Der neunte April kam an einem Tag des Maispflügens. Wir hatten die ganze Nacht herumgezappelt und kaum geschlafen, und so hörten wir Dad wie immer um vier Uhr aufstehen und glaubten, dass er genau solches Herzklopfen hatte wie wir. Ich weiß noch, was für ein eigenartiger Tag es war – mit Gewittern und einer heißen Sonne dazwischen und einem Wind, der nach Norden drehte und Kälte brachte, und langen Lichtstrahlen über den Wildpflaumen, die kurz vor dem Erblühen standen … Die Torte war schön und hoch, und überall tropfte der Zuckerguss herunter. Kerrin aß, was auf den Teller gelaufen war, ohne etwas vom Boden abzubrechen, und mit all den Schichten, die sich nach oben zu einem Muffin verjüngten, sah die Torte aus wie der Turm zu Babel.
Am Abend um sechs kam Dad herein und rief: »Wo ist das Essen, ihr Frauen?«, und klang dabei so jung und fröhlich, dass wir uns an ihn hängten, wie wir es seit Wochen nicht gemacht hatten. Auch Mutter sah plötzlich jünger aus, und Cale bellte laut wie bei einem Fremden. Mutter brachte den mit Nelken gespickten Schinken herein, und der Duft von braunem Zucker erfüllte den Raum und vertrieb die dunkle Frühlingskälte, die durch die Fensterritzen gekrochen war. »Ich werde oben auf dem Nordfeld Sojabohnen pflanzen«, sagte Vater. »Die sind billig und nahrhaft.«
»Da solltest du jemanden anheuern, der dir beim Pflanzen hilft«, sagte Mutter, »einen, der mehr davon versteht als die Jungs hier in der Gegend.« Vater schaute sie an, als redete eines von uns Mädchen. »Max Rathman ist gut genug«, sagte er. »Was spricht gegen Max? Nach Lehrbuch muss nicht gepflanzt werden, Willa.« Ich sah, wie sein Blick zu Merle ging, sah, dass sie Cale mit ihren dicklichen, rauen Händen ein Stück Schinken ins Maul schob und dass da Wörter in Dads Kehle waren, bereit herauszuplatzen, doch diesmal blieben sie in seinem Mund. »Eine Zeit lang ist Max sicher gut genug«, sagte Mutter rasch. Sie sah Merle an und schüttelte den Kopf, aber erst, als Dad den Blick abgewandt hatte. »Lasst uns jetzt die Torte reinbringen«, flüsterte ich. Ich wollte die Kerzen anzünden und ihr helfen, sie hereinzutragen, schließlich hatte ich mein Teil dazu beigetragen, wenn auch nicht viel, nur hier und da Rosinen verstreut. Merle beobachtete mich unablässig, weil sie wissen wollte, wann es Zeit war, das Gedicht aufzusagen, ihre Augen folgten mir mit dieser Frage überallhin. Dann sah ich, dass Kerrin ein großes Stück Brot nahm und es Cale zusteckte, und ich schaute Vater an und sah, wie die Wörter, die er eben nicht gesagt hatte, kurz davor waren, sich über ihr zu entladen. Er lief rot an, doch es kam nur ein schwerer Seufzer heraus. »Was ist los?«, fragte Mutter. Sie stand in der Kammer, wo die Torte versteckt war, hörte aber das Geräusch und die anschließende Stille. »Bloß ein Krümel im Hals«, sagte ich. Dabei zitterte ich innerlich und hatte Angst, aber nichts passierte. Dann ließen wir Merle die Torte hereinbringen, und wie ihr Gesicht da über den kleinen Flammen auftauchte, sah es selbst wie eine Kerze aus, und Dad schmunzelte, tat aber keinen Ausruf, wie wir es erwartet hatten.
