»DU DARFST MICH GRAND-MÈRE nennen«, fährt sie fort. »Obwohl deine Macht die einer Tochter ist, nicht einer Enkeltochter.«
»Ich weiß nicht, was das heißt«, sage ich und beiße mir auf die Lippe. Ein Teil von mir – ein wirklich großer – hofft, dass sie das metaphorisch meint.
Sie sieht aus, als wolle sie noch mehr sagen, aber dann blickt sie zu den anderen. »Setzt euch.« Und dann ploppen überall weitere Sessel auf.
Obwohl jetzt direkt neben ihm eine Sitzgelegenheit ist, geht Hudson zu mir und setzt sich auf den anderen lavendelfarbenen Sessel, während Eden und Mekhi sich auch endlich niederlassen. Flint und Jaxon nicht.
Mit einem schmalen Lächeln wendet Bloodletter sich wieder mir zu. Eine Braue gehoben ignoriert sie meinen Kommentar und fragt: »Was führt dich wirklich her, Grace?«
»Das sagte ich schon. Der grüne Faden.«
Sie legt vor dem Kinn die Fingerspitzen aneinander und mustert mich darüber hinweg. »Aber du warst dir dieses Fadens seit Monaten bewusst. Was hat dich plötzlich dazu bewogen, heute zu mir zu kommen?«
»Hudson hat erkannt, dass ich einige Dinge tun kann, die du kannst, wenn ich ihn berühre. Und dann sagte Alistair mir, ich solle …«
»Du hast ihn gesehen?« Ihr Blick wird schmal, sie beugt sich vor und packt meine Hand so fest, dass es wehtut. »Geht es ihm gut? Wo ist er?«
Ich ziehe mich ein wenig zurück, aber sie zittert unter ihrer psychopathischen Fassade und mein Herz wird ein wenig weicher.
»Ja, ich habe ihn gesehen, aber er ist wieder weg«, sage ich und denke an unsere letzte Begegnung im Gang. »Er sagte, er müsse seine Gefährtin finden. Wie es ihm geht …« Ich verstumme, nicht sicher, wie ich ihn beschreiben soll, da »er ist in Ordnung« doch weit hergeholt scheint.
»Er ist verwirrt.« Hudson schreitet ein, bewahrt mich davor, weiter rumzudrucksen. »Er war tausend Jahre lang in einer Höhle angekettet und wurde regelmäßig von Leuten angegriffen, die ihn töten wollten. Das würde wohl jeden etwas aus der Bahn werfen.«
»Es sind die Stimmen«, sage ich zu ihr. »Er hört Gargoylestimmen, die alle zugleich in seinem Kopf reden, ihn anflehen zurückzukommen, sie zu retten. Er kann sie nicht ausblenden und deshalb kann er nicht denken. Es sind zu viele.«
»Zu viele?«, schaltet Flint sich ein. »Wie viele Gargoyles gibt es?«
»Tausende«, antworten Bloodletter und ich gleichzeitig.
»Tausende und Abertausende«, fährt sie fort, als ich schweige. »Und Alistair war ein Jahrtausend mit ihnen eingesperrt. Er konnte sie filtern, solange er die Befehlsgewalt hatte. Aber in dieser Höhle gefangen zu sein …« Sie sieht sich in ihrer Höhle um. »Ich verstehe, warum es ihm schwerer fiel, sie zu blockieren, als sie verzweifelter wurden. Es sind so viele.«
Wieder schießt Mitgefühl für sie in mir auf. Ich will es verdrängen, was nicht schwer sein sollte, wenn ich an all die schrecklichen Dinge denke, die sie getan hat. Aber dann denke ich daran, dass die Unzerstörbare Bestie ihr Gefährte ist, und frage mich, ob tausend Jahre ohne Hudson eingesperrt zu sein auch meine Menschlichkeit zersetzen würde.
