In diesem Jahr ging ich an Vaters Geburtstag zu dem alten Wall, wo wir Cale begraben hatten. Merle und ich hatten dort ein paar Steine zu einer Art Hügelgrab gehäuft und Haselwurz gepflanzt. Manchmal bekamen wir mit, dass Kerrin den Hügelpfad hinaufging, und einmal, vor Jahren, hatten wir sie auf dem Steinhaufen weinen sehen und waren weggeschlichen, als hätten wir es nicht bemerkt. Wir fanden das seltsam, denn wir hatten seither nie mehr geweint, dabei hatten wir ihn zu seinen Lebzeiten so sehr geliebt – viel mehr als sie, dachten wir. Doch da bin ich mir jetzt nicht mehr sicher. Kerrin hatte eine merkwürdige Art, Dinge dem Anschein nach nicht wahrzunehmen oder sich nicht darum zu scheren, und dann fanden wir Jahre später heraus, dass die Empfindung doch da war, lebhaft und heftig, unter einer dünnen Schicht Gleichgültigkeit.

Die Steine waren umgekippt und von Wurzeln auseinandergedrückt worden, doch die Haselwurz bedeckte das Grab noch immer wie die Blätter wuchernden Efeus. Ich entdeckte Kerrin unten auf der Straße und fragte mich, ob sie zum Hügelgrab kommen würde. Sie war in mancher Hinsicht seltsam sentimental und spielte kleine Rollen für sich selbst, auch wenn ihr niemand dabei zuschaute, und es hätte ihr ähnlich gesehen, an diesem Tag herzukommen. Aber sie ging weiter zum Stall, schaute nicht herauf und bog nicht ab.

Wir feierten Vaters Geburtstag nicht mehr, trotzdem hätte ich ihm gern etwas aus dem Wald mitgebracht, irgendetwas Simples wie eine Knospe oder einen Stein, damit er wusste, dass ich an den Tag gedacht hatte. Es war schwer, einfache Sachen zu schenken, und ich fragte mich, ob ich mich wirklich freute, dass er geboren war, und Grund hatte, den Tag als etwas Besonderes erscheinen zu lassen. Wenn ich Geld für ein Geschenk ausgegeben hätte, wäre er wegen der Kosten besorgt und argwöhnisch gewesen wie immer, hätte wissen wollen, woher ich es hatte, und schon vorausgesehen, wie uns wegen einer 10‑Cent-Krawatte die Farm unter den Füßen weggekauft wurde.

Wir ließen den Tag ohne viele Worte verstreichen, und ich glaube, er hatte dessen Bedeutung selbst vergessen, aber immerhin gab es in diesem Jahr ein Ereignis, das ihn von anderen Tagen unterschied.

Vater kam am Abend müde zurück, während Merle Kartoffeln schälte, wobei sie die Schalen dick und kräftig abschnitt, den Kopf wie immer voll von irgendetwas Seltsamem, das sie gedacht oder auswendig gelernt hatte, sodass sie kaum merkte, was sie tat. Er lächelte sie gedankenverloren an, mehr aus Gewohnheit als aus gegenwärtigem Wohlwollen, wie in den Tagen, als sie klein gewesen war und ihr die Haare, borstig und verfilzt, wie mit Unkraut durchsetztes Gras vom Hinterkopf abgestanden hatten. Er wandte sich Mutter zu, warf seinen Hut auf den Tisch und wischte sich über das feuchte, gefurchte Gesicht. »Max kommt nicht wieder«, sagte er. »Lohnt sich wohl nicht, für mich zu arbeiten!« Er schaute Mutter an, als wäre sie diejenige, die Max vertrieben oder durch irgendein Versagen nicht gehalten hatte.

Doch was sie hörte, war nicht seine bittere Stimme und auch nicht der Vorwurf darin. Ihre ganze Sorge richtete sich auf die Bedeutung dessen, was er gesagt hatte. Die Bedeutung für ihn und Max. »Was ist denn passiert, Arnold?«, fragte sie. »Was ist mit Max?« Sie sah ihn schon krank vor sich, tödlich verletzt, vom Wagen abgeworfen und im Sterben liegend. Sie lebte im Leben anderer, als hätte sie kein eigenes.

