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Tod durch Taft

CHASTAIN VERBEUGT SICH, SEHR TIEF, aber das Grinsen auf seinem Gesicht widerspricht der respektvollen Geste völlig. »Meine Königin, ich nehme Ihren Wunsch, mit unseren Soldaten zu trainieren, demütig an. Wir freuen uns auf das, was wir von Euch«, er wedelt mit der Hand und umfasst mit der Geste den Raum, »und Euren Freunden lernen können.«

Dann erhebt er sich wieder: »Das Training beginnt um Punkt fünf Uhr am Morgen. Ich schlage vor, ihr schlaft etwas. Ihr werdet es brauchen.« Er bedeutet uns, ihm in die Halle zu folgen, mutmaßlich um uns zu Schlafquartieren zu führen.

Doch stattdessen betreten wir einen Vorraum voller wunderschöner Skulpturen. Ich bleibe bei einer Frau in fließender Robe stehen, ihr Kopf lehnt an der Schulter eines großen, dünnen Manns in einem Anzug. Diese Pose ist so süß, dass ich Hudson mit dem Ellbogen anstoße, damit es ihm nicht entgeht, und ein leises Lächeln lugt aus seinen Mundwinkeln hervor, als wir das exquisit detaillierte Kunstwerk betrachten.

Doch da begreife ich, dass sich der Stein bewegt, Augenlider öffnen sich flatternd, Schultern straffen sich, während beide sich in Menschengestalt verwandeln.

»Sieht es so aus, wenn ich mich verwandle?«, frage ich Hudson, als sich die Hörner der Frau langsam in ihren Kopf zurückziehen und an ihrer Stelle kleine Beulen in ihrem langen braunen Haar zurücklassen.

Verstohlen fahre ich mir mit der Hand über die Haare, will sichergehen, dass es flach anliegt – oder so flach wie acht Millionen Locken liegen können nach einem Aufenthalt in einem klammen, feuchten Kerker ohne Stylingprodukte.

Hudson lacht nur und zieht meine Hand von meinem Kopf, schiebt seine Finger zwischen meine. »Du siehst wunderschön aus, wenn du dich verwandelst«, sagt er mit dem verruchten Grinsen, das ich so sehr liebe. »Und deine sexy Hörner sind da fast mein Lieblingsteil.«

Ich beschließe, dass ich auf einen privateren Zeitpunkt warten kann, um ihn zu fragen, was sein Lieblingsteil ist, und wende mich wieder an Chastain, der gerade sagt: »Es ist mir eine Ehre, Euch Euer Dienstpersonal vorzustellen, Eure Majestät.«

Ich höre genau hin, deshalb bemerke ich das leise Höhnen in seiner Stimme, als er mich anspricht. Ich rüge ihn nicht, da das Personal vor mir sich zeitgleich verbeugt und knickst. In diesem Moment ist das wichtiger, als mich um Chastains mürrische Stimmung zu kümmern.

»Ich bin Grace«, sage ich, trete vor und strecke der Frau meine Hand entgegen. Sie trägt ein einfaches weißes Leinen-Hemdkleid. »Und das ist mein Gefährte, Hudson.«

Hudson sieht einen Augenblick verblüfft aus – als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich ihn auch vorstelle –, also werfe ich ihm einen Blick zu, der besagt »Wir stecken da gemeinsam drin«. Wegen ihm stecke ich ja überhaupt erst in diesem ganzen »Im Rat sitzen Schrägstrich Gargoylekönigin sein« -Chaos. Auf keinen Fall lasse ich ihn jetzt abtauchen.

»Es ist eine Freude, Euch kennenzulernen«, sagt sie mit starkem irischen Akzent. »Ich bin Siobhan.«

»Und ich bin ihr Gefährte, Colin«, sagt der dunkelhaarige Mann, der neben ihr steht – auch mit irischem Akzent.

Ich lächle, als ich mich umdrehe und ihnen jeden meiner Freunde vorstelle.

»Siobhan und Colin bringen Euch zu den Gästezimmern«, sagt Chastain herablassend, nachdem alle vorgestellt sind. Er klingt mehr als nur ein wenig verärgert, dass es so lange gedauert hat, aber das ist mir egal. Wenn das meine Untertanen sind, möchte ich mehr über sie erfahren. Das schulde ich ihnen – und mir.

»Bis morgen«, sagt er und senkt spöttisch den Kopf, dann dreht er sich um und geht davon.

»Ich kann Euch etwas zu essen bringen, bevor Ihr schlaft«, sagt Siobhan. »Ihr werdet es brauchen, wenn Ihr morgen am Training teilnehmt.«

Ihr Blick huscht von Hudson zu Jaxon, dann zu Isadora, die seit ihrem Seitenhieb nach Chastain vollkommen still war. »Es tut mir leid, aber wir haben kein B…Blut …« Sie stolpert über das letzte Wort.

