In den Tagen bevor er zu uns kam, machte ich mir eine Menge Gedanken über Grant. Merle dagegen wirkte wenig interessiert und hoffte nur, er würde nicht so viel essen. Kerrin sagte gar nichts, vielleicht wusste sie nicht einmal, dass er kommen würde. Sie war ja nie da, wenn etwas mitgeteilt wurde, und tat hinterher so, als gäbe es eine Verschwörung des Schweigens gegen sie. Einmal in jenen Tagen hatte ich eine seltsame Vorstellung, als ich Kerrin anschaute. Wenn ich so aussähe wie sie, dachte ich, und wüsste, dass nichts je etwas daran ändern könnte – weder Krankheit noch Angst noch Missgeschick noch Alter oder was auch immer –, dann würde mich nichts mehr groß kümmern, nichts mehr beunruhigen. Kerrin war auf eine dunkle, eigentümliche Art schön, mit einer braunen, kalten, straff gespannten Haut und wilden Fohlenaugen. Manchmal stand sie vor dem Spiegel und drehte den Kopf hin und her oder fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar, das eher wie dichtes rotes Licht war, nicht ganz wirklich. Sie reckte und streckte den Hals, um zu sehen, wie weich und sirupartig das Licht auf ihren Wangen wirkte, und dann fand ich es traurig, dass all ihr Liebreiz an uns verschwendet war und nur ein paar scheue, tollpatschige Kerle sie zu sehen bekamen oder Bauern, die schon verheiratet waren.
Ich fühlte mich klein und gemein dabei, sie so zu beneiden und mir eine Schönheit zu wünschen, die durch nichts je veränderbar wäre. Ich mochte es mir kaum selbst eingestehen, aber es war so. Damals fragte ich mich oft, wie Männer, die gemordet oder grobe und widerwärtige Dinge getan hatten, mit dem Ich weiterleben konnten, das sie dazu getrieben hatte und das noch in ihnen war wie ein Wurm oder eine Geschwulst; jetzt merkte ich, wie einfach es war, sich herauszureden. Wie erstaunlich gütig und nachsichtig wir mit uns selbst sind! Welche unendliche Geduld wir da haben!
Ich ging zum Spiegel und betrachtete mein Gesicht. Es war etwas Unstimmiges und Stumpfes in seinen Zügen. Ein blasser Schmierfleck, kein Leben in der Haut und der Mund wie ein Schnitt quer darüber. Ich war gewöhnlich – o Gott, so gewöhnlich! Allerdings hatte ich schon biederere Menschen als mich gesehen und mich nicht besonders an ihnen gestört – einige von ihnen sogar gemocht. Ich versuchte mich damit zu trösten, erinnerte mich aber, dass sie markante Gesichter hatten. Wir – sie und ich – schienen, verglichen mit den anderen Dingen, wie eine Krankheit auf der Erde zu sein. Unser Leben, unsere Gebäude, ja sogar unsere Gedanken eine Art Leiden, das die Erde erduldete. Das waren groteske, morbide Grübeleien, die in der unerträglichen Reinheit dieses Frühlings oft wiederkehrten.
Ausgelöst von Grants Kommen, gab es allerdings auch Gegenwärtigeres in meinem Kopf, und beim Anblick der grünen Ulmen und des geisterhaften Grüns neuer Platanenblätter war manchmal sogar der kleine Stachel von Kerrins Rückkehr vergessen. Die Pappelkätzchen erblühten von den höchsten Ästen abwärts und sahen aus wie schwingende rote Eichhörnchenschweife. Die oberen Blätter fielen schon ab, während die unteren Zweige noch in Blüte standen, und ihre wachsgelben Schnäbel lagen im Gras. Ich wünschte mir, wir könnten vom Anblick dieser Dinge leben (es wäre auch viel billiger, sagte Merle), aber sie waren nur ein Teil von allem und konnten nicht jeden zufriedenstellen. Die meisten Menschen sind mit Blindheit für alles Neugeborene geschlagen – mit einer nicht unheilbaren Blindheit, denn der Anblick ist ja da, nur sein Wert nicht erkannt. Merle und mir dagegen schien es, gleich nachdem wir hier angekommen waren, als wären unsere Herzen kleine, verschrumpelte Dinger, so eng und voll fühlten sie sich an von all der Schönheit, die wir nur augenbreit zu fassen vermochten, und wir fragten uns, ob sie wohl wachsen und am Jahresende bersten würden von all den Nächten und Tagen und Jahreszeiten, die sie in sich aufnehmen mussten, der Veränderung von Stunde zu Stunde, ja von Minute zu Minute, wenn die Wolkenschatten die Hügel hinauf- und hinabglitten.
