erbarmen mit deinem alten Diener, der für seine Sünde bereits überarg gestraft worden ist. Herr, der du unser aller Nieren und Herzen erforschst, lege meine Sünden auf die Waage deines Mitleids und urteile sodann nach deiner Gerechtigkeit. Wenn dir mein Tod genügt, um die Lüge und die Schwäche einer unglückseligen Stunde von meiner Seele zu tilgen, dann lass mich sterben und rufe mich zu dir, auf dass ich in deinem Schoß meine Ruhe finde. Solltest du jedoch diese Qualen als irdische Sühne für deinen Hirten vorsehen, so sei auch deine strafende Hand gepriesen, o Herr.«

Zehrender Gram lastete an diesem Tag auf dem Dorf, beinahe als fiele der düstere Schatten jenes Hutes auf Don Antonios Kirche ebenso wie auf die Häuser seiner Schäfchen.