Was mich darüber nachdenken lässt, was ich tun würde, um Hudson zu befreien, wenn er tausend Jahre lang gefangen wäre. Ich möchte gerne sagen, dass ich die Leben oder das Glück aller anderen nicht aufs Spiel setzen würde, um ihn zu retten, doch ich weiß es nicht mit Sicherheit. Es gibt nicht viel, was ich nicht tun würde, damit er gesund bleibt. Einschließlich einen Streit darüber vom Zaun brechen, ob ich ihm seine Fähigkeiten nehme, wenn ich doch glaube, dass er das irgendwann bereuen würde.
»Ich verstehe das nicht«, sagt Macy. »Ich dachte, Grace wäre die einzige Gargoyle, die seit tausend Jahren geboren wurde. Als sie sich an der Katmere in Stein verwandelte, war das eine riesige Sache. Experten kamen von überallher, um sie zu sehen, weil …«
»Weil sie sie für eine Unmöglichkeit hielten«, beendet Bloodletter den Satz für sie. »Und das wäre sie, würde sie nicht einer langen Reihe von Gargoyles entstammen. Ihre Mutter war eine, so wie ihre Mutter und ihre Mutter davor.«
Meine Kehle wird eng, als der Verrat die Luft aus dem Raum zu saugen scheint. Ich wusste, dass meine Mom eine Gargoyle hatte sein müssen, als Alistair mir sagte, dass ich seine Nachfahrin sei, aber es Bloodletter aussprechen zu hören und zu begreifen, dass meine Mutter mir etwas so Wesentliches über mich verheimlicht hat, zerreißt mir das Herz. Hudson muss mein Leid spüren, denn er streckt die Hand aus und zieht meine in seinen Schoß, seine starken Finger verweben sich mit meinen und drücken sie.
»Meine Mutter wusste, dass sie eine Gargoyle war?«, würge ich in einem abgehackten Flüstern hervor. »Und sie hat es mir nie gesagt?«
Bloodletters Augen werden groß, als sie meine Reaktion erfasst. »Sie wusste genauso wenig, was sie war, wie du.«
Ich blinzle die Tränen in meinen Augen zurück, versuche, die Informationen durchzugehen, die Bloodletter bisher preisgegeben hat. Ich bin mehr als nur frustriert angesichts ihrer Methode, uns nur zu sagen, was wir ihrer Meinung nach wissen müssen. »Warum kannst du uns nicht einfach mal alles erzählen?« Ich schüttle den Kopf. »Wir hätten deinen Gefährten töten können, weil du uns zum Herzstein geschickt hast, ohne uns zu sagen, wer er wirklich ist!«
Bloodletter grinst. »Nein, das hättet ihr nicht. Man nennt ihn aus gutem Grund die Unzerstörbare Bestie.« Meine hochgezogenen Brauen machen deutlich, dass ich es immer noch nicht begreife, und sie zuckt mit den Schultern. »Er ist mit einer Göttin verbunden, Grace.«
Kurz blicke ich zu Hudson und schlucke. Dann frage ich: »Heißt das, Hudson ist unsterblich, wirklich unsterblich, wie ich, weil er mein Gefährte ist?«
Aber sie schüttelt den Kopf. »Ich wurde als Göttin geboren. Ich werde immer eine Göttin sein, selbst wenn meine Macht auf die einer Halbgöttin reduziert ist, weil meine Schwester mich vergiftet hat.« Sie lehnt sich in die Sofakissen zurück. »Du bist der Abkömmling einer Göttin und eines Gargoyles, deshalb wirst du nie mehr sein als eine Halbgöttin. Es sei denn, du würdest Transzendieren, aber das ist eine Unterhaltung für einen anderen Tag.«
Meine Schultern sacken herab. Einen Moment lang hatte ich mir erlaubt, mir eine Welt vorzustellen, in der ich keine Angst davor habe, dass etwas oder jemand mir eines Tags meinen Gefährten nimmt. Dass ich niemals die Person, die ich auf der Welt am meisten liebe, so verliere wie meine Eltern.