In jenen ersten Jahren hatte es Merle und mir genügt, zu lesen, zu essen und zwischen den Hügeln am Leben zu sein. Von Anfang an hatten wir uns hier verwurzelt und geborgen gefühlt wie die zwei Buscheichen, die zusammen auf der Nordweide wuchsen und im Herbst lackrot wurden und ihre Wurzeln unter den weißen Simssteinen ausbreiteten. Wir nannten sie Zwillinge, und ihre inneren Äste waren kurz und ineinander verhakt, sodass ihrer beider Gestalt nur einen Baum mit zwei Stämmen ergab.
Zu keiner Stunde veränderte sich das Leben jäh, noch gab es einen Moment, von dem man sagen könnte, er hätte uns gänzlich geformt oder gewandelt. Wir waren das allmähliche Anwachsen der Tage selbst, wie Koralleninseln aus unzähligen Dingen zusammengesetzt. Waren der Moment der Abendluft zwischen dem Herd und dem Brunnen draußen … das Geräusch des an den Fensterrahmen zerrenden und zeternden Windes … das Fleisch von Maiskörnern … Angst – Angst vor dem Schatten der Laterne … Angst wegen der Hypothek … kalte Milch und saure rote Rüben … die grünen Bohnen und das im Mund zerbröselnde Maisbrot … abermals Angst … und die Stimme von Kerrin, die im Kälberpferch vor sich hin sang … das Gefühl von Sicherheit in Mutters Nähe … die ruhige Zuversicht, die sie in sich trug und ringsum ausstrahlte wie Wärme … unser Miteinander und eine herrliche Lust, da zu sein, zu leben und zu wissen, dass es ein Morgen und weiß Gott wie viele Morgen danach geben würde, jeder einzelne ein Leben und an und für sich schon genug … Ergänzt wurden wir durch den Schatten des Laubs und das Laub selbst … durch die blauen Wellungen auf dem Schnee und den klirrenden Ruf des Eisvogels, auch wenn die Bäche zugefroren waren. Wir waren die grünen Erbsen, hart und prall, die Merle spät erntete, damit das, was am Morgen noch Erde war, bis zum Abend in die Erbsen eingegangen wäre und sie hätte anschwellen lassen, ganz ohne dass unsere Mühe oder unsere Kosten größer geworden wären, was uns merkwürdig und fast zu gut vorkam – wie ein Wunder, wo niemand um eins gebeten hatte. Sie waren ebenso ein Teil von uns wie der Anblick der weißknochigen Platanen, die sich in den Himmel emporschwangen, oder der Wolken, die wie Dampf an ihren Wipfeln entlanggetrieben wurden. Im Gedanken und in der Merkwürdigkeit unseres Selbst konnten wir Stunden verbringen, so als irrten wir durch ein Labyrinth, und es war ein Rätsel, das damals ausreichte, um den Geist lebendig zu halten, stets auf der Suche, hungrig und nie gesättigt; und im Geheimnis um die Rübe vergaß man das Rübenblatt.
Für Kerrin hingegen war all das nie befriedigend gewesen, schon in früheren Jahren nicht. Sie wurde schnell unruhig und wild und ritt weite Strecken in den Abend hinein, während wir zu Hause saßen und lasen. »Wo ist Kerrin?«, fragte Vater immer wieder, las ein Kapitel und spähte dann hinaus ins Mondlicht. »Warum sorgst du nicht dafür, dass sie zu Hause bleibt, Willa?«, fragte er Mutter. »Woher weißt du, was sie da draußen macht? Kein Mädchen sollte abends so unterwegs sein!« Er wurde müde, sobald es dunkelte, wollte früh schlafen, nicht selten schon um acht ins Bett gehen, bestand aber darauf, wach zu bleiben, bis Kerrin, manchmal erst gegen neun oder zehn, die Straße wieder herunterkam. Wir hörten dann, wie die Ackergäule wiehernd zum Zaun sprengten und die Hufe des Rotfuchses einen halben Kilometer entfernt über den Schotter prasselten, und auch er wieherte, schrill und erschöpft. »Jetzt ist sie hier«, sagte Mutter dann. »Jetzt kann ihr nicht viel passieren. Geh schlafen, Arnold.« Und wenn das Geprassel der Hufe und Steine näher kam, klappte Vater sein seit einer halben Stunde ungelesenes Buch zu und ging nach oben, denn er hatte gelernt, dass es zwecklos war, sie zur Rede zu stellen, wie damals, als sie zum ersten Mal so lange fortgeblieben und er zu ihr hinausgestürmt war und wütend Erklärungen verlangt hatte, die er nie bekam, bis er vor Zorn nicht hatte weiterreden können, weil sie weder antworten noch ins Haus kommen wollte. Damals hatte sie die Nacht im Stall verbracht, hatte oben in dem pieksigen Stroh geschlafen und es dort vielleicht bequemer gehabt als wir, die wir halb krank und schlaflos in unseren Betten lagen.
