Als Kerrins Schule im April dieses Jahres schloss, graute mir bei der Vorstellung, dass sie jetzt den ganzen Tag zu Hause wäre. Schon damals, vor acht Monaten, schien mir, dass etwas Grundlegenderes mit ihr nicht stimmte als nur heftige Selbstsucht und Unzufriedenheit. Das Unterrichten hielt den schwarzen Strom dessen, was seinen Ursprung bei ihrer Geburt genommen hatte, nur eine Weile in Schach. Vier Jahre nach unserer Ankunft hatte sie angefangen, als Lehrerin an der Union County School zu arbeiten, obwohl sie da erst neunzehn war und es im Vorstand ein paar Leute gab, die es falsch fanden, sie auch nur als Vertretung für Ally Hines einzustellen. An ihrem Alter störten sie sich nicht so sehr wie daran, dass wir nie in die Kirche eingetreten waren; und es hieß wohl auch, sie sei »nicht die Richtige«, doch das löste sich in ein mildes Nichts auf. Kerrin war eine genauso gute Lehrerin wie Ally Hines und arbeitete viel härter, als diese es mit ihren Krebsgeschwüren in den Knochen und ihrem Husten je hätte tun können. Ally war mitten im Jahr krank geworden, und Kerrin hatte von sich aus um die Stelle nachgefragt. Die Leute im Vorstand hätten nie an sie gedacht oder sie in Betracht gezogen, doch als sie hörten, dass sie die Highschool abgeschlossen hatte (mehr hatte Ally auch nicht vorzuweisen), stellten sie sie ein, ratlos, was sie sonst tun sollten, und verwirrt von Allys Krankheit, die in ihren Almanachen nicht berücksichtigt war. Wir waren froh, nicht nur wegen des Geldes – das Kerrin für sich behielt, weil sie wusste, dass es ihr eine Art Macht verlieh, selbst wenn sie es irgendwann würde verborgen müssen –, sondern froh, weil sie dann nicht zu Hause war.
Selbst wenn sie schwieg oder las, konnte ich in Kerrins Gegenwart keine Ruhe finden. Niemand von uns konnte das. Wann immer sie zu Hause war, gab es allein draußen auf den Feldern etwas Frieden. Manchmal kam ich heim und wusste, ohne sie zu sehen oder zu hören, ob sie da war oder nicht. In welcher Stimmung sie auch sein mochte – und es gab Zeiten, da konnte Kerrin fast übermäßig glücklich und freundlich sein –, die Anspannung, ja die Angst, was sie sagen oder tun könnte, verschwand nie.
Sie war eine gute Lehrerin, wohl weil sie all die pummeligen Kinder so weitgehend verstand, wie niemand außer Gott das gekonnt hätte, und sie mit einer Art harter Milde und Disziplin an sich band. Sie hatte Erfolg, weil sie sich wirklich um sie sorgte und es für wichtig hielt, dass sie die Staaten und die Gesetze und die Jahre kannten, in denen etwas geschehen oder zu Ende gegangen war; dabei war es ihr egal, ob sie selbst all das für immer vergaß. Sie fand es aus irgendeinem Grund wichtig und wertvoll für die Kinder, 1066 und das Geheimnis der Quadratwurzel zu kennen, und fragte sich nie, warum genau, und konnte es ihnen just deshalb so gut und gründlich beibringen. Es gibt eine Triebkraft – eine in der Blindheit liegende Energie –, die fragenden und aufgeschlossenen Menschen fremd ist, jenen, die durch Denken zum Zweifeln gebracht werden und von da durch alle Stadien der Vergeblichkeit und Verzweiflung, bis sie gelähmt sind und außerstande, selbst Kindern, die sich nicht auf Spott verstehen, diesen oder jenen Weg zu weisen. Doch Kerrin, die selbst alle Gesetze durchlöcherte, fand ein fanatisches Vergnügen daran, Gesetz und Ordnung in ihre friedfertigen, arglos klaffenden Kehlen zu stopfen. Die Kinder liebten sie, und manchmal brachte sie ein oder zwei nach der Schule mit nach Hause, einfach