Als der Baron aus dem bleischweren Schlaf erwachte, in den der Wein und der Schreck ihn befördert hatten, brauchte er ein Weilchen, um zu sich zu kommen. Zunächst begriff er überhaupt nicht, warum er allein und angekleidet in einem fremden Bett lag, er das Meer sah und sein Kopf sowie seine Hand bandagiert waren.
Früher wäre das ein Abenteuer gewesen, das ihm gefallen hätte. Aber die Zeiten, in denen ein strahlender, junger Santafusca in einem Duell nur knapp dem Tode entging und dann im Haus einer Fee erwachte, waren vorbei.
Längst vorbei waren sie, diese wunderbaren Zeiten der Feen.
Als er zum Meer hinunterblickte, das tief unter ihm in seiner azurblauen Glut flirrte, dämmerte ihm etwas, ein Schatten, ein Gedanke … Ein wirrer, unausgegorener Gedanke, bei dem irgendwie sein Priester eine Rolle spielte, im Grunde eher ein Schmerz in seinem Herzen, das sich ja gelegentlich mit einem heftigen Stechen bemerkbar machte.
»Wenn Eure Exzellenz etwas wünscht …?«, erkundigte sich ein livrierter Diener, der unvermittelt hinter einer Samtportiere hervortrat.
»Wo bin ich?«
»In der Favorita, Exzellenz. Mein Herr, der Marchese di Spiano, lässt sich entschuldigen, er musste sich leider nach Neapel begeben. Heute Abend erwarten wir ihn jedoch zurück.«
»Ach ja … die Favorita … Jetzt erinnere ich mich wieder! Was ist denn bloß geschehen, mein Freund?«
»Eure Exzellenz haben sich gestern äußerst unwohl gefühlt …«
»Das brauchst du mir nicht zu sagen. Schuld daran war der Champagner. Dieser Stallmeister vom sächsischen König hat da ja einen tollen Wein stibitzt! Aber Schwamm drüber … Das kann schließlich jedem passieren, nicht wahr, mein Guter?«
Der Diener deutete einen Bückling an und legte ein Lächeln auf seine Lippen, das sein ganzes Mitgefühl mit den Leiden des Barons zum Ausdruck brachte.
Doch weder stibitzte man noch trank man stibitzten Wein gänzlich ungestraft.
»Der Marchese lässt ferner ausrichten, Sie mögen freiheraus sagen, was Sie benötigen.«
»Dann beginnen wir doch gleich mit einem Espresso! Oder nein, verrate mir zuerst, wie lange ich eigentlich geschlafen habe!«
»Von gestern bis jetzt, und inzwischen ist es zehn Uhr.«
»Potztausend! In diesem Schaumwein muss Morphium gewesen sein! Der Marchese ist heute Abend also wieder da?«
»So ist es. Er ist in Neapel, offenbar muss er für das morgige Rennen noch einige Vorbereitungen treffen.«
»Ach ja, richtig, morgen ist ja der große Tag. Und die anderen Herrschaften …?«
»Sind schon gestern in die Stadt zurückgekehrt.«
»Dann verrat mir noch, warum meine Hand und mein Kopf verbunden sind? Und was ist das? Blut?«
»Euer Exzellenz ist in das große Balkonfenster gestürzt und hat sich dabei an den beiden Stellen Schnittwunden zugezogen. Der Boden ist hier derart rutschig …«
»In dem Champagner muss noch etwas ganz anderes drin gewesen sein als Morphium! Bring mir jetzt erst mal den Espresso!«
Santafusca setzte sich im Bett auf und tastete seine Hand und seinen Kopf ab. Das waren lediglich Kratzer. Es hatte ihn in seinem Leben schon übler erwischt. Abgesehen davon gab es Schlimmeres, als nach achtzehn Stunden tiefen Schlafs in einem anheimelnden Haus an der Meeresküste aufzuwachen. Und da sich di Spiano derartig großherzig zeigte, gedachte Santafusca die Güte seines Freundes durchaus in Anspruch zu nehmen und in der Favorita zu bleiben, bis er jemanden nach Neapel geschickt hatte, der ihm angemessene Kleidung besorgte. Nach dem Gelage sah der alte Libertin nämlich aus wie ein Hund, der aus der Kirche geprügelt worden war. Voller Wein und Blut!
Wein und Blut … Ein Titel, wie geschaffen für einen Feuilletonroman!
Vom Roman war es nur ein Katzensprung zur Zeitung, genauer zum Piccolo mit der fabelhaften Geschichte vom Hut.
Gab es den Artikel nun eigentlich? Oder hatte er in stockbetrunkenem Zustand bloß davon geträumt?
Endlich kehrte der Diener mit dem Espresso zurück.