Ich erinnere mich an den Morgen nach dieser Nacht. Es war April und kalt, mit Nebelwänden, so hoch wie das Dach des Schafstalls. Wir sahen Kerrin herauskommen, Strohhalme im Haar. Sie gähnte und streckte sich in der Sonne, die durch die Dunstschleier drang, und kam, als Vater fort war, den Steinweg zur Küche herauf. Wir sahen uns an und zitterten, dachten aber, es läge am Nebel, der an unseren Kleidern haftete und sie klamm machte. Wir gingen hinunter in die Küche und versuchten sie vor dem Feuer trocken zu wedeln, und Kerrin saß am Tisch, ohne etwas zu sagen, immer noch mit dem Stroh im Haar. Ihre Beine waren nass und gänsehäutig von dem Gras, über das sie gelaufen war. Sie beobachtete uns, gespannt, was wir sagen würden, aber wir trockneten bloß weiter unsere Kleider, mehr an dem satten Speckgeruch und dem dicken Kloß Haferbrei auf dem Herd interessiert. Mutter brachte ihr etwas Speck und ein großes Stück Toast und Milch, noch mit einer marmorierten Sahnehaut obendrauf, und sagte, sie solle sich doch näher an den Herd setzen, um trocken zu werden; und wir konnten sehen, dass sie hoffte, Vater würde schön lange draußen bleiben. Kerrin aß wild und gierig wie ein Wolf, schmierte sich Marmelade auf den Toast und aß sie dann direkt aus dem Glas, hohe, zitternde Löffel voll. Merle und ich saßen da und aßen geduldig von unseren Haferflocken mit Milch. Mir kam ein Gedanke, noch vage und unfertig, nämlich dass Stunden der Sonne, Stunden des Pflückens und heiße Stunden auf dem Herd in diese paar Minuten geflossen waren, in denen Kerrin aß, und dass sie Teil von ihr werden, ihr Energie geben würden, um zu hassen und laut zu werden und in Tränen auszubrechen, und ich fragte mich, wie Mutters Glaube darauf antworten würde, schien es doch das Muster der Dinge mehr als bisher zu verzerren. Ich hatte keine Zeit, diesen Gedanken bis zum Ende zu verfolgen – was vielleicht gut so war, denn es gab keine Antwort, zumindest keine, die ich hätte finden können –, weil genau in dem Moment Vater hereinkam, im Türrahmen stehen blieb und uns ansah.
Er war ein großer, schwerer Mann, und sein Gesicht hing in langen, dünnen Falten herab. Sein einst dichtes rotes Haar wuchs jetzt spärlich, in düsteren Büscheln. Einmal hatte er es sich bis über den Kragen stehen lassen und wie ein Priester damit ausgesehen, auch freundlicher, aber meistens war er rasiert und wirkte wie ein Fremder auf Erden. Er hatte frostige Augen – eine Art Weißblau mit stechenden Pupillen. Manchmal, wenn er lächelte, liebte ich ihn; wahrscheinlich weil er es so selten tat. Merle und mich mochte er am meisten, zum Teil weil wir das Land mehr liebten, was ihn irgendwie zu rechtfertigen und zu trösten schien. Merle hatte er am liebsten und sagte häufig, sie hätte einen guten Jungen abgegeben. Aber er versuchte nicht, sie wie einen zu behandeln, denn er glaubte, dass nichts ein Mädchen groß verändern könne. Er betrachtete uns über den nebligen Graben hinweg, der seiner Meinung nach zwischen ihm und allen Frauen lag, und der Ort, wo sie sich bewegten und betätigten, schien ihm weit entfernt – ein Ort, von dem aus sie diesen Graben vielleicht einmal überqueren würden, um einen Mann zu heiraten, an den sie aber auch jederzeit wieder zurückkehren könnten. Nur Mutter sah er klar und deutlich. Jedenfalls von außen. Wenn sie im Geheimen an diesen Frauen-Ort zurückging, wusste er nichts davon, denn die Ehe war für sie etwas, dessen die wenigsten Männer würdig waren – eine Religion und ein langes Schenken.