»Gar nichts ist mit Max«, sagte Vater. »Der ist jetzt da, wo er mehr Lohn kriegt. Beim Straßenbau. Hat mich im Regen stehenlassen. Ich hab ihn fürs Pflügen bezahlt und wollt’s beim Mais über eine Halbpacht machen. Ich hab nicht das Geld, einen Mann dafür zu bezahlen. Irgendwer muss es über eine Halbpacht machen.«

»Vielleicht kannst du den Mais ja verkaufen«, sagte Mutter. »Jemanden bezahlen, der dir hilft, und den Mais diesen Herbst verkaufen.«

Vater lachte. Ein Geräusch, das eher wie ein Prusten oder Hohnlachen klang, als wäre er froh, dass sie sich irrte. »Wenn er gut ist«, sagte er, »ist auch der von den andern gut. Das Land wird in Mais ertrinken – wie soll das denn einer wissen?«, rief er aufgebracht. »Man müsste doch in der Lage sein, das Zeug zu verkaufen, das man anbaut! Irgendwer braucht es doch. Eine Farm müsste genauso viel einbringen wie eine Straße. Eine Straße ernährt doch keinen!« Er sah alt aus – alt und kindisch zugleich. Als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Es war schrecklich – die Wut, die er empfand; aber mehr noch als sein Zorn war es seine Verzweiflung, die uns Angst machte.

»Vielleicht könnte Christian Ramsey kommen«, sagte Mutter. Sie brachte die Wörter zweifelnd vor, tastete sich vorsichtig an Vaters Geist entlang.

»Christian ertrinkt jetzt schon darin. Hat sein ganzes Bachbett voll. Was will er mit noch vier Hektar mehr?« Er klatschte ihr die Worte grob hin.

»Dann vielleicht Grant Koven«, sagte Mutter. Sie wusste, dass nichts je so überwältigend oder endgültig war, wie er zu glauben schien – dass es, wenn er abwarten würde, anstatt zu brüllen, am Ende weniger zu brüllen gäbe.

»Nein«, sagte Vater. Er stieß ihre Vorschläge von sich, als wären es dumme Ideen, die er schon vor Stunden gehabt und für zwecklos befunden hatte. Er starrte auf seine Hände. Missmutig und müde, mit weichendem Zorn. Dann wandte er sich ruckartig zu Merle um, sah die halb geschälten Kartoffeln mit den Schalen ringsum und fragte, wann es Essen gebe. »Wenn ihr’s bald fertig hättet«, murmelte er, »könnte ich nachher noch zu den Kovens.«

Ich war froh, dass Kerrin zu dieser Tageszeit nicht nach Hause kam. Sie blieb extra draußen in den Ställen oder auf dem Feld, bis das Abendessen fertig war, und manchmal kam sie auch dann nicht heim, sondern aß später allein, heimlich und heißhungrig. Sie schöpfte den Sirup der Süßkartoffeln mit den Händen aus dem Teller und wischte die Bratpfanne mit Brotstücken aus. Vater hörte nach einer Weile auf, nach ihr zu fragen, und wenn sie dann doch einmal kam, schaute er sie argwöhnisch an, weil er irgendeinen verborgenen Grund vermutete. Ich gewöhnte mich nie an seine unsägliche Ungeduld und war die ganze Zeit von Abscheu und Mitleid gequält. Schon früher, als wir kleiner waren, hatte ich ihn manchmal am Tisch beobachtet, wie er dasaß und aß und etwas auf dem Teller übrig ließ und nicht viel sagte, mit diesem müden Gesichtsausdruck, der mich manchmal fast zum Weinen brachte, auch wenn ich schnell wütend auf ihn wurde, wenn er uns plötzlich anherrschte: »Nun esst schon auf, Mädchen! Spielt nicht mit eurem Essen rum!« Die ganze Zeit jedoch spürte ich, wie wir ihm auf den Schultern lagen, schwer wie ein Stein auf seiner Seele – unsere vier Leben, die er immer mit sich herumtragen musste. Und ohne Geld.