»Die morgigen Rennen sind schon jetzt in aller Munde«, schwatzte Santafusca drauflos. »Es werden etliche hochelegante Kutschen erwartet. Der Premio Sebeto bringt dem Gewinner in diesem Jahr dreitausend Lire, der Preis des Ministeriums zweitausendfünfhundert. Es gibt wohl bereits jede Menge Wetten auf Andreina. Der Marchese ist wahrlich ein Glückspilz. Letztes Jahr hat er mit Rodomonte den Ottaino gewonnen. Achttausend Lire! Das ist aber auch ein Prachthengst, dieser Rodomonte! Dem steckt der Teufel im Leib! Und was für ein Kopf! Hast du noch den Piccolo von gestern zur Hand?«
»Ich sehe gleich einmal nach, aber er müsste eigentlich noch da sein.«
Rasch schenkte der Diener den Espresso ein, um anschließend das Zimmer wieder zu verlassen.
War es nun ein Traum gewesen oder hatte der Piccolo tatsächlich etwas über Don Antonio gebracht, der einem Hutmacher in Neapel einen Hut zugeschickt hatte?
Einmal hat mich ein Traum schon auf die richtige Spur gebracht, hielt Santafusca für sich fest. Inzwischen bin ich klar und wach … Und Träume, überlegte der Baron weiter, sind verschnörkelte Tatsachen, unseren eigenen Gedanken entsprungen.
Er starrte in seine Tasse, als suchte er dort die Lösung des Rätsels.
Als der Diener zurückkam, konnte er ihm nur noch einen zerlesenen und in Stücke gerissenen Überrest der Zeitung geben. Das war alles, was vom Piccolo übrig geblieben war.
»Dann wollen wir doch einmal sehen … was er über die Rennen schreibt …«
Der Baron legte die einzelnen Teile auf dem Bett zusammen und starrte erneut auf die fette Überschrift:
DER HUT DES PRIESTERS
Es war also kein Traum gewesen! Nicht einmal der tückische Champagner steckte dahinter!
Der Espresso hatte den Nebel aus seinem Kopf im Nu vertrieben. Auch wenn hier und da ein Absatz fehlte, erschloss sich dem Baron die ganze Geschichte, auf deren Einzelheiten er sogar buchstäblich den Finger legen konnte. Und jetzt war er stocknüchtern. Er schlief auch nicht mehr. Seine Sinne waren völlig klar, seine Erinnerung ließ ihn nicht im Stich: Diese vermaledeite Seite hatte ihm gestern den getrunkenen Wein und sein eigenes Blut in den Kopf getrieben.
Wein und Blut, das war nicht der Titel eines Romans, sondern die wahre und absolut grauenvolle Geschichte seines Lebens. Die kein Ende zu nehmen schien. Diese Geschichte, sie war sein Schreckgespenst und seine Strafe. Diese Qualen … Ständig spürte er, wie ihm jemand nachschlich und ihn hetzte. Und er würde diesen Qualen niemals entkommen, weil er einfach nicht mehr begriff, was hier vor sich ging!
Wie konnte der Hut des Toten vom Grund des Meeres aufsteigen und mit der Eisenbahn in einer schönen versiegelten Schachtel schließlich beim königlichen Staatsanwalt landen? Für dieses Rätsel wusste er partout keine Lösung … Und wenn es am Ende jenseits von Vernunft und Tatsachen doch eine lenkende Kraft gibt, die stärker ist als diese beiden Größen? Als Vernunft und Tatsachen? Ist auch hier eine unsichtbare Hand am Werke? Hat sie hinab in die Untiefen des Meeres gegriffen, um sein Verbrechen ans Tageslicht zu ziehen?
»Ich bitte dich, Santafusca, das ist reine Transzendentalphilosophie! Sieh lieber der Wahrheit ins Gesicht! Dir ist ein Fehler unterlaufen. Entweder hast du nicht den richtigen Hut an dich gebracht, oder der königliche Staatsanwalt hat einen falschen Fisch an der Angel … Denk jetzt also bitte in aller Ruhe nach! Dieser Priester hatte ja wohl keine zwei Hüte auf, schließlich besaß er auch keine zwei Köpfe! Wenn sich der königliche Staatsanwalt also einen Bären hat aufbinden lassen, bemerkt er das schon sehr bald. Danach würde Don Cirillo wie von selbst wieder in der Versenkung verschwinden. Im Nichts! Liegt der Irrtum aber bei dir … Ja und! Was hättest du denn zu befürchten? Der Hut des Priesters wurde gefunden. Bitte sehr! Was heißt das schon?«
Nun stellte der Baron ein mögliches Verhör sogar mit verstellten Stimmen nach.