Er schien Kerrin nicht gleich zu sehen oder sie vergessen zu haben, hätte sie vielleicht überhaupt nicht bemerkt, wenn sie sich ruhig verhalten und sich das Haar gekämmt hätte, anstatt es voller Stroh und Unkraut zu lassen. »Max kommt heute nicht«, sagte er. »Er ist krank.« Er stellte die Milch so ab, dass sie auf den Boden schwappte, und schaute zu Kerrin. Er setzte an, etwas zu sagen, wurde aber nur rot und verkrampft und drehte sich auf eine hilflose, entnervte Weise um. Mutter fragte ihn, wie viel sie gestern geschafft hätten, und er sagte, kein Drittel von dem, was noch auf sie warte. Max sei langsam, murmelte er, und arbeite daneben ja noch zu Hause – arbeite zu viel … Die Rathmans pflanzten auch Mais … Könnten ihn silieren, wenn er sich nicht verkaufe …
»Warum pflanzt du nicht was, was niemand anders hat?«, platzte Kerrin heraus. »Was uns mehr Geld einbringt als bloß Mais!«
»Du willst zu viel zu schnell«, sagte Vater. Er sprach kalt und leise und klang Lichtjahre von ihrer nörgeligen Stimme entfernt. Als redete er mit einem kleinen Hund, der nicht aufhören wollte zu kläffen und den er womöglich bald treten würde.
Ich sah, dass Mutter ihn beobachtete, fest angespannt, und dass sie sagte – pass auf … pass auf … schau sie nicht auf diese Art an! … Nicht laut, nur mit den Augen. Innerlich betete sie, das wusste ich. Laut sagte sie, auf eine fast gleichgültig wirkende Art, dass er es später mal mit Sellerie versuchen solle, der sei schwer zu ziehen, das wisse sie, aber niemand hier in der Gegend habe welchen, zumal er so viel Wasser brauche, dass keiner die Zeit und Mittel dafür aufbringen könne.
»Und wer soll das Wasser schleppen?«, sagte Dad. Weniger fragend als höhnisch. Er hatte den alten Ausdruck von Überdruss im Gesicht, der sich immer dann zeigte, wenn wir mit ihm diskutierten, wenn er sich bedrängt und gezwungen fühlte, gegen Dinge zu kämpfen, die es nicht wert waren. Einen Ausdruck von Frauenüberdruss.
»Ich kann das machen«, sagte Kerrin. Sie wirkte freudig erregt, von plötzlich aufflammendem Eifer gepackt. »Nur zu«, sagte Vater. »Nur zu, mal sehen, was du schaffen kannst.« Er schob seinen Stuhl zurück und lachte in sich hinein. Ein unschönes, dürres Geräusch, gereizt und nach innen gerichtet wie an einen anderen, unsichtbaren Mann in ihm, der ihn verstand und Mitleid mit ihm hatte. Selten fluchte er laut, fand es falsch, das vor seinen Töchtern zu tun – doch all die Blasphemie war da, zerbarst in seinem Inneren und wurde sauer.
Merle und ich stahlen uns aus dem Haus. Der Nebel hatte sich überall gelichtet, und wir konnten ins Tal hinabschauen, wo die Pfirsiche zu blühen begannen, mit zartem Rosa getupft. Sie waren spärlich in jenem Jahr, ihre Blütenblätter dünn, während die Wildpflaumen förmlich schäumten. Hinter den Ställen wuchs eine ganze Reihe von ihnen, und dorthin gingen wir, vorbei an den frischen, warm dampfenden Misthaufen und den hoch gewachsenen Schweinen, die im Matsch wühlten. Die alte Sau Klytaimnestra starrte uns argwöhnisch an und grunzte leise, neun haarige Ferkel bei sich, die ihren großen, durch den Matsch schleifenden Zitzen folgten. Die Luft war süß und abgestanden und erfüllt vom Grasgeruch. Wir fühlten uns von einem schweren, drückenden Gewicht befreit, kletterten über den Zaun und liefen schnell und stolpernd über das Zieselfeld. Wir wollten den Wald erreichen und uns darin verbergen. In den spärlichen grünen Schatten abtauchen. Die Senken waren voll wilder zarter Stiefmütterchen, so blau, als läge dort Frost oder Nebel – hektarweise, schien es, den Boden so dicht bedeckend wie das Gras. Wir gingen am Teich vorbei, wo es schon Gelege mit schleimigen Eiern von Fröschen und Salamandern gab, durchscheinend und rund wie ein Haufen schwarz gefleckter zusammengeklebter Tapiokaperlen. Merle nahm eins in die Hand, aber es rutschte ihr weg wie ein dicker, glitschiger Fisch und schien sich beinahe zu winden. Wir warteten und schauten, konnten aber keinen