Kerrin sagte einmal, er erinnere sie an den wahnsinnig gewordenen König Lear, und fragte sich, ob die Töchter nicht letztlich ganz falschgelegen hätten. »Er war ein wilder alter Mann und schon halb verrückt. Wie konnten sie mit so einem vernünftig zu reden versuchen?« Sie las das Stück mit einer Art düsterem Vergnügen und lernte ganze Seiten davon auswendig – hauptsächlich die kalten, rationalen Worte von Goneril und dann, mehr des Klangs wegen, Edgars Heulen auf der Heide. Ich war froh, dass sie an dem Abend nicht da war und ihn weder beobachten noch sich ihre Gedanken über ihn machen konnte, wie er da am Tisch saß und mit den Fingern auf das Tuch trommelte, nicht hungrig, sondern erschöpft und ungeduldig. Kaum war das Essen fertig, ging er zu den Kovens.

Ich hatte Grant noch nie gesehen, Merle hingegen war ihm einmal begegnet, vor langer Zeit, als sie noch klein war und er auf der Suche nach einem entlaufenen Pferd bei uns vorbeikam. Viel hatte sie nicht in Erinnerung behalten, nur dass das Tier, das er ritt, müde war und er es bei den Ställen ließ und zu Fuß weiterging. Sie gab dem Pferd etwas Wasser, und als er zurückkam, wusch er ihm mit dem Rest den Kopf und die Flanken. Seine Hände seien so groß wie Schaufeln, sagte sie, aber viel mehr war ihr nicht aufgefallen. Kerrin hätte sich alles gemerkt; was für Kleidung er trug, was er gesagt hatte und vieles, was er nicht gesagt hatte. Grant sei jetzt ungefähr einunddreißig, sagte Mutter. Nach der Schule sei er fünf Jahre von zu Hause fort gewesen und habe auf Ranchen und in Bergwerken gearbeitet, doch jetzt lebe er wieder auf der Farm seines Vaters. Bernard Koven war früher Pfarrer gewesen, hatte dann dieses Stück Land gekauft und war zur Landwirtschaft zurückgekehrt, solange er noch einen Zehnten gespart und Atem genug hatte, um davon Gebrauch zu machen. Sie besaßen nur Weideland, das gerade mal für Wollkraut und zum Grasen taugte, und hielten sowohl Rinder als auch Schweine. Sie betrieben keine Milchwirtschaft noch sonst etwas von alldem, was Vater angefangen hatte und unter größter Anstrengung weiterführte – jedes für sich genommen schon zu viel für einen einzelnen Mann.

An jenem Abend ging ich allein hinunter zu dem Teich im Wald. Es war kalt und windig. Fast zu kalt für Regen. Die Frösche sangen ohrenbetäubend laut, verstummten aber jäh, als ich kam. Sie klangen wie im Wasser schnatternde alte Frauen. Ich blieb stehen und lauschte, konnte aber an nichts anderes denken als daran, ob Grant kommen würde oder nicht, und fragte mich, ob er ein Mann war wie Vater. Es war schwer, sich eine andere Art vorzustellen, und schwerer noch, ihn sich jung zu denken. Seltsam schien auch, dass jemand bei uns wohnen würde, der sich von uns unterschied, ein Mensch mit Wissen, das gelehrt wurde, einer, der über die Grenzen dieses Bezirks und dieses Staates hinausgegangen war und Dinge durch Anschauung gelernt hatte, anstatt nur von ihnen zu lesen. Vater hatte das auch getan, aber jetzt war es, als hätten diese zehn Jahre Landwirtschaft alles, was hinter ihm lag, ausgelöscht und er unterscheide sich nur noch wenig von den Leuten ringsum – den Ramseys und Huttons und Mayers, die zwar eine Menge wussten, es aber nur von dieser einen landgebundenen Seite aus sahen.

Es war erbärmlich kalt. Der Boden selbst am Teichufer hart. Nichts Frühlingshaftes irgendwo, und selbst die Wildpflaumen trüb wie ein schmutziges Spinnennetz. Dennoch war ich aufgeregt, von einer Art namenloser Hoffnung erfüllt. Dieses Jahr, dachte ich, wird anders werden … besser.

Ich stand dort so lange, dass die Frösche glaubten, ich wäre gegangen, und wieder einsetzten, knarzend und schnarrend, weit voneinander entfernt – und dann kam der schrille, irrwitzige Chor aller ihrer Stimmen, emporgeschleudert wie Lärmspeere und wieder in die Stille zurückfallend.