»Sicher habt ihr das«, bemerkt Isadora. »Null positiv, wenn ich mich nicht irre.«

»Entschuldige bitte?«, fragt Siobhan zaghaft.

»Tue ich nicht«, antwortet Isadora, deren Fänge sich verlängern und deren Augen aufleuchten. »Das ist mein Lieblings…«

»Hör auf!«, sage ich entschieden und trete zwischen sie und Siobhan, wende mich dann an die andere Frau. »Bitte vergebt meiner besten Freundin «, sage ich und die Vampirin knurrt tief. Ich ignoriere sie. »Sie ist der Spaßvogel der Truppe. Macht immer Witze.« Jetzt wird ihr Knurren zu einem Gurgeln, weil sie fast an der Beleidigung erstickt, aber das muss ich ihr lassen, sie korrigiert mich nicht.

Siobhan lächelt. »Oh ja, ich liebe Witze«, sagt sie und fügt dann hinzu: »Aber morgen ist noch viel Zeit für Witze. Jetzt müsst Ihr schlafen. Unser Kommandant nimmt das Training sehr ernst.« Sie hält inne, bevor sie hinterherschiebt: »Natürlich wären wir alle verloren ohne ihn.« Dann dreht sie sich ohne ein weiteres Wort um und führt uns einen schmalen Gang hinab und eine Treppe hinauf und einen weiteren, breiteren Gang hinab.

Endlich bleibt sie vor einer Tür stehen. »Dieses Zimmer hat die schönsten Blau- und Lilatöne. Es ist mein liebstes Zimmer im ganzen Schloss, einer Königin würdig, Mylady.«

Sie spricht sichtlich zu mir, aber Isadora drängt sich zwischen mich und Siobhan.

»Wundervoll. Das nehm ich«, sagt Isadora, sie packt die Knäufe der beiden Türen und stößt sie mit einer schwungvollen Geste auf, wohl um mir zu zeigen, was mir entgeht, aber dann hält sie abrupt inne. Der Raum ist definitiv in prächtigen Blau- und Lilatönen dekoriert – aus Taft.

Ein riesiges Himmelbett dominiert den Raum und Lagen um Lagen von Taft fallen wie ein Wasserfall von der Decke und schaffen einen romantischen Stoffkokon. Die Fenster sind genauso mit Lagen aus drapiertem Taft behängt, so wie die kleine Frisierkommode und ein schmuckvoller Stuhl. So, so, so viel Taft.

»Hey, Isadora, die Achtziger haben angerufen, sie wollen ihr Abschlussballkleid zurück«, witzelt Eden und alle lachen. »Ich denke, es passt perfekt zu einer Vampirprinzessin

Flint sieht über meinen Kopf hinweg, damit er das Zimmer besser sehen kann, und gackert los. Dann sagt er: »Dafür hat sich diese Reise fast gelohnt.«

»Stimmt etwas nicht mit dem Zimmer?«, fragt Siobhan und sieht uns nacheinander blinzelnd an.

»Es ist wunderschön, Siobhan«, sage ich und drücke ihre Hand, damit sie nicht denkt, dass wir uns über ihren Geschmack lustig machen. »Sie liebt es. Nicht wahr, Isadora?«

Man muss es ihr lassen, Isadora dreht sich zu uns um und sagt: »Ja, es ist wundervoll. So viele verschiedene Möglichkeiten, eine Leiche zu verstecken.« Und damit knallt sie beide Türen vor unseren Nasen zu. Was uns nur noch heftiger zum Lachen bringt.

Siobhan führt uns zur nächsten Tür und ich blicke auf mein Telefon, dann halte ich es hoch, sodass jeder die Uhrzeit sieht. »Es ist fast elf. Was heißt, wir haben sechs Stunden, bevor wir morgen mit dem Training beginnen.« Und mit anderen Dingen , versuche ich ihnen mit meinem Blick zu vermitteln, was ich vor Siobhan nicht laut aussprechen will.

Die anderen grummeln – ich glaube nicht, dass einer von ihnen angetan ist von dem Trainingsteil des Plans, aber mir fällt immer noch keine andere Tarnung ein, die erklären würde, warum wir hier sind. Außerdem mag Chastain ja ein Depp sein, aber Alistair hat geschworen, dass er ein verdammt guter General ist. Und ich weiß, dass er ein verdammt guter Kämpfer ist – das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Ein kleiner Auffrischungskurs zu Cyrus’ schmutzigen Tricks von einem Typen wie diesem ist gar keine schlechte Idee, bedenkt man, wo das hier alles hinführen wird.

Siobhan zeigt Hudson und mir unser Zimmer zuletzt, und als wir eintreten, bin ich fast so erschöpft wie die anderen. Das Letzte, was ich sehe, als Siobhan die Tür schließt – die uns dabei versichert, dass sie sofort Essen hinaufbringen lassen wird –, ist, wie Dawud draußen im Gang einen losen Stein aus der Wand nimmt und in einer Tasche verschwinden lässt.