Ich beiße die Zähne zusammen. »Ungeachtet dessen, denkst du nicht, alles wäre leichter, wenn du einfach alle Karten auf den Tisch legst? Uns endlich alles sagst?«
»Ja, und vielleicht müssten wir dann nicht mehr zusehen, wie unsere Freunde sterben«, blafft Flint und ich zucke zusammen. Vor seinem Schmerz, aber auch ein wenig aus Angst vor Bloodletters Reaktion. Sie hat ihn schon von der Decke hängen lassen wie frisches Fleisch auf dem Markt.
Aber sie sieht nicht einmal in seine Richtung, ihr Blick hält weiterhin meinen.
»Ich werde etwas tun, das ich normalerweise niemandem anbiete, Grace«, sagt Bloodletter schließlich. »Ich überlasse dir eine Wahl. Ich kann dir sagen, wie du die Gargoylearmee findest – der wahre Grund, aus dem du heute zu mir kamst«, Macy keucht, aber Bloodletter stockt nicht, »aber es erfordert, dass ich dir alles darüber erzähle, woher du kamst und wer du wirklich bist. Und ich kann dir nicht versprechen, dass dir gefällt, was du hörst. Oder … ich kann dir sagen, wie du dich für immer vor Cyrus verstecken kannst. Auch deine Freunde. Beide Optionen werden Cyrus für den Moment aufhalten, aber das Weglaufen wird weder die Kinder retten noch wird es ihn davon abhalten, seine Suche nach ultimativer Macht fortzuführen. Aber du kannst ein erfülltes Leben führen. Abseits von Tod und Zerstörung. So fern von Schmerz, wie es sich jemand erhoffen kann. Die Wahl ist deine, Grace.«
Und da ist sie, meine Schwäche, offengelegt vor allen. Denn ich möchte so sehr den Ausweg nehmen, den sie mir aufzeigt, und ich spüre, dass auch sie es weiß. Ich möchte nichts über meinen grünen Faden erfahren oder darüber, wie wir verwandt sind, wie meine Eltern mich vielleicht mein ganzes Leben lang angelogen haben auf eine Art, die ich nicht einmal erahnen kann. Möchte nicht erfahren, dass ich ein Bauer in einem gewaltigen Schachspiel zwischen Göttern bin, von dem erwartet wird, dass er nach Gutdünken eines anderen lebt oder stirbt. Möchte nicht erkennen, wie wenig Kontrolle ich wirklich über mein Leben habe. Ich möchte nur zurück zu Hudsons Leuchtturm und mit dem Jungen zusammen sein, den ich liebe, und vergessen, dass da draußen eine große, gruselige Welt ist.
Mein Herz pocht so heftig gegen meine Rippen, dass es ein Wunder ist, dass sie nicht brechen, und ich wische mir meine feuchte Handfläche an der Jeans ab. Meine andere Hand ist genauso verschwitzt, aber Hudson scheint nicht daran interessiert, sie jemals loszulassen. Mich loszulassen.
Ich wende mich meinem Gefährten zu und beiße mir auf die Lippe. Ich weiß, was ich tun sollte . Aber Bloodletter gab mir eine Wahl. Die blaue oder die rote Pille, um einen meiner Lieblingsfilme zu referenzieren, und ich möchte so, so dringend die blaue Pille nehmen, dass meine Hände vor Anstrengung zittern, nicht einfach wegzulaufen. Meine Lunge wird eng.
Dann trifft mein Blick Hudsons und mein Atem wird ruhig in meiner Brust.