Frosch entdecken, der sich aufblies, um zu singen, und auch sonst nichts Lebendiges außer den umherschwirrenden Käfern, die über das Wasser schossen und ihre Spuren darauf hinterließen wie die Kratzer von Schlittschuhen auf dem Eis. Die Weißeichen trieben gerade aus – unmöglich, sie zu beschreiben. Wir standen bloß da wie zwei Stümpfe und sahen uns um und meinten, etwas in uns würde zerspringen, fühlten uns zu stark gedehnt und zu schwer, um noch mehr aufnehmen zu können. Dann kniete sich Merle hin und begann die Stiefmütterchen herauszuziehen, beinahe brutal und in dicken Büscheln. »Es sind so viele«, sagte sie. »Niemand würde sie vermissen, und wenn ich tausend pflücken würde!« Da pflückte ich auch welche, und der Schmerz schien aufzuhören, wenn man die Hände fest um sie legte, selbst in dem Wissen, dass sie sterben würden … Wir fanden eine Fledermaus in den wilden Felsenbirnen, kopfüber wie der Körper eines gigantischen Falters, und ihr goldbraunes Fell strahlte ein metallenes Licht ab. Glühte orange. Wir spähten in die wilden Stachelbeerbüsche und sahen dort die Eintagsfliegen tanzen wie Pollendunst, und unter den Holzapfelbäumen bewegte sich totes Laub durch irgendein kleines Tier, das sich hier einen Tunnel gegraben hatte, ob Maus oder Maulwurf, das konnten wir nicht sehen. Dann, plötzlich flüsternd, sagte Merle: »Schau mal!«, und zeigte hinauf zu einer von Krankheit ausgehöhlten Schwarzeiche mit geschwollenen, dicken Knollen auf der Rinde – und ich sah den kalten, starren Blick verschlossener Eulengesichter, junger Eulen mit steinernen Augen. Ich dachte, ich würde vor Aufregung platzen, wollte aufschreien und hatte doch Angst, mich zu rühren. Schon seit wir hergezogen waren, suchten wir nach ihrem Nest, von dem wir wussten, dass es irgendwo in der Nähe sein musste, hatten wir doch die alten Eulen sogar bei Tageslicht und am frühen Abend einander rufen hören.
Ich dachte, ich hätte für den Rest meines Lebens genügend Glück in mir, um Dinge wie jenen Morgen in der Küche für immer zuzudecken, Dinge, die krumm und schief und missgestaltet waren und einem das Leben wie ein Nest beißender Ameisen erscheinen ließen. Und dann, wie schon manchmal, wenn die Wälder Antwort und Heilung versprachen und mehr als genug waren, um dafür zu leben, dämmerte mir, dass sie vielleicht nicht immer uns gehören würden – dass eine Dürre oder ein zu feuchtes Jahr oder sogar ein besonders gutes, in dem alle anderen zu viel zu verkaufen hatten, sie uns wegschnappen könnten und ein Strich auf einem Stück Papier vierzig Hektar und unser aller Leben auslöschen würde. Und diese elende Angst kam wieder hoch, heimtückisch wie eine Hand, die mich um den Atem bringen wollte.
»Was ist los?«, fragte Merle, und ich glaube, sie konnte meine Gedanken sehen, als wären sie mir deutlich auf das breite, glatte Gesicht geschrieben, denn sie stand da und kaute auf einem Zweig, und alles innere Licht war aus dem ihren gewichen. Über dem Schleier aus Judasbäumen und der Wildpflaume und jenseits der beweglichen Sonnenschatten schwebten die Bussarde auf riesigen Schwingen oder erhoben sich mit ihren wund und entzündet aussehenden Hälsen widerstrebend aus dem Gebüsch. Und durch unser beider Köpfe grub sich derselbe Gedanke.
Doch nur bei verrückten Menschen dauert die Angst Tag und Nacht an und vertieft diesen einen Graben, in dem sich alle Gedanken bewegen müssen. Und da wir damals gesund waren und so normal wie die glatte Fläche eines Tellers, hielten sich die Angst und das Vergessen der Angst die Waage, und wir grübelten nicht länger darüber nach, als es junge Kälber tun würden. Wir sahen, dass die Schatten klein waren, von der Mittagsstunde zwergenhaft gemacht, und hatten plötzlich Löcher im Magen von einem Hunger, den keine Angst uns vergessen machen und keine Haselwurz stillen konnte. Merle hoffte, es würde Muffins geben – große, oben knusprige; und Muffins waren wichtiger und unabdingbarer für uns als alle Hügel der Welt.