Das Herz des armen Don Antonio wollte sich selbst auf dem Rückweg von Neapel nach Santafusca nicht wieder beruhigen. Zusammen mit Martino hatte er die traurige Reise angetreten, einen traurigen Tag in den Gängen des Justizpalasts der Stadt zu verbringen.
Ein Carabiniere höchstselbst hatte ihm das Schreiben überbracht, das ihn aufforderte, zu einer Anhörung bei Gericht zu erscheinen. Mit bangem Herzen war er aufgebrochen, um sich von einem Untersuchungsrichter eine geschlagene Stunde lang mit den hartnäckigsten Fragen quälen zu lassen.
Doch nicht genug mit dieser Inquisition! Nicht genug mit all den Polizisten, deren Anblick er hatte ertragen müssen, mit all den Kerkermeistern, die mit klirrenden Schlüsselbunden an ihm vorbeigeeilt waren, mit all den Eisentüren und Stangen, die fensterlose Verliese verrammelten! Nicht genug mit alldem, o nein, er hatte auch noch von Ränken erfahren müssen, von Lügen, Verrat und Mord … Und er – er selbst! – hatte sich in einem Anflug von Prahlsucht das Corpus Delicti auf den Kopf gestülpt! Seine heilige Tonsur hatte er mit der verabscheuungswürdigen Erinnerung an ein Verbrechen entehrt!
Allein der Gedanke daran ließ ihn in der strahlenden Maisonne erschaudern, obwohl diese sämtliche Hügel durchwärmte und das Korn fast verbrannte.
Martino ging voran auf der steinigen Straße, blieb aber immer wieder stehen, um auf Don Antonio zu warten, der kaum einen Fuß vor den anderen zu setzen vermochte, sondern sich vorwärtsschleppte, als hätte man ihn in Ketten gelegt.
Seit über vierzig Jahren bat er nun für diese Felder am Tag der Bittprozession um eine gute Ernte.
Fast das gesamte Dorf hatte er getauft, und der Friedhof war voll von Menschen, die er auf die Straße gen Himmel geleitet hatte.
Voller Bescheidenheit und Armut hatte sich der alte Priester auf seiner langen Reise durchs Lebens stets heiter gezeigt, war seinen Schäfchen ein liebevoller Vater gewesen, allen Verwaisten ein Freund, allen Schwachen ein Halt. Hässliche Regungen hatte er nie gekannt, sein Herz war makellos und rein, frei von Unflat.
Warum hatte Gott es nun zugelassen, dass am Abend seines Lebens sein kleines Fleckchen Erde besudelt dalag, gezeichnet von einem solch grauenvollen Sakrileg? Warum hatte Gott dem Verbrechen die Tür in sein kleines Haus geöffnet? Hatte er je eine Sünde auf sich geladen? Warum hatten dann ausgerechnet seine dem göttlichen Mysterium geweihten Hände ein blutiges Pfand berühren müssen, mehr noch, warum hatte er sich daran erfreuen, im unheilbringenden Schatten dieses selbst jetzt noch nach Gerechtigkeit und Rache dürstenden schwarzen Schreckgespensts schlafen müssen?
Obwohl die bisherigen Ermittlungen wenig ergeben hatten, deutete viel darauf hin, dass man einem Verbrechen auf die Spur gekommen war. Die Aussagen von Filippino, Don Ciccio, Gennariello, Giorgio und den Bauern aus Falda stimmten nämlich alle dahingehend überein, dass ein Unbekannter, gewandet wie ein Jäger, eine unrühmliche Rolle in der Angelegenheit übernommen hatte.
Und derart fieberhaft, wie nach Don Cirillo gesucht worden war, hätte dieser doch, sofern er noch in dieser Welt weilte, nach drei oder vier Tagen ein Lebenszeichen von sich gegeben. In einem Fischerkahn, vertäut an einer Felsklippe, hatte man die Tasche eines Jägers gefunden, die von Giorgio zweifelsfrei als jene identifiziert worden war, in die er den Hut des Priesters gestopft hatte. Danach aber verliefen sich die Spuren im Sande, und selbst der eifrige Cavaliere Martellini wusste nun nicht mehr, in welche Richtung er weiterermitteln sollte, wenn es ihm allenthalben an handfesten Hinweisen mangelte.
Dann waren da noch die Stimmen, die behaupteten, Don Cirillo habe sich in die Levante abgesetzt.