so, weil sie es gerne wollten. Wenn es kleine Jungs waren, unterbrach Vater seine Arbeit und unterhielt sich eifrig und gutmütig mit ihnen, zeigte ihnen die Schweineställe oder die Wasserpumpe am Teich und lachte über alles, was sie sagten, ganz gleich, ob es klug oder töricht war. Auch Kerrin mochte die Jungs lieber, ihre Gesichter seien nicht so dumm und ihr Verstand schalte schneller, während die Mädchen schon naive Ehefrauen seien – zwar nicht stumpfsinnig, denn ihre Zungen klapperten wie die Mühlräder, aber schon eng von Konventionen begrenzt, mit einer dicken Mauer zwischen sich und allem Unbekannten; aber Kerrin spürte auch nicht den Drang, ihnen einen Ausweg zu zeigen oder ein Loch in die Mauer zu schlagen, durch das diese Kinder ihre Nase hätten stecken und fliehen können. »Landeier und Pachtbauern«, sagte sie. »Ein Lincoln wird dabei nie herauskommen. Gerade schlau genug, um Lehrer zu werden, vielleicht, und zu wiederholen, was sie gelernt haben. Warum sollte ich mir mehr Mühe geben? Sie wollen nur so viel wissen, dass sie irgendwo hinter einem Ladentisch stehen können und sonntags in einem Ford herumfahren. Und in der Lage sind, Zeitschriften und Kataloge zu lesen. Wenn sie nach mehr streben, können sie ja woanders hingehen und es sich holen! Das wird bloß keiner von ihnen je tun …«
Es stimmte und stimmte auch nicht – was sie über die Kinder sagte. Die Menschen wurden nicht mehr erdgebunden geboren. Sie kamen und gingen, entfernten sich und kehrten wieder, nicht wie die Gezeiten, sondern auf verstreuten Wegen und in unregelmäßigen Abständen. Sie kamen zum Land zurück, so wie wir gekommen waren, nach Jahren eines anderen Lebens, und brachten Neues zu alten Dingen, ein anderes Sehen als das der Männer, die schon mit dem Geräusch brüllender Kälber in den Ohren und dem Geschmack von Schlamm im Mund geboren waren. Es gab keine völlig ungebrochene Einsamkeit mehr, keine vollständige Isolation – außer der allerletzten des Ich. Hätte Kerrin beschlossen, den Kindern die unzähligen Facetten des Lebens nahezubringen, allein die Seltsamkeit des Atems, wären sie vielleicht nicht so blind und beschränkt geblieben, selbst wenn sie so gleichgültig waren, wie sie meinte. Aber vielleicht sah auch sie diese Dinge nicht, vielleicht hatte sie selbst ein klaffendes Loch in sich und war dadurch rastlos und voll unklarer, gereizter Stimmungen, vor allem jedoch einsam.
Ich hoffte, sie würde dieses Jahr genügend Arbeit finden, damit sie ruhig blieb, und wünschte, der August mit dem Schulanfang wäre nicht so fern, obwohl wir ihre Hilfe weiß Gott gebrauchen konnten. Sie war Vater nützlicher gewesen, als sie es selbst gewusst hatte, und während sie in der Schule war, hatte er für vieles doppelt so lange gebraucht. Er war langsam und fummelte ungeschickt am Zaumzeug herum, riss und stieß die Pferde, bis sie mit den Hufen gegen die Wände schlugen. Sonst hatte Kerrin all das für ihn gemacht, hatte ihnen die Bissen zugeschoben, rasch und gereizt, aber ohne Zögern oder ungeschickte Versuche. Mit einer Art verächtlicher Sicherheit. Sie hatte sie meist am Mittag gefüttert, ihnen Mais hineingeworfen, wohlmeinend und doch garstig, die Gier der Tiere verfluchend. Wenn sie fort war, stand in den Ställen der Mist und schimmelte, und Vater beließ es dabei, weil wenig Zeit war. Doch als die Schule dieses Jahr schloss, schien sie all die Dinge, die sie sonst immer getan hatte, vergessen zu haben, und wir bekamen sie nur mit Genörgel zum Arbeiten.