Er schnitt uns große Stücke ab, fest und keilförmig, und ein noch größeres für Mutter, und dann fanden wir, dass es Zeit für die Geschenke war. Merle sprang auf und sah mich eifrig an, die Lippen schon gespitzt und bereit, anzufangen, doch ich schüttelte den Kopf, weil ich dachte, Kerrin wäre vielleicht gern als Erste an der Reihe, außerdem starb ich fast vor Neugier, was sie die ganze Zeit gemacht hatte. Und als ich jetzt Merles Gesichtsausdruck sah, vertrauensvoll und enttäuscht zugleich, wünschte ich, Gott hätte mir den Mund zugenäht. »Du zuerst, Kerrin«, sagte ich. Vater schien erfreut, aber auch verwundert und unsicher, was jetzt wohl passieren würde. Kerrin stand auf, Entschlossenheit und Aufregung im Blick, und zog einen kleinen, schweren Gegenstand aus der Pullovertasche. Sie streckte ihn Vater entgegen, behielt ihn aber noch in der Hand, und wir konnten sehen, dass es ein Klappmesser mit silberner Spitze war. »Das soll dein Geschenk sein, Dad.« Sie klang aufgeregt und sehr stolz. »Schau mal, was ich gelernt, was ich mir selbst beigebracht habe!« Sie klappte das Messer auf und zielte auf einen braunen Fleck an der Wand, so klein, dass man ihn kaum sehen konnte, weit oben auf der anderen Seite des Raums. »Vorsicht!«, rief Dad. »Halt!« Er stieß seinen Stuhl zurück, griff nach dem Messer und erwischte stattdessen ihren Arm. Merle und ich schrien auf, und das Messer sauste, außer Kontrolle geraten, direkt auf den blinden Kopf des alten Cale zu und schlitzte ihm die Nase auf. »Bist du verrückt geworden!«, brüllte Vater. Er packte Kerrin und knallte sie rückwärts gegen die Wand. Merle fing an zu weinen, und Kerrin schrie ganz fürchterliche Dinge. Nur Mutter besaß die Geistesgegenwart, zu Cale zu laufen und ihm Wasser auf die Nase zu spritzen. Doch der knurrte und schnappte nach ihr, die Schnauze voller rotem Schaum, sodass sie ihm nicht nahe genug kommen konnte, um ihm zu helfen. Da packte Vater ihn von hinten und hielt ihm die Schnauze zu, damit er sie nicht beißen konnte. Der Schnitt war tief und lang, und er blutete, als wäre jede einzelne Ader in seinem Kopf aufgerissen worden. Ich hielt Merle fest, die unablässig weinte, und versuchte sie zu beruhigen, und Kerrin kniete am Boden neben Mutter und begann das Blut aufzuwischen, doch Dad stieß sie weg und brüllte sie an, sie solle sich fortscheren. Es war schrecklich, wie sie in rasender Wut hinauslief, weinend, die Hände zu Fäusten geballt, und ihre Augen … Ich bekam es mit der Angst zu tun, und Merle schrie, als wir diese Augen sahen und den furchtbaren Hass darin. Sie knallte die Tür hinter sich zu und rannte in die Dunkelheit hinaus, obwohl es gerade zu regnen anfing und ein kalter Wind aufgekommen war. Ich stand stumm da, wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte, und Merle weinte und weinte. Dann sagte Dad: »Es hat keinen Sinn.« Er hob Cale auf und ging zur Tür. »Das Mädchen hat ihn umgebracht.« Mutter hielt Cale die ganze Zeit den Lappen um die Schnauze, und so gingen sie hinaus, und wir hörten, wie sie zu Dad sagte, dass er es doch gewesen sei, der Kerrin am Arm gepackt habe. Da die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, konnten wir seine Antwort nicht hören, nur eine Art lautes, wütendes Geräusch.
Merle und ich blieben zurück, schauten auf die angeschnittene Torte und das Blut, und nach ein paar Minuten versiegten Merles Tränen, und sie war still. Wir gingen zur Tür und lauschten, und durch den Wind hindurch hörten wir zwei Gewehrschüsse und danach nur noch den Regen, der von den Traufen strömte … »Komm, lass uns die Hühner einsperren«, sagte ich. Ich nahm die Laterne herunter, und Merle zog Mutters Pullover an. Mit dem Pullover, der ihr bis zu den Knöcheln herabhing, und den dicken, von Tränen und Zuckerguss gestreiften Wangen sah sie so ungeheuer traurig und geduldig aus, dass ich meinte, mir müsse das Herz zerspringen.
Im Hühnerhaus war es kalt und still, und das neue Stroh verströmte einen sauberen Geruch. Wir konnten die Tiere im Schlaf rumoren und girren hören. In einer Ecke war ein Haufen getrocknetes Unkraut, und darauf setzten wir uns, die Laterne vor uns auf dem Boden. Träger Regen wusch das Fensterglas, und wir hörten leises Mäusegeraschel. Wir fühlten uns erschöpft und elend, doch hier draußen im Dunkeln, mit nichts als den Mäusegeräuschen und dem herabgleitenden Regen, schien alles weniger schrecklich und böse.
»Was glaubst du, wo Kerrin hingegangen ist?«, flüsterte Merle nach einer Weile.
»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Aber sie wird schon wiederkommen, irgendwann bald.« Ich hatte keine Tränen, konnte noch nicht einmal weinen, wenn ich an den alten Cale dachte. Ich hoffte, sie würden ihn nicht draußen auf der Weide oder an einem kargen, hässlichen Ort begraben. Und ich dachte auch an die arme Kerrin, die jetzt irgendwo durch den Regen stolperte und sich versteckte, wütend und gepeinigt und rasend wie der Teufel.
»Dann gibt’s jetzt wohl keine Party mehr«, sagte Merle. Sie saß dicht an mich gedrängt, und ihre rundlichen, ineinander verschränkten Hände sahen aus wie Fäustlinge.
»Heute Abend nicht mehr«, sagte ich. »Vielleicht feiern wir morgen oder an einem anderen Tag zu Ende.« Aber ich wusste, dass es nie mehr das Gleiche sein würde. Und nach einer Weile, die uns sehr lang erschien, weil die Dunkelheit so still war, nahmen wir die Laterne und schlichen zurück zum Haus.