»Nur Mut, Don Antonio, denn selbst wenn der Priester tot ist, dann haben wir ihn doch nicht ermordet.« Mit diesen Worten wollte Martino seinen Herrn trösten, als dieser erneut einen schweren Seufzer ausstieß. »Ich bin überzeugt davon, dass das alles bloß ein Possenspiel ist und dass die Richter und die Carabinieri die Geschichte rund um diesen Priester furchtbar aufblasen. Ein Hut ist keine Leiche, und wenn eine Windböe meinen Hut geradenwegs vor die Füße des Teufels trägt, heißt das noch lange nicht, dass ich tot bin.«
»Hoffen wir, dass du recht hast, Martino! Aber weißt du, vor ein paar Stunden, als ich über all diese sonderbaren Zufälle nachgedacht habe, da ist mir ein schrecklicher Verdacht gekommen …«
»Und welcher?«
»Wende deinen Blick doch einmal in diese Richtung!«
»Wohin genau?«
Don Antonio deutete auf das Anwesen der Santafuscas, das, umhüllt vom Schatten einer großen Wolke, in friedlicher Abgeschiedenheit schlummerte.
»Da ist das Anwesen, schön und gut, aber was für ein Verdacht ist Ihnen denn nun gekommen?«
»Dass … ach nichts! Gehen wir nach Hause! Mich fiebert, deshalb gehöre ich ins Bett.«
»Glauben Sie ja nicht, dass Salvatore diesen Priester ermordet hat!«
»Der arme Alte! Er hätte keiner Fliege etwas zuleide tun können! Friede sei mit ihm und ewiges Leben! Salvatore hat diesen Hut lediglich da aufgelesen, wo er ihn gefunden hat, und ihn dann mit nach Hause genommen, und es ist sehr gut möglich, dass er mit mir darüber sprechen wollte. Nur hat er an jenem Tag leider kein einziges Wort mehr über die Lippen gebracht.«
»Lassen wir das, zwing mich nicht, noch mehr zu sagen!«
Schweigend brachten diese beiden von Kummer geplagten Menschen ein weiteres Stück der Straße hinter sich. Doch nach einer Weile platzte Don Antonio, der nach wie vor über diese Geschichte nachgrübelte, mit einer Frage heraus.
»Erinnerst du dich noch an den Tag«, wandte er sich an Martino, »an dem wir die Gesichter der Altarheiligen gewaschen haben?«
»Sicher.«
»Wann war das?«
»Warten Sie …! Vor dem Weißen Sonntag und mit Sicherheit der Tag, an dem ich entdeckt hatte, dass uns Mäuse die Kerzen angeknabbert haben. Aber weder an der Vigil noch am Karfreitag. Ja, genau, mit Sicherheit war es am 4. April, der erste Tag, an dem ich die Glocken zum Fest geläutet habe.«
»Mit Sicherheit also …«, murmelte Don Antonio und legte die Stirn in tiefe Falten.
Den Rest des Weges brachte er keinen Ton mehr heraus.
Vor seinem inneren Auge sah er nun deutlich den Garten des Pfarrhauses und Salvatore, der mit einem Brief in der Hand angetrottet kam.
»Der Baron ist da!«, hatte der alte Diener ihm zugerufen.
Der Junge von Menichella wiederum hatte behauptet, einen Priester über die Landstraße zum Anwesen schlendern gesehen zu haben. Weder davor oder danach hatte aber irgendjemand den Baron zu Gesicht gekriegt. Im Dorf hatte lange Zeit überhaupt niemand einen Gedanken an ihn verschwendet. Das hatte sich erst an dem Tag geändert, als er keck auf seinem Pferd in Santafusca eingeritten war. Der Baron war eine verlorene Seele, bedurfte im Grunde des Trostes, war aber durch und durch ungläubig, ein regelrechter Materialist. Sofort machten von ihm wieder ungezählte Schreckenslegenden die Runde.
Mit einem Verdacht im Herzen betrat Don Antonio sein Haus, eilte in seine Kammer, schloss sich ein und fing zu weinen an, zu beten und zu seufzen.
Als die Nacht anbrach, befiel ihn glühendes Fieber. Hilfreiche Hände brachten ihn ins Bett. Unterdessen brabbelte er in einem fort höchst seltsame Dinge vor sich hin.
Martino und einige gute Bauersleute hielten am Krankenbett Wache. Und sie schickten nach einem Arzt und nach irgendeiner Medizin.