Ich wünschte, all die Kraft, die sie auf den Hass und die Suche nach etwas verschwendete, was sie nicht einmal selbst benennen konnte, wäre uns zugutegekommen. Aber Kraft allein hätte uns nie groß geholfen, das wusste ich, und auch wenn wir neun Farmen bewirtschaftet hätten, wären wir auf weniger als den Geldertrag von einem Morgen Land gekommen. Kerrin kümmerte es nicht, ob das Sumpfloch unserer Schulden gefüllt wurde oder nicht, und für sie war das Land nur ein Ort, wo man sein konnte, und so einsam, wie Berggipfel oder Inseln es sind.
Sie verbrachte jetzt den Großteil ihrer Zeit mit Lesen, wie früher, als wir Kinder gewesen waren – las anscheinend alles, was sich auf den Regalen stapelte. Sie lag dann so da, dass ihr hartes, braunes Gesicht seinen Schatten auf die Seite warf, und fraß sich durch die Bücher, die den Großvätern gehört hatten – alte Bücher, Seite für Seite ohne einen Absatz oder ein Bild, angefüllt mit Philosophien, so düster und trübselig wie die Einbände, nur vielleicht haltbarer als diese. Sie verbrachte Stunden damit, sie durchzulesen, ohne bei einer bestimmten Seite oder zu einer bestimmten Zeit aufzuhören, wie Merle und ich es machten, etwa um das Geschirr zu spülen oder in der Erde zu scharren und einen Garten anzulegen. Sie hielt sich nie an Gesetze oder Zeiten, noch dachte sie an ihre schmerzenden Augen, sondern glaubte mit beinahe religiöser Kraft, dass etwas so sein musste, wie es da stand, wenn sich jemand schon die Mühe gemacht hatte, es ernsthaft niederzuschreiben und als Buch binden zu lassen.
Selbst wenn wir mehr Geld gehabt hätten, bezweifle ich, dass Kerrin zufrieden gewesen wäre. Sie trug die Wurzel ihrer Unruhe in sich, keine Wurzel der Sorte, die das Ich vor- und aufwärts zur Vollendung schob und es mit Freude nährte, sondern ein vergiftetes Ding, das seine Kraft verschwendete, indem es da und dort nach unten drängte und, wo immer es eingepflanzt wurde, nur flachen oder steinigen Boden fand. Ich wusste, dass sie sich Liebe wünschte – keine, die wir ihr geben konnten, karg und altjüngferlich, und auch nicht die von Vater (auf die zu hoffen sie längst aufgegeben hatte), sondern die Liebe eines Mannes, in der sie das Bild gespiegelt sehen könnte, das sie von sich selber hatte und das dadurch halbwahr würde. Ich wusste, dass es diese enorme Rastlosigkeit und Sehnsucht war, dieses Verlangen, das sie dazu brachte – auch nachdem sie den ganzen Tag unterrichtet und in der Nacht Milch heraufgetragen und all die Dinge getan hatte, die sich unerledigt ansammelten, als hätte der Tag sie wie einen Müllhaufen aus Stundenresten ausgekippt –, nachts mit den Farmern auf Fuchsjagd zu gehen oder bis zum Morgengrauen allein umherzulaufen, über die Sumpfgräser und Unkräuter oder an den dämmrigen, zerfurchten Straßen entlang. Ich kauerte in diesen Nächten frierend im Bett oder am Fenster, von dem Verlangen getrieben, sie kommen und gehen zu sehen, und konnte nicht schlafen, bevor der leere Mondfleck auf ihrem Bett nicht durchbrochen war und ich das Licht auf ihren knochigen Armen glänzen sah.
Auch ich fühlte mich manchmal leer und durstig, träumte wilde, unmögliche Träume, wurde aber durch das Muster eines Schattens oder eines Topfs auf dem Herd leicht wieder daraus vertrieben und auch von einem trockenen Sinn für Humor, der meinen Geist dazu brachte, stets voranzuspringen, um das Ende der Traumvision zu sehen. Nicht einmal an Aprilabenden, schwer vom Traubenduft, oder inmitten der Regungen des Schattenlaubs konnte mein Geist vergessen, dass es unausweichlich Mittag werden würde.