»Ich bitte Sie, Signor Staatsanwalt, was bedeutet dieser Fund schon?«
»Der Hut wurde in Santafusca entdeckt.«
»Geben Sie es zu, Sie wollen sich einen Scherz mit mir erlauben!«
»Niemand weiß, wo der Priester ist.«
»Und jetzt soll ich ihn finden?«
»Es heißt, er sei ermordet worden.«
»Was, bitte, habe ich damit zu tun, verehrter Staatsanwalt?«
»Er ist in Ihrem Anwesen gefunden worden.«
»Wer? Der Hut oder der Priester?«
»Der Hut.«
»Mein Haus steht allen offen, Salvatores Ziegen haben darin mehr zu sagen als ich. Gemach also, so mir nichts, dir nichts klagt man keinen Ehrenmann an, der einer der ältesten Familien im Königreich angehört. Und dieser Priester … Den habe ich noch nie gesehen, den kenne ich überhaupt nicht … Wirklich, ich kann mich über Sie nur wundern! Im Übrigen frage ich mich, warum Sie mich nicht umgehend von der Entdeckung dieses Hutes in Kenntnis gesetzt haben, und verbitte es mir des Weiteren aufs Schärfste, dass mein Name durch diese Angelegenheit in den Schmutz gezogen wird.«
Mit diesem Wortgefecht unterhielt sich der Baron selbst, während er seine Kleidung notdürftig säuberte. Indem er vor sich selbst ein Plädoyer in eigener Sache hielt, überzeugte er sich von einer Sicht der Dinge, von der er hernach auch andere überzeugen zu müssen meinte. Er hatte nichts zu befürchten, und wenn er erst einmal die Schreckgespenster verscheucht haben würde, die ihm seine Phantasie nur zu gern vorgaukelte, dann, das wusste er genau, dann würde er es sogar aushalten, dem Toten ins Gesicht zu sehen.
Und nur er allein könnte ihn anklagen. Mag man also einen Hut aus dem Meer fischen, einen Toten bringt man damit nicht zum Sprechen.
Gleichwohl schien es Santafusca nicht klug, die Hände in den Schoß zu legen. Ein erschütterter und betrunkener Mann durfte zwar wegen eines Hutes den Kopf verlieren, ein nüchterner indes durfte nicht zulassen, dass die Zeitungen diese Geschichte ausschlachteten und ihm daraus einen Strick drehten. In dieser Angelegenheit war sein Name aufgetaucht, deshalb war es seine Pflicht und Schuldigkeit, etwas zu unternehmen. Zuallererst galt es wohl, den königlichen Staatsanwalt aufzusuchen, um ihn auszufragen und aus ihm herauszubekommen, was er tatsächlich über den Hut wusste.
Da hartnäckiges Schweigen in dieser Geschichte, in der direkt oder indirekt sein Name aufgetaucht war, die Leute stutzig machen konnte, sollte er wohl besser irgendeine Rolle in diesem Schauspiel übernehmen, vorzugsweise die des unbescholtenen Herrn von Santafusca.
Je eher er nach Neapel zurückkehrte, desto besser also. Deshalb wusch er sich rasch und machte sich ein wenig frisch, rief anschließend nach dem Diener und erkundigte sich, ob eine geschlossene Kutsche zur Verfügung stünde, die ihn in die Stadt bringen könnte.
»Sie müssen es nur befehlen, dann steht sie bereit.«
»Sage dem Marchese … Ach was, ich hoffe, ihn in ein paar Stunden selbst zu treffen.«
Er musste unbedingt noch einen Blick in die Morgenzeitungen werfen und gegebenenfalls ein Dementi veröffentlichen lassen.
»Diese vermaledeiten Zeitungen!«, knurrte der Baron, gekauert in eine Ecke des Zweispänners, der ihn nach Neapel brachte. »Verflucht sei dieses ganze gedruckte Geschwätz! Hätte ich in der Stadt etwas zu sagen, ich würde als Erstes all diese elenden Schreiberlinge ersäufen!«
Der alte Adelsstolz der Santafuscas kochte wieder in ihm hoch, sein Blut rebellierte mit Furor gegen dieses System, das sich Demokratie nannte, das aber einzig darin bestand, in gedruckter Form jenen Klatsch zusammenzutragen, den die Fischverkäuferinnen in den Straßen unter sich austauschten, gewandet selbstverständlich in die entschuldigende Floskel »wie man hört«. So brachte man Dinge in Umlauf, die niemand je gehört hatte und die beileibe niemand hören wollte.
Bei der Einfahrt nach Neapel war er so weit, eigenhändig den nächstbesten Journalisten aufzuknüpfen. Er drückte dem Kutscher ein Trinkgeld in die Hand und eilte nach Hause, um aus sich wieder einen ansehnlichen und präsentablen Mann zu machen. Maddalena öffnete ihm die Tür und begrüßte ihn mit den üblichen Worten, die er aus alter Gewohnheit längst überhörte.
Während er sich umzog, wiederholte er immer wieder sein Plädoyer. O nein, er hatte von seinen Mitmenschen wirklich nichts zu befürchten, geschweige denn vom himmlischen Vater. Deshalb würde er jetzt sofort di Spiano aufsuchen, um sich bei ihm zu entschuldigen. Er brach wieder auf und begab sich in den Club, in dem der Marchese gewöhnlich sein Frühstück einnahm. Dort konnte er auch gleich einen Blick in die Morgenzeitungen werfen …
»Verhaftet!«, hörte er den Türsteher des Clubs zu Raffaello sagen: »Endlich haben sie ihn verhaftet.«
»Wen hat man verhaftet?«, fragte der Baron so selbstverständlich zurück, als hätte sich der Türsteher an ihn gewandt.
»Den Mörder des Priesters, Exzellenz, den hat man verhaftet.«