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Durchlöcher mich einmal, Schande über dich

WEIL ICH WEISS, DASS ER RECHT HAT  – und weil ich glaube, dass die beiden Seiten auf eine Weise miteinander verbunden sind, die wir noch nicht verstehen –, fliege ich wieder hoch. Und mahne mich, nicht in Panik zu verfallen, während ich mich zwischen den kleinen Öffnungen zwischen den Steinen hindurchwinde und dabei erkenne, wie brenzlig es für uns wirklich ist.

Vom Boden sieht es aus, als kämen die Steine schnell herab, aber hier oben, über den ersten paar Schichten, begreife ich, dass sie den Himmel so schnell füllen, dass wir keine Chance haben, wenn wir nicht herausfinden, wie wir die Blöcke beseitigen. Und zwar schnell. Es sind einfach zu viele und der Raum, in dem wir uns befinden, ist zu klein, um sie alle zu fassen.

Dazu noch das, was immer auf der anderen Seite passiert, und das alles ist ein verdammter Scheißdreck.

Jaxon steht jetzt am Ende unseres Bereichs der Arena, winkt mit einer Hand nach links, nach rechts, links, rechts und mit jeder Geste fliegen Blöcke zur Seite. Das wäre hilfreich, nur hält es die Blöcke nicht davon ab, weiter Pfeile oder giftiges Gas zu verteilen. Es verschafft uns nur ein bisschen mehr Zeit vor dem Tod durch die Block-Asphyxie.

Entschlossen fliege ich ein wenig höher. Es ist jetzt schwerer, zwischen den Blöcken hindurchzukommen, ohne einen Pfeil ins Auge oder stechendes Gift ins Gesicht zu bekommen, aber ich schaffe es. Zumindest bis ich mit dem Kopf voraus in einen flachen Doppelblock ramme, der ein Gas ausstößt, das mein gesamtes Gesicht brennen lässt.

Es brennt so übel, dass ich nach Luft schnappe und mir Tränen aus den Augen strömen, weil sie sich mit allen Mitteln vom Gas zu befreien versuchen.

Es funktioniert nicht und an meinem Gesicht reiben auch nicht. Das Brennen wird schlimmer und ich weiß nicht, was ich tun soll – bis ich mich an die Wasserflasche erinnere, die Macy in meinen Rucksack gesteckt hat. Ich drehe mich mitten in der Luft, versuche, keine weiteren Blöcke zu berühren, und es gelingt mir, die Flasche herauszuholen und mir etwas über Gesicht und Augen zu gießen.

Es dauert ein paar Sekunden, aber das Brennen hört auf, Gott sei Dank. Es dauert noch mehrere weitere Sekunden, bis ich etwas sehen kann, also schwebe ich über dem Boden, warte darauf, dass ich wieder klar genug sehe und weiter nach einer Lösung suchen kann.

Doch während ich da schwebe und darauf warte, dass meine Augen sich wieder beruhigen, blicke ich in genau dem richtigen Winkel hinab und erkenne, dass da der Umriss eines Kelchs in den Boden geritzt ist. Die Form ist dieselbe wie der Kelch, der im Toffeeladen auf dem Tresen steht. Er fiel mir bei unserem letzten Besuch auf und auch heute. Er steht direkt neben der Kasse und ist bis zum Rand gefüllt mit jeder verfügbaren Farbe Toffee.

Das muss es sein, das müssen wir suchen, sage ich mir und fliege, so schnell es der vollgestopfte Raum zulässt, zurück zu Jaxon. Es gibt keinen anderen Grund, aus dem die Form hier und im Laden sein sollte – besonders da wir nach einem Elixier suchen, das vermutlich aus einem Gefäß getrunken werden muss – und basierend auf der Tatsache, dass der Mythos zur Quelle der Jugend angeblich von diesen Proben herrührt.

»Ich hab’s!«, sage ich, bevor ich auch nur lande. »Wir müssen den Umriss dieses Kelchs mit den Blöcken füllen.«

»Welcher Kelch?«, fragt Jaxon und mustert den Boden um uns herum mit einem verwirrten Stirnrunzeln.

»Dieser Kelch«, sage ich und beuge mich vor, fahre den Umriss nach, der für mich jetzt ganz deutlich ist, nachdem ich ihn von oben entdeckt habe. Er nimmt den größten Teil des Bodens ein, deshalb verstehe ich, wie er uns ohne die Gargoyleperspektive entgehen konnte. Von hier sieht es einfach aus wie ein Haufen Steine, die in einem seltsamen Muster zusammenhängen.

»Was sollen wir machen?«, fragt Jaxon, als er den Kelch endlich erkennen kann.

»Ich weiß nicht«, antworte ich. »Aber ich vermute, wir müssen ihn auffüllen, oder? Die Blöcke in den Kelch einpassen wie bei einem Puzzle.«

Jaxon sieht skeptisch drein, aber er hat keine besseren Vorschläge, also gehen wir auf die Knie und fangen an, die Blöcke in den Umriss des Puzzles einzufügen.

Aber das Hauptproblem? Der Kelch hat viele gerundete Kanten und alle Blöcke, die herabgefallen sind, haben eindeutig gerade Kanten.