Innerhalb eines Wimpernschlags begreift der Blick seiner Ozeanaugen alles, was ich so sehr verbergen will. Er weiß es. Er weiß, dass ich mit einer Panikattacke kämpfe, dass ich immer mit ihnen ringe. Er weiß, dass ich Bloodletters Angebot annehmen und mich vor Cyrus verstecken will, dass ich alles tun würde, um diesem Gefühl aus dem Weg zu gehen, dass ich nicht atmen kann, dass ich meinen eigenen Körper nicht unter Kontrolle habe. Und er weiß, dass es wahrscheinlich bedeuten würde, in einer Höhle am Arsch von Alaska zu leben, mit Bannzaubern an den Wänden, die Cyrus aussperren, so wie Bloodletter. Oder schlimmer, dass wir auf der Flucht wären und er seine Fähigkeiten nutzen müsste, Woche um Woche seine Seele ein Stück mehr verlieren würde, um uns zu schützen. Aber das macht ihm nichts. Er ist bei mir.
Seine Augenwinkel verziehen sich ein wenig und er sagt mir ohne Worte, dass er zu tausend Prozent bei mir ist, wenn es das ist, was ich tun möchte, was ich tun muss . Es geht nicht darum, ob ich mich selbst aufgebe wie bei dem Kampf gegen die Riesen, bei dem mir mein Gefährte einen Tritt in den Hintern verpassen musste, damit ich tiefer grub und weitermachte, an mich selbst so sehr glaubte wie er. Nein, hier geht es darum, dass Hudson die Entscheidung unterstützt, die ich für meine geistige Gesundheit treffen muss, welche auch immer das ist – und so einfach kann ich meine Lunge mit Atem füllen, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn mir selbst verweigerte, und meine Schultern entspannen sich.
Als gäbe es daran irgendeinen Zweifel, formt er mit den Lippen ein »Ich liebe dich«. Und ich schmelze. Ich schmelze einfach.
Lautlos erwidere ich »Ich weiß«. Er drückt meine Hand und ein Mundwinkel verzieht sich zu einem halben Lächeln.
Mein Blick huscht zu Jaxon, der neben einem schweren roten Sessel steht, sein Kiefer angespannt, seine Augenbrauen gehoben, als wolle er fragen: »Warum verlangst du nicht, dass sie dir alles erzählt?« Und Flint, ein wenig vor ihm mit den Fäusten auf den Hüften, auf den Fußballen wippend und mehr als bereit, es erneut mit bloßen Händen mit Bloodletter aufzunehmen. Macys Haar, das wie lebendige Flammen wirkt, ihre Augen flehen mich an, um jeden Preis herauszufinden, was mit ihrer Mutter passiert ist. Sogar Mekhi und Eden glauben, dass ich natürlich hören will, wie man Cyrus schlägt, wie man die Kinder rettet. Sie beide haben sich vorgebeugt, die Arme auf den Knien, den Blick auf Bloodletter gerichtet, bereit, die Geschichte zu hören, die sie uns erzählen will.
Tatsächlich sind die einzigen beiden, die erraten haben, dass ich weglaufen möchte, Hudson und Bloodletter. Mein Blick geht zu ihren grünen Augen, sie hat eine Augenbraue erhoben und starrt mich nieder. Sie gab mir eine Wahl, aber es ist genauso offensichtlich, dass sie bereits weiß, welche Option ich wählen werde, und sie ist es leid, dass ich ihre Zeit verschwende.
Und sie hat recht.
Ganz gleich, wie sehr ich weglaufen will, ich werde es nicht tun. Ich habe vielleicht eine Panikattacke, während sie redet, ich muss danach vielleicht eine Runde weinen, aber das heißt nicht, dass ich nicht alles tun werde, um meine Leute zu retten, diese Welt zu retten vor Cyrus, andere vor Leid zu bewahren.
»Nun, Kind? Was soll es sein?«, fragt Bloodletter.
Ich hole noch einmal Luft, neige das Kinn und halte dabei ruhig ihren Blick fest. »Ich würde gerne wissen, wie ich Cyrus’ Arsch zurücktreten kann zu dem Stein, unter dem er hervorgekrochen kam. Erzähl mir alles.«
Es ist nur ein klitzekleines bisschen beunruhigend, dass Bloodletter und mein Gefährte genau gleichzeitig sagen: »Das ist mein Mädchen.«