Noch ein Problem? Wir müssen jeden Stein berühren, um sie anzuordnen, und jedes Mal lösen wir einen aus. Sogar Jaxons Telekinese löst sie aus, deshalb bekommen wir ständig elektrische Schläge, Pfeile, giftige Gase und brennend heiße Blöcke ab – und das alles, während etwas auf der anderen Seite dieser Mauer unsere Freunde vermöbelt.

Sogar Hudson höre ich ein paar Mal schreien und jedes Mal lässt es mein Blut zu Eis erstarren.

Andererseits, solange sie schreien, leben sie noch. Und im Moment ist das das Beste, was wir uns erhoffen können.

»Gib mir den langen Stein«, sagt Jaxon, der drei Blöcke zusammen in den Fuß des Kelchs fügen will.

»Das wird nicht funktionieren«, sage ich. »Der ist nicht breit genug …«

»Das passt«, sagt er, obwohl die Lücke offensichtlich zu groß ist. »Lass mich nur mal …«

»Hast du als Kind nie Puzzles gemacht?«, frage ich, weil er meinen Rat ignoriert und den Stein hinlegt, nur um festzustellen, dass es nicht funktioniert. »Du brauchst einen von den kürzeren, flachen da drüben. Die sind doppelt so breit, also …«

»Dann hol mir einen!«, blafft er und ich schwöre, wären wir nicht in solchen Schwierigkeiten, würde ich ihm einen der Blöcke ins Gesicht schlagen.

»Hol ihn dir selbst«, blaffe ich zurück, angepisst, weil er entweder versucht, mich zu beschützen, oder mich anschreit, seit wir zusammen hier drin feststecken. Und ich weiß, es liegt nur daran, dass wir beide gestresst sind, dass es mich so auf dem falschen Fuß erwischt, aber er muss sich trotzdem zurückhalten. Ich bin genauso fähig zu dem hier wie er – mehr noch eigentlich, wenn man bedenkt, dass er nicht mal die eckige Basis des Kelchs richtig hinbekommt, während ich hier oben versuche, die Stücke in den gerundeten Teil zu fügen.

Er knurrt tief in der Kehle, schnappt sich das Stück so heftig aus der Luft, dass er das gleiche Gas in die Augen bekommt wie ich vorhin.

Gleichzeitig stößt Hudson ein Brüllen des Zorns oder der Angst aus – es ist schwer zu sagen, solange er auf der anderen Seite der Mauer ist –, das mir das Blut gefrieren lässt.

Das Gefühl der Dringlichkeit, dieses verdammte Puzzle zu voll enden, verstärkt sich, aber trotzdem zerre ich die Wasserflasche für Jaxon aus meinem Rucksack. Ich will sie ihm zuwerfen, dann begreife ich, dass er einen Scheiß sehen kann, während ihm Tränen aus den roten, gereizten Augen strömen, also stürze ich hinüber und schütte ihm den Rest über das Gesicht. Und kann kaum einen bissigen Kommentar unterdrücken, dass ich vielleicht doch weiß, was ich hier tue, und er ohne mich am Arsch wäre.

In der Sekunde, in der er wieder sieht, stürzen wir uns mit fiebriger Eile zurück auf das Puzzle. Ich beende den Kelchteil, bevor er den Stiel beendet – anscheinend hat er als Kind wirklich keine Puzzles gemacht –, und ich gehe zu ihm und helfe ihm.

Er knurrt mich ein wenig an, weil ich die Stücke justieren will, die er bereits hingelegt hat, aber dieses Mal ignoriere ich ihn einfach, da das Klopfen und Krachen auf der anderen Seite der Mauer sogar noch schlimmer wird.

Ich habe Hudsons oder Macys Stimmen seit ein paar Minuten nicht mehr gehört und das Entsetzen tobt in meiner Brust. Was, wenn ihnen etwas zugestoßen ist? Was, wenn, was immer da drüben ist, sie geschnappt hat? Oder …

»Konzentrier dich«, knurrt Jaxon, als etwas anderes gegen die Mauer kracht – dieses Mal so heftig, dass der Boden unter unseren Füßen vibriert. »Je früher wir das hier fertig haben, desto eher können wir zu ihnen.«

»Hoffen wir«, murmle ich, aber ich weiß, er hat recht, also packe ich, was ich für die letzten beiden Blöcke halte – ignoriere das Stechen, das mit dem einen einhergeht –, und schiebe sie an ihren Platz.

In dem Augenblick hört alles auf.

Von der anderen Seite der Mauer kommen keine Geräusche mehr.

Keine Blöcke fallen mehr vom Himmel.

Der Block, den ich aus Versehen gestreift habe, tut nichts, und auch nicht der, den Jaxon versehentlich berührt.

Wir starren einander mit großen Augen an und ich weiß, er fragt sich das Gleiche wie ich – was wird als Nächstes geschehen?

Es dauert nur ein paar Sekunden, dann bekommen wir unsere Antwort. Die Steinmauer fährt langsam wieder zurück, dahin, wo sie herkam.